Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92216
Momentan online:
280 Gäste und 18 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Altrich, zwischen Wittlich und Cochem - ein Wochenende
Eingestellt am 30. 08. 2004 00:39


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
AlexanderrednaxelA
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

Werke: 17
Kommentare: 13
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um AlexanderrednaxelA eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Über Sylvia muss ich mal was schreiben, aber nicht jetzt. Nur dass ich sie geliebt habe, das kann ich hier sagen, und dass wir ein Paar waren. Denn dadurch lernte ich, anlĂ€sslich eines Leichenschmauses, ihre Cousine Nancy kennen. Nancys Name wird eigentlich französisch ausgesprochen, da sie aus Luxemburg kommt. Sie hat aber einen Deutschen geheiratet. Manfred ist ein vierschrötiger Kerl mit roten, kurzen Haaren und Sommersprossen, er sieht immer aus, als sei er wĂŒtend. Dabei ist er nur laut und gesellig. Der Einfachheit halber kĂŒrzt Manfred den Namen seiner Frau ab und bellt sie augenrollend an: „NÄNZ!“

Sylvias Familie stand den beiden skeptisch gegenĂŒber. Das sah man daran, dass noch nie jemand NĂ€nz und Manfred zu Hause besucht hatte, in ihrem Heim auf diesem schönen Erdenrund, in Europa, dort in der Bundesrepublik Deutschland, dem Bundesland Rheinland-Pfalz, zwischen Trier und Koblenz, genauer zwischen Wittlich und Cochem: in Altrich.
Manfred dröhnte, wann immer es ging, jedem Anwesenden einzeln ins Ohr, dass er, der Anwesernde, unbedingt kommen mĂŒsse, das Haus sei so schön geworden, der Pool jetzt auch in Betrieb – stets wurde er mit faden Ausreden abgewimmelt. Irgendwann saß er Sylvia und mir gegenĂŒber und beklagte sich, dass die Verwandtschaft wohl keine Lust habe, nach Altrich zu kommen. Da ich betrunken war, merkte ich nicht, wie Sylvia mir unter dem Tisch die Beine blutig trat, als ich sagte: „Ach, wir kommen gern mal, na klar. Manfred! Wir kommen gern!“
Noch bevor ich am nĂ€chsten Morgen nĂŒchtern war, hatte Manfred angerufen und mit Sylvias Eltern alle FormalitĂ€ten geregelt. Wir wĂŒrden in zwei Wochen kommen, da sei Dorffest, und das Altricher Dorffest, da kĂ€men die Leute aus Wittlich und Cochem herbeigeeilt, das wĂŒrde uns gefallen!

Zwei Wochen und viele Anrufe aus Altrich spĂ€ter fuhren wir ĂŒber eine Straße aus Betonplatten, nachdem wir den Ort endlich gefunden hatten. Zilli-Billi-und-Willi-HĂ€user sĂ€umten den Weg, gestaltet in den Grenzen der OriginalitĂ€t, die die Fertigbauweise vorgibt. Ganz am Ende der Straße, bevor ein Feldweg begann, hing ein Zigarettenautomat an einer Stange. Wir hielten vor dem einzigen Haus, das aus richtigen Steinen bestand. Dort wohnten Nancy und Manfred. Auf unser Klingeln öffnete niemand, also gingen wir in den Garten, wo die beiden glĂŒcklich vor einem Swimming Pool aus Gummi standen. Freudig begrĂŒĂŸten sie uns, und als wir die wichtigsten Daten des Pools kannten, hieß es endlich: „Alex, Bier?! -- NĂ€nz!“ Da konnte ich nicht nein sagen. Also, ich konnte es wirklich nicht, denn anders als mit Bier ließ sich die Vorstellung, hier ein Wochenende zu verbringen, nicht ertragen. Uns wurden zwei Hunde vorgestellt, ein kleiner schwarzer, der aussah wie eine Katze, und ein großer schmutziger, vor dem ich gleich Angst bekam, denn ich habe eine Hundephobie. Die seien beide ganz jung, erklĂ€rte Manfred in unnötiger LautstĂ€rke, und noch nicht völlig stubenrein, aber das lernten sie ja bald.

In der KĂŒche erzĂ€hlte uns Manfred, dass er sich hier so ein bisschen als Helfer fĂŒr die Jugendlichen sehe, die kĂ€men ja sonst nie auf einen grĂŒnen Zweig, hohe Arbeitslosigkeit, viele Kriminelle und so weiter. Einer, der Jörg, habe schon mal jemanden ermordet. Er, Manfred, trete die Knechte hĂ€ufiger mal in den Arsch, besorge ihnen Arbeitsstellen und Kleidung. Was ja sehr schön ist.
Geplant war, dass wir jetzt gleich mal auf einen Sprung zu den Nachbarn gingen, da sĂ€ĂŸen ein paar von den Jungs im Garten, die hĂ€tten Manfred und NĂ€nz eingeladen zum Grillen. Es habe im Globus Rippchen im Sonderangebot gegeben, und die 10 Kilo, die vor einer Woche gekauft wurden, mĂŒssten weg. Danach dann alle aufs Dorffest.
Der Garten war ein verwilderter Hinterhof. Das Haus gehörte einem Mann, der, so Manfred, frĂŒher im Stahlwerk gearbeitet hat. Dort ist er eines Tages in 3000 Grad heißen Stahl gefallen. Und hat ĂŒberlebt, freilich ohne noch Finger oder Zehen zu haben, auch von der Haut – nichts mehr ĂŒbrig. Der Mann habe angefangen zu trinken, bis alles Geld und auch das Auto weg waren, und nun sitze er nur noch zu Hause und saufe, alles sei verschimmelt in dem Haus, alles stinke wie die Pest. Im Hinterhof hockten 3 junge Menschen an einem Holztisch. Es waren Jörg der Mörder (ein Mörder: lange schwarze Haare, Tattoos, Muskelshirt), ein kahlköpfiger 17jĂ€hriger und der Sohn des Hausbesitzers. In der glĂŒhenden Sonne stand ein Tapeziertisch, darauf lag ein Übelkeit erregender Berg Rippchen. Eine Regentonne, die mir bis zur Brust reichte, enthielt ein Netz, darin schwammen Mixery-Dosen. Ich hasse BiermixgetrĂ€nke, besonders wenn zwei so schöne Sachen wie Bier und Cola sich vermischen, wodurch beide dramatisch verlieren. Aber da es nichts anderes gab, nahm auch ich so eine lauwarmes Dose und hörte angespannt der aus einem alten Kassettenrekorder kreischenden Musik zu, den Klassikern der Böhsen Onkelz. Verstohlen blickte ich ab und zu an dem Haus hoch. Einmal schien es mir, als wĂŒrde der Vorhang leicht zur Seite geschoben, von einer verstĂŒmmelten Hand. Geredet wurde ĂŒber Hitler und Auschwitz, ĂŒber Juden und AuslĂ€nder, die Autobahn. Wir aßen Rippchen, tranken warmes Mixery. Der kahle 17jĂ€hrige hatte noch das Problem, dass er keine Stiefel mehr besaß, die letzten seien verschwunden, andere Schuhe habe er nicht. Manfred versprach Abhilfe und ermahnte die Jungs, nicht zu vergessen, dass sie sich am Montag auf einem Hof zur Arbeit melden sollten. „Die verpennen das doch meist“, sagte er mir spĂ€ter. „Und wenn sie mal was anfangen, isses nach einer Woche wieder rum“, wegen PrĂŒgeleien und Suff.

Der Nachmittag war vorbei, und man merkte allen die freudige NervositĂ€t an – gleich geht’s los aufs Dorffest! Mir war alles egal, Sylvia war die ganze Zeit stumm. Ihr anfangs höfliches LĂ€cheln war einer undurchsichtigen Miene gewichen.
Altrich Zentrum empfing uns (die Jungs waren unabhĂ€ngig von uns dorthin gegangen) mit lauter Musik, Autoscooter und Ă€hnlichen Spielen, WĂŒrstchenstĂ€nden. Viele Menschen drĂ€ngten sich durch die aromatischen Schwaden. Zwei riesige Zelte bestimmten die Szene, aus beiden drang Schlagermusik. In einem der Zelte gab es nur Wein. Wir gingen in das andere. Dort gab es zwei Bitburger-StĂ€nde und zahllose, lange HolzbĂ€nke. Das Licht spiegelte sich in Bierlachen. Auf den BĂ€nken sprangen MinderjĂ€hrige herum, die die Songs von Wolfgang Petry mitjohlten. Bier gab es nicht direkt, man musste sich zuerst Chips kaufen. Elf Chips entsprachen einer sogenannten Stange, man bekam dann eine Art Donnerbalken mit 11 eingestanzten Löchern, in denen die Plastikbecher standen. So eine Stange wollte ich, also stellte ich mich an der kleinen Chipsbude an und sah tröstend zu meiner Freundin hinĂŒber, die weiterhin keinen Gesichtsmuskel bewegte. Als ich endlich dran war, staunte ich etwas, denn obwohl viele Leute sich um Bier anstellten, verkaufte nur eine von zwei dicken Frauen die Chips. Im hinteren Bereich der Bude saß die andere. Sie hatte unordentliches Haar und ein fett glĂ€nzendes Gesicht. Die HĂ€nde hatte sie im Schoß, ĂŒber einer blau gepunkteten SchĂŒrze gefaltet. Ihre hellen Augen waren auf einen unbestimmten Punkt in der Kuppel des Zeltes gerichtet, eine Insel der TrĂ€ume in dieser lauten, feuchten, stinkenden Halle. Sagte ich Halle? Hölle, meinte ich. WĂ€hrend ich meine Chips in Empfang nahm, sah ich gebannt auf diese friedliche runde Frau. Plötzlich, ganz unversehens, bebte ihr Körper ein klein wenig, bliesen sich ihre Wangen ein bisschen auf; und langsam, ohne aus ihrem Traum zu erwachen, ließ sie die Luft aus dem Mund entweichen, mit einem kleinen GerĂ€usch, dass ich mehr sah als hörte.

Bratwurst und Wolfgang Petry, MĂ€dchen, die sich auf verbraucht geschminkt hatten, kurzgeschorene Jungen, denen sie Blicke zuwarfen, mit diesem Schauspiel verbrachte ich meine elf Bier. Jemand hatte, wohl zur Deeskalation, dieses Bier stark verwĂ€ssert, so dass ich noch völlig nĂŒchtern war, als meine Stange sich dem Ende zuneigte. Wir saßen mit Nancy an einem Tisch vor dem Zelt, als Manfred ausser Atem zu uns kam. „Scheiße, MassenschlĂ€gerei, der Jörg ist dabei! Die sind in den Wald geflĂŒchtet, wir mĂŒssen hinterher! Wenn die da Feuer machen, brennt uns hier alles ab!“ Trotz der Aufregung wirkte sein Geschrei routiniert. Blitzartig befanden wir uns in Manfreds weißem Fiesta und rasten ĂŒber einige Straßen auf einen Feldweg zu und schließlich in den nahen Wald. „Dort! Feuer! Ein Licht!“, riefen wir immer wieder, doch wenn wir in die Richtung des Lichtes fuhren, war es schon wieder weg. Es muss ein, zwei Stunden gedauert haben, jedenfalls war es etwa drei Uhr, als Manfred die Suche aufgab. Er hatte jetzt auch keine Lust mehr auf das Fest, na, und uns war das nur Recht. Erschöpft machten wir uns auf den Heimweg, ich musste auch dringend aufs Klo.
Dass ich da nicht der einzige war, merkte ich, als ich den Hausflur betrat, denn beide Hunde hatten auf den Teppich geschissen. Ein wenig fassungslos gingen wir hoch in unser GĂ€stezimmer. Das Bett war noch warm von dem großen Hund, der bis eben darin gelegen hatte.

Am Sonntag waren Sylvia und ich frĂŒh wach, unsere Gastgeber auch. Manfred wĂŒrde heute damit zu tun haben, nach den Jungs zu gucken, und so war es im Sinne aller, dass wir nach einem kleinen FrĂŒhstĂŒck bald aufbrechen wĂŒrden. Geredet wurde nicht viel. Als Manfred bemerkte, dass in seinem Ei zwischen all dem Denaturierten ein totes KĂŒken steckte, musste er sich erbrechen gehen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!