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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
American Vagabond - Film von Susanna Helke
Eingestellt am 29. 10. 2017 23:14


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Arno Abendschön
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Der 2013 fertiggestellte Dokumentarspielfilm ist eine finnisch-dänisch-US-amerikanische Produktion mit der Finnin Susanna Helke als Regisseurin. Er hat bereits eine Reihe von Preisen in seinem Genre gewonnen und ist als DVD in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln auf dem Markt. Was heißt Dokumentarspielfilm? Es bedeutet, dass reale Personen ihre eigene Geschichte darstellen, teils bei unmittelbaren Aufnahmen in laufender Gegenwart, teils in von ihnen selbst nachgespielten Szenen. Helkes Plan war, das Leben junger obdachloser Schwuler in San Francisco zu dokumentieren. Bei der Vorbereitung traf sie auf James und Tyler, die eben jenes Schicksal als Paar erlitten. Sie flohen aus ihrer kleinen Stadt, als der Vater des siebzehnjährigen James den wenige Jahre älteren Tyler bei der Polizei anzuzeigen drohte.

Der Film will den Mythos von San Francisco als dem großen rettenden Hafen für sexuelle Minderheiten kritisch prüfen. Aber James und Tyler kommen nicht von weit her. Chico liegt im oberen Sacramento-Tal, etwa 300 Kilometer nordöstlich von San Francisco. Für die beiden war es einfach die nächste Großstadt. Sie scheitern dort, da sie keine materielle Existenz aufbauen können - keine Arbeit, kein Einkommen, keine Wohnung, keine Freunde. Diese Situation leuchtet der Film so einfühlsam wie kunstvoll aus. Wir lernen die alltäglichen Stationen kennen, ihre Nachtlager im Golden Gate Park, die Armenspeisungen, den kostenlosen Friseurbesuch, erfolglose Jobsuche, Gespräche mit anderen Obdachlosen. Zwischendurch erzählt James seine bedrückende Vorgeschichte: religiös engstirnige Eltern, häusliche Gewalt, Suizidideen. James ist ein vitaler und zugleich labiler Junge. Der sanfte Tyler dagegen wirkt fast wie ein buddhistischer Mönchsnovize. Die beiden könnten in New York oder Chicago, selbst in Berlin oder Hamburg in ähnlich misslicher Lage sein. Das speziell Enttäuschende an San Francisco, die Diskrepanz zwischen lokalem Glücksversprechen und desillusionierender Realität dort, wird zwar wiederholt angesprochen, kommt aber nicht ins Bild. Die arrivierten Schwulen bleiben unsichtbar. Wer lässt sich schon filmen, wenn er andere schlecht behandelt, sie verachtungsvoll ignoriert?

Der Film wechselt im letzten Drittel die Bühne und erweitert sein Thema auf überraschende Weise. James und Tyler kehren nach Chico zurück, um wieder ein Dach über dem Kopf zu haben. Vorübergehend logieren sie bei James’ prachtvoller Oma, dann unter einer Brücke. Ist es auch in Chico? Es bleibt unklar. Susanna Helke scheint die beiden über Jahre begleitet zu haben. Gegen Ende ist James schon zwanzig und ein Fall für die Justiz geworden. Jetzt rückt ins Zentrum, wie sich das Verhältnis zu seinen Eltern weiterentwickelt, und zwar zum Guten hin. Das eben ist das Überraschende, zunächst Irritierende. Ist es der Gefängniskoller, der James sich nach dem Vaterhaus sehnen, ihn dem Vater schreiben lässt, er werde künftig gern mit ihm auf die Jagd gehen – die ihm von Kindheit an so verhasst war? Mit wahrem Drive stürzt sich die Mutter in die Sorge um den Sohn, das Opfer eines vermeintlichen oder tatsächlichen Justizirrtums. Selbst der Vater, über den so viel Übles berichtet wurde, kommt noch vor die Kamera, fast stumm, bedrückt, vielleicht schuldbewusst. Alle scheinen nun Rollen zu spielen, wie in mittelmäßigen Hollywoodfilmen. Treibt das Bewusstsein, die Verfilmung ihres Lebens zu gestalten, sie dazu, typische Klischees bedienen zu wollen? Der Film muss trotz James’ Verurteilung sein positives Ende haben: die wiederhergestellte Harmonie in der Familie als großer moralischer Sieg.

Sieht man den Film öfter an, versteht man diese Motivation besser. Sie ist weniger weltlich eitel als vielmehr vor allem vom religiösen Kontext geprägt. Religiöse Begriffe sind von Anfang an mit James’ Autobiographie verbunden. Für ihn ist San Francisco "the gay promised land". Bei seiner Ankunft wähnt er schwule Götter – "gay gods" – die Stadt segnen. Entkommt er einer Gefahr, dankt er ihnen. Das ist mehr als ironische Anspielung, ist schon bewusstes Sakrileg als Auflehnung gegen den angestammten christlichen Glauben. Verheißenes Land – das bezieht sich andererseits auf die Juden des Alten Testaments. Dementsprechend identifiziert sich James auch mit Juden, wenn er in San Francisco von Polizisten verfolgt wird - wie Juden im Zweiten Weltkrieg, meint er. Später wird er sich im Gefängnis seine Heimkehr als die eines verlorenen Sohnes ausmalen. Entschieden alttestamentarisch ging es schon bei der Reaktion des Vaters auf James’ Outing zu: Er forderte den Sohn zum Beten auf, warf ihm eine Bibel ins Gesicht und sah ihn bereits in der Hölle. Dann das kaum Verzeihliche: James gestand dem Vater, an Selbstmord zu denken – und der ging zum Waffenschrank, lud ein Gewehr, gab es James: „Beweis es mir!“ Das ist die Geschichte von Abraham und Isaak in modernem Gewand. Und wo Abraham imitiert wird, ist der Gedanke an Sodom und Gomorra nicht fern …

James’ Eltern befinden sich im Gewissenskonflikt zwischen religiösen Wertvorstellungen und den sich aus der Liebe zum Sohn ergebenden Verpflichtungen. Wie es scheint, finden sie einen Ausweg, indem der Akzent am Schluss auf neutestamentarisches Verhalten gelegt wird: verzeihen, bereuen. Und zugleich erhöhen sie ihr Kind in einem religiösen Kontext noch: Sie hätten erkannt, schreibt die Mutter, dass Gott ihnen einen wundervollen Sohn geschenkt hat. Für einen säkular geprägten Europäer ist dieser Blick in die Seele eines mittleren, traditionell christlichen Amerika so befremdlich wie faszinierend.

Schlussbemerkung: Susanna Helke beruft sich auf Untersuchungen, wonach bis zu vierzig Prozent der jungen Obdachlosen in den USA sexuellen Minoritäten angehören und aufgrund von Diskriminierung von zu Hause weggegangen sind. Die Geschichte von James und Tyler – mit exzellenter Kameraarbeit und eindrucksvoll stimmiger Filmmusik - ist also eine von vielen ähnlichen. Im Detail erinnert sie gelegentlich an in Portland spielende Szenen in Gus Van Sants „My Own Private Idaho“ von 1991. Auch dort wurde schon – in Nebenrollen – mit realen schwulen Obdachlosen gearbeitet.

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