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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Am Strand
Eingestellt am 25. 07. 2003 22:39


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Estrella
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

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Am Strand

Marie stand am Ufer und blickte ├╝ber das Meer.
Grau war es an diesem Nachmittag und spiegelte die Farbe des tr├╝ben Oktoberhimmels wieder. Der Strand lag einsam und verlassen hinter ihr, nichts erinnerte mehr an das bunte Treiben des Sommers. Selbst Maries dunkelblaue Augen schienen jegliche Leuchtkraft verloren und den trostlosen Grauton dieses ungem├╝tlichen Herbsttages angenommen zu haben. Der Wind fuhr in ihre langen blonden Haare und wehte ihr immer wieder einzelne Str├Ąhnen vor das Gesicht. Doch sie schien es gar nicht zu bemerken. Ihr Blick war starr auf den Horizont gerichtet, schien sich im Unendlichen zu verlieren.
Wie sollte es nun weitergehen? Carlos hatte ihr soeben klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass er sie nicht mehr sehen wollte, dass es keine gemeinsame Zukunft f├╝r sie geben k├Ânne. Dabei hatte alles so romantisch angefangen, und er hatte ihr so viele Versprechungen gemacht.

W├Ąre sie doch blo├č niemals auf diese Zeitungsannonce gesto├čen: Aupairm├Ądchen f├╝r deutsche Familie in Moraira, Spanien gesucht. Sie hatte sofort einen Atlas zur Hand genommen und diesen sch├Ân klingenden Namen auf der Karte gesucht. Er lag an der Costa Blanca zwischen Valencia und Alicante.
Noch am gleichen Tag hatte sie Kontakt zu der Familie aufgenommen und nach zwei Tagen eifrigem Mailens schlie├člich die Zusage bekommen. F├╝r Marie war dies endlich ein Anlass gewesen, der langweiligen Routine ihres Alltags zu entkommen. An ihrem Job als Sekret├Ąrin bei einer kleinen Druckerei hatte sie schon lange keinen Spa├č mehr gehabt, und ihre letzte Beziehung lag nun auch schon fast ein Jahr zur├╝ck. So versprach dieses verlockende Angebot eine willkommene Abwechslung zu werden und Marie, die schon immer eine Spielernatur gewesen war, st├╝rzte sich mit klopfendem Herzen in ihr Spanienabendteuer. Elli und Markus Sonnenberg nahmen sie herzlich in Empfang und ihre beiden Kinder, ein Junge von neun Jahren und ein M├Ądchen von sechs schlossen sie auch sofort ins Herz.

Sie verbrachte einen wundersch├Ânen, sorglosen Sommer, nat├╝rlich auch Dank Carlos. Trotz ihrer gedr├╝ckten Stimmung musste Marie l├Ącheln, als sie an ihre erste Begegnung mit ihm dachte. Es war in einem M├Âbelgesch├Ąft gewesen. Elli hatte sie gebeten, nachzufragen, was eine neue Kommode mit Schubladen f├╝r das Kinderzimmer kosten w├╝rde. Marie war damals noch nicht lange in Spanien gewesen, und ihre Spanischkenntnisse hatten daher noch sehr zu w├╝nschen ├╝brig gelassen. Elli hatte ihr zwar ungef├Ąhr gesagt, wie sie sich ausdr├╝cken musste, aber als Marie dann „quanto cuesta un armario con cojones?“ herausgebracht hatte, was soviel wie ‚was kostet ein Schrank mit Schubladen’ hei├čen sollte, konnte sie nicht verstehen, warum sie nur schallendes Gel├Ąchter geerntet hatte. Bis ein gutaussehender junger Mann, Carlos, sie aufgekl├Ąrt hatte.
„Diesen Fehler machen leider alle Touristen irgendwann einmal“, hatte er in fliesendem deutsch gesagt, „ das Wort f├╝r Schubladen ist ‚cajones’ und nicht ‚cojones’. Dann hatte er sich zu ihr hin├╝bergebeugt und ihr ins Ohr gefl├╝stert: „ Cojones bedeutet m├Ąnnliches Geschlechtsteil.“ Marie war zun├Ąchst rot angelaufen, hatte aber dann in das allgemeine Lachen mit eingestimmt. Carlos hatte sie danach noch auf einen ‚Caf├ę con leche’, einen Milchkaffee eingeladen.


Sie hatten sich seit dem Zwischenfall in dem M├Âbelgesch├Ąft fast jeden Tag gesehen und waren sich langsam n├Ąhergekommen. Carlos war siebenundzwanzig Jahre alt, also genau f├╝nf Jahre ├Ąlter als Marie. Er war Rechtsanwalt und arbeitete in der Kanzlei seines Vaters. In den Sommermonaten war diese auf Grund der Hitze nur bis F├╝nfzehn Uhr ge├Âffnet, und so hatten sie sich oft am Strand getroffen, wo Marie die Nachmittage mit den Kindern verbrachte. Abends, wenn diese dann im Bett waren und Elli und Markus nicht weggehen wollten, hatten sie in einem der vielen Fischrestaurants gegessen oder sich mit einer Flasche Rotwein und einigen Windlichtern bewaffnet auf die Klippen gesetzt. Hier war es auch, wo sie zum erstenmal miteinander schliefen. Carlos war ein sehr z├Ąrtlicher, behutsamer Liebhaber. Marie durchzuckte ein wohliger Schauer, wenn sie an Carlos muskul├Âsen K├Ârper dachte, an seine schwarzen Locken und daran, wie seine H├Ąnde sie ├╝berall ber├╝hrt hatten und er ihr zum ersten Mal ‚te quiero mi corazon’ ins Ohr gefl├╝stert hatte. Maries Herz wurde im Sturm erobert und sie war noch nie gl├╝cklicher gewesen, als in jenem Sommer.

Eine M├Âwenschar zog laut kreischend ihre Kreise am Himmel und holte Marie in die graue Wirklichkeit zur├╝ck. Wie zuf├Ąllig streichelte sie ├╝ber ihren Bauch. Noch war er sch├Ân flach und verbarg, dass dort seit ungef├Ąhr sechs Wochen ein neues Leben heranwuchs. Wie geschockt war sie doch gewesen, als ihre Regel ausgeblieben und der Schwangerschaftstest positiv gewesen war. Wie w├╝rde Carlos wohl reagieren? W├╝rde er zu ihr stehen, schlie├člich waren sie ja beide daran beteiligt gewesen. Sie hatte so schnell wie m├Âglich mit ihm geredet. Doch sie meinte noch immer dieses W├╝rgegef├╝hl im Hals zu sp├╝ren, als sie an seine Worte dachte, leise gefl├╝sterte Worte, die jedoch in ihrem Innersten wie laute Schreie geklungen hatten: „Es tut mir leid, aber wir k├Ânnen nicht zusammenbleiben, es ist schon lange abgemacht, dass ich die Tochter des Kompagnons meines Vaters heiraten werde. Sie hat bisher in Madrid studiert und kommt nun zur├╝ck." Er hatte sie also die ganze Zeit nur als netten Zeitvertreib benutzt, bis er endlich eine Andere heiraten konnte. „Ich wei├č, du kannst das nicht verstehen“, hatte er versucht zu erkl├Ąren, „aber meine Familie ist sehr altmodisch und traditionsbewusst. Mach dir keine Sorgen wegen des Kindes, ich werde mich erkundigen, wo du es wegmachen lassen kannst.“ Wie Peitschenhiebe hatten seine Worte auf sie gewirkt. Dieses Kind, ihr Kind, schien ihm ├╝berhaupt nichts zu bedeuten. All seine Worte, seine Versprechungen l├Âsten sich auf wie der Schaum, welchen die Wellen auf dem Sand des Strandes zur├╝cklie├čen. Marie h├Ârte nicht auf, ihren Bauch zu liebkosen. Hatte sie das Recht, dieses aufkeimende Leben einfach auszul├Âschen? Doch andererseits, was w├Ąre, wenn sie das Baby behalten w├╝rde? K├Ąme sie in einem fremden Land als alleinstehende Mutter zurecht? Nach Deutschland wollte sie auf keinen Fall mehr zur├╝ck, daf├╝r hatte sie sich bereits viel zu sehr an die mediterrane Lebensweise gew├Âhnt. Fragen ├╝ber Fragen st├╝rzten auf sie ein und verlangten nach einer Antwort.

Sie drehte sich um und ging langsam am Strand entlang. Dabei versuchte sie, das Wirrwarr ihrer Gedanken zu ordnen, L├Âsungen zu finden. Weiter vorne sah sie eine Mutter mit ihrem Kind, es schien gerade erst laufen gelernt zu haben. Es stakste unsicher auf seinen kleinen dicken Beinchen ├╝ber den Sand und fiel ungef├Ąhr bei jedem f├╝nften Schritt auf die Nase. Seine Mutter half ihm jedes Mal wieder auf und klopfte den Sand von seiner Kleidung. Marie blieb stehen und betrachtete eine Weile dieses vertraute Zusammenspiel von Mutter und Kind. Pl├Âtzlich wusste sie, dass sie das Baby, ihr Baby behalten wollte.
Sie w├╝rde auch ohne dazugeh├Ârigen Vater zurechtkommen und dem Kind eine liebevolle Mutter sein. Und als ob noch jemand ihre Entscheidung begr├╝├čen w├╝rde, riss in diesem Augenblick die Wolkendecke auf. Ein erster vorwitziger Sonnenstrahl ber├╝hrte die Wasseroberfl├Ąche und hinterlie├č einen silbernen Kreis. Voller Hoffnung machte sich Marie auf den R├╝ckweg. Ihre blauen Augen erstrahlten in altem Glanz und blickten nun zuversichtlich in die Zukunft.

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Andrea
???
Registriert: Aug 2000

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Am besten gef├Ąllt mir der f├╝nfte Absatz, direkt dahinter rangiert der dritte Absatz. Beide gewinnen dadurch, da├č sie sehr einpr├Ągsam und lebendig den Kern der Geschichte voranbringen. Ein Gro├čteil der anderen Abs├Ątze besteht aus Aufz├Ąhlungen, aus Einzelheiten und Vergangenheitsbildern, die nicht zwingend notwendig sind. Ist die Gastfamilie wichtig? Die genaue Lage des Ortes? Die Art der Kontaktaufnahme? Oder auch wer sie in das M├Âbelgesch├Ąft geschickt hat? Sie war da, um einen Schrank zu kaufen; das ist wichtig. Auch eine Menge von der Liebesgeschichte und dem Hintergrund CarlosÔÇś ist nicht zwingend notwendig; so rutscht der vierte Absatz stark in einen Aufz├Ąhlungscharakter ab.

Einige Informationen kommen zu falschen Zeitpunkt, etwa w├╝rde ich ÔÇ×Wie sollte es nun weitergehenÔÇť und die folgenden restlichen S├Ątze des ersten Absatzes streichen, denn den gesamten Inhalt wirst du sp├Ąter ja noch einmal aufgreifen. ├ťbrigens gelingt dir in diesem ersten Absatz vorher ├╝beraus elegant die Kurve weg vom Klischee und Schmalz hin zu einer atmosph├Ąrisch dichten Naturbeschreibung, die am Schlu├č sehr gelungen wieder aufgenommen wird. Einzig das ein oder andere Detail w├╝rde ich da streichen (z.B. da├č sie blond ist, ist unerheblich).

W├Ąhrend ich also im ersten bis f├╝nften Absatz streichen w├╝rde, war ich im sechsten etwas entt├Ąuscht: ÔÇ×Pl├Âtzlich wusste sie, dass sie das Baby, ihr Baby behalten wollte. Sie w├╝rde auch ohne dazugeh├Ârigen Vater zurechtkommen und dem Kind eine liebevolle Mutter sein.ÔÇť Das ist der ganze Entscheidungsvorgang, den du deinen Lesern pr├Ąsentierst. Noch dazu ist er, und hier ist viel (zu) Bekanntes, nat├╝rlich von einer gl├╝cklichen Mutter mit Kind motiviert, und plopp! Schon stecken wir im Klischee, das du im ersten Absatz so bravor├Âs umschifft hast. Wenigstens vers├Âhnst du die Leserschaft wieder, indem du die Bilder vom Anfang gekonnt wieder aufnimmst und auch hier wieder der gef├Ąhrliche Balanceakt zwischen Pathos und Gef├╝hl gelingt.

Fazit: Was die Detaildichte der Vergangenheit von Marie und der Liebesgeschichte betrifft: k├╝rzen, straffen, streichen. Behalte immer den Blick auf das Wesentliche, auf die momentane Situation deiner Hauptfigur, und nutze alles andere nur, um dieses zu unterst├╝tzen. Was das Ende betrifft: ausarbeiten. Es mu├č kein gro├čer innerer Konflikt folgen, kein Monolog ├╝ber drei oder vier Abs├Ątze, aber ein bi├čchen mehr Motivation bei der Entscheidungsfindung w├Ąre nett. Nebenbei w├Ąre ich pers├Ânlich dir sehr dankbar, wenn nicht gerade ein auf die Nase fallendes Kind die letztendliche Ursache w├Ąre.

__________________
Andrea Rohmert

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Estrella
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2003

Werke: 14
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Am Strand

Hallo Andrea,

vielen Dank f├╝rs Lesen und Deine ausf├╝hrliche Kritik.
Ich werde die Geschichte auf jeden Fall noch einmal ├╝berarbeiten und versuchen, das Klischeehafte zu vermeiden.
Du r├Ątst mir dazu, viele der Einzelheiten zu streichen. Ich bin mir aber nicht sicher, wenn man zuviele der Beschreibungen streicht, ob die Prot. dann nicht zu blass und fremd f├╝r den Leser bleibt? Mal schauen, was ich mache.

Liebe Gr├╝sse
Estrella

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