Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5535
Themen:   94727
Momentan online:
518 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ambitionen
Eingestellt am 07. 11. 2017 16:28


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Grayson
AutorenanwÀrter
Registriert: Jul 2017

Werke: 3
Kommentare: 5
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Grayson eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ein erhöhtes StĂŒck PVC-Boden, das als BĂŒhne qualifizieren soll, ganz hinten in der Ecke. Besteckgeklacker, Geschnacke, Gemampfe, der Geruch von generischer brauner Soße Nummer Zweiundzwanzig: eine Uni-Mensa. An diesem Ort beginnt die große Karriere des aufstrebenden Hobbyslammers Max Michel. Seine Eltern betiteln ihn als besonders talentiert, Mama konnte kaum mit dem Klatschen aufhören, als sie zum ersten Mal seine Zeilen beim letzten großen Familientreffen hören durfte. Die eigene Sippe gilt bekanntermaßen als nicht allzu großer Gradmesser, immerhin wird Max von allen Michels geliebt.
Er steht da mit verkrampften Armen, die angezogen sind, als wĂŒrde er zwei Waffeln Eis in seinen HĂ€nden halten. Das GefĂŒhl von innerer Leere, das Hirn arbeitet nicht mehr, die ZahnrĂ€der stehen, die Maschine pustet ihren letzten Hauch Leben aus - ist das das berĂŒhmte Lampenfieber, von dem man ĂŒberall liest? Sein MikrofonstĂ€nder will sich nicht richtig einstellen lassen, erhebt sich und rutscht wieder runter wie das Spielzeugschwert seines kleinen Cousins, wenn er es in seinen weiten Khakishorts fallen lĂ€sst; eine Bewegung, die Vetter Ferdl regelmĂ€ĂŸig im Kampf gegen die unsichtbaren Drachen, die geschwungene Hörner wie Nussschnecken hatten, geĂŒbt hat.
ZurĂŒck zu Max: er hat sich entschlossen, das Mikro in die Hand zu nehmen und lĂ€sst den StĂ€nder in seiner Unentschlossenheit ĂŒber die eigene KörpergrĂ¶ĂŸe zurĂŒck. Ein paar Schwinger mit dem rechten Arm, das Mikrofonkabel soll ja nicht zur Stolperfalle in die artistische Irrelevanz werden; perfekt. Heute will Max eine kleine Standup-Routine darbieten. Bisschen mehr Witz als das sonstige emotional-liebliche Beziehungsgeschmachte, mit dem er die gescheiterte Liebe zu Clara verarbeiten wollte. Verarbeiten ... welch euphemistische Äußerung fĂŒr das GefĂŒhl, abgelehnt worden zu sein, die verbale Ohrfeige, die noch Tage spĂ€ter im Kopf wie die Nachwirkung eines Knalltraumas dröhnt. Max wurde abserviert nach zwei - fĂŒr ihn - sehr schönen Wochen voller Sex und gemeinsamen FrĂŒhstĂŒcks/Mittagessens/Vespers/Kaffee und Kuchens/Abendessens und ist nun verbittert. Was fĂ€llt Clara ein, jetzt mit diesem Surferschnösel Ron zu gehen? Was hat er so tolles an sich, außer eine gewellte blonde MĂ€hne und ein ZahnpastalĂ€cheln?
Die Welt ist ungerecht und Max wollte der Welt in all ihrer Ungerechtigkeit in den Hintern treten, der unausgeglichenen Waage ihre Balance zurĂŒckgeben, indem er einmal draufhaut. Diese Comedy-Show soll ihm neues Leben einhauchen, ein Richtungswechsel: Wenn das Navi im Auto "Rechts" sagt, fahr links, und so. Zwei Klopfer auf das Mikrofon, ein erwĂŒrgtes "Test Test", so leitet Max seine Vorstellung ein, die sich verstörenderweise mehr wie eine unerwartete Vorladung im Gericht anfĂŒhlt, nur, dass die Anwesenden essen und die meisten ihn nicht beachten. An den Tischen ganz vorne schauen einige zu ihm, er kennt diese Leute nicht. Allgemein kennt Max erschreckend wenig Menschen an dieser Uni, sieht man von den paar Zweckfreundschaften ab, die von gemeinsamen Referaten dominiert sind. Einmal tief durchatmen, los gehts, die Eröffnung muss sitzen:

"Hey, wie gehts euch? Mein Name ist Max Michel und ich studiere hier an der Uni Medienwissenschaften. Es sind ja ganz schön viele erschienen. Auf den Tafeln draußen stand "Heute: Semmelknödel in Curry-Geschnetzeltem" Meine Werbung hat wohl gewirkt, hehe."

Das Besteckgeklacker hĂ€lt an, als wĂ€re das hier ein Sweatshop fĂŒr Gastronomiebedarf. Keine Reaktion. Kam das "Hehe?" zu schwĂ€chlich rĂŒber, wie eine verzweifelte Suche nach externer BestĂ€tigung?

Endlich. Ein dickbebrilltes, kleines, brĂŒnettes MĂ€dchen mit Pagenschnitt kichert verstohlen. In ihren HĂ€nden ein Sandwich, das vom Druck ihres Griffs die Mayonnaise rausquetschen muss.

"Puh, ihr seid ja ein ganz schön hartes Publikum. Eigentlich wollte ich die Show heute in die Bibliothek verlegen, doch irgendjemand hat meinen Platz mit seinen BĂŒchern besetzt ..."

An der Ausgabe zerklirrt ein Teller. Das Monster der Nonreaktion terrorisiert weiterhin dieses Gebiet. "Halt endlich die Fresse!", brĂŒllt eine unbekannte Arschlochstimme aus der Ferne. Ein paar Mampfende quittieren diesen Ruf mit GelĂ€chter. Diese GleichgĂŒltigkeit unter den Kommilitonen zerfrisst Max in all seinem Ehrgeiz. Ist das wirklich der erste Schritt ins ShowgeschĂ€ft? Fangen alle so an? In einer Essenshalle in einer Hunderttausend-Einwohner-Stadt? All die tagelange GrĂŒbelei, nur um sich ProfanitĂ€ten an den Kopf werfen zu lassen? FĂŒr was mache ich diese Kacke hier eigentlich?! Mama hat doch recht, Ingenieur sollte ich werden. Wieder erklingt ein einsames kleines Kichern, als wĂŒrde die kleinste Triangel der Welt die StimmbĂ€nder dieses Menschens ersetzen. Scheiß drauf, ich zieh das jetzt durch.

"Hui, da ist aber jemand schlecht gelaunt. Du hast wohl auch keinen Platz in der Bib bekommen. Ich bin seit diesem Semester ĂŒbrigens Narkoleptiker - schlafkrank - wollte zumindest mein Arzt mir weismachen. 'Haben sie in letzter Zeit vielleicht besonderen Stress oder so, Herr Michel? Hat sich irgendwas in ihrem Leben schlagartig verĂ€ndert?', fragte er mich. Ich antwortete: 'Nein, abgesehen vom neuen Analyseseminar bei Herrn Ross.' Und daraufhin sagte er: 'Ach da haben sie ihre Antwort!'"

"Haaaha!", lĂ€rmt es sarkastisch aus der Arschlochstimme. Die Studenten an der Salatbar interessieren sich mehr fĂŒr das Gewicht ihres SchĂ€lchens als fĂŒr die geistigen ErgĂŒsse eines Möchtegernkomödianten. Doch der kleine Pagenkopf kichert wieder ...

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Werbung