Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92221
Momentan online:
723 Gäste und 17 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
An Milena
Eingestellt am 15. 09. 2000 23:37


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
arbir
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

Werke: 6
Kommentare: 14
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

An Milena

Weißt du, am Beginn hĂ€tte ich mir nicht gedacht, dass es so mit uns enden wĂŒrde. Wie auch? Es war ja wirklich nicht vorherzusehen. Keiner von uns hĂ€tte sich damals gedacht, dass Pierre, der misanthropische und immer mĂŒrrische Pierre, der einzige von uns allen, der niemals ein LĂ€cheln im Gesicht trug, der niemals Freude zu empfinden schien, dass er... Dass es so ein Ende mit ihm nehmen wĂŒrde.
Sicher, er war immer schon etwas anders gewesen, hatte nie unsere Leidenschaft geteilt, hatte nie wirkliche Freude bei der Arbeit empfunden, aber welcher Sinologe, der nie in China gewesen war und China abgrundtief hasst, tut das auch?

Sein Vater war der Grund gewesen, dass er Sinologie studierte. Er hatte ihn dazu ĂŒberredet, Sinologe zu werden, weil er - der Vater - einst irgendeinen Spruch von Lao-Tse, dem großen chinesischen Weisen und Dichter, auf irgendeinem vergilbten Kalender gelesen hatte und dieser Sinnspruch ihm so gut gefallen hatte, dass er sofort beschlossen hatte, dass - falls er spĂ€ter einen Sohn haben sollte - dieser unbedingt Sinologe werden mĂŒsse. FĂŒr den Fall, dass er Vater einer Tochter werden sollte, hatte er sich keine großen Gedanken gemacht. Frauen waren ihm nicht so viel wert. Er war halt noch von der alten Schule gewesen, in der Frauen an Herd und KĂŒche gehörten waren und nicht studieren sollten. Ein AnhĂ€nger am lĂ€ngst Vergangenen war sein Vater gewesen. Da aber Pierres Mutter im Kindsbett bei Pierres Geburt starb und nie eine Tochter geboren wurde, war das alles egal.
Als Pierre geboren wurde, gab sich der Vater keine Zeit fĂŒr Trauer und wusste genau, was zu tun war und meldete Pierre noch vom Kreißsaal aus an der sinologischen FakultĂ€t in Bottrop-Kirchhellen an; einer kleinen, aber feinen Institution. Professor Kein, der schon seit Jahren auf dem Lehrstuhl in Bottrop-Kirchhellen saß, weil ihn sein letzter SchĂŒler an den Katheder geleimt hatte und schnell verschwunden war, durch die TĂŒr hinaus, in die Freiheit!, ins helle Licht! und weil seit damals niemand mehr die sinologische FakultĂ€t besucht hatte, da Sinologie ein Fachgebiet war, das wirklich niemanden interessierte - ja!, genau dieser Professor Peter Kein war sehr erfreut ĂŒber die Aussicht auf einen neuen Studenten, der ihn aus seinem sitztechnischen Dilemma befreien könnte. Und sollte er noch so lange warten mĂŒssen...
So ging Pierre mit 19 also nach Bottrop-Kirchhellen und wurde Sinologe, obwohl er eigentlich viel lieber Radiomoderator, Straßenbahnschaffner, Atomphysiker oder Zeitungskolporteur am Wiener SĂŒdbahnhof geworden wĂ€re. Als kleiner Junge hatte er viele Stunden am SĂŒdbahnhof zugebracht, nur die Menschen dort beobachtet und war von all den verschiedenen Kulturen fasziniert gewesen. Er wollte sie alle erforschen und kennen lernen, diese fremden MĂ€nner und Frauen aus fremden LĂ€ndern mit ihren seltsamen Namen. NĂ€chtelang war er wachgelegen, im Bett nur vom Mondschein beschienen, der durch die Dachluke fiel und hatte die fremden Namen leise vor sich hingemurmelt: Steiermark, KĂ€rnten, Provinz... Ja!, er war wirklich fasziniert von all diesen Völkern, nur die Chinesen waren ihm immer schon egal gewesen, denn diese kamen nie am SĂŒdbahnhof an, sondern immer nur am Ostbahnhof. Aber dort hatte er ja nie gespielt.

Als wir ihn kennen lernten, da war er schon der mĂŒrrische, verschlossene China-Professor, der in seinen Vorlesungen immer auf die „verdammten Gelbgesichter" und „Schlitzaugen" schimpfte. Wir waren vom ersten Moment an fasziniert von ihm, er nahm uns gefangen, wie uns China mit seiner endlosen Schönheit faszinierte und gefangen nahm. Bald hatten wir uns mit ihm angefreundet und unserer Lyrikzirkel gegrĂŒndet. Es waren schöne Stunden, wie wir auf Chinesisch, Koreanisch und Vietnamesisch dichteten und reimten und wie Pierre mĂŒrrisch mit verschrĂ€nkten Armen und abweisendem Gesicht dasaß und hier und da in den goldenen Spucknapf neben ihm spuckte, nur um uns seine Anwesenheit ins GedĂ€chtnis zu rufen. Doch vergiss nicht den dreiundzwanzigsten Spruch; du weißt schon: „... Ein Wirbelwind weht nicht einen Morgen lang.| Ein Platzregen wĂ€hrt nicht den ganzen Tag..."
Es war eine wunderbare Zeit, bis zu dem Tag an dem Pierre ins Zimmer gestĂŒrzt kam und lauthals schrie. „Ich will nicht mehr! Ich will mein Leben Ă€ndern, ich schmeiß’ die scheiß’ Sinologie hin, ich mache Schluss mit den verdammten Chinesen!", schrie er und wir applaudierten, jung und naiv wie wir waren, weil wir nicht wussten, was sein Entschluss fĂŒr uns bedeuten sollte. Exaltiert rief er: „Ich bin frei! Endlich frei! Ich kann machen was ich will, ich kann werden was ich will! Ich werde..."
- Stille. - Er brach unvermittelt ab. Die Stille war erdrĂŒckend und wir alle sahen zu Boden, wir mussten die Augen senken, weil es so still war - totenstill. Pierre war blass geworden und kalter Schweiß lief seine GĂ€nsehaut hinab. Die Augen weit aufgerissen stĂŒrzte er hinaus. Er kam nie wieder.
Das ist jetzt alles ein Jahr her. Wir haben uns seit damals nicht mehr wieder gesehen, der Schock saß zu tief, wir haben uns auseinandergelebt, wie man sagt, aber ich vermisse dich, ich vermisse euch alle. Unser Lyrikzirkel hat mir immer sehr viel bedeutet.

Pierre hat sich seit damals sehr verĂ€ndert. Er hat sein Leben umgekrempelt, wie es so heißt. Er arbeitet jetzt als VerkĂ€ufer in einem der unzĂ€hligen BaumĂ€rkte an der SĂŒdosttangente. Er sagt, es gefĂ€llt es ihm sehr gut dort, weil immer so viele Steirer und KĂ€rntner aus dem SĂŒden einkaufen kommen. Das riesige Angebot sei es, meint er und freut sich, weil seine Leidenschaft fĂŒr fremde Kulturen die grauenhafte Zeit als Sinologe ĂŒberstanden hat. Ich denke, Pierre hat sein GlĂŒck gefunden.
Gestern habe ich ihn wieder getroffen; er saß auf einer Parkbank und hat nur gelĂ€chelt, als er mich sah. Ich habe zurĂŒckgelĂ€chelt und an die alten Zeiten gedacht. Du musst wissen, ich vermisse dich.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Andrea
???
Registriert: Aug 2000

Werke: 21
Kommentare: 375
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Andrea eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
3 von 10 Punkten

Wirklich ĂŒberzeugt hat mich die Geschichte nicht, und das liegt in erster Linie daran, daß du zu vielen unnĂŒtze Informationen hast einfließen lassen – zu viele fĂŒr den Brief oder aber die Geschichte des lieben Pierre. Wenn du auf den Brief beharrst, dann erzĂ€hlst du zuviel aus Pierres Leben (insbesondere die Vatergeschichte solltest du dann raffen). Durch das stĂ€ndige „wir“ bleibt zwar die Beziehung zur Adressatin bestehen, aber wieso erzĂ€hlt der Absender ihr das alles? Klar, er will Erinnerungen wecken – aber weshalb erzĂ€hlt er dann so wahnsinnig viel vom Dozenten? Überzeugender wĂ€re es gewesen, wenn nur bestimmte Situationen (etwa die Spucknapf-Geschichte und Pierres „Coming Out“) ĂŒbernommen worden wĂ€ren und einige Informationen als GerĂŒchte eingeflossen wĂ€re (daß man sich immer erzĂ€hlte, er habe seinen Job nur, weil sein Vater es so gewollt hĂ€tte..).

Wenn du aber weiterhin in erster Linie Pierres Geschichte erzĂ€hlen willst, solltest du dich auch auf sie beschrĂ€nken. Laß die Anreden weg, ebenso das „wir“. Den letzten Teil kannst du immer noch aus der Sicht eines ehemaligen VerhĂ€ltnisses Dozent/Student schildern – nur halt aus Pierres Perspektive.

__________________
Andrea Rohmert

Bearbeiten/Löschen    


arbir
Hobbydichter
Registriert: Sep 2000

Werke: 6
Kommentare: 14
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Danke fĂŒr die Kritik. Habe sie zur Kenntnis genommen. Vielleicht hast du Recht, vielleicht aber auch nicht.

Ach ja, auch wenn der Text wie ein Brief wirkt, steht irgendwo geschrieben, dass er auch einer ist?

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!