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Eingestellt am 14. 10. 2007 18:11


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Bricharlotte
Hobbydichter
Registriert: Oct 2007

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Expedition ins Alter
Wir waren f├╝nf und sieben Jahre alt, mein Bruder und ich, als wir die wichtigsten Habseligkeiten in Mamas Einkaufsnetz packten und zu unserer Expedition aufbrachen. Es waren ein Kompass, ein Taschenmesser, ein Reisetagebuch zum Aufzeichnen unserer Funde, zwei Zitronen gegen den Durst, ein Paket Schwarzbrot und eine Plockwurst gegen den Hunger, diverse Marmeladengl├Ąser, um Pflanzenteile aufzubewahren, ein Gl├Ąschen Spiritus f├╝r W├╝rmer und Insekten. Wir hinterlie├čen die Kopie unseres Routenplanes und ein Testament f├╝r den Fall, dass wir die Entdeckungsreise nicht lebend ├╝berstehen w├╝rden. Dann machten uns auf in den Kr├Ąhenbusch, von uns Urwald genannt, ein W├Ąldchen vielleicht drei Kilometer entfernt. F├╝r mich war es die erste Unternehmung dieser Art. Ich war Organisatorin und Protokollf├╝hrerin, mein Bruder wollte Material f├╝r seinen ersten Roman sammeln, der ÔÇ×Abenteuer am UcayaliÔÇť hei├čen sollte. Angesichts der gro├čen Gefahren hatten wir alle geschwisterlichen Zwistigkeiten begraben. Die Vorbereitungen waren perfekt, nichts konnte schiefgehen. Und bei unserer R├╝ckkehr ÔÇô in ein paar Tagen - w├╝rden alle staunen. Dass uns die Br├╝der bereits abends aufgriffen und mit Strafen der Eltern drohten, lie├č uns die Expedition vorzeitig abbrechen, aber wir fl├╝sterten uns Schw├╝re zu, das n├Ąchste Mal alles noch gr├╝ndlicher und vor allem geheim vorzubereiten. Unser Entdeckungswille war nicht zu brechen.
F├╝r eine Expedition ist also eine spezielle Ausr├╝stung erforderlich, nicht weniger wichtig jedoch ist die geistige Vorbereitung. Als Sven Hedin (1865 ÔÇô 1952) seine Abenteuerreisen nach Asien unternahm, begleitete ihn ein bestens vorbereiteter wissenschaftlicher Mitarbeiterstab, und als Reinhold Messner zu einer W├╝stendurchquerung aufbrach, hatte er jahrelange Vorbereitungen hinter sich. Expeditionen zum Mond sind gigantische Unternehmen. Die Astronauten haben umfassende physiologische, psychologische und mentale Supertrainings zu durchlaufen.
Eine Expedition ist eine Forschungsreise, von der man mit neuen Erkenntnissen zur├╝ckkommen und die ├ľffentlichkeit in Erstaunen setzen will. Die R├╝ckkehr ist eigentlich sogar der H├Âhepunkt und wird akribisch in Szene gesetzt.
Doch m├╝ssen es immer geografische Expeditionen sein? Ist nicht auch eine Forschungsreise in unsere Vergangenheit, etwa eine Psychoanalyse, ein aufregendes Abenteuer, von dem viele Menschen m├Âglicherweise gel├Ąutert und geheilt in den Alltag zur├╝ckkehren? Und sind nicht auch Tr├Ąume mit Expeditionen zu vergleichen ÔÇô Forschungsreisen ins Unterbewusstein? Das Aufwachen ist eine manchmal ├╝berraschende, manchmal ersehnte R├╝ckkehr.
Aber eine Expedition ins Alter?
Davon gibt es keine R├╝ckkehr. Die Zukunft ├Âffnet uns ihre Pforten, aber niemals erlaubt sie die Umkehr. Zur├╝ckschauen ja, aber nicht den gleichen Weg eines zweites Mal gehen. Die Vorbereitungen k├Ânnen demzufolge nicht gr├╝ndlich genug sein.
Wir Kinder hatten den Fehler gemacht, das Unterfangen nicht geheim zu halten. Wenn wir als Erwachsene ins Alter aufbrechen, sollten wir genau das Gegenteil tun: blo├č keine einsamen Entscheidungen treffen. Denn Einsamkeit und Alter, das ist eine unheilvolle Verbindung. Weitere schreckliche Ingredienz dieses Lebensabschnittes w├Ąre Leere. Wo Hoffnungslosigkeit und k├Ârperlicher Verfall die Fronten des Lebens attackieren, ist der Kampf aussichtslos, ist eine Expedition nicht nur logisch undenkbar, sondern muss im Untergang enden.
Wenn wir also nicht von Expedition im Sinn der Erkundung ausgehen, sondern sie als neue Reiseform definieren, k├Ânnte sie allerdings aufregende Erfahrungen bieten.
Vorstellungen von Alter fressen sich bei Vielen wie Rost ein.
Bei Gadamer und Ernst J├╝nger, bei Leni Riefenstahl oder Marika R├Âkk staunten wir ├╝ber deren R├╝stigkeit - ein Wort im ├╝brigen, das auch 90-J├Ąhrige heutzutage sicherlich mit Fitness ├╝bersetzen w├╝rden. Jetzt scheint Johannes Heesters sich ├╝ber alle Gesetzm├Ą├čigkeiten der Lebenszeit eines Menschen hinwegzusetzen. Und seit geraumer Zeit lesen wir fast t├Ąglich von ├╝ber 100-J├Ąhrigen sogar im Lokalteil der Zeitung. Sie sind keine Joghurt essenden Wunder des fernen Balkans mehr.
├ťberhaupt ├Ąnderte sich viel, seit alte Menschen nicht mehr ihrem Ableben entgegend├Ąmmern, wie wir das vielfach noch von Oma und Opa aus der Nachbarstra├če kennen, wo sie auf ein Kissen im Fenster gelehnt der Zeit hinterherschauten oder neidisch die Kinder beschimpften.
Auch das Klischee der vorwiegend Armen-und-Alten stimmt nicht mehr. Pension├Ąre und Rentner sind Leute mit gut gef├╝llter Brieftasche und dem Kopf voller Pl├Ąne. ÔÇ×Die Generation GoldÔÇť hat mit 1700 ÔéČ ein h├Âheres Durchschnittseinkommen als junge Familien mit 1500 ÔéČ. Und dass die ├älteren in Heimen dahinsiechen, ist schon seit langem eine Verzerrung der Tatsachen. Es sind weniger als drei Prozent der Alten, die nicht in den eigenen vier W├Ąnden leben. Die H├Ąlfte kann den Lebensabend sogar im eigenen Haus verbringen. So ist auch nicht verwunderlich, dass 37 Prozent der Leute ├╝ber 60 ihre wirtschaftliche Lage als sehr gut bis gut (nur 17 Prozent als schlecht) bezeichnen. Eigenheim, Auto, j├Ąhrliche gro├če Reise, gute Ausstattung von Wohnung, Kleiderschrank und finanzielle Gro├čz├╝gigkeit den Kindern und Enkeln gegen├╝ber, das sind die aktuellen Merkmale der Senioren. In dieses Bild passt auch die neueste Umfrage, die generations├╝bergreifende WGs in den Mittelpunkt stellt. Immerhin k├Ânnen sich ├╝ber eine Drittel der befragten ├älteren vorstellen, in konstruierten Gro├čfamilien zu leben, mit gleichaltrigen Freunden, aber auch j├╝ngeren oder noch ├Ąlteren Menschen unter einem Dach, um den letzten Lebensabschnitt gemeinsam zu genie├čen. Was in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts noch der Anarchoszene zugerechnet wurde, ist heute gesellschafts-, ja sogar seniorenf├Ąhig, und vom B├╝rger- und Kleinb├╝rgertum ohne Verdauungsbeschwerden einverleibt worden. Das trifft ├╝brigens auch auf solche Ph├Ąnomene wie Jeans oder Stoppelhaarfrisuren zu, die heutzutage eher von Damen und Herren ├╝ber 60 als von jungen Leuten getragen werden. Die Ausr├╝stung f├╝r die Reise ins Alter hat sich wesentlich gewandelt. Turnschuhe, Rennrad, Walkmen und Tickets f├╝r die Weltumrundung geh├Âren wie selbstverst├Ąndlich dazu.
Die Kriegsgeneration verabschiedet sich, die Nachkriegsgeneration ├╝bernimmt den Vorsitz. Es scheinen nur ein paar Jahr her zu sein, da schrien wir, trau niemand ├╝ber 30! Und es ist nur en Jahr her, da rief Mick Jagger: Trau niemand unter 60! Rod Stewart fragte vor kurzem zu seinem 60. Geburtstag: ÔÇ×Am I sexy?ÔÇť, wozu ihn sicherlich nicht Viagrakonsum veranlasste, sondern seine wirklich noch h├Âchst erotische Ausstrahlung und die entsprechenden emotions.
Reise oder Expedition ins Alter? Muss das sein? Gelangen wir nicht ganz automatisch dahin? Ja, selbstverst├Ąndlich. Aber wer vorbereitet ist, kann sich manche b├Âse ├ťberraschung sparen.
Und so gibt es im erfindungsreichen Zeitalter der Dienstleistung bereits den Beruf des Age-Explorers, der nach dem Feeling 70 forscht. Ich, expeditionserfahren seit Kindertagen, war sofort hellh├Ârig. Man kriecht in einen unansehnlichen Dress, eine Mischung aus AustronautenÔÇô und Tauchanzug, jedenfalls schwer und klobig und einengend, um zu realisieren, wie es sich anf├╝hlt, wenn Rheuma, Osteoporose, Kurzatmigkeit, schwere F├╝├če und gichtige Finger das Leben trotz allen Fortschritts einengen. Dabei geht es weniger um die Empathie, dessen darf man sicher sein, als um handfeste Interessen: Senioren sind eine der wichtigsten Zielgruppe der Wirtschaft. Wer ihre Bed├╝rfnisse nicht kennt, kann die Bedarfe nicht wecken und erst recht nicht decken. F├╝hl dich alt und du wirst rechtzeitig die Vitamine und Mineralien schlucken, die Wellnesswochen buchen und die Zusatzkasse buchen.
Obendrein sind zu kleine Schalter an Ger├Ąten, zu kleine Schriften in Zeitung und auf Bedienungsanleitungen, zu schwere Apparate im Haushalt, zu komplizierte Maschinen f├╝r den allt├Ąglichen Gebrauch, zu schwer zu handhabende Armaturen im Haus, zu m├╝hsam zu bedienende Automaten im ├Âffentlichen Leben ÔÇô alles Hindernisse auf der Schiene des Konsums.
Als in menschenfreundlichen St├Ądten wie T├╝bingen an einem Seniorentag Passanten in einen solchen Anzug schl├╝pfen duften, hatte ich den heren Wunsch mich einzuf├╝hlen; z.B. auch in das Ehepaar mit dem Namensschildchen Hauser, das neben mir stand. Klapprig und doch irgendwie r├╝stig, aber so abgekl├Ąrt: ÔÇ×Na, versuchen Sie das mal...ÔÇť Minutenlang mutete ich mir das zu, lachte peinlich ber├╝hrt, entschl├╝pfte dann dankbar der schwerf├Ąlligen H├╝lle nach wenigen Augenblicken. Eine Expedition war das noch nicht. Diese Erfahrung machte mich jedoch immerhin nachdenklich.
Wo Verbraucherfreundlichkeit gepr├╝ft wird, ist stets Achtsamkeit angebracht, denn sie bedeutet ja meist nichts anderes als m├Âglichst reibungsloser Waren- oder DienstleistungsUmsatz. Den Alten kann man getrost eine klammheimliche Freude ÔÇô Schadenfreude? ÔÇô unterstellen, wissen sie doch: Auch der Fitteste unter den Testern im noch nicht Best Agers-Alter braucht irgendwann eine Brille, eine Gehhilfe, eine Knopfschlie├čerhilfe, einen Rollator, eine Feststellbremse f├╝r den Backofenauszug, eine Einstiegshilfe f├╝r die Badewanne, eine H├Ârhilfe f├╝rs Telefon, Einlegesohlen und Einkaufsroller, ganz zu schweigen von Verdauungs-, Schlaf-, Herzrhythmus- oder Antidepressionsmedikamente, auch von Inkontinenzeinlagen, feuchtigkeitsun-durchl├Ąssigen Matratzenschonern, Schnabeltassen, Vergr├Â├čerungsgl├Ąsern, St├╝tz-strumpfanziehhilfen und Tablettenzerteilern. Ganz zu schweigen von Prothesen aller Art. Anus praeter. Dritte Z├Ąhne. Implantierter Herzschrittmacher.
Ja, die Alten k├Ânnen entspannt den Jungen bei ihren Expeditionen zusehen. Wenn wir schlau w├Ąren, w├╝rden wir die Eltern und Gro├čelterngeneration befragen. Dann m├╝ssten wir nicht in die Hilflos-Falle stolpern. Ich erinnere mich, dass ich Frau und Herrn Hauser als Alte Eisen ins Seniorenheim schicken wollte und keine Sekunde daran dachte, dass ich auf der Stra├če Richtung Jenseits genauso schnell oder genauso langsam wie alle anderen unterwegs bin.
Als Ausfl├╝ge ins Alter betrachte ich jetzt diese Begegnungen zwischen Kindern und ├älteren in Erz├Ąhlcafes, Reportagen ├╝ber Leute in fortgeschrittenem Alter, Erlebnisse mit Gro├čeltern auf Reisen und Erfahrungen mit alten Menschen hier und dort und ├╝berall. An jeder Stra├čenecke, in jedem Omnibus sind wir zu diesen kleinen und gro├čen Ausfl├╝gen mit aufregender R├╝ckkehr eingeladen. Denken wird gern genauso naiv wie Goethe ÔÇ×So gib mir die Zeit wieder, da ich noch selbst im Werden war.ÔÇť
Mein Bruder und ich waren damals auch noch in der Zeit des Werdens. Die schreitet voran, unaufhaltsam. Nun werden wir ├ältere, pardon, Best Agers, die schon mal darauf spekulieren, im Restaurant den Seniorenteller bestellen zu k├Ânnen. Leicht verdaulich, gut bek├Âmmlich, aber kein bisschen preiswerter. Wir habenÔÇÖs ja schlie├člich.

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