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Leselupe.de > Humor und Satire
An der Adria
Eingestellt am 27. 10. 2003 17:42


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gorenalb
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2003

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An der Adria

Es war 12 Uhr Mittags. Meine Frau und ich verlie├čen die kleine Pension, um in einem wennm├Âglich am Strand gelegenen Restaurant zu Mittag zu essen. Wenn man dem Reiseprospekt Glauben schenken durfte, dann war unser Hotel nur einen Steinwurf vom Strand entfernt. Es war unser erster Urlaubstag an der italienischen Adria. Wir waren gestern am sp├Ąten Abend mit dem Auto aus Frankfurt angereist, nachdem ich einem Geistesblitz folgend und kurzfristig bei ÔÇ×Leckermann ReisenÔÇť eine Woche Doppelzimmer mit Dusche und Fr├╝hst├╝ck f├╝r nur 199 Euro pro Person gebucht hatte.
Ein einmaliges Schn├Ąppchen, wie man mir im Reiseb├╝ro ausdr├╝cklich versicherte. Nach einem zweist├╝ndigen Fu├čmarsch - beim Steinwurf mu├čte es sich wahrscheinlich um einen neuen Weltrekord gehandelt haben - erreichten wir die Strandpromenade und hielten Ausschau nach einem netten und gutb├╝rgerlichen Restaurant. Frische Meeresluft wehte uns um die Nase. Der wei├če Strand, der eine schmutzig graue Farbe hatte, war ziemlich sauber, wenn man von einigen Dutzend umgekippten Abfalleimern, die ihren unappetitlichen Inhalt ├Âffentlich zur Schau stellten, und einer kleineren M├╝llhalde, die bis in das herrlich braunfarbene Meer reichte, absah. Wir spazierten weiter und erreichten eine idyllische Bucht, die Tausende von Badeurlaubern angelockt hatte. Jeder Badegast hatte etwa zwanzig gro├čz├╝gige quadratzentimeter Strandfl├Ąche zu seiner freien Verf├╝gung. Endlich fanden wir, was wir suchten. ÔÇ×Ristorante Frutta di MareÔÇť stand ├╝ber dem gro├čen Terrasseneingang geschrieben. Das Restaurant war gut besucht, und der Empfangschef hatte einige M├╝he, einen freien Tisch f├╝r uns zu finden. Endlich fand er einen geeigneten Tisch auf der Nebenterrasse, die nur ├╝ber eine schmale Leiter zu erreichen war und auf den dunklen Hinterhof blickte. Trotz der totalen Finsternis, die im Hof herrschte,
konnte ich einen Rudel ausgehungerter Stra├čenhunde erkennen, die ungeduldig auf unsere Bestellung warteten.
Der Empfangschef ├╝berreichte uns die Men├╝karten und war im n├Ąchsten Augenblick schon wieder in der Dunkelheit verschwunden.
ÔÇ×Georg, die Speisekarte ist ja auf Italienisch geschrieben. Wie sollen wir denn da wissen,
was wir bestellen sollen?ÔÇť Ich lie├č mich nicht aus der Ruhe bringen. Fachm├Ąnnisch analysierte ich die Ketchupflecken und eingetrockneten Speisereste auf der Men├╝karte, die einen plastischen Hinweis auf das Speiseangebot des Hauses darstellten.
ÔÇ×La├č mich nur machen ErnaÔÇť, sagte ich zu meiner Frau, ÔÇ×Ich kann ein paar Brocken
Italienisch.ÔÇť ÔÇ×Du, das wu├čte ich ja gar nicht.ÔÇť Bewundernd blickte mich meine Frau an.
Selbstbewu├čt rief ich den Kellner an unseren Tisch.
ÔÇ×ShalomÔÇť, sagte ich zu ihm. Ich war mir zwar nicht ganz sicher, ob das Italienisch war,
aber an seinem breiten L├Ącheln sah ich, da├č ich ins Schwarze getroffen hatte.
ÔÇ×ShalomÔÇť, antwortete er mir und verneigte sich diensteifrig vor meiner Frau und mir.
ÔÇ×Don padre, du mir bringen porfavore eine Paare Frankfurter W├╝rstchen und eine grande, grande Salato completo. Aber Pronto Pronto.ÔÇť
Mit phantasievollen Handbewegungen unterstrich ich meine Bestellung.
ÔÇ×Und noch quattro Flaschen Selterswater. Si?ÔÇť
Der Kellner sah mich verdutzt an. Anscheinend hatte er mein Italienisch nicht verstanden.
Wahrscheinlich kam er aus dem s├╝ditalienischen Raum, wo man einen anderen Dialekt sprach. Da ich leider nicht wu├čte welchen Teil der Bestellung er nicht verstanden hatte, wiederholte ich sicherheitshalber das ganze noch einmal. Er sah mich immer noch unschl├╝ssig an. Anscheinend hatte er das mit dem Selterswasser nicht kapiert. Ich zeigte auf einen der Nebentische und lie├č ihn mit einer unmi├čverst├Ąndlichen Geste verstehen, dass ich zwei Selters haben wollte. ÔÇ×Aaaaaaaaah, VinoÔÇť, rief er aus. Endlich hatte er kapiert. Ich nickte zustimmend. Jetzt fiel auch mir das italienische Wort f├╝r Wasser wieder ein. Es war Vino. Wie konnte ich das nur vergessen?
Nach drei Stunden etwa erschien der nette Kellner in Begleitung dreier Kollegen mit unserer Bestellung.
Die geizten aber nicht mit ihren Portionen. Da konnten die sich zuhause aber eine Scheibe davon abschneiden. ÔÇ×Georg, das haben wir doch gar nicht alles bestelltÔÇť, fl├╝sterte meine Frau erschrocken. Mit einem gebieterischen Seitenblick brachte ich sie zum Schweigen. Da unser Tisch viel zu klein f├╝r die bestellten W├╝rstchen und den Salat war, stellte der nette Kellner noch einen Tisch an den unsrigen. Meine Stimmung wurde immer besser. Ich st├╝rzte mich ohne Umschweife auf die Frankfurter W├╝rstchen.
ÔÇ×Das sieht aber gar nicht nach Frankfurter W├╝rstchen ausÔÇť, meinte Erna trotzig. Doch ich lie├č mir von ihrer geschmacklosen Bemerkung nicht den Appetit verderben.
Die Frankfurter schmeckten zwar tats├Ąchlich nicht nach unseren Frankfurtern, aber das war ja wohl auch logisch. Wir befanden uns ja schlie├člich an der Adria. Hier machte man halt die Frankfurter auf eine andere Art, auf die Adriatische. Auf jeden Fall schmeckten mir die italienischen Frankfurter viel besser als ihre deutschen Kollegen. Sie schmeckten mehr nach Steak, Fisch oder H├Ąhnchen, je nachdem in welches W├╝rstchen man gerade hineinbi├č. Auch hatten sie von der Form her nichts, aber auch gar nichts mit unseren deutschen W├╝rstchen zu tun. Sie waren entweder schnitzelf├Ârmig, platt, dick, d├╝nn oder waren sogar als H├Ąhnchen verkleidet. Die Italiener hatten eben Phantasie, das mu├čte man ihnen schon lassen.
Meine Frau war derweil mit ihrem Salat, der aus Austern, H├Ąhnchenschenkeln, gebratenem Roastbeef, Bohnen, Pommes Frites, Sauerkraut und verschiedenen Nudelgerichten bestand, besch├Ąftigt.
Noch nie hatte ich sie so entz├╝ckt Salat essen sehen. Ich bestellte noch ein Br├Âtchen, worauf mir der Kellner einen Fasanenbraten, eine Schweinshaxe, zwei gegrillte Forellen und ein ganzes Brath├Ąhnchen an den Tisch brachte. Andere L├Ąnder, andere Sitten dachte ich mir. ÔÇ×Frankfurter mit Br├ÂtchenÔÇť war hier in Italien anscheinend ein Sammelbegriff f├╝r kulinarische Spezialit├Ąten und nicht wie bei uns in Deutschland ein mickriges W├╝rstchen mit Senf und Pommes. Ja, die Italiener waren eben Feinschmecker, hier schmeckte sogar das Wasser nach Wein.
Das war also die so oft besungene ÔÇ×Doltsche RitaÔÇť, das s├╝├če Leben. Hier in Italien konnte sich ein deutscher Tourist noch als K├Ânig f├╝hlen. Hier war sein Euro noch etwas wert.
Gegen Mitternacht, nach einem Dutzend Flaschen Selterswasser, unz├Ąhligen Frankfurter W├╝rstchen und jede Menge Salat brachte uns der nette Kellner, der ├╝brigens auf den Namen Ricardo h├Ârte, die Rechnung. Ich blickte belustigt auf die beiden Zettel:
300 Euro f├╝r die Frankfurter W├╝rstchen, 200 Euro f├╝r ErnaÔÇÖs Salat und 200 Euro f├╝r
das Wasser, machte alles in Allem 850 Euro. Ich rechnete noch einmal nach und kam auf die gleiche Summe wie Ricardo. 850 Euro. Das war ja fast geschenkt. Wo bittesch├Ân h├Ątte ich in Deutschland f├╝r diese l├Ącherliche Summe ein auch nur ann├Ąhernd so gut schmeckendes Frankfurter W├╝rstchen essen k├Ânnen? Die Antwort lautete: Nirgends.
Zufrieden holte ich mein Portemonnaie aus der Ges├Ą├čtasche und bl├Ątterte 900 Euro auf den Tisch. ÔÇ×Stimmt soÔÇť, sagte ich gro├čz├╝gig. Ricardo warf sein Tablett zur Seite, dr├╝ckte mich an sich und k├╝├čte mich herzhaft auf beide Wangen. ├ťbergl├╝cklich murmelte er immer wieder etwas von seiner Frau Gracia. Bevor er sich von uns endg├╝ltig verabschiedete, machte er sich noch an meiner Erna zu schaffen und knutschte sie ebenfalls ab. Seine K├╝sse sahen eher nach franz├Âsischen K├╝ssen aus, aber das konnte ja nicht sein, denn wir waren ja schlie├člich in Italien.
Mit Tr├Ąnen in den Augen lie├č er schlie├člich nach einer viertel Stunde von meiner Frau ab und verschwand in der Dunkelheit. Meine Frau rang nach Atem. ÔÇ×Puuuuh, das nenne ich aber ServiceÔÇť, brachte sie schlie├člich atemlos hervor. Ich hoffte nur inbr├╝nstig, da├č sich seine Kollegen nicht auch noch von uns verabschieden wollten.

*****

Am n├Ąchsten Morgen war ich schon sehr fr├╝h auf den Beinen. Meine Urlaubsstimmung war wie weggeblasen und ein leichtes Sodbrennen erinnerte mich nachhaltig an den gestrigen Abend. Ich hatte soeben die Terrasse des ÔÇ×Frutta di MareÔÇť geschrubbt und wollte gerade in die K├╝che gehen, als meine Gattin Erna in Begleitung meines Chefs am Eingang erschien. ÔÇ×Schatzi, wir gehen hinunter zum Strand, in Ordnung?ÔÇť
Ich nickte grimmig und machte mich wieder an die Arbeit. Ein Riesenberg von Geschirr mu├čte noch gesp├╝lt werden. Einer mu├čte ja schlie├člich das Benzin f├╝r die Heimreise verdienen. W├Ąhrend ich mit Wehmut an unsere Sp├╝lmaschine und die echten Frankfurter W├╝rstchen daheim in Deutschland dachte, nahm Ricardo meine Frau galant an den Arm und stieg mit ihr die Stufen hinunter zum Strand. Ich blickte den beiden deprimiert hinterher.
In diesem Augenblick schwor ich mir bei allem was mir lieb war:
Ich w├╝rde nie wieder Urlaub in Italien machen.

__________________
Goren Albahari

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