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Leselupe.de > Kurzgeschichten
An der Quelle des Lebens
Eingestellt am 15. 12. 2002 06:01


Autor
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ibini
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2002

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Ja, es ist ein besonderer Tag, wenn ich zu der Wiese am Fuße des majestĂ€tisch in den Himmel ragenden Berges wandere, dessen nacktes Gestein im grellen Licht der Sonne wie Silber glitzert. Ich gehe oft zu diesem Ort der Besinnung. Meine Schritte finden von selbst ihren Weg. Den Gedanken nacheilend, spĂŒre ich die hoffnungslose Verschlungenheit des abgrĂŒndigen und steinigen Pfads nicht. Mit jedem Meter, den ich meinem Ziel nĂ€her komme, werden die Verworrenheiten und Schatten des Alltags blasser. Schon kann ich die Frische des Grases schmecken und den Duft der Blumen riechen.

Nichts hat sich verĂ€ndert, seit ich das letzte Mal hier war. Vielleicht ist das GrĂŒn der Matte noch ein wenig grĂŒner, die Pracht des BlĂŒtenmeeres noch ein bißchen prĂ€chtiger geworden. Geblieben aber ist jene Ausstrahlung von Ruhe und Gelassenheit, die Quelle des Lebens. Das begrĂŒĂŸende Ächzen der knorrigen alten Eiche spiegelt Ehrfurcht, Ehrfurcht vor der Schöpfung. Jeder Atemzug ist Befreiung. Verloren Geglaubtes gewinnt neue Formen. Ich setze mich in das kniehohe Gras. Umschwirrt von Bienen, die mit monotonem Summen trotz aller Emsigkeit ruhig und gelassen ihrer fruchtbaren Arbeit nachgehen. Wohin ich auch schaue, alles hier oben erscheint ruhig und gelassen: der liebeswerbende Tanz der bunten Schmetterlinge, das Zirpen der zarten Grillen, die auf Futtersuche hin und her huschende Maus, das muntere Zwitschern der Vögel, das am Waldesrand Ă€sende Rehkitz, der ziellose schwarze KĂ€fer und die geschmeidige Eidechse, die auf einem moosbewachsenen Stein rastet, die im lauen FrĂŒhlingswind leise rauschenden BlĂ€tter der nahen BĂ€ume, der schwerelos ĂŒber dem Berggipfel kreisende Adler und die hoch am Himmel ziehenden dĂŒnnen Wolkenfetzen. Selbst das scharfe Knacken brechenden GeĂ€sts, der schrille Schrei eines EichelhĂ€hers, das lockende Girren der beiden auf der kleinen Anhöhe sitzenden Tauben oder das ferne Grollen eines Gewitters stört diese Idylle nicht. EingehĂŒllt in einen dichten Schleier schöpferischer Vollkommenheit schlafe ich ein 
 fest und traumlos.

Habe ich lange geschlafen? Es scheint so, denn in dem Paradies ist es inzwischen merklich stiller geworden. Mutter Sonne hat ihre wĂ€rmenden Strahlen eingezogen. Die kleinen roten Ameisen haben ihr Nachtgewand an. Auch der blauen Blume neben mir steht die MĂŒdigkeit in den Augen. Und die MĂ€usemutter hat ihre Kleinen wohl lĂ€ngst zu Bett gebracht. Nur der Adler zieht nach wie vor seine Bahn, und ein paar Bienen haben anscheinend wie ich die Zeit
vergessen. Eine Kirchenglocke mahnt von Ferne zum Aufbruch. Langsam, vom Augenblick gefangen, mache ich mich auf den Heimweg. Noch lange kann ich die Frische des Grases schmecken, den Duft der Blumen riechen sowie die Ruhe und die Gelassenheit spĂŒren.




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Hallo Ibini, ich möchte gar nicht weiter auf den Inhalt eingehen, denn alles steht dort. FĂŒr diese Art zu schreiben, brauch man endweder ein tiefes Empfinden, oder ganz viel Routine, bzw. Phantasie. Ich hoffe du hast beides, auf alle FĂ€lle aber Ersteres. Ich mag diesen Stil sehr.

Liebe GrĂŒsse Stefan

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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hm,

ein sehr schönes und erbauliches bild hast du uns gemalt. liest sich gut, plastisch geschildert. weiter so!
ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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ibini
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2002

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Hallo Stefan,

was soll ich sagen? Du bringst mich fast in Verlegenheit! Auf alle FĂ€lle danke! Du hast recht. Insofern sollte sich ein Schreiber nicht von einem Schauspieler unterscheiden. Hier wie da sollte man sich in den Protagonisten hineindenken, sich mit ihm identifizieren können (selbst wenn es ein Stein ist, vielleicht etwas ĂŒberzogen ausgedrĂŒckt). UnabhĂ€ngig ob Prosa oder Poesie. Im vorliegenden Fall ist noch eine lange Diskussion ĂŒber das FĂŒr und Wider der Hypnotherapie vorausgegangen. Sicherlich nicht spurlos. Und Routine? Ja, die ist auch vorhanden. Wie die Liebe am Schreiben grundsĂ€tzlich.

Mit Gruß
ibini



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ibini
One-Hit-Wonder-Autor
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Hallo flammarion,

ein Dankeschön auch Dir! Leider kann ich nicht malen, nicht die Spur. Deshalb ersetze ich wie hier den Pinsel durch das Wort. Das kann mal mehr, mal weniger plastisch sein. Manchmal braucht es das ĂŒberhaupt nicht. Insbesondere Lyrik ist oft nichts anderes als abstrakte Malerei, bei der der Leser/Betrachter gefragt ist. Und hĂ€ufig wird dann „schlecht“ mit „nicht begriffen“ durcheinandergebracht bzw. in einen Topf geworfen. Aber wem sage ich das!?

Mit Gruß
ibini

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dubidu
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2002

Werke: 62
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Liebes ibini,
ich wusste nicht, dass du so romantisch bist. Schön, dass ich immer wieder eine neue Seite an dir entdecken kann. Der Text erinnert mich an die Guten-Morgen-Proesia meiner Frau Nachbarin, die morgens beim Betten-AusschĂŒtteln die ganze Nachbarschaft zwischen Neandertal und Mergelsberg bezauberte. Aber das ist schon lange her.
Gruß
das dubidu
__________________
Die TollkĂŒhnheit des Schreibers und sein spontanes BedĂŒrfnis nach Wahrheit mĂŒssen allemal grĂ¶ĂŸer sein als dessen Furcht vor den Konsequenzen seiner Aussagen.
RAFAEL SELIGMANN

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