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Leselupe.de > Science Fiction
Alter Mann
Eingestellt am 12. 11. 2009 16:06


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Rika
Routinierter Autor
Registriert: Oct 2008

Werke: 3
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Alter Mann! Ja, du im Spiegel. Hast du niemanden zum Reden? Hast du nichts zu tun? Du sitzt tagaus, tagein in deinem knarzenden Sessel und starrst auf deine runzligen Hände, fragst dich, wann deine trockene Haut abzubröckeln beginnt und dich dem ersehnten Zerfall preisgibt. Was starrst du so, was soll die Leere in den Augen? Sie waren mal anders, sie waren dunkel und mit Leben gefüllt - ja, da lachst du, als könntest du dich nicht daran erinnern.
Willst du dich nicht daran erinnern?

Ich hasse Sommertage. Vom Sommer ist nur der Name geblieben, weder Sonne noch Wärme dringen zu mir durch. Jemand hat den Sommer getötet. Ich hasse das einzige Fenster in der Wand - dafür, dass es trotz des dicken Glases nicht dämpft, mich nicht von der Außenwelt abschirmt. Sie kommen und ziehen die Vorhänge zu, schütteln den Kopf, wenn ich mir die Ohren zuhalte - wie kannst du etwas hören, alter Mann, spotten sie. Hier ist vollkommene Stille, und dein Gehör ist alles andere als zuverlässig - da ist nichts, du bildest es dir ein.
Aber ich bilde mir nichts ein. Ich höre es. Ich fühle es. Das Zittern in den Wänden, die Vibrationen der Luft, das leise, tiefe Brummen, es ist überall. Ich ertrage es nicht länger.
Ich werde es ertragen mĂĽssen, sagen sie.

Da sind einige Bücher auf dem Schreibtisch, einige Bilder aus der Welt, wie ich sie geliebt habe, bevor sie sich diesen hässlichen Schleier überstreifte. Wer hat sie eigentlich so gekleidet? Warum hat das niemand verhindert? Ich hätte es getan, bei Gott, ich hätte den Verantwortlichen die Kehle durchgeschnitten und sie in einen Abgrund geworfen, wenn ich nur gewusst hätte, wer und wo und vor allem wie ...

Ich fragte sie, wozu sie den Spiegel hier aufgestellt haben. Damit du nicht vergisst, wer du bist, meinten sie. Ich weiß doch ganz genau, wer ich bin. Ich weiß, wie ich aussehe, doch hier sind wir zwei, und zwischendurch neige ich dazu, uns beide zu verwechseln. Wer ist der echte? Sehe ich gerade aus dem Spiegel hinaus in das Zimmer dieses Alten, der immerzu in seinem Sessel lümmelt, mit dem Stift in der linken Hand und dem Stück Papier vor sich, das seit Ewigkeiten da liegt und leer bleibt? Beobachtet er mich als seine Spiegelung, bin ich der Passive, soll ich seine Handlungen nachahmen? Einer von uns muss handeln, und ich glaube immer stärker, dass dies seine Aufgabe ist. Er trägt die Teetasse zu seinen Lippen und ich nippe am Tee, er legt sich auf das Bett und ich schlafe ein. Er starrt auf das Papier und versucht, etwas darauf zu schreiben, doch ich sehe es nicht aus diesem Winkel, ich weiß nicht, was ich abschreiben soll. Ich starre auf sein Papier und er starrt auf meins, und wir sind beide ratlos.

Alter Mann, lass dir endlich was einfallen! Sie wollen etwas von dir. Sie warten ungeduldig darauf, lauern vor der TĂĽr, beobachten dich aus hundert Augen, sie werden niemals aufgeben. Auch du kannst nicht aufgeben!
Du hast ja nichts, was du aufgeben könntest.

Mein Stift zittert in Resonanz zu den Vibrationen um mich herum. Der Mann im Spiegel zittert, ein leichter Schauer läuft ununterbrochen durch das grobe Material der Vorhänge. Kaum sichtbare Kreise explodieren auf der Teeoberfläche in meiner Tasse. Auch er hat das bemerkt, vermutlich lange vor mir - hilflos blickt er auf das weiße Blatt, welches den nicht messbaren Erschütterungen ausgeliefert ist und sich in ihnen windet.

Alter Mann, was ist passiert, als du die Wellen zum ersten Mal wahrgenommen hast? Du hast etwas aufgeschrieben, nicht wahr? Aufgezeichnet und materialisiert. Und auf einmal waren sie überall, jemand hat sie aufgefangen und weitergeschickt, wie eine parasitäre Alge vereinnahmten sie das Meer menschlichen Lebens und bannten dich in dieses Zimmer, fesselten dich vor diesem Blatt Papier. Du warst einst das Schiff, das jedem Wellengang trotzte, deine Segel waren exakt ausgerichtet, und jetzt bist du lediglich eine armselige Planke, die von den tosenden Wogen hin und her geworfen wird. Du hast dir anscheinend einen Fehler geleistet, hast die Wellen verstärkt und rasend gemacht, nun spielen sie mit dir. Sie werden niemals von dir lassen.

Ich trete zur weiß getünchten Wand und lege mein Ohr an. Der Mann im Spiegel schließt die Augen, und ich höre Regen. Die Tropfen zerspringen an den Amplituden, sie selbst sind gesättigt mit einer gigantischen Fülle an disharmonischen Melodien und tragen die heruntergewaschenen Frequenzen aus der Luft zur Erde hinab. Dieses Surren, Summen, leise Klopfen und Brummen ist die Hymne der Welt unterhalb der Kuppel der Freiheit.

Früher konnte ich im Gras liegen, stundenlang in den unendlich scheinenden Himmel blicken und träumen. Ich hörte auf das Zwitschern der Vögel und beobachtete ihren Flügelschlag. Ich träumte von Dimensionen, von Schichten und von neuen Freiheiten. Heute liegen nur Selbstmörder im ausgedörrten, toten Gras. Der Himmel ist nicht unendlich, das wissen sie jetzt. Jeder weiß es, und es scheint niemanden zu stören. Nur ich lebe mit diesem pulsierenden Schmerz in der Schläfe.

Es regnet Frequenzen. Die Sonne existiert nur oberhalb der Kuppel. Es regnet hässliches, schwarzes Wasser, und manchmal werden die blauen Ausdünstungen und Dämpfe knapp oberhalb der Erdkruste angezündet, wie Neon im Glaskolben, damit wir Licht haben. Oder ist das zur Belustigung der Beobachter von oben? Es ist ein tolles Schauspiel, heißt es. Unsere glühende Sphäre ist ihre Straßenbeleuchtung, sie orientieren sich am türkisblauen Lichtfluss, der unter ihnen vorbeizieht.

Alter Mann, ich sehe doch, wie du das machst. Du sperrst deinen Mund auf und schnippst gegen deinen Kehlkopf, klopfst so lange, bis du den richtigen, hohlen Ton getroffen hast. Dann legst du deinen Kopf auf der Tischplatte ab, genau vor der weißen, flauschigen Feder aus deinem Kissen, und schnippst einen unverständlichen Takt. Die Schwingungen halten deine Zunge zitternd in der Mundhöhle, und einige Momente später hebt die Feder ab. Mit angehaltener Luft reckst du deinen Kopf in die Höhe und manövrierst den Flausch von einer Tischecke zur anderen. Ist es nicht das, was sie von dir wissen wollen?

Ist es nicht das, was ich ihnen nicht erklären kann?
Sie halten mich hier wegen eines lächerlichen Tons gefangen, wegen einer Schwingung, die ich entdeckte. Ich überbrückte damit die Dimensionen, schuf einen Sender und einen Resonanzkörper und war erfolgreich. Habe ich etwa das Gesicht der Welt verändert? Habe ich Aceton auf ihre einst schöne Haut geschüttet und sie gesäubert, sie radiogen gemacht? Alles, was ich wollte, war den Traum zu Ende zu träumen, und das habe ich getan. Woher hätte ich wissen sollen, dass sie mir dafür die Sonne rauben und mich nicht mehr gehen lassen würden? Woher hätte ich wissen sollen, dass sie mir den mit Ameisenstraßen durchzogenen Himmel verhasst machen würden?

Na also, du beginnst anscheinend, dich zu erinnern! Alle paar Jahre das gleiche Spektakel. Du kommst bis zu dem Punkt, an dem du es begonnen hast, und fällst erneut zurück in dein einsames Phlegma, in welchem du dich von deiner Unschuld zu überzeugen versuchst. Dabei weißt du doch, dass dich keine Schuld trifft. Du hast deinen süßen Schlaf auf den Morgen ausgedehnt und den Traum zu Ende geträumt, mehr nicht. Du hast dir die Sonne und das Gras weggeträumt, und der Welt dabei eine Dimension geschenkt, die sie nicht einmal in ihren kühnsten Träumen … du verstehst schon. Deine tatsächliche Schuld bezieht sich auf dich selbst und lässt sich mit einem Wort zusammenfassen – Unvorsichtigkeit. Du hast dich nicht abgesichert. Du hast ihnen ein Ergebnis geliefert, doch sie benötigen die Grundlagen. Wunder, die sie nicht erklären können, sind für sie nutzlos.

Irgendwo, auf einem der Kontinente, ragt ein Turm empor. Er wurde auf dem höchsten Berg errichtet und besitzt eine Höhe, die alles bis dato von Menschenhand erbaute wortwörtlich in den Schatten stellt. Dieser Turm ist meine Kreation. Vor Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten habe ich mit stolzem Blick über seine Fertigstellung gewacht. Der Sendekörper in seiner Spitze ist mein Lebenswerk, die Frequenzen, die ich darin eingespielt habe, sind unnachahmlich und auf einen einzigen Resonanzstoff abgestimmt – auf Photonen.
Wenn ich an meine Entdeckung denke, stehen mir unwillkürlich Tränen in den Augen. Es ist so einfach, so genial einfach! Nachdem mein Experiment geglückt war, stand ich da und lachte lauthals gen Himmel. Ich habe dich erobert, schrie ich. Du gehörst mir!
Die Sonne wird immer Photonen liefern, so viel wie man möchte. Modifizierte Solarzellen speichern diese Lichtenergie wie einen Klumpen Spermien in einem mechanischen Uterus und setzen sie der Sendefrequenz aus. Und da beginnt das Leben in ihnen, da beginnt die Bewegung: Die Photonenmasse schwimmt auf den elektromagnetischen Wellen und trägt alles mit, was diese umhüllt – in den meisten Fällen die Uteri, eingebettet in die Steuerkonsolen der flugfähigen Automobile.
Sie gruppierten sich um diesen Turm, fanden sich unter dem Dach der Welt, erkannten jedoch bald, dass die Reichweite der Wellen dem Gesetz der Erdkrümmung unterlag – der Horizont wurde für sie zur realen Linie, zur endgültigen Grenze. Also weiteten sie ihren Horizont aus, legten eine Scheibe über die Erdkugel, dehnten ihren Lebensraum in die Höhe und durchzogen die Lüfte mit schwebenden Straßenmarkierungen. Das Licht verschwand nach und nach aus den Leben der am Boden Gebliebenen, und in meinem Kopf erwachte ein zorniges Brummen und begann, unaufhaltsam zu vibrieren. Die gefangenen und gesendeten Wellen brachten alles aus dem Gleichgewicht, veränderten das Erdmagnetfeld, stießen die Vegetation ab und vertrieben sie zum entgegen gesetzten Erdpol, nur die Menschen waren mit einem Mal auf einer Wellenlänge und verstanden sich hervorragend – oberhalb der Kuppel der Freiheit.
Natürlich genügte ihnen der beschränkte Horziont irgendwann nicht mehr. Als sie entdeckten, dass die Wellen nicht reflektierbar waren, und von mir einen zweiten, dritten Turm forderten, oder ein Satellitennetz, das die Erde umspannen und mit Vibrationen durchweichen sollte, war mein Entdeckerstolz bereits getrübt, und irgend etwas in mir sträubte sich, ihnen die Frequenzreihe zu offenbaren, ihnen den Trick zu verraten. Ich schloss ihn ein, tief in meinem Geist, und sie sperrten mich in diesen Raum und …

Jeden Tag bekommst du deine Spritzen, alter Mann. Jeden Tag wirst du an Maschinen angeschlossen, die deine Gehirnwellen vermessen und deine Telomerausschüttung ankurbeln. Sie werden dich weiterhin mit Leben ausstopfen, werden dich pflegen und hegen und ausquetschen, bis zum letzten Tropfen, bis sie das Wunder erklären können. Irgendwann, wenn sie einen Weg finden, werden sie dich zerlegen, in deine Gedanken sehen und dir dein Wissen einfach wegnehmen. Noch können sie das nicht, und du bleibst schön im Wartesaal vor dem Versuchslabor sitzen, mit dem Joch der Unsterblichkeit um den Hals – du hast dir das selbst eingebrockt. Du hast mir das Geheimnis verraten, aber ich bin nicht der, der den Stift hält. Ich kann es nicht weitersagen.
Manchmal ist es schmerzhaft für mich, dich so hilflos zu sehen. Du stichst den Stift in die Bücher, du hämmerst gegen die Fensterscheibe, läufst Kreise um den Schreibtisch, verlangst nach Gerechtigkeit, nach Respekt dem Alter gegenüber. Ich habe dich sogar schon nach einem Anwalt schreien hören, doch du bist nun mal kein Mensch, der Rechte einfordern kann – du bist Gemeingut. Du bist eine Entdeckung.
Wenn du die Chance hättest, dein Leben von vorne zu beginnen – würdest du etwas ändern?

Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Was habe ich denn getan? Wer hat mich hier eingesperrt? Warum zittert alles um mich herum? Ja, ich möchte etwas ändern – ich möchte die Welt ändern, jetzt, mit allen Mitteln. Ich will, dass man mich frei und die Sonne wieder scheinen lässt. Ich will, dass sie den scheußlichen Spiegel hier wegnehemen und mich in Ruhe schlafen lassen.
Ich will leben …
Tage sind mir verhasst. Es gibt kein Licht am Tage, und die Bezeichnung allein spottet der gähnenden Leere der sonnenzugewandten Stunden. Wie gern würde ich auch am Tag schlafen können, doch sie lassen mich nicht. Sie zwängen mich in den Sessel am Tisch und drücken mir den Stift in die Hand. Wenn sie nur sagen würden, was sie denn lesen wollen. Wenn sie mir nur auf die Sprünge helfen würden! Wenn nur dieses Zittern aufhörte…
Sprich mit mir, alter Mann. Mit wem soll ich denn sonst reden?
Erzähl mir was.

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