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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Amos Oz' vielleicht bestes Buch
Eingestellt am 26. 02. 2018 17:08


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Winfried Stanzick
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Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Amos Oz, Judas, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42479-7

Dieser Roman von Amos Oz ist, obwohl er seine Handlung unverd├Ąchtig in das Jahr 1959 verlegt hat, von hoher Aktualit├Ąt und steckt voller Anspielungen auf die gegenw├Ąrtige Politik in Israel und den Zustand seiner zerrissenen Gesellschaft. Gleichzeitig ist es ein Liebesroman und eine theologisch spannende Auseinandersetzung mit dem Ph├Ąnomen des Verrats im Allgemeinen und mit der Figur des Jesusj├╝ngers Judas im Besonderen.

Wir befinden uns zu Beginn des Romans in Jerusalem, Ende 1959. Der junge Schmuel Asch ist an einen vorl├Ąufigen Tiefpunkt seines Lebens gekommen. Seine Verlobte hat ihn verlassen und einen anderen Mann geheiratet. Sein Vater ist in Konkurs gegangen und kann ihm sein Studium nicht mehr finanzieren. Und mit seiner Magisterarbeit ├╝ber "Jesus in den Augen der Juden" steckt er auch fest - je tiefer er in die Materie eindringt, desto klarer wird ihm, dass zwei Jahrtausende v├Âllig gereicht haben, zu diesem Thema alles zu sagen. Er beschlie├čt alles, was er hat zu verkaufen und in die W├╝ste zu gehen. Er will dort bei einem Siedlungsprojekt als Hilfskraft arbeiten. Da entdeckt er am Schwarzen Brett der Universit├Ąt ein Stellenangebot: Gesucht wird ein Gespr├Ąchspartner f├╝r einen gebildeten, gehbehinderten alten Mann; geboten wird etwas Geld sowie freie Kost und Logis.


Der alte Mann, er hei├čt Gerschom Wald, lebt nicht allein. Mit im Haus wohnt seine sch├Âne Schwiegertochter Atalja, in die sich Schmuel schnell verliebt. Sie jedoch ist sehr zur├╝ckhaltend mit ihrer Zuneigung, genauso wie mit Informationen ├╝ber ihre Geschichte und ihr Leben. Erst im langen Verlauf des Romans offenbaren sich die Geheimnisse ihrer Vergangenheit sowie der ihres Vaters. Er war einer der f├╝hrenden Pers├Ânlichkeiten bei der Gr├╝ndung des Staates Israel. Seine idealistischen Vorstellungen vom k├╝nftigen Zusammenleben von Juden und Arabern hatten zum Zerw├╝rfnis mit denen gef├╝hrt, die dann die Teilung Pal├Ąstinas durchsetzten, z. B. David Ben Gurion und damit zum unr├╝hmlichen Ende seiner politischen Karriere. Fortan galt er als Verr├Ąter.

Als Verr├Ąter gilt auch seit 2000 Jahren im ganzen christlichen Abendland der Jesusj├╝nger Judas Ischarioth. Schmuel fragt sich im Rahmen seiner Forschungen immer wieder, wieso der wohlhabende Judas seinen Herrn f├╝r drei├čig Silberlinge an die R├Âmer ausliefert und er (respektive Amos Oz) entwickelt eine Theorie, die Judas und seine Motivationen in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Judas war wohl von Jesus als dem Messias so ├╝berzeugt, dass er mit der Verhaftung Jesus dazu bringen wollte, sich nun endlich zu offenbaren und sozusagen als glorreicher Retter vom Kreuz zu steigen. Und sein Selbstmord ist demnach nicht Ausdruck von Schuldgef├╝hlen, sondern von endloser Entt├Ąuschung ├╝ber seinen theologischen Irrtum.

Lizzie Doron hat in ihrem etwa zeitgleich mit Oz` Buch ÔÇ×JudasÔÇť in Deutschland erschienenem Roman ÔÇ×Who The Fuck Is KafkaÔÇť die ├ťberzeugung vertreten, dass die beiden verfeindeten V├Âlker, wollen sie eine Chance haben zu ├╝berleben, das Unverst├Ąndnis f├╝reinander ├╝berwinden m├╝ssen. Gleichzeitig ist sie sich mit David Grossmann und vielen anderen einig, dass ohne die israelische Armee das Land schon l├Ąngst nicht mehr existieren w├╝rde, und die Juden, wie es Nasser zuerst formulierte, von den Arabern ins Meer getrieben worden w├Ąren.

Amos Oz l├Ąsst den greisen Gerschom Wald, den er mit dem jungen Schmuel unz├Ąhlige Gespr├Ąche ├╝ber die Geschichte Israels f├╝hren l├Ąsst, im Jahr 1959 etwas sagen, was in der Gegenwart nach wie g├╝ltig ist:
ÔÇ×Die Wahrheit ist, dass alle Macht der Welt den Feind nicht in einen Freund verwandeln kann. Man kann den Feind zum Sklaven machen, aber nicht zu einem Liebenden. Mit aller Macht der Welt kann man einen Fanatiker nicht zu einem aufgekl├Ąrten Menschen machen. Und mit aller Macht der Welt kann man aus einem Rachedurstigen keinen Freund machen. Und genau da liegen die existentiellen Probleme des Staates Israel: einen Feind zum Liebenden zu machen, einen Fanatiker zu einem Gem├Ą├čigten, einen Rachs├╝chtigen zu einem Freund.ÔÇť

Auch die Haltung seiner Schwiegertochter Atalja (sie hat ihren Mann, den Sohn von Wald, im Unabh├Ąngigkeitskrieg verloren), k├Ânnte in der Gegenwart und f├╝r die Gegenwart formuliert sein, was sicher auch die Absicht von Oz war:
ÔÇ×Einen Staat habt ihr gewolltÔÇť, schleudert sie Gerschom Wald entgegen als spucke sie ihre Worte aus. ÔÇ×Unabh├Ąngigkeit habt ihr gewollt. Ihr habt ganze Fl├╝sse reinen Blutes vergossen. Ihr habt eine ganze Generation geopfert. Ihr habt Hunderttausende Araber aus ihren H├Ąusern vertrieben. Ihr habt Schiffsladungen von Hitler-├ťberlebenden direkt vom Kai aufs Schlachtfeld geschickt. Nur damit es hier den Staat der Juden gab. Und jetzt kann man sehen, was ihr bekommen habt.ÔÇť

Wie Lizzie Doron ist auch Amos Oz, so wie David Grossmann und viele andere, bei aller auch fundamentaler Kritik davon ├╝berzeugt, dass die milit├Ąrische Macht und ihr Einsatz notwendig sind, um den schnellen Tod Israels und seiner j├╝dischen Bev├Âlkerung zu verhindern. Ohne die Armee h├Ątten die Araber ihre seit Nasser immer wieder wiederholte Drohung wahrgemacht und die Juden ins Meer getrieben.

Es war und ist eine verzweifelte Zwickm├╝hle, die da mit gro├čer literarischer Kunst beschrieben wird. Beim Lesen dieses Buches sp├╝rt der Leser geradezu k├Ârperlich die Qual, die Intellektuelle wie Doron, Oz oder Grossmann nicht erst seit gestern aushalten. Ich kann es allen Menschen sehr empfehlen, die sich, aus welchen Gr├╝nden auch immer, weigern, die Hoffnung f├╝r dieses Land und seine Menschen aufzugeben, und denen die einseitige Parteinahme f├╝r die Pal├Ąstinenser von vielen Medien, den Linken und auch der SPD gegen den Strich geht.

Und doch schleicht sich beim Leser immer mehr die Gewi├čheit ein, dass es f├╝r den Konflikt zwischen Juden und Araber keine L├Âsung gibt und auch in baldiger Zukunft nicht geben wird. Warum man dennoch nicht aufgeben darf, das hat Amos Oz mit seinem vielleicht besten Buch literarisch gro├čartig gezeigt.








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