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Leselupe.de > Kurzprosa
An einen Engel
Eingestellt am 10. 03. 2001 10:12


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Eve
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

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An einen Engel

Mein Fu√ü ist schon seit einer halben Ewigkeit eingeschlafen, aber ich r√ľhre mich nicht. Was ist schon ein totes Bein im Vergleich zu einem toten Herzen? Du liegst vor mir, bewegst Dich nur manchmal im Schlaf, vielleicht tr√§umst Du schlecht? Wenn ich k√∂nnte, w√ľrde ich Dir einen ewi-gen Traum schenken, auf dass Du nie wieder davon erwachen m√ľsstest. Auf das die Sonne Dir nie wieder die atemlose Stille der Nacht stehlen k√∂nnte. Deshalb sitze ich hier, an der Seite Dei-nes Bettes, wache √ľber Dich und hoffe, Du kannst mich f√ľhlen. Das Gef√ľhl ist das Einzige, was uns bleiben wird, das Gef√ľhl ist die einzige Ewigkeit, die es f√ľr uns geben kann.

Ich m√∂chte nie wieder von Deiner Seite aufstehen, aber wir sollen unser Leben ganz normal weiterf√ľhren. Wie kann es das je wieder sein? Schon von dem Moment an, als Du Deinen Kopf durch die T√ľr in mein kleines Gesch√§ft stecktest, war mein Leben nicht mehr normal, nicht mehr allt√§glich. Weil ich einen Engel gesehen habe. Wir haben auf uns gewartet, weil wir nur gemein-sam existieren k√∂nnen, wir haben uns erkannt, weil wir schon viele Leben geteilt haben. Jetzt sehe ich Dich an und finde mich selbst in Dir, so wie Du, wenn Du Deine Augen in meine senkst. Ich erz√§hle Dir nichts von dem Schmerz, der mich zerrei√üt, wenn ich in den Fenstern zu Deiner Seele kein Wiedererkennen sehe. Manchmal wei√üt Du nicht, dass ich es bin, die neben Dir auf dem Boden sitzt, Deine Hand h√§lt, zu Dir spricht. Manchmal haben wir nur das Gef√ľhl in uns, das uns verbindet. So, wie Du langsam erblindest, werde ich langsam taub. Taub und stumm gegen die Welt drau√üen vor unserer T√ľr. Taub und zornig auf die anderen, die sorglos ihren t√§glichen Dingen nachgehen k√∂nnen, w√§hrend ich hier drin einen aussichtslosen Kampf k√§mpfe. Aber wenn Du dann Deine Augen √∂ffnest, die letzten Reste des Schlafes aus Deinem Kopf vertreibst, und ich einen winzigen Schimmer in ihnen aufblitzen sehe, dann bin ich wieder ruhig. Dann sehe ich meinen Engel.

L√§ngst ist die Zeit des klagenden Fragens vorbei, jetzt ist die Zeit ein Geschenk, obgleich sie auch unser gr√∂√üter Feind ist. Ich habe aufgeh√∂rt zu schlafen, denn Du k√∂nntest etwas brauchen w√§h-rend ich meine Augen geschlossen habe. Es wird eine Zeit kommen, in der ich mich ausruhen kann ? und ich f√ľrchte den Tag, an dem das geschehen wird. Dein leiser Atem ist meine sch√∂nste Musik, Dein Anblick mein liebste Bild. Ich kann meine Augen nicht schlie√üen, weil ich jeden Moment mit Dir fest in mein Herz einbrennen muss. All Deine Pl√§ne musstest Du aufgeben, weil Dir die Kraft dazu fehlt. Und die Zeit. Ich erz√§hle Dir Geschichten, Geschichten von uns und Geschichten, die wir zusammen erlebt h√§tten, wenn es uns erlaubt w√§re. Und ich schw√∂re, dass ich Dein Leben fortf√ľhren werde, ich lebe einfach zwei Leben, denn dann ist Deines nicht verlo-ren.

Ich wollte tausend Dinge von Dir haben, Dinge, die Du in der Hand hattest, Dinge, die Du gern mochtest ? aber ich habe erkannt, dass ich nichts davon brauche, um bei Dir zu sein. Du bist in mir, in meinem Herzen, durch unsere Erinnerung sind wir zusammen ? f√ľr immer. Es gibt Tage, da ist mein Herz ruhig und gefasst, da bin ich zufrieden, Deine Hand zu halten, Dich anzusehen. Denn bald wird allein das schon nicht mehr m√∂glich sein. Aber es gibt auch Tage, an denen ich es fast nicht ertrage, Dich dort liegen zu sehen, weil Du immer weniger wirst, weil Du mir zeigst, was Verg√§nglichkeit ist. Ich habe solche Angst vor dem Tod und darf es Dir nicht zeigen. Zum ersten Mal muss ich allein zurechtkommen, h√§ltst nicht Du tr√∂stend meine Hand. Stattdessen ber√ľhre ich Deine, die vor kurzem noch so kr√§ftig war, mit meinen Fingern, ganz zart. Ich rede mir ein, dass alles gut wird. Verleugne den Schmerz, der seit Wochen in mir w√ľtet und zehrt. Seit Du mir gesagt hast, dass Du Leuk√§mie hast. Es ist Schmerz dar√ľber, dass ich Dir Deinen nicht abnehmen kann, dass ich dazu verdammt bin, einfach nur still dasitzen zu k√∂nnen, w√§hrend Du allein k√§mpfen musst. Ich w√ľnschte, ich k√∂nnte auch nur einen Teil davon von Dir nehmen und selbst erleiden. Ich w√§re gl√ľcklich, w√§re das m√∂glich. Das Gl√ľck ver√§ndert sein Gesicht, es wird gen√ľgsamer. Mich erf√ľllt eine stille Freude, wenn ich Dein entspanntes Gesicht sehen kann, wenn Du meine Finger ein klein wenig dr√ľckst, als Zeichen Deines Erkennens.

Du schl√§fst nicht immer, aber wenn, dann kann ich Dich besch√ľtzen. Mittags, wenn Du das letzte Bisschen Kraft f√ľr den Tag sammelst, machst Du Dir Sorgen. Sorgen um mich, Gedanken dar√ľber, wie schwer das alles f√ľr mich sein muss. Aber mein Weg ist nicht so schwer wie Deiner. Denn Du hast das Gef√ľhl mich zu verlassen, ohne eine Wahl zu haben. Du glaubst mir nicht, dass ich das nicht so sehe, Du weinst manchmal heimlich. Es ist, als ob uns beiden in Zeitlupe das Herz gebrochen wird, und wir dazu verdammt sind zuzusehen. Deine Krankheit ist nicht gn√§dig mit uns, sie z√∂gert und wartet und schleicht. Sie zerm√ľrbt und ist doch die einzige Hoff-nung, die uns bleibt. Denn unter all den Schmerzen haben wir immer noch einander, k√∂nnen uns ber√ľhren, festhalten. Bald gibt es niemanden, der mich festh√§lt, wenn sich der Boden unter mei-nen F√ľ√üen auftut und mich in wirbelnden Strudeln in die Tiefe rei√üt. In eine endlose Tiefe voller Dunkelheit. Aber nicht die Dunkelheit des Vergessens ? nein, es ist die Dunkelheit des wahnsin-nigen Schmerzes. Ich nehme mich zusammen, sage mir, dass wir uns wiederfinden werden, so wie wir es auch in diesem Leben getan haben. Aber wer wei√ü das schon genau? Du bist mein Engel, aber was, wenn ich kein Engel bin? In manchen Momenten w√ľnsche ich mir, dass das schmerzvolle Warten ein Ende hat. Und bevor ich diese Gedanken richtig zu Ende gedacht habe, schlage ich meinen Kopf an die Wand, um sie zu zerst√∂ren, um sie auszul√∂schen. Denn ich w√ľn-sche mir das f√ľr mich, damit ich nicht in st√§ndiger Vorahnung und Angst vor dem schwarzen Loch leben muss. Es ist so still um mich geworden, es ist auch still in mir. Manchmal m√∂chte ich schreien, aber das kann ich nicht. Ich behalte all meine Gef√ľhle tief in mir versteckt, denn wenn ich einmal den Deckel √∂ffne, werde ich nie wieder aufh√∂ren k√∂nnen.

Drau√üen geht die Sonne langsam auf, Du √∂ffnest die Augen auf, siehst mich an. Mein Herz macht einen kleinen Satz, ich sp√ľre das Leben in mir zur√ľckkehren ? f√ľr Dich.
?Pia, ich liebe Dich.?
Und mehr brauche ich nicht, um stark zu sein. Das wird mein Anker sein, der mich irgendwann auf meinem tiefen Fall aufhalten wird, der mich zur√ľckzieht. Vielleicht ist es wie Bungeespringen; irgendwann, wenn es vorbei ist, werde ich gl√ľcklich sein k√∂nnen, meinen Engel wenigstens kurz gekannt zu haben. Denn manche finden ihren nie.

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

Werke: 64
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Hallo Eve,

ja, mag sein, daß dein Werk vielen als zu trivial erscheint. Egal. Mir gefällt es. Vor allem der letzte Teil ging mir irgendwie an die Nieren. Schade, daß sich hier noch keiner zu Wort gemeldet hat.

Gruß Ralph
__________________
Schreib √ľber das, was du kennst!

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 17
Kommentare: 1142
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Hallo Eva,
hallo Ralph,

ich bin froh das es noch Menschen gibt die die Geschenisse der "Menschen" lesen. Ralph ich verstehe dich ...

Eva, es hat gut getan in den Gedanken eines Menschen zulesen der Abschied nehmen mu√ü. Ich f√ľhlte die Beklommenheit, die Angst des loslassens, die Furscht des Neuens und das ewige Gef√ľhl der Liebe.

Trivial ist alles im Leben, und unser eigenes Leben ist angereichert mit Klischees und Trivialität, das ist der Grund warum wir nach "Höherem" streben und uns nicht mit der "kleinen Freude" zu frieden geben können.

Das Schiksal auf der Welt existieren zu d√ľrfen ist schon trivial und klischee, machen wir das beste daraus und leben wir, mit allen Schmerzen, √Ąngsten und Freuden ...

Liebe Gr√ľ√üe
Reneè

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Eve
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 28
Kommentare: 516
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Hallo Ralph und Renee

Sch√∂n, dass Euch die Geschichte gefallen hat. Sie ist aus einem Gef√ľhl heraus entstanden - manchmal braucht es nicht immer der gro√üen Worte oder Gedanken. Denn alles f√§ngt ganz klein an, und wenn ich mich nicht mit den innersten, allem zugrunde liegenden Gef√ľhlen (vielleicht sind sie auch trivial, deswegen aber noch lange nicht weniger ehrlich oder wichtig) auseinandersetze, ist es, als ob man ein Pferd von hinten aufz√§umt ... oder so √§hnlich. Es ist auch sch√∂n, mal einfach nur so etwas zu schreiben vor allem, wenn es einen dabei selbst ein bisschen kl√§rt und befreit, da habt Ihr recht.

Gruß Eve

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Sansibar
Guest
Registriert: Not Yet

Engel

Guten Tag Eve und willkommen auf der Lupe,

deine Engelgeschichte gefällt mir, weil ich meine das es sie gibt. Ich mag mich der Lächerlichkeit preisgeben, dennoch muß man sie wohl erfahren und daher um sie zu wissen."Meine" Engel sind ganz gewöhnliche Menschen die uns in schwierigen Situationen beistehen uns helfen und erst viel viel später können wir verstehen das es kein "Zufall" war und ist.
Ich denke das die meisten Menschen ungewöhnliche Erfahrungen haben und hatten aber sie nicht mit Engeln in Verbindung setzen.
M√∂ge dennoch deine Geschichte nicht wahr sein w√ľnscht sich
Sansibar aus Sansibar

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Sansibar
Guest
Registriert: Not Yet

Engel

Guten Tag Eve und willkommen auf der Lupe,

deine Engelgeschichte gefällt mir, weil ich meine das es sie gibt. Ich mag mich der Lächerlichkeit preisgeben, dennoch muß man sie wohl erfahren und daher um sie zu wissen."Meine" Engel sind ganz gewöhnliche Menschen die uns in schwierigen Situationen beistehen uns helfen und erst viel viel später können wir verstehen das es kein "Zufall" war und ist.
Ich denke das die meisten Menschen ungewöhnliche Erfahrungen haben und hatten aber sie nicht mit Engeln in Verbindung setzen.
M√∂ge dennoch deine Geschichte nicht wahr sein w√ľnscht sich
Sansibar aus Sansibar

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