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Leselupe.de > Kurzprosa
Alter Mann
Eingestellt am 22. 04. 2000 00:00


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dingdoi
???
Registriert: Mar 2001

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Kommentare: 1
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Alter Mann


Diese Musik. Diese zarten, weichen T├Âne. Auf und ab. Hin und her. Ein Fluss. Ach...
Das Haus ist leer. Alle Zimmer verlassen. Kein Tapsen. Kein Tippeln. Sogar der Hahn ist repariert. Kerzenlicht Kaminlicht.
Ich lehne mich zur├╝ck. Ich schlie├če die Augen. Lausche dem Spiel der Instrumente. Und ich sehe sie. Wie sie sich wiegt. Im Takt. Leichtf├╝├čig. Wie eh und je. Alles erstrahlt in neuem Glanz. Ihre Haare fliegen im Wind. Ein Engel ohne Fl├╝gel. Und doch - sie schwebt. Ihr Gesicht. Unvergesslich! Zarte, rosige Wangen. Die vollen Lippen. So nat├╝rlich. Wundersch├Ân. Sie entschwindet wieder. Es wird dunkel. Ich entschwinde.
Dieses Haus. Diese Wiese. Sie! Das kenne ich. Hier wohne ich. Wohnte ich - fr├╝her. Fr├╝her. Alles war sch├Ân. Ich war jung. Sie war jung. Wundervolle Zeit. Alles was mir fehlte finde ich hier wieder. Ich f├╝hle mich wohl. Ich bin wieder jung. Ich versinke.
Das Windspiel l├Ąutet, wird gel├Ąutet, von Mutter. Das Essen ist fertig. Also gehen wir hinein. In das wei├če Haus. Ganz aus Holz. Mit der Terrasse. Wo der Hund liegt. H├Ąlt sein Mittagsschl├Ąfchen. Die Stufe ist noch nicht repariert. Er ist wach, wittert mich, springt mich an, er ist froh. Wie ich. Auch die T├╝r, quietscht noch immer. Bring ich nach dem Essen in Ordnung. Und es duftet. K├Âstlich. Und so sieht es auch aus. Der Tisch ist noch nicht gedeckt. Ich mach das schon. Bin schon dabei. Mutter l├Ąchelt mich an. Lange nicht gesehen! Stimmt wohl, ja. Sie streichelt mir ├╝ber den Kopf. Z├Ąrtlich. Lass das bitte. Nicht vor ihr! Und ich sehe hin├╝ber. Sie ist immer noch da. In der T├╝r. Ihre Haare wehen im Wind. Komm ruhig rein! Sie schlie├čt die T├╝r hinter sich. Dieses Quietschen. Unertr├Ąglich. Das Besteck war - hier. Richtig. Und die Teller dort. Nichts habe ich vergessen. Nicht eine Kleinigkeit. Es hat sich nichts ver├Ąndert. Wir sitzen endlich. Der Duft steigt mir in die Nase. Ich kann es kaum erwarten. La├čt uns essen!
Sag mal, was hast du die letzten Jahre eigentlich so gemacht? Wir haben lange nichts von dir geh├Ârt. Fragt sie!
Nein! Nur ein Traum. Eine Erinnerung. Fl├╝chtig. Schwei├č auf meiner Stirn. Mein Herz rast. Mit so was hatte ich jetzt nicht mehr gerechnet. So sp├Ąt. Ich muss mich frisch machen. Also gehe ich. ├ťber den Flur. Ins Badezimmer. Der Hahn tropft wieder. Ich drehe ihn auf, f├╝lle meine gefalteten H├Ąnde mit Wasser, wasche mein gefaltetes Gesicht, immer wieder. Ich werde nicht rein. Ich hebe den Kopf. Der Spiegel. Und ich sehe mich. Was sehe ich? Einen alten Mann. Mit Erinnerungen. Mit Falten. Mit Narben. Allein. Seit Jahren. Heute werde ich ausgehen. Ich blase die Kerze aus. Ich ├Âffne die Verandat├╝r. Es regnet. Nein. Es nieselt. Ganz leicht. Ganz fein. Diese Art von Regen, die alles durchdringt. Ich gehe hinaus. Meine Sachen weichen. Ich sp├╝re das Wasser auf der Haut. Es brennt. Ich muss es aushalten. Ich muss bestehen. Nur heute. Und ich stehe. Beginne zu gl├╝hen. Ich falle. Ich liege. Ich krieche. Noch nicht! Nicht jetzt! Gerettet. Das Ufer erreicht. Nein. Nur die Pforte. Hindurch gezogen. Es brennt. Knapp entkommen. Noch nicht! Ich habe noch Dinge zu erledigen. Ich schlie├če die Augen. Beim Umkleiden. Mein schwarzer Mantel. Wird mich sch├╝tzen. Und mein Hut. Hat L├Âcher, wird reichen.m├╝ssen. Ich gehe hinaus. Auf die Strasse. Kein Blick zur├╝ck. Auf Wiedersehen?
Ich gehe nicht den B├╝rgersteig entlang. Heute nacht werden keine Autos fahren. Der Regen h├Ârt nicht auf. Nicht bis... Nichts habe ich. Erst recht zu verlieren. Ich hinterlasse Spuren, im Wasser. Ringe. Viele Ringe. Ich streife ihn ab. Ich gehe weiter. Es ist ein langer Weg! Bin schon einen langen gegangen. Zu lange. Bin gerutscht. Durch Steine. Bin gestolpert. Durch andere. Fast gefallen. Konnte mich noch abfangen. Mit den H├Ąnden. Sie waren blutig. Sie sind blutig. Aber ich stehe. Ich gehe. Meinen Weg. Die Stra├če ist kurz. Ein Auto f├Ąhrt vorbei, pl├Âtzlich. Ohne Warnung, ohne Licht. Eine Pf├╝tze neben mir. Und es brennt wieder. So wie das Auto, liegt im Graben, Reifen platt, Seelen fort, K├Ârper tot. Ich gehe weiter. Ich sehe hinein. Nichts! Die Schritte werden schwerer. Mein K├Ârper schwach. Meine Seele leicht. Ich stutze die Fl├╝gel. Die H├Ârner? Noch nicht! Die reine Qual. Ich kann nicht mehr. Nicht weiter. Nicht gehen. Also unterstellen. Da Lichter. Zwei an der Zahl. Sie kommen n├Ąher. Ich erhebe mich. M├╝hsam. Die Hand im Mantel. Faust. Zeigefinger ausgestreckt. Ich fahre Bus. F├╝r nichts. Ich bin Aufmerksamkeit gewohnt. Ich setze mich. Und passe auf. Der Fahrer ist ruhig. Der Gast ist ruhig. Mein Gast. Jetzt. Ich schaue hinaus. Ins Dunkle. Ins Leere. In mich. Die Scheiben spiegeln. Seltsame Formen. Alles verzogen. Verschoben. Mein Kopf tut weh. Ich st├╝tze ihn. Auf meine Hand, die andere. Ich schaue umher. Mein Gast setzt sich wieder. Ich winke ihm zu. Ich schaue hinaus. Und sehe Gesichter, Fratzen, Altes Fleisch. H├Ąnde, verschlungen. Geballte Kr├Ąfte. Mein Kopf tut weh. Stop! Das ist es. Scheint wie fr├╝her. Ich verabschiede mich. Tsch├╝ss Fahrer. Tsch├╝ss Gast. Noch eine sch├Âne Fahrt. Ich steige, ich stolpere, ich falle hinaus, fast.
Da bin ich. Keiner da? Kein Licht brennt. Alles ist dunkel. Alles leer. Dann keine Begr├╝├čung. Ich komme! Ein Schritt. Noch einer. Der n├Ąchste. Ganz langsam. Ganz vorsichtig. Nicht jetzt fallen. So nah, fast da. Links. Rechts. Links. Rechts. Steife Glieder. Glatte Steine. Der Wind bl├Ąst kalt. Sehr kalt. Mein K├Ârper wird eisig. Mein Kopf hart. Mein Herz aus Eis. Es wird leichter. Die T├╝re sehe ich schon. Ganz vorsichtig. Soll ja ├ťberraschung werden. ├ťberraschung. Sch├Âne Bescherung. Der Schnee war wei├č. Das Licht war hell. Der Weg war leicht. F├╝r sie. Ich komme.
Mir wird warm. Wohlig warm. Trotzdem, ich bleibe kalt. Eiskalt. Herz ist Stein. Ich schaue auf meine H├Ąnde. Alt. Faltig. Fleckig. Sie ber├╝hrten dich einst. H├Ârst du? Nein, du schl├Ąfst. Tief und fest. Tr├Ąumst sch├Âne Tr├Ąume. Die Nacht ist noch lang. Ich habe Zeit. Ich lasse sie mir. Keine Eile, Kein Fallen. Die T├╝r ge├Âffnet. Ein Schl├╝ssel unter der Matte. Wie fr├╝her.
Ich trete ein. Leise. Alles heilig. Ich kenne das. Alles. Sie wohnt nur hier. Mit ihm. Nichts wie fr├╝her. Bleibt so. Ich ziehe den Mantel aus. H├Ąnge ihn ├╝ber den Haken. Neben der T├╝r. Ich nehme den Hut ab. Lege ihn auf die Ablage. Mir ist hei├č. Fast blind. Ich wei├č nicht. Wohin gehe ich? Nun. Vorw├Ąrts. Nicht zur├╝ck. Nur daran denken. Jetzt ist Zukunft. Wird Zukunft gemacht. Ich bin blind.
Die Treppe. Der Weg zum Schlafzimmer. Sie tr├Ąumen s├╝├č. Ein paar Stufen. Noch s├╝├čer Geschmack. Weiter. Es wird farblos. H├Ąlfte geschafft. Grau. Fast oben. B├Âser Traum. Ich bin Oben. Der Alptraum beginnt. Schwei├č auf meiner Stirn. Ich bin blind. Eiskalt. Alt. Dem Ende nah. Die T├╝r wird ge├Âffnet. Von mir. Ganz leise. Ich will sie nicht wecken. Die beiden. Sollen ruhig noch etwas schlafen. Lange. Immer. Ich sehe sie. Ich sehe ihn. Ein Paar. Seit Jahren. Ich sehe Fratzen. Meine Hand geballt. Mit Gegenstand. Es tut nicht weh. Mir nicht. Ich habe Zeit. Noch. Bald soweit. Mir ist wohlig warm. Mir wird kalt. Ich kann sehen! Und sehe. Und ich kann f├╝hlen! Und f├╝hle. Mir ist kalt. Erinnerungen. An sie. An sie. An ihn. An mich. An das Haus. An Mutter. An das Essen. Vergangenheit. Heute ist Gegenwart. Und ich erinnere mich:

Ausweg


Herz zersprungen.
Kopf zerplatzt.
Regen schimmert durch den offenen Himmel.
Stroh bahnt sich seinen Weg.
Ein wei├čes Loch.
Schwankend an den Rand.
Wasser f├╝llt.
Tauchend durch das Licht.


Eben war Ende. Ich entschwinde. Leicht. Geworden.

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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