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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Amok in der Fußgängerzone
Eingestellt am 12. 09. 2011 10:58


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Arno Abendschön
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Der turnusmäßige Besuch beim Vater stand an. Die Mutter brachte die zwei Scheidungswaisen bis an die Haustür des Exmannes. Der Summer ertönte, der Sechsjährige drückte die Tür auf, verschwand im Hausflur, gefolgt von seiner vierjährigen Schwester wie von einem Schatten.

Die Kinder fanden den Papa heute etwas komisch - oder noch komischer als sonst. Merkwürdig, er wollte heute nicht mit ihnen daheimbleiben: "Wir fahren spazieren." Im Auto lagen hinten zwei Gasflaschen, wie der Junge vom Beifahrersitz aus staunend feststellte. Seine kleine Schwester drückte sich auf dem Rücksitz ängstlich in eine Ecke.

Es ging ins Stadtzentrum. "Papa, was machst du?! Wohin fahren wir?" Er war gerade von der Fahrbahn abgebogen und lenkte schon in die Fußgängerzone hinein. An ihrem Anfang liegt der Hauptplatz der Stadt, wo die Straßenbahnen und Busse abfahren und immer viele Leute warten. Ihr Papa fuhr wieder und wieder auf Menschengruppen zu. Die Leute sprangen panisch zur Seite und schrieen, und es schrieen auch die Kinder im Auto. Sie pressten sich gegen die Scheiben und sahen die Menschen draußen flüchten.

Dann flogen Gegenstände durch die Luft: Fahrräder, die Stühle eines Straßencafés. Sie schlugen von drei Seiten auf der Karosserie auf und blieben auf den Steinplatten liegen. Ihr Papa fuhr jetzt Slalom um diese Hindernisse. Kurz darauf kam das Auto plötzlich vor einem Baum zum Stehen. Es war sofort von Passanten eingekreist. Einige zertrümmerten schon mit den Stühlen die Scheiben. Der Papa schrie außer sich: "Alles umfahren - alles umbringen!" Ein Mann griff jetzt durch das Loch in der Heckscheibe und schraubte hastig die offenen Ventile der Gasflaschen zu.

Die Polizei war schon zur Stelle. Sie räumte gerade den Platz. Bald war alles vorbei. Der Papa war auf dem Weg in die Psychiatrie. Die Kinder noch unter Schock und schon bald wieder bei der Mutter. Einer Passantin war das Auto über den Fuß gerollt.

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Duisburger
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Löschen und nicht mehr drüber reden wäre schön.
Wenn schon, dann bitte mit Tiefgang und Geschichte drumherum und nicht in Bildzeitungsmanier.

Uwe
__________________
Unter den Kastraten ist der eineiige König (unbekannter Gas- und Wasserinstallateur).

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Rufus Grimwig
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Wobei ich die Idee, das Geschehen aus der Sicht der Kinder zu beschreiben, gar nicht so uninteressant finde. Allerdings wird dieser Ansatz ja gar nicht durchgehalten; ich glaube nämlich, dass rasante Wahrnehmungen nicht kindliche Wahrnehmungen sind. Kindern geht doch immer alles zu langsam, sie wollen, dass alles immer schneller und schneller abläuft. Die Spannung des Moments, in dem die Kinder erkennen, dass etwas anders ist, sie aber gar nicht sagen können, was genau anders ist, müsste ein Kind doch halb in den Wahnsinn vor Neugierde treiben. Die Kinder hier nehmen aber einfach alles hin.

Außerdem halte ich den BILD-Vergleich für durchaus sinnvoll, immerhin bietet dein Text eine enorm verkürzte Ursachenherleitung an. Ich meine: 'der Vater ist der Exmann und der war ja immer schon komisch' ist nicht unbedingt das, was einem so komplexen Vorgang wie einem Amoklauf gerecht wird - vor allem dann, wenn es sich um einen realen Fall handelt. Meine Frage wäre, ob ein so kurzer Text überhaupt eine Rechtfertigung für die Tat aufweisen muss (oder sie gar geben kann). Da ist der Vorwurf der Oberflächlichkeit schon angebracht. So, wie der Text jetzt ist, löst er in mir gar nichts aus, obwohl ich mich oft inetnsiv mit solchen Fällen beschäftige und es mutig finde, darüber zu schreiben.

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Duisburger
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quote:
Kürzestgeschichte
Es ist keine Geschichte, sondern lediglich ein Plot, dem der Körper fehlt. Der Vergleich mit BILD deshalb, weil gerade dort solche Geschichten der Aufmacher sind.
Die BILD-Klientel ist bekannt.
Willkommen im Club.

Uwe
__________________
Unter den Kastraten ist der eineiige König (unbekannter Gas- und Wasserinstallateur).

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Dr Time
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Aus Sicht der Kinder

Hallo Arno,
Auch mir ist die Geschichte leider etwas zu platt geraten - vor allem vor dem Hintergrund der Grausamkeit eines Amoklaufes. Aus Sicht der Kinder sei das zu betrachten, schreibst du. Aber dem ist doch gar nicht so. Der letzte Satz zum Beispiel:

quote:
Einer Passantin war das Auto über den Fuß gerollt.
Woher wissen die Kinder das? Da hätte wohl besser gepasst: Plötzlich bekam Marvins Hose einen Fleck zwischen den Beinen. oder sowas in der Art.

Übrigens habe ich auch mal einen Text über einen Amoklauf geschrieben und mich total gewundert, dass in diesem Forum Null Reaktion kam. Vielleicht, weil der Text etwas verstörend ist. Könnt ja mal lesen bei: Poesie eines Amoklaufes
__________________
"der erste Entwurf ist immer scheiße"
Ernest Hemmingway

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Rufus Grimwig
Guest
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Lieber Arno,

interessantes Argument. Kausalität ist Teil einer Geschichte (vgl. hierzu u. a. Genette: Die Erzählung) und geht davon aus, dass alle Ereignisse einer Handlung chronologisch und kausal aufeinander aufbauen. Selbst dann, wenn der Verfasser glaubt, keine Kausalität hergestellt zu haben, existiert sein Werk lediglich in einem Dialog zwischen Leser (ich) und dem Text, nicht in einem Dialog zwischen Autor und Leser (vgl. hierzu u. a. Iser: Rezeptionästhetik). Sprich: Der Autor hat keine Deutungshoheit über seinen Text und, was noch viel wichtiger ist, er kann die Rezeption seines Textes kaum bewusst beeinflussen und somit auch nicht vorschreiben, ob Kausalität da sei oder nicht, die stellt nämlich der Leser her.

Wenn du nun in deinem Text angibst, dass der Vater noch komischer sei als sonst, darüber hinaus die eheliche Situation der Familie mit in das kurze Spiel deines Textes einbringst, so wird für mich relativ deutlich eine Kausalität zwischen der Vergangenheit der Familie und der Gegenwart der Figuren eröffnet. Zumindest würde ich gern wissen, wieso diese Informationen dann im Text stehen, wenn sie denn keine Kausalität herstellen sollten. Aber: Die formalistische Avantgarde, die du in deiner Antwort andeutest, nehme ich deinem Text nicht ab. Ich bin doch immer wieder verwundert, dass gerade diejenigen Autoren und Texte, die keine Kausalität herstellen wollen, die eindeutigsten Ereignisketten, Herleitungen und Kausalitäten erst erzeugen. Wenn es deine Aufgabe war, keine Kausalität herzustellen, so hast du diese Aufgabe meiner Meinung nach nicht erfüllt; dafür kann übrigens ich nichts und meine Lektüre auch nicht. Dein Text bietet so üppig viele Kausalitätsangebote, dass es schwierig ist, darum herum zu kommen.

Aus deiner Antwort auf meinen Kommentar lese ich heraus, dass meine kurze, vielleicht oberflächliche Lektüre deines Textes meine Fehlinterpretation herbeigeführt habe. Mag sein, aber dein Text war doch eine Kürzestgeschichte, oder? Also wie denn nun: Kürzestgeschichte mit kurzer Lektüre oder Langlesegeschichte mit Langlektüre? Oder: Oberflächentext mit oberflächlicher Lektüre oder tiefer Text mit tiefer Lektüre? Und diese Fragen sollte man doch wohl an deinen Text anlegen, nicht an meine Rezeption.

Mit besten Grüßen,

Rufus

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