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Leselupe.de > Humor und Satire
Als eine Gondel Trauer trug
Eingestellt am 09. 02. 2006 18:55


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Raniero
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Als eine Gondel Trauer trug

Beppino, der absolute Star unter den gondolieri, zeigte sich sprachlos, im wahrsten Sinn des Wortes.
So etwas war ihm in seiner langjÀhrigen Laufbahn noch nie widerfahren.
Wie viele Touristen hatte er in dieser Zeit ĂŒber die Wasserstraßen Venedigs geschippert und durch seinen unvergleichlichen Gesang betört, mit seiner glasklaren Tenorstimme, einer Stimme, die nicht nur von Laien eingeschĂ€tzt wurde, zu Höherem berufen zu sein, zu Auftritten an geweihten StĂ€tten wie der Met oder der Scala.
„Du bist zu Höherem berufen“, lautete denn auch der Ratschlag, der ihm seit lĂ€ngerer Zeit von wohlmeinenden Freunden, darunter auch von professionellen Musikliebhabern, stets aufs Neue erteilt wurde, doch Beppino zeigte sich auch ohne Karriere an der Oper zufrieden.
Er liebte es vielmehr, die GĂ€ste der Stadt, manchmal auch die Einheimischen, singend mit seiner Gondel, durch Venedig zu begleiten und ihnen hierbei die zahlreichen SehenswĂŒrdigkeiten anzupreisen, fĂŒr ein nicht gerade geringes SalĂ€r, versteht sich.
Auf all diesen Fahrten hatte er Menschen aus der ganzen Welt seine Heimatstadt nĂ€her gebracht, Menschen unzĂ€hliger Nationen auf dem Canal Grande und seinen Nebenarmen hin- und herbewegt, mit seinem ruhigen Ruderschlag, und ihnen hierbei die schönsten Wunschkonzerte, von der großen Arie bis zur einfachen Folklore dargeboten.
Eine Fahrt wie die heutige jedoch war ihm noch nie untergekommen, und niemals zuvor war ihm ein solches, ihn in seiner Ehre zutiefst verletzendes Ansinnen angetragen worden, wie es die vier FahrgÀste aus dem Norden, aus deutschen Landen, vorgebracht hatten. Da verlangten doch die Herrschaften, zwei Paare mittleren Alters, ernsthaft von ihm, er möge ihnen die ganze Stadt zeigen, mit seiner Gondel, doch er solle dabei die Schnauze halten.
Um genau zu sein, exakt diese Formulierung hatten sie zwar nicht gebraucht, in ihrem radebrechenden Italienisch, doch er hatte es aber so und nicht anders aufgefasst, denn das herrische ‚non cantare, bloß nicht cantare‘ stellte eine einzigartige Beleidigung fĂŒr ihn dar.
Beppino war außer sich; einem SĂ€nger seines Formats, einem direkten Nachfahren Carusos, etwas derartiges abzuverlangen, ihm einen solch unsittlichen Antrag zu machen, das grenzte, nein es ĂŒberbot einen Rufmord.
Gleichwohl erklĂ€rte er sich nach anfĂ€nglichem StrĂ€uben mit grimmiger Miene bereit, dem Wunsch der merkwĂŒrdigen Touristen nachzukommen, denn diese hatten die von ihm erhobene bereits ziemlich ĂŒppige Gage schlagartig verdoppelt, wenn, ja wenn er denn wĂ€hrend der Fahrt schwiege!

Und so nahm denn diese seltsame Tour ihren Lauf, auf den KanĂ€len der Lagunenstadt, mit einem verbissen schweigenden Gondoliere und ebenso wortkargen GĂ€sten, und sehr bald schon setzte nicht nur auf den Wasserstraßen, sondern auch auf den vielen BrĂŒcken und selbst in den nahen Gassen der Stadt große Verwunderung ein.
Fast allen der zahlreichen Boots- und SchiffsfĂŒhrer sowie vielen Einheimischen und selbst zahlreichen Touristen, die sich nicht zum ersten Mal in Venedig aufhielten, war er bekannt, der schöne Beppino mit der ebenso schönen Stimme, und allen war es ein RĂ€tsel, dass er davon keinen Gebrauch machte und stattdessen mit finsterem Gesichtsausdruck das Ruder bewegte.
Bald schon erklangen die ersten Fragerufe anderer Gondoliere, in hÀmischen Tönen, und sie wollten wissen, warum der stadtbekannte SÀnger stumm war wie ein Fisch.
„Was ist mit dir, Pino, hast du Krach mit deiner Alten?“
„Warum singst du nicht, Caruso, haben sie dir nicht genug bezahlt?“
‚Wenn die wĂŒssten‘, dachte ein missgelaunter Beppino, ‚fĂŒr den Preis wĂŒrden die auch die Klappe halten.‘
Einerseits freute er sich ĂŒber die unerwartet hohe Einnahme, andererseits jedoch machte ihm der Umstand, als bester SĂ€nger der Stadt nicht singen zu dĂŒrfen, doch arg zu schaffen, und darĂŒber hinaus machte er sich jetzt auch noch zum Gespött von ganz Venedig.
Flehentlich blickte Beppino seine deutschen FahrgÀste an:
„Ein bisschen singen nur, un poco, signori!“
„Bist du wohl still“, klang es barsch zurĂŒck, „was meinst du wohl, wofĂŒr wir dich bezahlt haben?“

Nun aber bekamen die anderen Gondoliere Mitleid mit ihrem Startenor; sie fĂŒhlten, dass da etwas nicht stimmte, bei dieser ungewöhnlichen Fahrt und mit diesen merkwĂŒrdigen FahrgĂ€sten.
Heimlich verstÀndigten sie sich untereinander und begannen, einer nach dem anderen, die schweigsame Gondel von Beppino zu eskortieren, und auf diese Weise bildete sich bald eine ganze Prozession von Gondeln, wie an einem hohen Feiertag zu Ehren der Stadt.
Sehr bald schon hatten sich durch weitere Mundzumundpropaganda ĂŒber Mobiltelefone, die auf keinem Boot fehlten, alle Gondeln der Stadt ausnahmslos dem Schweigezug angeschlossen – aus SolidaritĂ€t mit dem stummen Beppino hatten die anderen GondelfĂŒhrer ihre GesĂ€nge eingestellt – da hallte es wie ein Schicksalsruf ĂŒber den Canal Grande, auf dem sich die große Prozession gerade in Richtung RialtobrĂŒcke bewegte.
„Volare, oho!“ rief eine dröhnende MĂ€nnerstimme, ein Tourist aus SĂŒdwestgrönland, inmitten der großen Gondelpolonaise, und damit war das Zeichen gegeben.
Hundertfach erklang es nun aus den Kehlen der anderen FahrgĂ€ste, zu denen sich die vielen Stimmen der Menschen auf den BrĂŒcken und den nahen Gassen gesellten, die alle herbeigeeilt waren, um dem merkwĂŒrdigen Schauspiel auf den KanĂ€len beizuwohnen, und selbst auf der SeufzerbrĂŒcke, der ‚Ponte di Sospiri‘ erklangen keine Seufzer, sondern als Antwort ein fröhliches ‚Cantare, ohohoho‘, um das schöne nicht nur in Italien so beliebte Lied fortzusetzen.
Fast alle Gondoliere stimmten ebenfalls ein, aber zuerst nur fast alle, dann aber, unter den aufmunternden Blicken der anderen BootsfĂŒhrer in Richtung Beppinos Gondel fasste sich dieser schließlich ein Herz und hell ĂŒbertönte seine lupenreine Tenorstimme die der Anderen, und fast akzentfrei sang er die deutsche Fassung des weltberĂŒhmten Schlagers: „Wie wĂ€r’s, wie wĂ€r’s mit uns zwein, das wĂ€r‘ fĂŒr dich einmal neu...“
Nun endlich fielen auch die deutschen TrauergÀste in den Schlager ein und sangen aus vollem Halse mit.

Als die Prozession sich nach Stunden aufgelöst hatte und sich Beppino von seinen deutschen GĂ€sten verabschiedete, die nun auf einmal gar nicht mehr aufhören wollten, zu singen, sagte er mit listigem Augenaufschlag: „Beppino doch cantare!“

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