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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Als Willy Brandt plötzlich nichts mehr zu sagen hatte
Eingestellt am 27. 03. 2019 11:24


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Brigitte Glaser, Rheinblick, List Verlag 2019, ISBN 978-3-471-35180-2

In ihrem Roman „Bühlerhöhe“ entführte Brigitte Glaser ihre Leser 2016 in das Deutschland der frühen fünfziger Jahre, in die Zeit der Debatten über die Wiederbewaffnung und der Wiedergutmachungszahlungen an Israel. Dem gelungenen Roman gelang damals eine sehr gute Mischung aus dem Porträt zweier starker Frauen und ihrer Lebensgeschichten und – träumen und einer spannenden Handlung auf dem Hintergrund der innenpolitischen Debatten der frühen fünfziger Jahre in der BRD, die die meisten der heutigen Leser nicht selbst miterlebt haben.

Wohl auch durch den Erfolg dieses Buches ermutigt, hat Brigitte Glaser für ihr neues Buch einen ähnlichen Plot gewählt. Und wieder sind zwei starke Frauen die Hauptfiguren. Es ist das Jahr 1972. Nachdem Rainer Barzel mit einem Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Willy Brandt gescheitert ist, wobei ein später aufgeklärter Bestechungsskandal eine wichtige Rolle spielte, hat Willy Brandt am 19.11.1972 nach einem fulminanten und kräftezehrenden Wahlkampf („Willy muss Kanzler bleiben“) mit einem sensationellen Ergebnis für die SPD die Wahl gewonnen. Koalitionsgespräche mit der FDP stehen an.

Doch Willy Brandt hat seine Stimme verloren und wird in einer Bonner Klinik an den Stimmbändern operiert. Für die nächsten beiden Wochen muss er in der Klinik bleiben und darf nicht sprechen. Die Logopädin Sonja Engel soll sich neben dem medizinischen Personal um seine Genesung kümmern.

Gleichzeitig ist in der Bonner Traditionsgaststätte „Rheinblick“ der Teufel los. Seit vielen Jahren schon ist die Wirtin Hilde Kessel dort der Mittelpunkt einer bunten Gästeschar aus Abgeordneten und Regierungsmitarbeitern. Sie kennt sie alle, und bewahrt über all das, was ihr zu Ohren kommt, Stillschweigen. Seit ihr Mann Arnold vor drei Jahren gestorben ist, führt sie die Gaststätte mit einem treuen Mitarbeiter alleine.

Sonja, die stundenlang im Vorraum zu Brandts Zimmer auf ihre knapp bemessenen Übungszeiten mit dem Kanzler wartet, bekommt zwangsläufig mit, wie bei Brandt nicht nur sein Kanzleramtsminister Ehmke und sein Vertrauter Egon Bahr hektisch ein und aus gehen, weil sie ihn, letztlich vergeblich, versuchen, in die Koalitionsverhandlungen und in die Postenvergabe einzubinden. Hier hat sich Helmut Schmidt schon längst Vorteile verschafft, die den Anfang vom Ende der Kanzlerschaft Brandts einläuten werden. Er wird sich von seinem Klinikaufenthalt politisch jedenfalls nie mehr wirklich erholen und bald schon Helmut Schmidt Platz machen müssen.

In dem Roman gibt es neben der Klinik, in der Sonja arbeitet, zwei Zentren: zum einen den „Rheinblick“ und Hilde Kessel mit ihrer verwickelten Geschichte und eine Wohngemeinschaft, in der Sonja mit anderen zusammenwohnt.

Sonja ist mit einem SPD- Abgeordneten verwandt, der zusammen mit seinen Genossen nicht nur Stammgast bei Hilde Kessel ist, sondern auch in den politischen Auseinandersetzungen nach der gewonnenen Wahl eine wichtige Rolle spielt.

Auch der Taxifahrer und Student Max Dorando, Mitbewohner der WG, wird eine wichtige Rolle spielen, bekommt er doch in seinem Taxi Vorgänge mit, die zu tun haben mit dem Verschwinden eines Mädchens aus der Provinz, mit dem sich die in der WG vorübergehend untergekommene junge Journalistin Lotti aus Baden-Württemberg befasst. Sie wird während ihres Aufenthaltes in Bonn Wolfgang Schäuble interviewen, sich in Max verlieben und Wesentliches zur Aufklärung eines Verbrechens beitragen, das zunächst mit dem politischen Bonn in Verbindung gebracht wird und auch in Hilde Kessels Rheinblick Unruhe auslöst.

Wer hat damit zu tun und wer war vor dem Misstrauensvotum in die Bestechungen verwickelt? Auch Hildes mühsam geheim gehaltene Vergangenheit kommt durch einen Abgeordneten wieder ans Tageslicht und gefährdet ihre Zukunft.

Brigitte Glaser hat auf eine geniale Weise die Lebensgeschichten der handelnden Personen miteinander verwoben und daraus einen nicht nur spannenden Roman gemacht, sondern sie ermöglicht dem jüngeren Leser, der diese Zeit nicht persönlich erlebt hat, einen wichtigen Einblick in eine Zeit, die zentral war für die Geschichte der Bundesrepublik.

Die gesamte Handlung umfasst nur den Zeitraum zwischen dem 18.11.1972 und dem 4.12.1972, eine Zeit, in dem politisch die Weichen für ein ganzes Jahrzehnt gestellt wurden.

Brigitte Glaser zeigt sich erneut als eine großartige Erzählerin. Sie ist sehr geschickt darin, die einzelnen Geschichten zu verweben und ihre Charaktere beinahe beiläufig in die anderen Handlungsstränge treten zu lassen.

Ein großer Roman.




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