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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Alte Freundinnen
Eingestellt am 14. 12. 2006 15:57


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Lillia
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Alte Freundinnen

Sie hat sich auf ganz leisen FĂŒĂŸen hereingeschlichen. Ich hab sie nicht hereingebeten, sie kam einfach, ungefragt. Stand da mit ihrem rot glĂ€nzenden Koffer vor meiner TĂŒr und sah mich herausfordernd an, so als hĂ€tte ich sie angerufen und um ihren Beistand gebeten, gar nicht als breche sie in meinen Alltag herein.
“Ich hab Fahrerflucht begangen” sagt sie und ich habe keine Ahnung, wovon sie spricht. Ich nehm's wörtlich und mir macht sich Angst im Bauch breit.
“Nein, nicht so.” Sie schĂŒttelt den Kopf. Ich Ă€rgere mich. Sie sitzt in meiner KĂŒche und trinkt meinen Kaffee, den letzten Rest, ich hatte ihn mir fĂŒr morgen frĂŒh aufgehoben.
Sie hat einen Schlafsack mitgebracht und wird hier bleiben. Ich will sie hier nicht. Weil sie so einnehmend ist.
Sie hat sich die Haare schwarz gefĂ€rbt, es sieht grĂ€sslich aus. Sie leckt an ihrem Zeigefinger und fĂ€hrt damit ĂŒber den KĂŒchentisch, Salz und Pfeffer und Oregano bleiben daran kleben.
Sie fĂŒllt den ganzen Raum auf, es scheint nicht mehr genug Luft da zu sein. Sie braucht meine ganze Luft aus, denke ich panisch. Sie wird mir die Haare vom Kopf fressen. Sie wird nichts mehr ĂŒbrig lassen und mein Leben verschlingen. Mir wird heiß. Ich will das Fenster aufreißen, doch sie legt mir ihre lila lackierten NĂ€gel auf den Unterarm und schĂŒttelt den Kopf.
Sie isst was noch ĂŒbrig ist von dem Auflauf, den Jana und ich vorhin gemacht haben. Ich denke an Jana und vermisse sie. Warum ist sie nicht hier und hilft mir? Jana wĂŒrde die richtigen Fragen stellen, sie wĂŒrde sie fragen, wie lange sie bleiben will und ihr in entschlossenem Ton Grenzen setzen. Jana, mit ihren breiten Schwimmschultern und ihrem zierlichen Kinn.
“Weißt du, ich hab viel an dich gedacht in der ganzen Zeit, in der du weg warst.” sagt sie und blickt mir dabei fest in die Augen.
Ich? Wieso als ich weg war? Sie war weg, nicht ich. Sie hat irgendwann nicht mehr angerufen und auf meine Karten und schließlich Briefe nicht mehr geantwortet. Wie sie da sitzt und so tut als wĂ€re nichts zwischen uns gewesen, als wĂ€ren wir wie alte Freundinnen auseinandergegangen, die immer aufeinander zĂ€hlen können, auch wenn sie sich jahrzehntelang nicht beieinander gemeldet haben.
Ich starre auf ihre NĂ€gel und spĂŒre ihr Kratzen auf meiner Haut. Sie sehen widerlich aus.
“Wie meintest du das mit der Fahrerflucht?” meine Stimmte kommt viel leiser heraus, als ich will.
Sie leckt ihren Kopf in den Nacken und lacht. Ihr Lachen ist tief und hĂ€sslich. “Du weißt doch, wie ich das meine! Ich hab ein Herz gebrochen und habe mich aus dem Staub gemacht, bevor das herausfließende Blut meine Schuhe ruinieren konnte.” Sie grinst und ich möchte ihr ihre langen NĂ€gel ins Gesicht bohren. Sie sieht hĂ€sslich aus und fĂŒhlt sich schön und stark und der Welt ĂŒberlegen.
“Und du? Hast du eine neue Liebe?” fragt sie und ich sehe in ihren Augen Gedanken flackern, die sie davon abhalten werden, meiner Antwort Beachtung zu schenken.
Jana. Ich bin mir nicht sicher, ob Jana sich als meine Liebe bezeichnen lassen wĂŒrde. Jana kommt und geht. Jana lĂ€sst mich alleine, wenn sie nicht mehr will. Sie geht, wenn ich ihr zu weich werde.
“Na?” Ihr LĂ€cheln tut wissend, ĂŒberheblich. Sie hat mich nie allein gelassen, als sie noch bei mir war. Sie war immer hier, hielt mich fest in ihren dĂŒrren Armen, umschlag mich wie eine Krake. Als sie ging, ließ sie mich fallen und dann lag ich da.
“Ich weiß nicht.” meine Stimme klingt jetzt fester. Sie schlĂ€gt die Augen nieder. Und drĂŒckt ihre noch feuchte Fingerspitze wieder in das verstreute Salz auf dem Tisch.
“Wohnst du alleine?” fragt sie.
“Ja.” sage ich entschieden. Jana wohnt auch hier, aber nur manchmal und deswegen sage ich es ihr nicht. Es geht sie auch ĂŒberhaupt nichts an, denke ich, und Ă€rgere mich darĂŒber, dass ich ĂŒberhaupt geantwortet habe.
“Ich bleibe ein paar Tage.” sagt sie und sieht mir fest in die Augen. Ich erstarre. Ich will ihrem Blick standhalten, will ihr sagen, dass sie unverschĂ€mt ist und spinnt, dass sie mir weh getan hat und fort bleiben soll, dass ich sie nicht in mein Leben lassen will, doch es kommt nichts, alles steckt mir in der Kehle fest. Unsere Blicke kĂ€mpfen ein paar Sekunden und als mir klar wird, dass ich schon lĂ€ngst verloren habe, dass ich schon verloren hatte, bevor sie kam, erschlafft mein Blick und ich sehe statt ihrer grauen Augen das dĂŒnne LĂ€cheln um ihre Lippen.
SpĂ€ter schiebt sie im Badezimmer meine Sachen auf der Ablage beiseite um sich auszubreiten. Sie prĂŒft mit abfĂ€lligem Blick den Weinvorrat in meiner KĂŒche und kichert, als sie einen Zettel mit Janas kindlicher Handschrift am KĂŒhlschrank kleben sieht.
Sie fÀhrt mir mit ihren langen NÀgeln durch den Nacken, dass ich GÀnsehaut kriege und zieht ihre Kleidung aus bis auf ein enges T-shirt und ein kurzes enges Höschen.
Sie kocht Milch auf, um sie mir mit Honig ans Bett zu bringen und zerbeißt mir danach die Lippen. Ihre schmecken nach Rotwein.
Als ich einschlafe, habe ich Angst vor frĂŒher und morgen.
Am nÀchsten Tag ruft Jana mich an. Ich sage ihr, dass eine alte Freundin ein paar Tage da sei. Sie versteht sofort, wer hier ist.
“Bist du bescheuert, sie ĂŒberhaupt reinzulassen? Du setzt sie vor die TĂŒr, oder?” sie klingt klar, einfach.
“Das kann ich nicht so einfach...wir mĂŒssen ĂŒber ein paar Sachen reden.” ich klinge erbĂ€rmlich.
“Ist das dein Ernst? Sie bleibt?”
“Erstmal schon...”
Das Klicken peitscht mir ins Ohr wie eine Ohrfeige. Jana hat aufgelegt. Ich bin weich. Sie wird nicht hierherkommen und ich werde sie nicht vor die TĂŒr setzen.
Sie verteilt sich immer weiter in meiner Wohnung, dringt in jede Pore. Im Bad riecht es nach ihrem Shampoo, in der KĂŒche stehen ihre GewĂŒrze. Sie kommt und geht und ich merke, dass sie einen SchlĂŒssel haben muss, doch ich bin zu mĂŒde, um sie danach zu fragen. Nachts zerkratzt sie meinen RĂŒcken, morgens streicht sie mir verschwitzte StrĂ€hnen aus dem Gesicht und immer lĂ€chelt sie.
Jana hat seitdem noch einmal angerufen, eine Woche spĂ€ter. Sie fragte nur “Ist sie weg?” und ich schwieg. Dann sagte sie, sie gebe mir noch drei Tage, dann sei es vorbei. Ich sage nichts. Sie legt auf. Das tut mir weh, doch ich sage ihr nichts davon.
Es vergehen Wochen, glaube ich. Sie ist hier, lebt irgendein Leben. TagsĂŒber lebe ich meines weiter, mein neues Leben, nur morgens und abends und nachts, da ist es wie frĂŒher und ich gehör ihr.
“Wo hast du diese Jana eigentlich kennengelernt?” fragt sie, wĂ€hrend sie uns Kartoffelbrei stampft, die Butter schmilzt wie Gold in der weißgelben Masse.
“Sie hat mir beim Umzug geholfen, kam ĂŒber eine Freundin.”
“Wo wohnt sie?” Sie sieht wirklich so aus, als interessiere es sie.
“Weiß ich nicht. Sie ist immer hier.” Ich sage 'ist' und sie lĂ€chelt, denn eigentlich ist es 'war'.
“Wie lange kennt ihr euch? Warst du auch mal bei mir ihr zu Hause?”
“Nein. Wir kennen uns seit drei Jahren, aber sie war immer nur hier.” antworte ich.
“Findest du das nicht komisch? Vielleicht hat sie einen Mann und zwei kleine Kinder.”
“Nein.” sage ich, denn ich weiß ganz genau, dass Jana so lebt wie ich. Das spĂŒre ich an ihrem Atem, lese ich in ihrer hungrigen Haut, so wie sie es in meiner hungrigen Haut lesen kann.
“Lad sie doch mal ein.” sagt sie und klemmt eine Rotweinflasche zwischen ihre Knie, um sie zu entkorken. “Dann können wir uns kennenlernen.” Sie legt Unschuld und Ehrlichkeit in ihren Blick, meine Skepsis schmilzt beinahe wie die Butter im Topf.
Kurz stelle ich mir vor, wie das wĂ€re, die beiden hier zusammen am KĂŒchentisch. Ich stelle mir vor wie Janas Kiefermuskeln nervös mahlen, wie sie ihre Augen zu Schlitzen verengt, wie sie eine Zigarette nach der anderen raucht und kaum ein Wort sagt.
Ich stelle mir vor, wie sie sich schön findet, ihr schwarzes mattes Haar mit den lackierten NĂ€geln aus dem Gesicht streicht und sich einbildet, sie hĂ€tte einen Vergleich gewonnen. Sie wĂŒrde Jana lĂ€cherlich finden, das weiß ich. Und sie weiß es auch, sonst wĂŒrde sie nicht vorschlagen, sie einzuladen. Um mich zu demĂŒtigen.
Ich lade Jana nicht ein, warte darauf, dass sie verschwindet und wieder Platz macht in meinem Leben fĂŒr Jana. Doch wenn sie fragt, ob es mir zu eng werde mit ihr, sage ich nichts. Sie kratzt mit ihren NĂ€geln ĂŒber meinen Bauch, meine BrĂŒste, meine Arme. Fragt, ob sie lieber gehen solle und ich öffne die Augen nicht, tue, als hĂ€tte ich nichts gehört. Morgens fahre ich zur Arbeit, als sei alles wie immer. Abends sitzt sie in UnterwĂ€sche mit Rotwein in der KĂŒche und lĂ€chelt, als hĂ€tte sie nichts getan, als auf mich gewartet. Ich gehe auch nirgendswo mehr hin nach der Arbeit, weder in die Kneipe noch ins Kino noch zur Eislaufhalle. Ich gehe direkt nach Hause, wo sie auf mich wartet.
Wir fĂŒttern uns mit Kartoffelbrei in der Badewanne, lieben uns nachts auf dem Balkon, sie haucht mir Rotwein ins Gesicht und hĂ€lt mich ganz fest, wenn ich Angst bekomme. Manchmal hĂ€lt sie mich auch morgens noch fest und ich gehe nicht zur Arbeit.
Einmal frage ich sie, warum sie gekommen ist.
“Ich hatte Sehnsucht.” sagt sie und ich merke nicht gleich, dass sie nicht “nach dir” sagt.
Wir haben unseren Rhythmus und ich sage mir immer wieder, es ist nicht so wie frĂŒher. Das stimmt auch, frĂŒher war sie nicht soviel zu Hause, da zog sie um die HĂ€user und ich wartete zu Hause auf sie. Sie rief dann an von unterwegs an und sagte, ich könne mich schon ausziehen, sie komme jetzt nach Hause. Sie kam erst Stunden spĂ€ter, hatte den Anruf ganz vergessen und lachte mich aus.
Es ist jetzt anders, sie ist viel zĂ€rtlicher, weicher. Manchmal hab ich das GefĂŒhl, sie versucht, gelegentlich etwas Gemeines zu sagen, um nicht zu sanft zu werden.

An einem Dienstagmorgen wache ich auf als sie mir die Haare aus dem Gesicht streichelt. Sie sieht aus, als sei sie schon lange wach. In ihrem Blick liegt etwas seltsam Trauriges, doch das fĂ€llt mir erst viel spĂ€ter auf, als ich darĂŒber nachdenke, wann ich sie zum letzen Mal gesehen habe. Als ich von der Arbeit komme, ist sie fort. Alle ihre Sachen sind fort, nichts ist mehr da. Als sei sie nie hier gewesen. Keine Nachricht, kein vergessenes T-shirt, keine KrĂŒmel vom FrĂŒhstĂŒck, kein einziges langes schwarzes Haar. Als sei sie nie hier gewesen.
Ich brauche nicht zu hoffen, dass es eine beruhigende ErklĂ€rung gibt, brauche nicht darauf zu warten, dass sie zurĂŒckkehrt. Sie ist irgendwohin gefahren und kommt erst wieder, wenn sie sich irgendwann danach fĂŒhlt, vielleicht ist das nie.
Warum ist sie hergekommen? Ich sitze alleine mit dieser Frage in einem Leben, das nur noch halb ist. Alles ist fort.
Ich sitze da so einige Stunden, bis ich Janas Nummer wĂ€hle. Sie wird wĂŒtend auf mich sein. Sie wird mich zusammenfahren und recht haben, ich bin schĂ€big.
Die Nummer ist nicht vergeben.

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HFleiss
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Registriert: Jan 2006

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Alte Freundinnen

Eine alte Liebe taucht auf aus dem Nichts. Sie will nichts weiter von dem ErzĂ€hler (oder der ErzĂ€hlerin), sie will nur eine Unterkunft, eine Zeitlang, inclusive Liebe. Sie nistet sich ein. Der ErzĂ€hler ist nicht stark genug, sie zu hinauszuwerfen, er hat eine neue Liebe, aber die hĂ€lt sich raus. UnangekĂŒndigt verschwindet sie. Und obwohl sie lĂ€stig war, vermisst der ErzĂ€hler sie jetzt. Das ist der Inhalt der Geschichte.
Was mir daran gefĂ€llt: der offene Schluss, der Tonfall, in dem erzĂ€hlt wird. Trotzdem, ein wenig stört mich der ErzĂ€hler, er betrachtet "sie" (sie ist namenlos) wie ein Insekt, nimmt keinen wirklichen Kontakt auf, ertrĂ€gt sie nur. Schade finde ich, dass so viel lediglich erzĂ€hlt wird, dass es keinen Dialog gibt. Sprachlich gibt es ein paar Stellen, die ich nicht als wirklich gut empfinde, zum Beispiel: "Mir macht sich Angst im Bauch breit", "Sie leckt ihren Kopf in den Nacken und lacht" (sie legt?) "Sie wird nicht hierherkommen, und ich werde sie nicht vor die TĂŒr setzen." Hier redest du von zwei Frauen, das geht aber aus der Satzstellung nicht hervor. Unmotiviert wechselst du die Zeiten, vom PrĂ€teritum ins PrĂ€sens (das kann man natĂŒrlich machen, aber dafĂŒr muss es einen Grund geben). Solche Dinge harren der Überarbeitung.
Aber mir gefĂ€llt die Geschichte, obwohl ich mir auch mehr Ă€ußere Korrektheit gewĂŒnscht hĂ€tte.

Gruß
Hanna

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Lillia
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 8
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dankeschön!

Vielen Dank, Hanna!
Die Zeit-sprĂŒnge ergeben sich eigentlich dadurch, dass die ErzĂ€hlerin (deren Weiblichkeit ich offensichtlich erst mal deutlich machen sollte) sich an die Beziehung erinnert, die sie frĂŒher mit ihrer Freundin hatte. Das ist wohl auch undeutlich, vielen Dank fĂŒr den Hinweis!

Das unklare 'sie' war eine Spielerei, die ich mir bewusst erlaubt habe, das ist wahrscheinlich zum Lesen etwas ungemĂŒtlich und vielleicht auch einfach doof.

Ich danke Dir sehr fĂŒr die Hinweise zur Überarbeitung!
-lilli-

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