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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Am Sonnenstrand vor 50 Jahren
Eingestellt am 10. 05. 2018 22:25


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Robert Werner
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2018

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Neulich suchte ich in meinen alten Fotografien nach etwas Bestimmtem und da stieß ich auf mein Album “Sommerurlaub in Bulgarien“. Ich war damals 14-15 Jahre alt und mein Vater wollte uns, den Eltern und mir, eine besondere Reise gönnen, eben diesen Urlaub. Nun war die pauschale Flugreise in jenen Jahren ja noch etwas Exklusives, und wir hatten genug Mut und Geld fĂŒr einen Aufenthalt im “Ostblock”. Das war fĂŒr uns eingemauerten Westberliner schon etwas unheimlich. Man traf sich also am Funkturm, ich glaube eine Art Busbahnhof gab es damals schon. Der Reiseleiter wartete bereits und sammelte die Ausweise ein und es ging los. Bald hielt der Bus am GrenzĂŒbergang Schönefeld, wo dann die Vopos in den Bus stiegen und die TĂŒren bewachten. Die Ausweise wurden peinlich genau mit ihren Besitzern verglichen, dafĂŒr musste sie der Reiseleiter wieder herausrĂŒcken. Da weder bekannt staatsfeindliche SommergĂ€ste im Bus waren, noch staatsmĂŒde DDR BĂŒrger in den Bus wollten, ging es zur eigentlichen zĂŒgigen Abfertigung. Schon nach wenigen Stunden Wartezeit im sommerlich warmen Glastransitkasten wurde unser Flug aufgerufen. Man ging ĂŒber das Vorfeld zum Flugzeug, irgendwas mit Operettennamen, Tupolew oder Iljuschin und 2 großen Propellern und passierte beim Einsteigen vorne die beiden Mechaniker, ans Licht gestiegen aus den hydraulischen Innereien unterhalb des Cockpits, auf deren Weg zu neuen Taten. Dialog: “MĂŒĂŸte halten..wa?” “Jo”. Zutiefst beruhigt stiegen wir in die Maschine und es ging tatsĂ€chlich los. Ich hatte einen guten Platz, niemand vor mir, nur eine Wand mit einer aufgeschraubten kleinen Metallplatte. Da waren die Schrauben lose und die Platte machte immer “tacktacktacktack”. Ziemlich laut. Jetzt konnte man mit dem Fingernagel die Schrauben anziehen und hatte dann doch 1-2 Minuten Ruhe, dann wurde der Vorgang wiederholt und so verging die Zeit im Flug. Diese Flugzeuge flogen in etwa 3000 m Höhe, so dass man vom Wetter nichts versĂ€umen musste. Der Pilot war sehr erfahren und zeigte uns genau jedes ihm bekannte Luftloch. Es konnte nichts passieren, man musste ja angeschnallt bleiben. Auch konnten wir uns vom gereichten Kaffee nicht den Mund verbrennen, da dieser 1. lauwarm, 2. auf der Hose landete und dort graziöse Flecken bildete. Mit diesen hell- bis dunkelbraunen Flecken auf Hose und Rock versehen, stiegen dann die Passagiere aus dem Flugzeug und sahen aus wie die Teilnehmer einer AOK Durchfallstudie, rochen aber besser.. Nach der Landung wurden die Passagiere durch grĂŒndliche Untersuchung vom Verdacht der Volksfeindschaftlichkeit befreit. Da sĂ€mtliche FlĂŒge samstags stattfanden war das Heer der Erholungssuchenden betrĂ€chtlich. Der Flughafen Burgas hatte damals eine kleine Halle, die bereits völlig gefĂŒllt war. Aber die pfiffigen Bulgaren wussten sich zu helfen. Vor dem Flughafen auf dem Parkplatz waren flohmarktartige Buden aufgestellt, auf deren Tischen man nun den Beamten seine westliche UnterwĂ€sche und anderes Schönes zeigen durfte. Fein, dass das Wetter mitspielte und die Mittagssonne, von Wolken unbehelligt, liebevoll auf uns hinabbrannte. Die Beamten fanden nichts und nach dem Einpacken durften wir alle ziehen. Nun fuhren wir auf guter Strasse zum nahen Sonnenstrand und wurden in den damals nagelneuen Hotels in schönen Parkanlagen ausgeladen. Ich fĂŒhlte mich jetset- mĂ€ĂŸig ,wie Gunter Sachs, falls den noch jemand kennt. Wir waren angekommen.

Da die Bulgaren nicht umsonst die Preußen des Balkans genannt wurden, haben sie damals ein genaues System zum Genuss der Vollpension erdacht. Die sog. Talons. Bei Ankunft erhĂ€lt jede Person einen beschrifteten Umschlag vom Reiseleiter. Dame MĂŒller, Herr MĂŒller, Kind MĂŒller, z.B. Darin befindet sich eine Art Spielgeld, abgezĂ€hlt fĂŒr die einzelnen Tage. Man kann also mal weniger mal mehr essen, oder nur trinken. Dies natĂŒrlich nur in den staatlichen Restaurants, also nicht in den netten Folklorelokalen und gemĂŒtlichen Kneipen. Da mein Vater Prokurist und somit gelernter Buchhalter war, saß er abends lange auf dem Bettrand und schichtete aufgeregt die Talons in den UmschlĂ€gen hin und her und erteilte Order an uns, bezĂŒglich der am nĂ€chsten Tag erlaubten Speisekosten. Vor unserer Reise wurde uns von kundigen
Bekannten empfohlen, das Trinkgeld fĂŒr die Kellner nicht erst am letzten Ferientag zu ĂŒberreichen, sondern gleich beim ersten Besuch dem ersten Kellner zu geben, um damit fĂŒr die ganze Zeit Zuneigung, Treue und gute Bedienung zu erhalten. Dazu seien am besten Strumpfhosen und Kugelschreiber geeignet. Also saßen wir am ersten Abend mit Strumpfhosen und Kugelschreibern am Tisch und warteten auf Dienstleistungen, die wir sofort zukunftssicher belohnen wollten. Nach einigen Pannen erwischten wir einen sehr angenehmen Herrn als “unseren” Kellner, der Herr war Akademiker, einem Studienrat vergleichbar und in den Sommerferien, wie viele andere Bulgaren auch, dienstverpflichtet, da ja die Schulen geschlossen und Kellner am Arbeitsmarkt nicht vorhanden waren. Einmal wöchentlich wurden alle kurz vor Restauranteröffnung politisch geschult und waren dann eine Weile mĂŒrrisch, wir waren ja schließlich Feinde. Nur das Geld und die Strumpfhosen waren Freunde.

Wollte man mal ein anderes Lokal, als Selbstzahler, besuchen, die “WindmĂŒhle am HĂŒgel”, beispielsweise, konnte man sich ein Taxi nehmen. Taxifahren ging so: Auf dem ausgewiesenen Taxiplatz standen einige Taxen und einige MĂ€nner, die sich unheimlich viel zu erzĂ€hlen hatten. Man versuchte, eine Pause abzupassen und sein Anliegen vorzubringen. Ich konnte ja kein bulgarisch, aber das GesprĂ€ch zwischen den Fahrern ging ungefĂ€hr so: “Fahr Du ! “ “ Ich? ich bin doch gerade erst gekommen!” “Na und? Dann Du!”” Warum ich? Immer soll ich alles fĂŒr euch machen!” Meist kam dann ein weiterer Taxifahrer gerade an, der JĂŒngste in der Gruppe und der wurde gleich wieder von den Kollegen mit den FahrgĂ€sten losgescheucht und die anderen konnten sich wieder auf ihren ursprĂŒnglichen spannenden Austausch konzentrieren. Da die Fahrer PrĂ€mien fĂŒr geringen Benzinverbrauch erhielten, fuhren sie generell im 4. Gang oder eben gar nicht.. Auch hĂŒgelaufwĂ€rts, was der Motor mit freudigem Klingeln begrĂŒĂŸte. HĂŒgelab wurde der Motor abgeschaltet und man raste auf singenden Pneus ansonsten lautlos, nur unterbrochen von schreienden FußgĂ€ngern, die uns ja nicht kommen hörten und schnell zur Seite sprangen, die kurvige Strasse hinab. Klingelnd und singend erreichten wir das Ziel. Mein Lieblingsessen dort war eine Art Grillteller und hieß “Allerlei vom Rost”, im Gegensatz zu den Taxen, die ja “Allerlei mit Rost” waren.

Auch unsere Mitdeutschen, denen es nicht so gut ging, konnten dort Urlaub machen. Sie reisten mit dem Trabbi und hoch aufgeschichteten GepĂ€ckstĂŒcken auf dem Dach, sowie gerĂ€umigen und wohlgefĂŒllten AnhĂ€ngern an. Der Innenraum des Trabbi bot Platz fĂŒr zahlreiche Familienmitglieder und den geliebten, reisegeimpften Hund. Um alle vor zersetzendem westlichen Gedankengut zu schĂŒtzen, mussten sie auf eingezĂ€unter Lichtung campen oder HĂŒtten beziehen und dort ihre Dosen wĂ€rmen, was der Urlaubsfreude aber keinen Abbruch tat, glaube ich. Manchmal standen abends einige von ihnen vor den Restaurants und guckten den Westlern beim Essen zu. Es gab auch russische Urlauber dort. Die wurden von ihren Reiseleitern in Marschblöcken aufgestellt und marschierten so durch die Restaurants zum reservierten Langtisch. Jeder bekam ein Glas zu trinken und es wurde jedem ein Teller hingestellt. Nach kurzer Zeit war alles erledigt und die Marschkolonne verließ diszipliniert im Gleichschritt den Speisungsort.

Das Meer und der riesige Strand waren wunderschön und beim Bocciaspielen lernten wir eine nette Schweizer Familie kennen. Am nĂ€chsten Tag waren sie wieder da und zum Spiel bereit. In der folgenden Nacht schlief ich wenig und freute mich auf den nĂ€chsten Tag, da mir die Tochter der Schweizer gut gefiel. Jedoch, sie kamen nie mehr. Da mir schon bekannt war, dass bei Melancholie auf jeden Fall Alkohol zum Einsatz kommen sollte, probierte ich am Abend zwei GetrĂ€nke aus. Ein Wodka 100 g. Der Schnaps wird vom Wirt in eine Mensur, wie im Chemiebaukasten, gegossen und fĂŒllt dann ein mittleres Zahnputzglas. Aahhh. Nicht schlecht. Die Einheimischen in der Bauernkneipe feixten mir fröhlich zu. Dann gab es noch ein GetrĂ€nk, das wie Haarwasser riecht, schmeckt und wahrscheinlich auch ist, es heißt dort “Armenischer Kognak”. Meine Melancholie war nun verflogen und meine Gedanken wurden hell, aber meine damals noch jungen Beine wackelig. Die Sicht ließ auch zu wĂŒnschen ĂŒbrig, sie tendierte eindeutig zum Doppelbild, das Hören fand nun mit Halleffekten statt. Auf dem Heimweg durchquerte ich stolpernd das zwar jetzt doppelt sichtbare
aber dennoch von mir ignorierte Rosenbeet- Rondell vor unserem Hotel, riss mich vor der Rezeptionistin zusammen und gelangte ziemlich dornenzerkratzt in mein Zimmer. Die Nacht verbrachte ich, Karussell fahrend, mit Magenaufwallungen und schlechtem Gewissen, aber das geht ja jedem jungen Ausprobierer starker GetrÀnke zunÀchst so.

Morgens war ich grĂŒn im Gesicht, mir war schlecht, und Gedanken an die Schweizerin waren, wie an das FrĂŒhstĂŒck, nicht willkommen. Am Nachmittag jedoch war mir nur noch krĂ€nklich, und ich freute mich auf einen kleinen Imbiß. An der Hauptstrasse des Sonnenstrandes gab es einen Kiosk, ich kannte ihn schon aus gesunden Tagen, der verkaufte, nur wenige Stunden tĂ€glich, WĂŒrstchen mit Brot und Senf. Meist hieß es: “Heute nix Brott”, oder “heute nix Sennef”. Alle drei Bestandteile gab es eher selten. Dennoch, ich kriegte etwas zu essen.

Abschließend bleibt mir noch ĂŒber das Geldwechseln zu berichten ĂŒbrig. Vorbehaltlich möglicher ErinnerungslĂŒcken verhielt es sich so: Der legale Wechselkurs in Bulgarien war 1:2. 10 Lewa fĂŒr 20 DM. Das war durchaus akzeptabel, es gab fĂŒr einen Lewa Waren und Dienstleistungen wie fĂŒr zwei DM bei uns. Eher mehr. Man erhielt beim Umtausch einen Beleg, den man eventuell am Flughafen vorzeigen musste, als PlausibilitĂ€tsbeweis, so zu sagen. Man musste ja irgendwas ausgegeben haben! Wenn privat getauscht wurde, was streng verboten war, kosteten 10 Lewa etwa 1-2 DM, also quasi nachgeschmissen. DiesbezĂŒgliche Angebote wurden einem beim abendlichen Spaziergang bei jeder Gelegenheit von Menschen aller Art zugeraunt. “Wollen tauschen?” War die eigene Gier zu groß, weil der angebotene Wechselkurs noch schöner klang, ging die Sache auch mal schief. Man erhielt dann fĂŒr seine 100 DM ein GeldscheinbĂŒndel, dass sich bei nĂ€herer PrĂŒfung als jugoslawische Dinare entpuppte. Leider wurden beim flinken Strassentausch nur die Ziffern der Scheine angeschaut und es waren keine 2000 Lewa, sondern eben Dinare fĂŒr die man in Deutschland bei seiner Bank irgendwas unter 10 DM erhielt. Es soll auch einen jungen Reisenden gegeben haben, der in Deutschland schon bei seiner Hausbank etliche Lewa bestellte und vor der Reise dort abholte. “Die Einfuhr von Lewa in Bulgarien ist streng verboten!”, sprach der Bankmensch. “Ja”, antwortete der junge Mann. Er war sehr klug und steckte das verpackte Geld in eine Shampoo- Flasche. Beim Aufschneiden der Flasche im Hotelzimmer hielt die Geldverpackung nicht, und er hatte einen schĂ€umenden, klebrigen, nassen Geldhaufen, der angenehm und duftig roch. Alle Scheine wurden gewaschen, gespĂŒlt und mussten trocknen. Föne in Hotelzimmern gab es damals nicht. Dort nicht. Es war auch mit dem Erscheinen eines ZimmermĂ€dchens zu rechnen, oder eines Handwerkers wegen der empfindlichen Installationen, wie dann das im Zimmer verteilte Geld erklĂ€ren? Fenster zu! Die Meeresbrise blĂ€st die Scheine zum Balkon und vom Nachbarbalkon wird auch schon um die Trennwand gespĂ€ht. Wie Fafner bewacht der junge Mann seinen Hort, in stickiger, abgedunkelter Hotelhöhle. So vergingen die ersten zwei Urlaubstage. Dann begann die schöne Urlaubszeit, denn der junge Mann war durch GeldwĂ€sche reich geworden.

Man muß es schon zugeben: Nur dem zufĂ€lligen Umstand im Westen geboren worden zu sein, ist es zu verdanken, dass unsereiner sich schon in den 60 igern, in frĂŒhen Lebensjahren, am Schwarzen Meer, am feinsandigen Sonnenstrand, mit mehreren krĂ€ftigen Mahlzeiten tĂ€glich und Pilsner Urquell dazu, wochenlang in der Sonne sorgenfrei rĂ€keln konnte. Jetzt fallen mir gerade wieder die Ostler ein, wie sie abends zuguckten, wie und was ich esse. Das war mir damals schon, zurecht, etwas peinlich. Wie einem Losgewinner auf dem Rummel.


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Ego sum, qui sum

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