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Leselupe.de > Kurzgeschichten
An einem Morgen
Eingestellt am 22. 10. 2002 21:27


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wondering
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Es ist alles in Ordnung in meinem Leben. Keine Höhen, kaum Tiefen, eben alles in Ordnung. An diesem Morgen, es ist Samstag und noch frĂŒh, ich liege im Bett. Ich bin eben aufgewacht, wie jeden Morgen kurz vor halb acht. Heute kann ich liegen bleiben. Es ist ein schöner Morgen. Vom Bett aus sehe ich aus dem Fenster und erkenne einen wolkenlosen Himmel. Es wird wohl warm werden an diesem 1.Juni1996. Neben mir schlĂ€ft Andreas, mein Mann. Es gibt keinen Grund ihn zu wecken, wie sonst, wenn ich vor ihm erwache. Wir können ausschlafen. Ich schaue auf den Himmel und döse noch ein wenig. Das Telefon klingelt. So frĂŒh am Samstag morgen erschreckt es mich fast. Erst möchte ich liegen bleiben, doch die ungewöhnliche Zeit des Anrufs treibt mich zum Telefon.
Meine Mutter ist dran und sagt nur: “ Stefan ist tot!”.
Es dauert eine kleine Weile, bis ich begreife, was sie meint, frage noch einmal nach in der Hoffnung, mich verhört zu haben. Aber mit TrĂ€nen erstickter Stimme wiederholt sie: “ Mein Gott, die Sabine... der Stefan ist tot!”. Ich habe mich nicht verhört und so unbegreiflich es ist, was Mutter da sagt, so schießt sofort eine Flut von Gedanken durch meinen Kopf und ich kann nur schreien: “Neiiiin!”
Stefan ist der Mann meiner Schwester Sabine. Gerade einmal 28 Jahre alt. Soviel ich aus Mutter an Information herauspressen kann, bevor sie laut weinend auflegt, ist, dass Stefan in der vergangenen Nacht im Schlaf- einfach so- gestorben ist. Mehr konnte ich zunÀchst nicht erfahren.
Durch meinen Aufschrei geweckt kommt Andreas ins Wohnzimmer gelaufen und fragt ungeduldig: “ Was ist los? Was ist passiert?”. Ich antworte ihm, was ich weiß, er wird kreidebleich und beginnt im Raum auf und ab zu laufen. Langsam werden mir die Ausmaße dieser Nachricht klar.
Stefan und Sabine kennen sich seit neun Jahren und bewohnen seit einiger Zeit eine gemeinsame Wohnung. In meinem gesamten Bekanntenkreis gibt es kein zweites Paar, von dem ich sagen könnte, dass es so gut zusammen passt, wie Stefan und Sabine. Die beiden strahlen eine besondere Harmonie, ein gegenseitiges VerstĂ€ndnis und Zusammengehörigkeit aus, die ihresgleichen sucht. Sie studieren gemeinsam und stehen kurz vor ihrem Lehrerexamen. Sie haben viele gemeinsame Hobbys und lassen sich gegenseitig den Raum, den jeder braucht und pflegen Kontakte zu vielen Freunden. Die Beiden haben jeder fĂŒr sich und vor allem als Paar eine Ausstrahlung, dass man sich in ihrer NĂ€he einfach wohl fĂŒhlen muss. Im vergangenen September haben sie aus Liebe geheiratet, und seit drei Monaten erwarten sie ihr erstes Kind.
Mir wird schwindelig, ich will nicht begreifen, was da passiert ist.
Das Telefon klingelt wieder. Ich reiße den Hörer von der Gabel. Vielleicht hat man sich vertan, vielleicht ein Fremder sich einen bösen Scherz erlaubt. Es ist meine andere Schwester Bettina. Sie weint so sehr, dass sie kaum ein Wort klar herausbringt. Mir ist klar, es ist also wahr. Ich versuche, soweit meine Restfassung dies noch zulĂ€sst, mehr von ihr zu erfahren. Bettina schluchzt: “ Er ist erstickt... erstickt.” Und sie weint und weint.
Als wir aufgelegt haben, sage ich zu Andreas: “ Ich muss da hin, ich muss zu Sabine.” Doch mein Mann hĂ€lt mich zurĂŒck, versucht, gegen seine eigene Betroffenheit ankĂ€mpfend, mich zu beruhigen. Er ist Arzt und er möchte zunĂ€chst wissen, ob er noch irgend etwas tun kann und ruft meine Eltern an. Er hört, dass mein Vater bereits zur Wohnung von Stefan und Sabine gefahren ist. Fast bin ich froh, dass Andreas anbietet, selbst dorthin zu fahren. Er meint: “ Es ist besser, wenn ich erst einmal fahre, Ich schaue, was passiert ist.” Und zwei Minuten spĂ€ter ist er unterwegs.
Es verstreichen endlose Minuten. Ich kann nicht mehr aufhören, an die Ausmaße dieses tragischen Ereignisses zu denken. Dieser junge, lebensfrohe und so lebendige Mensch, mein Schwager, der Mann meiner Schwester, der Vater des Kindes unter ihrem Herzen... . warum musste er sterben, wie ist das passiert? Was soll Sabine nun tun? Das Baby, es wird seinen Vater nie kennen lernen.
Inzwischen ist mein Sohn wach geworden. Er ist sechs Jahre alt. Ich halte ihn lange ganz fest und weiß, dass er nicht begreifen kann, was geschehen ist. Der Kleine sieht mich fragend an: “ Mama, warum weinst du?” Ich sage ihm, es sei etwas ganz Trauriges passiert und ich wĂŒrde es ihm spĂ€ter erzĂ€hlen. Es schĂŒttelt mich wieder. Ich mache dem Kleinen sein FrĂŒhstĂŒck und beneide meinen Jungen um seine Sorglosigkeit.
Es vergeht eine Stunde bis Andreas zurĂŒck kommt. Er schafft es, seine Haltung zu bewahren. Er schĂŒtzt sich, indem er als Arzt alles dienstlich zu betrachten versucht. Schonend und doch sehr betroffen berichtet er:
Sabine hatte ihm die TĂŒre geöffnet. Sie war ihm als ein BĂŒndel von Hilflosigkeit begegnet. Die Hektik der abgelaufenen VorgĂ€nge in den letzten Stunden hatte sie vor dem Zusammenbruch bewahrt.
Sie war am frĂŒhen Morgen zuerst aufgewacht und fand Stefan, scheinbar schlafend, auf der Seite liegend. Sie wollte ihn sanft wecken, doch er reagierte nicht. Die Beiden hatten einiges vor an diesem Tag, es wurde Zeit aufzustehen, drum wurde sie energischer mit ihren Versuchen , ihn aufzuwecken. Es kam keine Reaktion außer merkwĂŒrdiger, rasselnder GerĂ€usche. Stefan muss wohl in diesem Moment seine letzten AtemzĂŒge gemacht haben, vielleicht waren es aber auch nur noch ein paar Reflexe. Jedenfalls merkte Sabine jetzt, dass etwas nicht stimmte und schrie auf Stefan ein, rĂŒttelte ihn. Er reagierte nicht mehr, sein Körper blieb reglos.
In wilder Panik rief sie zuerst den Notarzt, dann einen Nachbarn, einen Krankenpfleger. Mit ihm zusammen kÀmpfte sie bis zum Eintreffen des Notarztes, ihren Mann wieder zu beleben. Doch alle Versuche, auch die des Notarztes, blieben erfolglos. Stefan war tot.
Mein Mann erzĂ€hlt mir jetzt unter TrĂ€nen, wie furchtbar es fĂŒr meine Schwester in diesem Moment gewesen sein muss, dass der Notarzt gezwungen war, die Kriminalpolizei zu verstĂ€ndigen. Es war seine Pflicht. Stefan war zu jung, um einfach so zu sterben. Der Arzt durfte den Totenschein nicht ohne Freigabe der Polizei ausstellen. Wie absurd, mich schaudert es. Es dauerte wohl nicht lange, dann war die Kripo im Haus. Zwei MĂ€nner, vielleicht etwas Ă€lter als Stefan, stellten dienstbeflissen Tausende von Fragen, und mittendrin in diesem Szenario, meine kleine Schwester mit dem werdenden Kind unter ihrem gebrochenen Herzen. Der Notarzt, die Kripo, die Eltern von Stefan, mein Vater und Andreas, ein Kommen und Gehen, Verzweiflung, Ratlosigkeit und viele ungeklĂ€rte Fragen hatten Sabine bisher auf den Beinen gehalten. Sie hatte noch keine Zeit zu begreifen.
FĂŒr Andreas gab es dort nichts mehr zu tun und er fĂ€hrt nach Hause. Jetzt sitzen wir beide in unserer KĂŒche und sagen nichts mehr. Was auch? Es gibt zu viel Fragen und immer wieder den Wunsch, der böse Traum möge zu Ende sein.
Mittags fahre ich zu meinen Eltern. Sabine hat ein paar Sachen gepackt und bezieht vorerst ihr frĂŒheres Kinderzimmer. Ich treffe sie am Esstisch sitzend. Wir schauen uns an und nehmen uns still in den Arm. Sie ist auf einmal so klein und hilflos. Sie wirkt apathisch und ist vollkommen in sich gekehrt. Mich zerreißt es, aber ich kann nicht weinen, ich bin die große Schwester.
Auch Bettina ist da. Sie ist diejenige von uns Schwestern, die schon, seit wir Kinder waren, einen sehr engen Kontakt zu Sabine hatte. Auch Bettina ist verheiratet und hat zwei kleine Söhne. Nun sitzt die da und hĂ€lt Sabines Hand. Wir sitzen am Esstisch mit unseren Eltern, wie frĂŒher, als wir noch Kinder waren. Jeder an seinem Platz. Wie frĂŒher.
Im Laufe des Nachmittags treffen immer mehr Freunde von Stefan und Sabine ein. Sie kommen, um bei Sabine zu sein, um zu zeigen, dass sie nicht alleine ist. Bei jedem, der hinzukommt, lĂ€ĂŸt Sabine ein StĂŒck ihres Kummers heraus. Sie weint, sie klammert sich an die Freunde, sie erzĂ€hlt von dem Morgen und wird dann wieder ganz still. Zwischendurch eilt sie immer wieder ans Telefon, um noch mehr Freunde zu verstĂ€ndigen. Stefans Bruder Markus kommt mit dem Fahrrad. Ich ertrage kaum, das Leid dieses jungen Mannes zu sehen. Seine Schwester Monika ist auch gekommen, sitzt still in einem Sessel und ich sehe ihr an, dass sie, wie auch sonst niemand im Raum, versteht, was geschehen ist. Stefans Eltern treffen ein. Sie sind gebrochen. Sie haben ihr Ă€ltestes Kind nach achtundzwanzig Jahren verloren.
Ich werde unruhig. Ich komme mir in dieser Situation so unnĂŒtz, so hilflos vor. Kann nicht trösten, kann nichts ungeschehen machen. Jeder Blick auf meine Schwester oder die Familie von Stefan zerreisst mir die Seele. Ich muss irgend etwas tun. Und so fahre ich, gemeinsam mit meinem Vater zur Wohnung von Stefan und Sabine, um aufzurĂ€umen. Wir wollen die Wohnung herrichten, weil sie lĂ€nger nicht bewohnt werden wird.
Als ich die Wohnung betrete, scheint alles wie immer. Es riecht wie sonst, wenn ich Stefan und Sabine besucht habe. Auf den ersten Blick ist nichts anders. Doch dann im Schlafzimmer bietet sich mir ein Bild, das mich dazu zwingt, alle GefĂŒhle auszuschalten. Stefans Bett ist zerwĂŒhlt. Überall Spuren des verlorenen Kampfes um sein Leben. Einwegspritzen, Medikamente, unendlich viele TaschentĂŒcher und ĂŒberall Blut und Erbrochenes. Ich schalte meinen Kopf aus. Ich bin zum Arbeiten hergekommen. Und das tue ich jetzt auch. Ich versuche nicht daran zu denken, was Sabine an diesem Morgen erlebt hat. Doch jedes Detail, das ich beseitige, stĂ¶ĂŸt mich gnadenlos auf die Wirklichkeit. Zwei Stunden lang rĂ€umen mein Vater und ich auf. Wir putzen die ganze Wohnung, entsorgen Lebensmittel und MĂŒll, packen Stefans getragene Kleidung ein und versuchen die Wohnung so zu gestalten, dass Sabine irgendwann einmal hierher zurĂŒck kommen kann.
Als wir gehen, deutet nichts mehr darauf hin, dass hier noch ein paar Stunden zuvor, das GlĂŒck eines jungen Paares jĂ€h zerstört wurde.
Wir sind wieder in meinem Elternhaus und ich begebe mich sofort in den Keller, um Stefans Sachen zu waschen. Ich habe noch immer den starken Drang, etwas zu tun, zu verdrÀngen, kann mich nicht unter Freunde und Familie mischen. Sie sind inzwischen zahlreich in Wohnzimmer und Garten versammelt.
Als ich aufhöre zu arbeiten, ist es SpĂ€tnachmittag. Die Sonne scheint und es ist noch warm. Eine Gruppe junger Leute und zwei Elternpaare sitzen draußen auf der Terrasse und erzĂ€hlen von einem tollen Kerl, der Stefan hieß. SchwĂ€rmen von einem tollen Paar, Stefan und Sabine. Sabine mitten drin. Ein scheues LĂ€cheln huscht manchmal ĂŒber ihr Gesicht bei dem, was sie hört. Man erinnert sich an den jungen Mann, der so viel Sinn und Unsinn im Kopf hatte. Es wird gelacht ĂŒber lustige Erinnerungen an diesen jungen Mann, der so gern gelebt hat. Und es wird viel geweint.

Die nĂ€chsten Tage werden noch nicht zulassen, genau zu spĂŒren, dass nichts mehr ist, wie es mal war. Es muss viel erledigt und organisiert werden. Doch dann wird Sabine nach und nach die neue Wahrheit begreifen mĂŒssen. Sie wird sie aber sicher, wie niemand von und, je verstehen.
Was ihr bleibt sind Erinnerungen an das Leben mit Stefan und das, was aus diesem Leben in ein paar Monaten hervorgehen wird.
Ein neues Leben.



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