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Leselupe.de > Fantasy und MĂ€rchen
Am See
Eingestellt am 27. 06. 2019 10:27


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fuuly
Hobbydichter
Registriert: May 2017

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Am See
Inmitten dieser gemĂŒtlichen Stadt - der Name sei hier vorsorglich verschwiegen - konnte man, mehr natĂŒrlich, denn kĂŒnstlich angelegt, einen kleinen See bewundern. Ein munteres BĂ€chlein, welches sich von den umgebenen HĂŒgeln herabschlĂ€ngelte, fragte nicht lange, um sich in einer Senke seelenruhig breit zu machen. Manche sagten, das sei nur ein unbedeutender TĂŒmpel, andere sprachen von einem Weiher. Das beeindruckte aber die vielen Bewohnern dieses sanften GewĂ€ssers in keinster Weise. Milliduck, die stolze Entenmutter zog acht kleine NachwuchsknĂ€uel schlabbernd hinter sich her und rief zu den NilgĂ€nsen am Ufer hinĂŒber, sie sollten sich nicht wieder so aufregen, wenn die Kinder der Stadt und allen voran der gestörte Klaus mit flachen Steinen nach ihnen warfen.
Was die Kinder nicht wussten, die Tiere am Teich und in der Stadt verstanden jedes Wort der Menschensprache. Sie wussten ganz genau, was bei den Menschen los war, was ihre PlĂ€ne sind und ob sie gut oder böse ĂŒber die Stadttiere sprechen. „Das wisst ihr doch lĂ€ngst, dass wir in Deckung gehen, wenn die Kinder aus der Schule kommen und uns Ă€rgern. Hat ihnen denn niemand beigebracht, den Tieren in der Stadt mit Respekt zu begegnen?“
„Sie hĂ€tten uns ja von ihrem Pausenbrot etwas abgeben können“, meinte das Blesshuhn Gorni.
„Du weißt doch, dass die Stadt das FĂŒttern am Teich verboten hat, es steht ĂŒberall an diesen hĂ€sslichen Schildern geschrieben, wo auch im Sommer gewarnt wird, die EisflĂ€che nicht zu betreten“, sagte der Nilgansvater, den sie alle nur den Pharao nannten, weil er so wĂŒrdevoll und selbstbewusst umherschritt und sich um die Belange der Teichbewohner kĂŒmmerte, sogar mit Eingaben an die Stadtverwaltung, die allerdings seine gutgemeinten VorschlĂ€ge geflissentlich ignorierte. Die meisten Menschen dieser Stadt, von dem gestörten Klaus einmal abgesehen, liebten aber dieses Wasser und ihre Bewohner, ĂŒberhaupt liebten sie ihre Stadt, die schönen Straßen mit den alten BĂ€umen, das viele GrĂŒn zwischen den HĂ€usern und die gute Luft, die von den nahen HĂŒgeln herabwehte.
Was aber kaum jemand wusste - auch die örtliche Presse war noch nicht dahinter gekommen - die Stadt war pleite, ratz fatz. Es war kein Geld mehr in der Stadtkasse, schon lange nicht, die nötigen Vorhaben waren lÀngst auf Pump finanziert.
Paul, der dicke TĂ€uberich und Oberhaupt der Stadttauben hatte das ausgekundschaftet und er plusterte sein Gefieder noch mehr auf, als er diese Neuigkeit am Teich gurrend zum Besten gab. Die Tauben in der Stadt haben ja bekanntlich auch kein leichtes Leben, man will ihnen ans Leder, weil sie angeblich Krankheiten verbreiten wĂŒrden und nicht stubenrein seien.
„Nehmt euch ein Beispiel an den Katzen“, pflegte der Herr Oberstadtrat Gemelius zu sagen, „die benutzen ihr Katzenklo, sind sauber und fĂŒgen sich angenehm ins Stadtbild.“ Immer wenn Paul diesen Spruch des Herrn Oberstadtrats Gemelius am Seeufer zitierte, brach die ganze Teichgemeinde in schallendes GelĂ€chter aus. „Ausgerechnet die Katzen uns als Vorbild hinzustellen. Die unseren Kindern nachstellen und die kleinen Vögel aus den Nestern fressen“, sagte Milliduck.
Aber was war jetzt die Neuigkeit? Paul wartete bis sich eine gehörige Zahl Zuhörer am Teichufer eingefunden hatte.
„Ich habe die Stadtratssitzung belauscht“, sagte Paul. FĂŒr ihn war es ein leichtes, am Rathaus durch die Drahtabsperrungen zu gelangen, denn es gab ein Einflugloch, das die stĂ€dtischen Arbeiter ĂŒbersehen hatten, so konnte er, wenn Stadtratssitzung war, immer am Oberlicht des Sitzungssaals versteckt zuhören, was die StadtvĂ€ter und -mĂŒtter miteinander beratschlagten.
„Also“, begann Paul, „sie sind sowas von pleite. Sie können die GehĂ€lter der Stadtbediensteten nicht mehr bezahlen, es reicht gerade noch fĂŒr ihre eigenen DiĂ€ten. Die lieben StadtvĂ€ter und -mĂŒtter haben das ganze Geld verprasst. Wie ihr wisst, wurde das Schwimmbad schon im letzten Jahr nicht mehr mit Wasser befĂŒllt, das Theater geschlossen und die Straßenreinigung nur noch zweimal im Jahr durchgefĂŒhrt. Aber das half ihnen auch nicht, die Verzweiflung geriet an ihren Höhepunkt. Aber da kam der schlaue Oberstadtrat Gemelius mit einer verblĂŒffenden Idee.
Der sagte folgendes: 'Wir können mit einem Schlag nicht nur unsere Schulden loswerden, sondern auch noch einen guten Batzen Kapital in unseren StadtsĂ€ckel fĂŒllen, wenn wir ein Angebot annehmen, was streng vertraulich sei, denn das ist die Bedingung, dass nicht andere StĂ€dte auch auf diese Idee kommen und uns das Angebot womöglich vor der Nase wegschnappen. Wenn wir also in Geheimverhandlung treten mit diesem Konzern.'
'Welchen Konzern, was, wie?', fragten gierig die anderen im Stadtparlament.
'Nun', fuhr Herr Oberstadtrat Gemelius fort, 'es gĂ€be die Möglichkeit unser stĂ€dtisches Eigentum zu verkaufen und es umgehend zurĂŒck zu leasen. Wir wĂŒrden sofort einen riesigen Millionenbetrag einnehmen und die verkauften Einrichtungen - aber vertraglich gesichert - wieder als Mieter von diesem Konzern zur VerfĂŒgung gestellt bekommen.'
Es erhob sich ein unglaubliches Gemurmel und Geschwatze in dem Sitzungssaal“, sagte Paul, „die Aussicht, schlagartig wieder reich zu sein, hat sie alle von den Sitzen gerissen, selbst sonst so verfeindete ParteianhĂ€nger lagen sich schmachtend in den Armen.“
Herr Oberstadtrat Gemelius hatte auch schon einiges vorbereitet, um einen Mehrheitsbeschluss voranzubringen, einen Vertragsentwurf mit etwas ĂŒber 1000 Seiten lag vor ihm auf dem Tisch, allerdings abgefasst in englischer Sprache, das störte aber nicht. Die Begeisterung war so groß, dass es keiner weiteren Argumente mehr bedurfte. Die Möglichkeit ĂŒber Nacht eine reiche Stadt zu werden, ließ alle wie von Sinnen gierig geifern.
So kam es zu der Vertragsunterzeichnung, zu der man nach Übersee reisen musste. Der Konzern ĂŒbernahm alsbald die öffentlichen Einrichtungen, nicht nur die Stadthalle, das Kurhaus und die Straßenbahnen, auch alle Wohnungseinheiten, die vorher in kommunaler Hand bestens aufgehoben waren. Die Stadt hatte keine VerfĂŒgungsrechte mehr und der Konzern bestimmte die Höhe der Mieten und die Fahrpreise der Straßenbahn. Vermutlich stand das alles im Kleingedruckten. Die Menschen stöhnten bald unter dem Knebel dieser Finanzhaie. Wer sich beschweren wollte, musste eine kostenpflichtige Hotline anrufen, aus der aber nach ewig nervigem Verweilen in langen Warteschleifen keine Antwort kam. Den Tieren hĂ€tte es egal sein können, aber auch der Teich wurde trockengelegt, das Wasser des Baches in ekelhafte dunkle Rohre gepresst und abgeleitet. Der gestörte Klaus irrte umher, weil er keine Steine mehr zum Werfen fand. Der Konzern hatte alles betoniert.
Pharao fand fĂŒr die Tiere jedoch schon einen Ausweg. Bekanntlich hat das Wasser keine Balken und auch ein kleines BĂ€chlein kann man nur kurz in Rohre zwĂ€ngen, irgendwo kommt es wieder zum Vorschein. So war zehn Kilometer sĂŒdlich ein kleiner See entstanden, auf unbebautem, freiem GelĂ€nde. „Dort können wir eine neue Heimat finden.“ Die Menschen aber stöhnten unter den geknebelten Bedingungen, zumal der undurchsichtige Konzern nach einer bescheidenen Anzahlung die restlichen, in schmerzlicher Not ersehnten MillionenbetrĂ€ge, einfach nicht zahlte. Der war wohl selbst in die Finanzkrise geraten. Die BĂŒrger verließen alsbald in Scharen die Stadt und suchten sich ĂŒberall im Lande eine neue Bleibe.
Lediglich Oberstadtrat Gemelius war dort geblieben, völlig verarmt und um den Verstand gebracht, aber den hatte er ja vorher schon nicht recht zu nutzen gewusst. So lag er auf alten Zeitungen, in denen seine frĂŒheren Heldentaten zu lesen standen, in muffige Wolldecken gehĂŒllt unter der Rathaustreppe wenn Paul mit seinen Tauben vorbei flog und ihm etwas EntengrĂŒtze brachte, mit besten Empfehlungen von den ehemaligen Teichbewohnern, die nun unbehelligt und glĂŒcklich im SĂŒden ein schönes Leben fĂŒhrten.

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fuuly
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Vielen Dank Helene fĂŒr deine Reaktion.
Ich will mir deine Anmerkungen zu Herzen nehmen. Ich möchte ja nicht, dass Leser sich durch Texte quĂ€len mĂŒssen!
Gruß
Fuuly (Ulrich)

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