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Leselupe.de > Kurzprosa
An der Supermarktkasse
Eingestellt am 12. 05. 2019 16:42


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Ciconia
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Die Frau vor mir an der Supermarktkasse trägt einen grobmaschigen, ärmlich wirkenden Pullover, der weit über ihre unförmigen Hüften hinunter reicht. Ihre Haare wirken ungepflegt, von einer Frisur kann man nicht sprechen. Während ich meinen Einkauf aufs Band lege, höre ich die Kassiererin sagen:
„Neunundzwanzig Euro vierundneunzig macht das dann.“
Die Kundin, die sich nun der Kassiererin zuwendet, ist eigentlich mehr ein Mädchen als eine Frau. Ihr kugelrundes rotes Gesicht mit den mandelförmigen Augen verleiht ihr etwas Kindliches. Sie kramt hektisch in ihrer kleinen Geldbörse, legt eine Münze nach der anderen auf das Band. Die hübsche junge Kassiererin, deren gepflegtes Äußeres einen fast schmerzlichen Kontrast zum Aussehen der Kundin bildet, wartet geduldig.
„Soll ich Ihnen vielleicht helfen?“, fragt sie schließlich freundlich.
Das Mädchen schüttet verzweifelt den gesamten Inhalt seines Portemonnaies aus. Ich überschlage kurz: maximal zehn Euro werden das sein. Die Kassiererin zählt, die Kundin starrt hilflos auf das Geschehen.
„Das wird nicht reichen."
„Dann eine!“
Erst jetzt sehe ich, was die junge Frau kaufen will: Zwei Packungen ErsatzzahnbĂĽrsten fĂĽr eine elektrische ZahnbĂĽrste und eine Tube Zahnpasta.
„Eine kostet dreizehnachtundneunzig, das reicht leider auch nicht“, antwortet die Kassiererin gelassen.
„Eine!“, ruft das Mädchen fast flehend und mit zunehmender Verzweiflung in der Stimme.
„Wissen Sie was“, schlägt die Kassiererin vor, „Sie lassen einfach die Zahnbürsten hier und nehmen nur die Zahnpasta. Einverstanden?“
Ich bewundere die junge Hübsche für ihre einfühlsame Art. Sie zählt die Münzen für die Zahnpasta ab, verstaut rasch das restliche Geld in der kleinen Geldbörse und drückt alles der Kundin in die Hand.
„Einen schönen Tag noch!“
Das Gesicht des Mädchens unter den zotteligen Haaren zeigt keine Regung. Sie nimmt die Situation hin, wie sie vielleicht schon viele in ihrem Leben hat hinnehmen müssen – verständnislos. Mit leicht gesenktem Kopf und hängenden Schultern trottet sie Richtung Ausgang.

Es geht zügig weiter an der Kasse, ich zahle schnell und merke plötzlich, wie selbstverständlich uns Dinge scheinen, die einem behinderten Menschen so große Probleme bereiten können. Als ich meinen Einkaufskorb auf dem Parkplatz ins Auto hebe, schiebt sich langsam ein kleiner roter Bus aus der Parkbucht gegenüber. Er trägt die Aufschrift „Sozialtherapeutische Wohn- und Arbeitsgemeinschaft Hof Gutsmann“. Unter den Fahrgästen herrscht anscheinend eine gute Stimmung, zwei Männer mit kindlichen Gesichtern albern herum und winken. Richtig, die habe ich vorhin am Zeitschriftenstand gesehen, wie sie eine Illustrierte nach der anderen aus den Regalen zogen und sich köstlich über die bunten Bilder amüsierten.

In der letzten Sitzreihe schaut eine traurige junge Frau, die immer noch wie ein Mädchen aussieht, still aus dem Fenster. Ihre Augen wirken leer. Man hat ihr heute wahrscheinlich mehr zugetraut, als sie bewältigen konnte.





Version vom 12. 05. 2019 16:42
Version vom 13. 05. 2019 10:30
Version vom 13. 05. 2019 17:44

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Blumenberg
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Liebe(r) Ciconia,

ich gehe hier wohl in Opposition zu den vielen guten Bewertungen, aber sei´s drum. Du lieferst ein handwerklich routiniert geschriebenes Prosastück, an dem es auf sprachlicher Ebene nichts auszusetzen gibt.

Trotzdem hat mich die Geschichte nicht begeistern können.

Das liegt glaube ich zum einen daran, dass die Erscheinung der beiden Personen ziemlich schematisch ihr Inneres spiegelt. Die Behinderte wirkt ärmlich, hat keine Frisur, unförmige Hüften, ist ausdruckslos, etc. Die Kassiererin ist freundlich, hübsch, hat ein gepfegltes Äußeres. Die Personen wären etwas ambivalenter gestaltet in meinen Augen wesentlich interessanter gewesen.

Was mich ich mich gefragt habe: Ist die Darstellung des Protagonisten als vollkommen empathielos Absicht?

Dein Ich-Erzähler trifft auf eine Behinderte, die an einer alltäglichen Situation scheitert, soweit die Situation. Was mir hier vollkommen fehlt ist irgendein empatischer Zugang zu der Frau. Stattdessen wird die Supermarktkassiererin für ihre Freundlichkeit gelobt(Ich bewundere die junge Hübsche für ihre einfühlsame Art.). Die einfühlsame Art kann ich aber in Ihrem Verhalten nicht so recht auszumachen. Die Kassiererin scheint es vor allem eilig zu haben. (z.b. Wissen Sie was“, schlägt die Kassiererin vor, „Sie lassen einfach die Zahnbürsten hier und nehmen nur die Zahnpasta. Einverstanden?") Sie wartet aber nicht mal eine Antwort ab, sondern packt einfach das Restgeld in die Geldbörse und wünscht einen schönen Tag. Das ist für mich nicht freundlich oder empathisch. Für mich geht das Verhalten der Kassiererin nicht über professionelle Höflichkeit hinaus. Sicherlich ist eine Kassiererin auch Sklavin ihrer beruflichen Umstände, das ließe sich durch den reflektierenden Ich-Erzähler fruchtbar machen(Sie kann kein Auge zudrücken und sich auch nicht richtig Zeit nehmen.).


Als unpassend empfinde ich zudem den letzten Satz der Geschichte, den ich ehrlich gesagt streichen wĂĽrde:

"Man hat ihr heute mehr zugetraut, als sie bewältigen konnte."

Erstens ist das ein Satz, der eine Wertunf vornimmt und damit dem Leser quasi die Moral der Geschichte vor den Kopf knallt (sie packts halt nicht: enttäuschend). Zweitens habe ich mich als Leser gefragt, wer denn hier bitte dieses "man" sein soll, das als Subjekt des Satzes die Beurteilung vornimmt.

Angesichts der allgemeinen Begeisterung wird dich meine Kritik bestimmt nicht zu sehr schmerzen.

Liebe GrĂĽĂźe

Blumenberg


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Ciconia
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Hallo Blumenberg,

zunächst einmal vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar – und nein, er schmerzt nicht, denn er ist sachlich gehalten. Da war ich in den vergangenen Jahren Anderes gewöhnt.

Trotzdem möchte ich Dir in einigen Punkten widersprechen: Dies ist keine Erzählung und keine Kurzgeschichte, in denen man die Personen wesentlich detailreicher hätte ausschmücken können, sondern eine Kurzprosa, eine geschilderte Szene. Deshalb auch die zurückgenommene Erzählerin, deren Empfindungen hier gar nicht zur Debatte stehen. In den vergangenen Jahren wurde mir oft der Vorwurf gemacht, ich würde zu sehr werten. Das sollte hier nun nicht der Fall sein.

Das Verhalten der Kassiererin finde ich durchaus entgegenkommend. Sie hätte z. B. auch unwirsch reagieren können, hätte nicht den Vorschlag machen brauchen, nur die Zahnpasta zu nehmen, und der Kundin nicht das Geld abzählen brauchen. Sie schiebt das Restgeld nicht einfach über das Band, sondern packt es auch noch rasch in die Geldbörse. Mehr kann man, glaube ich, in der heutigen Zeit nicht erwarten.

quote:
wer denn hier bitte dieses "man" sein soll
Vielleicht habe ich hier zu viel vorausgesetzt: Der genannte Kleinbus (wahrscheinlich mit einem Betreuer) setzt die Behindertengruppe vor dem Supermarkt ab, wo sie zu selbstbestimmten Kunden werden. Also geht „man“ davon aus, dass sie ihre Aufgaben auch bewältigen können. Im beschriebenen Fall hat dies nun leider nicht geklappt. Ich finde, der monierte Satz ist keine Wertung, sondern eine ganz einfache Schlußfolgerung aus dem Geschehen.

Schade, dass ich Dich mit dieser Kurzprosa nicht erreichen konnte.

GruĂź Ciconia
(immer noch weiblich)

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Blumenberg
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Liebe Ciconia,

Ich bemühe mich bei meiner Textkritik immer um Sachlichkeit. Ich finde das gehört sich so.

"Dies ist keine Erzählung und keine Kurzgeschichte, in denen man die Personen wesentlich detailreicher hätte ausschmücken können, sondern eine Kurzprosa, eine geschilderte Szene."

Ich habe hier auch gar nicht die Kürze der Darstellung moniert sondern deren starre Schematik bei der von dir vorgenommenen äußerlichen und inneren Beschreibung. Die Behinderte ist ausschließlich mit negativen Attributen versehen, während die Kassiererin ausschließlich positiv auftritt. Warum kann die Behinderte nicht beispielsweise etwas Hübsches tragen. Ich entnehme deiner Schilderung mit den mandelförmigen Augen, dass du ein Mädchen mit Down-Syndrom beschreibst. Ich kenne davon eine ganze Reihe und kann dir sagen, die sind durchaus in der Lage solche Dinge zu tun, außerdem sind sie in der Regel recht kommunikativ und oft sehr gut gelaunt und interessiert.

Auch bei der Freundlichkeit widerspreche ich dir. Supermarktkassierer ist ein Dienstleistungsberuf mit Kundenkontakt. Hier wird, wie auch zum Beispiel in der Gastronomie, sowohl Effektivität als auch Freundlichkeit verlangt und das Personal ist angehalten das zu befolgen. Eine wirklich empathische und freundliche Kassiererin würde sich Zeit nehmen die Antworten abzuwarten, sie würde Fragen, ob sie das Restgeld einfüllen darf und der Frau, die ja eine Zahnbürste will, eine Handzahnbürste (für die das Geld reichen würde) holen oder ihr das zumindest anbieten. Wenn jemand Zahnbürste und Zahnpasta kauft, gehe ich davon aus, dass er auch beides braucht.

„In den vergangenen Jahren wurde mir oft der Vorwurf gemacht, ich würde zu sehr werten. Das sollte hier nun nicht der Fall sein.“

Das tust du aber doch, durch die Attribuierung deiner Protagonisten. Du hast dich für eine Ich-Erzählerin entschieden, das heißt jede Einschätzung von ihrer Seite transportiert eine Wertung, denn ihre Perspektive ist eine subjektive. Damit ist auch eine, wie du schreibst, zurückgenommene Erzählerin (die es in meinem Augen in dieser Perspektive gar nicht geben kann)ausgeschlossen. Sie ist es die wahrnimmt und beschreibt und damit in das Geschehen direkt involviert ist und dieses bewertet. Wenn sie berichtet die Kassiererin sei hübsch ist das eine Wertung der Erzählerin keine Tatsache. Die Attribute mit denen beide geschildert werden sind in dieser Perspektive alle subjektive Setzungen deiner Ich-Erzählerin. Ein paar Beispiele:

- von einer Frisur kann man nicht sprechen
- deren gepflegtes Ă„uĂźeres einen fast schmerzlichen Kontrast zum Aussehen der Kundin bildet.

Um Wertungsfreiheit zu erreichen müsstest du die Perspektive wechseln, das funktioniert nur mit einem neutralen Erzähler.

Der letzte Satz so wie du ihn in deinem Kommentar als Idee geschildert hast, ist so wie er da steht eine wertende Aussage (Wenn eine Aufgabe nicht erfüllt wird findet zudem doch eine Bewertung statt.) Außerdem ist er, so wie er da steht, ein Bruch der Erzählperspektive. Denn ein Ich-Erzähler kann das hier gar nicht wissen: „Der genannte Kleinbus (wahrscheinlich mit einem Betreuer) setzt die Behindertengruppe vor dem Supermarkt ab, wo sie zu selbstbestimmten Kunden werden. Also geht „man“ davon aus, dass sie ihre Aufgaben auch bewältigen können. Im beschriebenen Fall hat dies nun leider nicht geklappt“. Er kann es höchstens vermuten und dann muss der letzte Satz aus der Ich-Perspektive formuliert sein und ist eine Schlussfolgerung des Erzählers.

Liebe GrĂĽĂźe

Blumenberg

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Ciconia
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Hallo Blumenberg,

ich weiß nicht, ob diese kleine Szene wirklich eine derart in die Tiefe gehende Analyse verdient, aber ich versuch’s noch einmal, meine Sicht der Dinge darzustellen.

quote:
Warum kann die Behinderte nicht beispielsweise etwas HĂĽbsches tragen.
Weil sie in diesem Fall eben wirklich nichts Hübsches trug. Die hier genannte "Sozialtherapeutische Wohn- und Arbeitsgemeinschaft“ mag sich im ländlichen Umfeld befinden, die Behinderten haben vielleicht gerade noch auf dem Bauernhof gearbeitet und sind dementsprechend lässig gekleidet. Zugegeben, das kann der Leser nicht wissen. Aber er sollte nicht anzweifeln, dass dem so ist. Gerade das unvorteilhafte Outfit gibt dieser jungen Frau doch etwas Bemitleidenswertes und lässt das Geschehen noch betrüblicher wirken.
quote:
Eine wirklich empathische und freundliche Kassiererin würde sich Zeit nehmen die Antworten abzuwarten …
Theorie, lieber Blumenberg, nur Theorie. Ich kenne andere. Und ich gehe fast täglich – auch in unterschiedlichen Supermärkten – einkaufen.
quote:
Um Wertungsfreiheit zu erreichen müsstest du die Perspektive wechseln, das funktioniert nur mit einem neutralen Erzähler.
Das leuchtet mir nicht ganz ein. Aus welcher Perspektive sollte ich denn schreiben? Kannst Du mir ein paar Beispielsätze aufführen?

GruĂź Ciconia


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SilberneDelfine
???
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Hallo Ciconia,

das hat Blumenberg schon geschrieben:

Aus der Sicht des neutralen Erzählers.

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