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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alte Bekannte
Eingestellt am 05. 01. 2017 21:55


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Winfried Hau
Festzeitungsschreiber
Registriert: Apr 2014

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Um 15 Uhr war Termin, und p├╝nktlich stand Paul Klein vor der Praxis. Doch er ging nicht hinein in dieses Haus, in dem Menschen in wei├čen Kitteln freundlich das frisch geschliffene Henkersbeil schwangen.
Nein, er wollte keine Diagnose h├Âren, jedenfalls noch nicht. Lieber wollte er noch ein paar Wochen, Monate oder sogar Jahre lang in der Hoffnung leben, dass alles nur halb so schlimm sei, vielleicht nur eine kleine Verstimmung.
Dass dies unvern├╝nftig war, dessen war sich Paul Klein bewusst. Wahrscheinlich konnte eine Fr├╝herkennung das Schlimmste verhindern.
Aber Paul Klein wollte keine Fr├╝herkennung, keine Diagnose. Eine Diagnose setzte Grenzen. Er wollte keine Grenzen mehr; an zu viele war er gesto├čen, immer wieder.

Er ging zur├╝ck Richtung Bahnhof. Passanten warfen hin und wieder einen Blick in die Schaufenster, starrten dann auf ihre Handys, l├Ąchelten zufrieden, erhoben manchmal den Blick, entdeckten nichts Interessantes und begaben sich wieder zur├╝ck in die Welt eines kleinen Rechtecks.

Paul Klein war leicht ├╝bel als er in den Zug stieg, der, wie immer, ziemlich ├╝berf├╝llt war. Gl├╝cklicherweise konnte er noch einen Notsitz finden.
Neben ihm sa├č ein ganz in Schwarz gekleideter Herr, der halblaut S├Ątze aus einem Buch las:
"Meine Seele preist die Gr├Â├če des Herrn... Der Herr ist mein Hirte..."
Ohne Zweifel, der Herr war ein Priester, der im Brevier las.

Von Station zu Station wurde der Zug leerer, und Klein setzte sich auf einen freigewordenen Vierersitzplatz. Der Priester folgte ihm, legte seinen kleinen Koffer auf die Gep├Ąckablage, setzte sich gegen├╝ber und las weiterhin halblaut vor sich hin.

Pl├Âtzlich sp├╝rte Paul Klein wieder diesen stechenden Schmerz in der Magengegend. Tief ein- und ausatmen, den Schmerzherd ├╝ber dem Bauch mit der Hand leicht massieren, nochmals tief ein- und ausatmen: diese Taktik hatte immer geholfen, und sie half auch jetzt.

Sein Gegen├╝ber hatte inzwischen die Augen geschlossen, und das Brevier war in seinen Scho├č gefallen.
Irgendwie erinnerten Klein die extrem hochgezogenen Augenbrauen und die herabh├Ąngenden Mundwinkel an einen Bekannten aus uralten Zeiten.
Der Priester zuckte, vielleicht von einem Traumbild ins n├Ąchste wechselnd, und das Brevier fiel zu Boden. Die erste Seite lag ge├Âffnet da, worauf handschriftlich stand: Gunther Sommer, Diener des Herrn.

"Gunther Sommer, Gunther Sommer!", ├╝berlegte Klein.
Ja, er kannte einen Gunther Sommer. Sie waren zusammen zur Schule gegangen. War dieser Priester ein ehemaliger Mitsch├╝ler? Das Alter passte.

Nachdem der Priester wieder die Augen ge├Âffnet, sich gestreckt und geg├Ąhnt hatte, reichte ihm Klein das heruntergefallene Brevier.
Der bedankte sich mit einer viel weicheren Stimme, als Klein vermutet hatte.

"Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche!", sagte Klein.
"Sind Sie zuf├Ąllig Gunther Sommer?"
Der Priester blickte erstaunt.
"Ja, der bin ich!", sagte er. "Kennen wir uns?"
"Ich denke, wir sind zusammen zur Schule gegangen."
"Ach ja? Das muss lange her sein!"
"Paul Klein ist mein Name. Erinnern Sie sich?"
"Klein, Klein, Klein", ├╝berlegte der Priester. "Tut mir leid, aber der Name sagt mir nichts."
Dann schlug er sich mit der Hand an die Stirn.
"Paulchen Klein, ja nat├╝rlich, das kleine sch├╝chterne Paulchen! Aber du, ich darf doch du sagen, bist erst sp├Ąter in unsere Klasse gekommen, weil du eine Ehrenrunde drehen musstest.

Klein fuhr sich verlegen durch sein sch├╝tteres Haar.
Der sechzehnj├Ąhrige Gunther Sommer stand wieder lebendig vor ihm: gro├č, blonde M├Ąhne, Liebling der M├Ądchen und Klassenprimus. Dabei immer ein wenig melancholisch, Anh├Ąnger des Existentialismus und surrealer Malerei.

Klein und Sommer waren nie Freunde gewesen, hatten nie miteinander geredet. Man kannte sich, und das war es. Man hatte sich nichts zu sagen.

Nach dem Abitur, das Klein mit Ach und Krach, Sommer mit Bravour bestanden hatte, verloren sich beide v├Âllig aus den Augen.

"Ehrlich gesagt, bin ich mehr als ├╝berrascht, dass Sie, Entschuldigung, gerade du Priester geworden bist!", sagte Klein.
"Tja wei├čt du", sagte Sommer, "vielleicht lag dahinter der Wunsch, ein ganz anderes Leben zu f├╝hren als das der sogenannten normalen Menschen. Beruf, Frau, Kinder,- das war mir zu wenig. Ich wollte dem Leben tiefer auf die Schliche kommen, wollte von Philosophen und Theologen Antworten auf die gro├čen Fragen erhalten. Au├čerdem wollte ich Menschen helfen, die Not leiden und nach Sinn suchen. So konnte ich nur Priester werden. Was hast du eigentlich nach dem Abi gemacht?"
"Ich bin Grundschullehrer geworden", sagte Klein.
"Und? Bist du zufrieden mit deinem Beruf?"
"Na ja, inzwischen bin ich zu alt f├╝r die Kids. Aber in zwei Jahren kommt die Rente."
"Frau? Kinder?", fragte Sommer.
"Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben und meine Tochter lebt in den USA, Habe kaum Kontakt zu ihr."
"Das tut mir leid!", sagte Sommer. "Das Leben kann manchmal hart sein."

Beide schwiegen, lie├čen einsame Geh├Âfte und wachholderbewachsene H├╝gel an sich vor├╝berziehen.

Dann sagte Klein: "Ich beneide dich. Du lebst in einer Welt voller Glaube, Hoffnung und Liebe."
"Meinst du?", fragte Sommer.

Jetzt, so dachte Klein, sei eine gute Gelegenheit, endlich einmal ehrlich von den Schmerzen zu erz├Ąhlen, von der Angst vor der Diagnose und allen anderen neurotischen Bef├╝rchtungen. Ein Priester muss verstehen, tr├Âstende Worte finden, die ein wenig aufatmen lassen, ein wenig wieder zur├╝ck in Geborgenheit und Mutterscho├č f├╝hren.

"Also", sagte Klein: "Mir geht es gar nicht gut. Seit einiger Zeit plagen mich Schmerzen..."

"Du glaubst ich lebe in einer Welt voller Glaube, Liebe und Hoffnung!", sagte Sommer.
"Ich will dir einmal etwas sagen, alter Junge. Alle Priester und Theologen sind bestenfalls Agnostiker. Glaube, Hoffnung, Liebe. Sch├Âne Worte, aber nicht mehr, Wir Priester labern den Leuten etwas vor. Gott? Mag sein, dass es eine h├Âhere, uns v├Âllig unbekannte Dimension gibt. Aber der Gott unserer Vorstellungswelt ist tot."

"Aber du bist Priester!", sagte Klein, "und du hast so vertieft in deinem Brevier gelesen."

"Routine!", antwortete Sommer. "Ich plappere einfach Worte herunter, so wie jemand irgendwelche Melodien in den Wald pfeift, um seine Angst zu vertreiben."

Wieder sp├╝rte Klein den stechenden Schmerz und wieder versuchte er die bew├Ąhrte Taktik, diesmal erfolglos anzuwenden.

"Ist dir nicht gut?", fragte Sommer.

"Alles gut, es ist nur..."

"Ich bin auf dem Weg zu Exerzitien. Die werden meistens von Jesuiten gehalten, die in bestechender Logik ein Weltbild aufbauen, worin der Atheismus keinen Platz hat. Aber die Wurzeln dieses Weltbildes sind faul. Keiner aber hinterfragt die Wurzeln, alle wollen ein geschlossenes, logisches Weltbild."

Klein kr├╝mmte sich vor Schmerzen.

"Mensch Paulchen", sagte Sommer."Dir scheint es ja richtig dreckig zu gehen. Du wolltest mir doch eben ├╝ber deine Schmerzen erz├Ąhlen."

"Schon gut!", sagte Klein. "Das geht schon wieder. In f├╝nf Minuten erreicht der Zug meinen Heimatort."

"Ich fahre drei Stationen weiter", sagte Sommer.

Schweigend, nachdem Klein endlich wieder seine Taktik erfolgreich angewendet hatte, fuhren sie weiter, blickten aus dem Fenster, sahen bei herangebrochener Dunkelheit nur noch ihre Spiegelbilder und hingen eigenen Gedanken nach.

Sie verabschiedeten sich mit einem kraftlosen H├Ąndedruck.

"Geh zum Arzt!", sagte Sommer.
"Ja, ja", sagte Klein und stieg aus.







Version vom 05. 01. 2017 21:55

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DocSchneider
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Hallo Wilfried Hau,

interessante Geschichte. Der Priester kommt sehr schlecht weg. L├Ąsst Paul nicht ausreden, verh├Ąlt sich nicht so, wie sich ein Seelsorger verhalten sollte ... da ist etwas Wahres dran. Und die Jesuiten bekommen auch noch ihr Fett weg.

Aber auch Pauls Lebensentwurf klingt gescheitert. Einsamer Witwer, kein Kontakt zur Tochter.

Zwei Menschen, alte Bekannte zwar, aber eben nur Bekannte. Alles bleibt an der Oberfl├Ąche. Das wolltest Du wohl sagen?

Alles in allem kommt das ganz gut r├╝ber.

VG,
DS
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Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals erm├╝dendem Lesen. (Virgina Woolf)

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aligaga
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Was jemanden denn bewegte, eine Geschichte wie die nur zu ├╝berfliegen und danach ├Âffentlich etwas Verst├Ąndnisloses daherzuplappern, wird @ali immer unbegreiflich bleiben.

Hier kommt ein Priester keineswegs "schlecht weg", sondern er ist ehrlich zu sich und zum anderen. Dass er sein Gegen├╝ber nicht ausreden lie├če, trifft nicht zu - wenn man genau hinguckt und nicht blo├č im Daumenkino bl├Ąttert, stellt man unschwer fest, dass es der Kranke ist, der die erste Frage stellt. Und es ist der Kranke, der unehrlich ist und abwinkt, als gegengefragt wird. Im Gegensatz zum Priester ist er zu feige, die Hosen sofort herunterzulassen. Er hat's nicht mit der Wahrheit wie der Priester, er hat Angst vor der Diagnose.

Es geschieht ihm daher nur Recht, dass er drei Stationen fr├╝her aussteigen muss als der Priester (eine sehr h├╝bsche Metapher!). Am Ende fragt man sich, was denn das Barmherzigere sei - hoffnungslos weiterleben oder verzweifelt sterben. W├Ąre das G'schichterl wirklich oberfl├Ąchlich, k├Ąme es nie zu dieser "Pointe".

Wenn's denn an diesem sehr gelungenen St├╝ck ├╝berhaupt etwas zu kritisieren g├Ąbe, dann w├Ąr's das Damoklesschwert. Das schwingt man nicht in der Hand, sondern das h├Ąngt am seidenen Faden ├╝ber fast jedem, und keiner wei├č, wann es auf wen herabf├Ąllt.

@Ali schl├Ągt ein anderes Schneidewerkzeug vor. Wie w├Ąr's mit einem Richtschwert? Oder einem Henkersbeil?

Gleichwohl heiter und vergn├╝gt

aligaga

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