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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Alltagsgeschichte
Eingestellt am 21. 07. 2019 15:32


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Sena
Hobbydichter
Registriert: Jul 2019

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Lass mich gehen

Es war wie an jedem anderen Morgen auch. Ich trat an den Briefkasten meines Alten, holte seine Post heraus und trennte sie von der Reklamesendung, welche ungeachtet der vielen Aufkleber dennoch den Weg in das Innere des Kastens fand. Die Post gab ich in den Beutel, welchen ich bei mir trug, ging rĂŒber zu den MĂŒlltonnen und entsorgte dort das von uns unerwĂŒnschte Werbepapier. Tonnendeckel angehoben, Einwurf, den Deckel wieder fallenlassen. Routine! Jeden Tag aufs Neue, Monate, nein Jahre lang. Zwei SchlaganfĂ€lle und ein Infarkt hatten nicht viel von meinem Paps ĂŒbriggelassen.

Einen kurzen Blick hinauf zum Himmel gerichtet, zeigte mir, dass es bald regnen wĂŒrde. Ebenfalls ein Thema, welches zwischen mir und meinen Vater eine tĂ€gliche Rolle spielte.

Das HaustĂŒrschloss hakelte immer noch, trotz unzĂ€hliger Anrufe bei der Verwaltung. Ärgerlich so etwas. Vielleicht musste ich mich selbst darum kĂŒmmern und etwas Graphit hineingeben.

„Paps? Ich bring dir die Post und dein Mittag“, rief ich von der WohnungstĂŒr aus und betrat den kurzen Flur. Es roch wie immer etwas muffig, der Geruch von alten Leuten, dessen Quelle man sich nicht so recht erklĂ€ren konnte.

Der Fernseher dröhnte aus dem Wohnzimmer, er hatte mich nicht gehört. Also ging ich in die KĂŒche, stellte den Topf auf den Herd und legte das Geschirr zurecht, welches er mittags nutzen wĂŒrde. Meine Frau kam schon lange nicht mehr her, sie war auf meinen Alten nicht gut zu sprechen. Er lĂ€sst sich gehen und macht sie aggressiv damit, erklĂ€rte sie mir immer wieder.

Das Fenster auf! Sauerstoff! UnerklĂ€rbar wie es mein Vater in der Muffe auszuhalten vermochte. Im Wohnzimmer durfte ich keines aufmachen, es fror ihn sonst, trotz dessen es draußen ĂŒber zwanzig Grad hatte. Ich dachte an frĂŒher, mein Vater hatte bei Regen, Schnee und brĂŒtender Hitze auf den Bau geschuftet, es hatte ihn damals nichts ausgemacht. Als harte Hunde hatte er sich selbst und die Kollegen tituliert.

WĂŒrde es bei mir auch so sein? Immerhin war er ja mein Vater. Vielleicht traf es mich ja genauso? Ein Schlaganfall und ich konnte kaum noch sprechen, ein zweiter und ich konnte mich nur noch mit MĂŒhe bis zur Toilette schleppen. Irre. Diese Vorstellung kam fĂŒr mich einen Horrorfilm gleich.

Ich öffnete die TĂŒr zum Wohnzimmer, worauf mir die extreme LautstĂ€rke des Fernsehers entgegenschlug. Mein Vater saß in seinem Sessel, wandte sich jetzt mir zu und hob langsam mit seiner linken Hand die Fernbedienung an, um mit dem Zeigefinger der Rechten die LautstĂ€rke abzustellen. Dabei hatte er MĂŒhe, die richtige Taste zu treffen. Tremor und LĂ€hmung ließen selbst solche Kleinigkeiten fĂŒr ihn zu einem Kraftakt werden. Er beugte sich dabei vornĂŒber, so als ob die Verringerung der Entfernung ihm das Ganze erleichtern wĂŒrde.

Ich trat an seine Seite, beugte mich ĂŒber ihn, drĂŒckte den ausgemergelten Körper und setzte mich dann auf die kleine Couch, welche neben seinen Sessel stand.

„Hast du gut geschlafen? Waren die von der Pflege nett?“, fragte ich ihn, obwohl ich die Antwort schon kannte.

„Ja. der Justin. Ist ganz okay, der Junge“, flĂŒsterte er. „Wie geht es ...“, er suchte sich zu konzentrieren. „Anja und den Kindern?“

Es waren der tÀglich wiederholende Fragereigen, welchen wir nun aneinander abarbeiteten. Selten, dass dieses Ritual mal von echten Neuigkeiten unterbrochen wurde.

„Gut soweit. Sie lassen dich grĂŒĂŸen. Heute gibt es Linseneintopf mit WĂŒrstchen fĂŒr dich, den magst doch.“

Der Alte lĂ€chelte. TatsĂ€chlich konnte die tĂ€gliche Mahlzeit ihm noch ein wenig Freude machen, wenn sie ihm schmeckte. Anja wusste das und gab sich entsprechend MĂŒhe, auch wenn die Portionen fĂŒr meinen Alten immer kleiner wurden und nicht im VerhĂ€ltnis zu dem Aufwand standen, welchen sie dafĂŒr betrieb.

„Hat sie gemacht?“

Ich nickte ihm zu.

„Sag ihr danke!“, flĂŒsterte er leise.

Ich streckte den Arm aus und deutete auf das Fenster, vor dem ein kleiner Balkon lag.

„Wird regnen heute. Besser du bleibst zuhause.“

Mein Alter grinste. Er hatte schon seit einem Jahr keinen Schritt mehr vor die TĂŒr gemacht.

„Wirklich nicht? Dabei wollte ich doch zum Club ein wenig tanzen.“

Wir lachten beide. Zynismus lag in unserer Familie.

„Meinst du wir können nĂ€chste Woche fahren?“

Die Miene meines Vaters verfinsterte sich sofort. Dennoch nickte er. Ich wusste, er fĂŒhlte sich sehr unsicher, wenn ich nicht in seiner NĂ€he war.

„Erholt euch. Ihr habt es nötig.“

War ein versteckter Vorwurf in seinen Worten? Fuck! Wir sind seit drei Jahren nirgendwo im Urlaub gewesen. Balkonien, hatten wir uns immer wieder getröstet, konnte ja auch ganz schön sein. Er war der Grund dafĂŒr gewesen, wir haben nie damit vor ihm hinter den Berg gehalten. Und jetzt, wo die höhere Pflegestufe durch war, konnten wir vielleicht einmal auf uns selber schauen. Zwei Wochen ohne ihn! Allein die Vorstellung machte glĂŒcklich.

„Wirst du zurecht kommen, Papa?“

Er nickte und wollte den Fernseher wieder anschalten. Das tat er immer, wenn er dem GesprĂ€ch zwischen uns ĂŒberdrĂŒssig geworden war.

„Bist du jetzt wirklich sauer, dass wir wegfahren? Wir hatten das doch besprochen.“

Er schĂŒttelte den Kopf, dann schepperte auch schon die Stimme eines Moderators aus den Lautsprechern des Flachfernsehers.

Ich nahm ihm die Fernbedienung weg und stellte das GerÀt wieder auf lautlos.

„Versaue es uns nicht. Bitte! Wir haben das echt nötig“, bat ich ihn.

„Und wenn ich in der Zeit abkratze?“, krĂ€chzte er bissig.

Ich blies meine Wangen auf und starrte zur Decke hinauf. In solchen Momenten wollte ich ihn einfach nur schĂŒtteln.

„Wir sind nicht mal 200 km weg. Ein paar Stunden und wir sind da, wenn es dir schlecht gehen sollte. Außerdem bist du gesund, sagt Dr. Wegner. Organisch zumindest.“

„Ich habe keine Lust mehr, Mike. Ich will nicht mehr. Ich bin nur eine Last fĂŒr euch, ihr sagt ja das selbst.“

Es kam jetzt diese Tour. Eine Runde Selbstmitleid, Hand in Hand mit der Nervenfolterung des eigenen Sohnes.

„Und? Ich war ja auch oft genug eine Last fĂŒr dich gewesen, richtig? Ist doch normal, dass man sich in der Familie hilft. Wir haben schon so oft darĂŒber gesprochen, lass es endlich gut sein“, fleht ich.

„Kommen die Kleinen noch mal?“, fragte er leise.

„Ja, natĂŒrlich. Wir sagen dir auf jeden Fall noch TschĂŒss bevor wir fahren. Nur sag ihnen nicht wieder, dass du sterben willst. Wir können das dann nĂ€mlich tagelang wieder ausbaden“, forderte ich von ihm.

„Aber es wird so kommen. Ich will nicht mehr und ihr akzeptiert das nicht. Ich quĂ€le mich durch jeden Tag, siehst du das nicht?“

„Und wir tun alles damit es dir gut geht, oder etwa nicht?“

Die Falten in seiner Stirn vertieften sich jetzt noch.

„Warum kratze ich nicht einfach ab? Es wĂ€re fĂŒr mich und euch das Beste.“

„Du redest Scheiße, Papa. Echt jetzt. Du guckst tagaus tagein nur fern. Vor zwei Jahren hast du dich noch mit deinen Freunden getroffen. Warum machst du das nicht mehr? Sie können doch zu dir kommen.“

„Damit sie sehen, was aus mir geworden ist? Schau mich doch an! Wir wechseln ein paar SĂ€tze miteinander und ich brauche zwei Stunden Schlaf um mich davon zu erholen. Ihnen geht es gut, mir aber nicht. Das macht es noch schlimmer.“

„Und was erwartest du von mir? Sollen wir bleiben?“

Er richtete seine grauen Augen auf mich und zeigte mir deutlich seine Verbitterung.

„NatĂŒrlich nicht. Red keinen Mist.“, zischte er.

„Was soll ich denn dann machen? ErklĂ€re es mir. Bitte!“

Er starrte zur Fernbedienung rĂŒber, welche vor mir auf dem Fernsehtisch lag.

„Geh jetzt. Das Morgenmagazin kommt gleich.“

Ich schloss meine Augen und atmete tief durch. Eine lange Minute sah ich zu ihm rĂŒber, ratlos wie der Dialog zwischen uns noch zu retten war. Es lief meistens so, nur an seltenen Tagen war die Stimmung zwischen uns lockerer.

„Ich rufe nachher wegen den Tabletten an.“

Er nickte und deutete, in einer langsamen Bewegung, mit seiner zittrigen Rechten auf das kleine GerÀt.

Ich jedoch stand auf, beugte mich ĂŒber ihn und drĂŒckte seinen knochigen SchĂ€del gegen meinen Kopf.

„Bitte Papa. Mach mir keine Sorgen.“

Ich löste mich von ihm, kĂŒsste seine SchlĂ€fe, dann reichte ich ihm die Fernbedienung. MĂŒhsam drĂŒckte er die Mute-Taste, woraufhin die LautstĂ€rke des GerĂ€tes zu dröhnen begann.

Ich verstand. Richtete mich wieder auf und ging in den Flur zurĂŒck. Die TĂŒr zum Wohnzimmer hinter mir schließend, kehrte wieder etwas Ruhe in mir zurĂŒck. Ich fĂŒhlte mich ungerecht von ihm behandelt, dass war das Schlimmste. Dabei konnte ich ihn ja verstehen. Er war eingeschlossen in dieser Wohnung. Gefangen in einem Körper, welcher nicht mehr richtig funktionieren wollte. Meine Besuche bei ihm waren kleine Inseln fĂŒr ihn und eine Belastung zugleich. Es ging uns ja beiden so.

Ratlos stand ich noch eine Weile vor der WohnzimmertĂŒr, unschlĂŒssig ob ich nun wirklich gehen sollte. Gönnte ich meinen Vater den Tod? Ja, das war es nicht. Zumal wir es ja dann auch leichter hĂ€tten. Rein rational gedacht hatte Anja ja Recht. Die Kinder waren das Wichtigste fĂŒr uns. Sie hatten schließlich das Leben noch vor sich. Mein Vater hingegen hatte seins gehabt und es war, alles in allem, kein schlechtes gewesen.

Ich hörte mich selbst atmen in diesen Moment. Warf einen Blick auf das Wandbild neben mir, welches die Schwestern zusammen mit meinen Eltern zeigte. Die beiden waren fein draußen, wohnten sie doch weit entfernt von uns. Ein Unrecht, wie ich fand. Sie hatten mir damals geschworen mich zu unterstĂŒtzen.

„Scheiße! Ich wollte, nicht das er ging. Er war zu wichtig fĂŒr mich. Ging es mir schlecht, war er fĂŒr mich da. Immer! Auch wenn seine RatschlĂ€ge mir wenig halfen, hatte er mir doch immer wieder versucht zu helfen. Auch jetzt noch, wenn mir alles zuviel wurde. Warum wĂŒrde ich mich allein fĂŒhlen, wenn er nicht mehr war? Ich hatte doch noch Frau und Kinder, oder etwa nicht? Eltern! Sie hatten nun mal einen besonderen Stellenwert, bei ihren Kindern.

Ich holte den Beutel aus der KĂŒche, nahm meinen SchlĂŒssel zur Hand und verließ die Wohnung meines Vaters wieder. Ein Blick hinauf zum Himmel ..., es wĂŒrde gleich regnen.

-Ende-
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Sena alias Madame Mala

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Ralph Ronneberger
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