Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m√ľssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92217
Momentan online:
549 Gäste und 21 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Als blinder Satellit
Eingestellt am 07. 05. 2002 07:55


Autor
Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.
pleistoneun
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2002

Werke: 173
Kommentare: 57
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um pleistoneun eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Zuerst war er nur 40, doch kurz danach pl√∂tzlich 47 Jahre alt. Es kam wie aus heiterem Himmel, niemand konnte damit rechnen, am wenigsten er selbst. Er dachte, dass er damals als Kind immer dachte, dass er, wenn er sp√§ter, so als 47-j√§hriger bestimmt denken werde, er w√ľrde an seine Kindheit zur√ľckdenken, um dort dann ans Alter zu denken, h√§tte sich best√§tigt.
Als Kind, ja, als Kind träumte er von Raketenstarts in Amerika, aber nicht als Zuseher: Anselm Seifert wollte von Kindesbeinen an Satellitenmechaniker bei der NASA werden. Seine Gedanken kreisten während seiner Jugend unablässig um das harte Ausbildungsprogramm, die vielen Entbehrungen, die unzähligen Joghurtkuren, die Flugtechnik und vor allem um den ersten Einsatz. Wie Satelliten eben kreisten.
In bruchst√ľckhaftem Schul-Englisch verfasste er im Alter von 13 sein erstes Bewerbungsgesuch. Man meinte, der Antrag w√§re verfr√ľht, er w√ľrde in Evidenz gehalten. Das war schon ein Riesenerfolg f√ľr Anselm und seinen Vater, Herrn Seifert. Seine Mutter hatte er schicksalshaft bei einem herabfallenden Metallteil eines besch√§digten europ√§ischen Radiosatelliten verloren. Die Nachrichten konnten gerade deswegen auch √ľber 14 Tage nicht gesendet werden.
Doch nach und nach verfiel er dem Kaffee und billigem Wein aus Plastikkanistern. Kein Tag verging ohne K√§sekrainer, Berge von Zwiebelringen und Satellitenfilmen. Er ahnte, dass dies seiner Chance, in die Elitegruppe aufgenommen zu werden, abtr√§glich sein konnte, verfiel in Selbstvorw√ľrfe, schluckte starke Medikamente und wurde schlie√ülich nach 3-monatiger Satellitenentzugstherapie, mit Chance auf Buchmacher, als geheilt entlassen.
Die Arbeit war ern√ľchternd, sein bester Freund, der damals unbekannte 33-j√§hrige Pianist und B√ľhnenmaler Peter Rosegger, half ihm mit Gl√ľcksspiel und ausgedehnten Minutengespr√§chen √ľber die schlimmste Zeit hinweg. Die Arbeit missfiel, er wurde langsam ungeduldig, die NASA schickte keine Post. Keine Einberufung. Nicht mal Weihnachtskarten. Ob das zum Plan geh√∂rte? Hohe Geheimhaltungsstufe, klar! "Die melden sich, wenn du es am wenigsten erwartest", dachte Anselm. Als sein Warten aber unertr√§glich wurde, der Wunsch als Satellitenmechaniker wie Feuer brannte, gab er nach und wanderte kurzentschlossen nach Amerika aus. Peter Rosegger ver√∂ffentlichte kurz danach unz√§hlige melanchodramatische Mehrtagsfliegen, eine davon ist bis heute bekannt und tr√§gt den Titel: "Ein Freund ging nach Amerika."
Anselm Seifert, mittlerweile 38, bedauerte bereits am ersten Tag seinen Entscheid, war es ihm doch aufgrund seiner sprachlichen Begrenztheit unm√∂glich geworden, f√ľr Wohnung, Wein und K√§sekrainer zu sorgen. Er lie√ü sich unterkriegen, glitt in die Zwiebelringeszene ab und wurde schlie√ülich nach einem lebenserneuernden 5-monatigem Satellitenentzugsprogramm, mit Chance auf die amerikanische Pr√§sidentschaft, als geheilt entlassen. In dieser Zeit entwarf er Pl√§ne f√ľr sonnengest√ľtzte Kraftwerke im All, entdeckte unbekannte Menschenarten, malte Kunstwerke, entwickelte Kernreaktoren ohne Kerne, besuchte einen Englischkurs. Mit 40 dann, war er zu seiner Verwunderung 7 Jahre j√ľnger als heute, mehr auch nicht.
"Die wollen gar nicht, dass ich komme, die brauchen gar keinen Satellitenmechaniker", mutma√üte er. Dieser Satz kostete ihm 5 Monate in einer Satellitenentziehungsanstalt, mit anschlie√üender Chance auf den Nobelpreis f√ľr Medizin. Nach eingehenden Recherchen wurde ihm klar, es gibt noch gar keine Satelliten, noch nicht mal die Schiffsschraube war erfunden. Kann denn das die M√∂glichkeit sein? In welcher Zeit befand er sich? 1821, aha. Er hatte sich mit seiner Zeitmaschine also verkalkuliert. Er wollte ins Jahr 1912 in die Zukunft reisen, um dort mit seinem Wissen Satelliten zu reparieren. Sie k√∂nnten ihn dort bestimmt gut gebrauchen, dachte er. Er war unfreiwillig am Ende vom Anfang angelangt.
Anselm Seifert, heute ein Inbegriff tollk√ľhner Errungenschaften, revolutionierender Erfindungen, ruhelosem Tatendrang. Doch welche grandiosen Ideen er noch h√§tte umsetzen k√∂nnen, wei√ü niemand, wenn man sich vorstellt, er w√§re nicht von Geburt an blind gewesen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur√ľck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver√∂ffentlichen.     Antwort ver√∂ffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!