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Leselupe.de > Kurzgeschichten
An zwei Tagen von vielen
Eingestellt am 20. 11. 2015 00:28


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Nathanael
Hobbydichter
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An zwei Tagen von vielen

Ich bin zwanzig Minuten zu frĂŒh am Barbarossaplatz, und wĂ€hrend ich nach dem GebĂ€ude Ausschau halte, versuche ich, mich nicht an dem dĂŒnnen Regenschimmer zu stören, der allmĂ€hlich meine Brille bedeckt. An einer Ampel stelle ich mich unter den Regenschirm eines Passanten und ernte zunĂ€chst Verwunderung, dann schenkt er mir ein Lachen. Vor dem Haus mit der Nummer 44 warte ich noch eine ZigarettenlĂ€nge, dann betrete ich den Sitz der PS Direkt GmbH. Der Hausflur versprĂŒht wenig ReprĂ€sentatives: ein Schild fordert die Besucher auf, davon abzusehen, ihre Zigaretten auf den Boden zu schmeißen, untermalt von einer auf einem MĂŒllberg sitzenden Kanzlerin, die sich die Frage stellt, in welchem Land sie eigentlich lebt. In den WĂ€nden riesige Löcher, der Boden mit Staub und Straßendreck geschmĂŒckt.

Vor der EingangstĂŒr kĂŒndigt Klappern eine Frau an und so unterlasse ich Klingeln und Klopfen. Ein SchlĂŒssel im Schloss, die aufgehende TĂŒr, plötzliches ZurĂŒckweichen und ruckartige AufwĂ€rtskopfbewegung signalisieren leichte Erschrockenheit, die sie zunĂ€chst noch einmal durch spielerisches Handlegen auf ihr Herz kommuniziert und schließlich auch ausspricht: „Da hab ich mich aber ein bisschen erschrocken.“ Ist denn auch die liebe Tante Cunz zu sprechen? Sie ĂŒbergibt mich der nĂ€chsten Dame in KostĂŒm. SĂ€mtliche telefonierenden hĂŒbschen Frauen in von Topfpflanzen geschmĂŒckten Zimmern schenken mir sirenende LĂ€cheln. „Guten Tag, mein Name ist Konstantina Mekra.“ Wir schĂŒtteln uns die HĂ€nde und ich werde gebeten, im Wartezimmer Platz zu nehmen.

Nach wenigen Minuten entreißt mich Frau Mekra der Langeweile, die ich beim Nachgehen der Frage empfinde, welche Wirkung das ĂŒbergroße PortrĂ€t eines zĂ€hnefletschenden Wolfes mit blauen Augen auf die meisten Wartenden wohl entfaltet. Immerhin legen Sie sich gar nicht erst groß den Schafspelz um. Immerhin. Ich werde gebeten, einen Bogen auszufĂŒllen, persönliche Daten, Einwilligung zur Speicherung dieser etc. Ich lasse vieles offen und warte dann wieder, blĂ€tter in einem ziemlich öden IHK-Magazin, schaue aus dem Fenster in einen trostlosen Hinterhof. Gegen drei, als der Gedanke, einfach wieder zu verschwinden, schon fast die Oberhand gewonnen hat, werde ich gebeten, einen stĂŒmperhaften, von Fehlern wimmelnden Test zur „neuen“ Rechtschreibung abzulegen, wobei es mir eine Freude ist, den Verfasser auf seine schlechte Arbeit aufmerksam zu machen.

Frau Cunz im Meeting, also fĂŒr Frau Mekra einen Überblick ĂŒber den Lauf meines Lebens. Anschließend konkretisiert sich das latent Kriminelle, das ich ihr von vorneherein angeheftet hatte, in einem deutlichen GefĂŒhl des versuchten Betrugs: den Arbeitsplatz nur rudimentĂ€r erklĂ€rt, den Arbeitgeber vor vertraglicher Übereinkunft mit der Firma kennen zu lernen unmöglich. MĂŒsse auch einen zwölfmonatigen Vertrag unterschreiben, aber bei dem mysteriösen namenlosen Arbeitgeber from nowhere seien mir erst mal nur drei Monate sicher. Danach halt mal gucken, was sonst noch so geht. Und, wollen wir jetzt den Vertrag unterschreiben?

Wie schon bei der BegrĂŒĂŸung ein ĂŒberaus labbriger HĂ€ndedruck, ein Nimmer-Wiedersehen-LĂ€cheln. Ich warte auf die Linie 18, erzĂ€hle einem ungepflegten Biertrinker das gerade Erlebte. Als ich in der Bahn bin Peacezeichen. Da mein Freund Bassem noch nicht in Klettenberg ist, trinke ich zwei Kölsch in einer Kneipe, anschließend eins am Kiosk, das dem Leverkusenfan gehört. Arschkalt. Beim Bowling folgt auf einen Strike nicht mehr viel, im Kino lĂ€uft nur Mist, beim Billard gewinne ich nur deshalb zwei Mal, weil mein Freund die Schwarze im falschen Loch versenkt. Wir gehen zum neuen TĂŒrken, er bestellt etwas, ich nicht. Wir trinken Tee und meine Trunkenheit weicht MĂŒdigkeit. Also steige ich beim anschließenden Kickern auf Whiskey um. ErwartungsgemĂ€ĂŸ verlieren wir gegen die Cracks haushoch, aber Bassem scheint sich daran zu stören und verschwindet nach Hause.

Ich habe vor, einen Freund zu besuchen, gehe vorher kurz bei dem alternativen Theater vorbei, das bei ihm um die Ecke ist. Ein russischer MöchtegernkĂŒnstler zeigt mir seine Bilder und es fĂ€llt mir schwer, ihn fĂŒr die OriginalitĂ€t seiner Tigermotive zu loben. Ich biete ihm an, einen Joint rauchen zu gehen, doch er verliert sich in russischer Konversation und ich schleiche wieder hinaus. Klingel kaputt, Handy aus, kein Besuch also. An einer Ampel gehe ich zu einem einsamen Autofahrer und frage ihn, ob er mich mit nach Ehrenfeld nehmen kann. Er sagt: „Super Frage, man. Aber ich fahr in die andere Richtung.“ Also laufe ich weiter und weiter, ĂŒberquere bei Rot die Innere Kanalstraße und bin erleichtert, als mir bewusst wird, dass die in dem von mir zuerst ĂŒbersehenen Polizeiwagen hockenden Beamten mir dies durchgehen lassen. Langsam des Wanderns ĂŒberdrĂŒssig gehe ich ins Königsblut, dessen schönen Garten ich nutzen möchte, um dort Einen zu rauchen, Whisky zu trinken, etwas aufzutanken, bevor es weiter geht. Aber der Garten ist geschlossen und so setze ich meinen Weg fort, bis ich Em DrĂŒgge Pitter ankomme.

Endlich da. An der Bar finde ich Platz zwischen zwei Zweiergruppen, eine mĂ€nnlich, die andere weiblich. Im Hintergrund lĂ€uft das Halbfinale des diensttĂ€glichen Kickerturniers. Ich frage nach dem neuen Honigwhisky und bezahle fĂŒnf Euro. Nach wenigen Minuten macht mich die Barlady darauf aufmerksam, dass dieser im Angebot ist und gibt mir Geld zurĂŒck. Heute also Honigwhisky. Ich unterhalte mich mit ihr und flĂŒchtig Bekannten, esse ein bisschen KĂ€se, gewinne Freunde fĂŒr eine Nacht und auch ein paar Feinde. Gegen drei leert sich die Kneipe, auf zehn MĂ€nner kommt nun eine Rothaarige, die tanzt und es zu genießen scheint, unverblĂŒmt begutachtet zu werden. Sie erzĂ€hlt mir, dass ihre Haare nicht echt seien, lĂ€sst mich diese aber nicht anfassen. Ich vermute, dass sie die mangelnde Einsicht in den Zusammenhang zwischen ihren Worten und meiner Handlung zu dem mir im Wortlaut zwar unverstĂ€ndlichen, in seiner Bedeutung jedoch eindeutigen Kommentar veranlasste: was fĂŒr ein Idiot.

Ich steige wieder auf Kölsch um, geh ab und zu nach draußen, um am Joint zu ziehen, tanze mit geschlossenen Augen ein bisschen vor mich hin zu einer Coverversion eines Velvet Underground-Songs. Einer der drei BarpĂ€chter stellt sich mir vor und gibt mir ein Bier aus, die Rothaarige kreuzt bisweilen verstohlen auf und wird geflissentlich von mir ignoriert. Dass sie dies tatsĂ€chlich anzuspornen scheint, amĂŒsiert mich: gibt es diesen Zusammenhang also tatsĂ€chlich mal in real! Muss man alles mitgemacht haben... Also tanze ich mit ihr schließlich ein bisschen eine an einen griechischen Volkstanz angelehnte FĂŒĂŸe-in-die-Luft-Variante, was ihren Begleiter dazu veranlasst, auf den Boden zu spucken. „Hör auf zu spucken“, sage ich und die beiden verschwinden.

Um halb fĂŒnf macht der Laden zu. Ich geh nach Hause, stelle viele Wecker, falle in einen an TrĂ€umen erbĂ€rmlich armen Schlaf. Um halb elf aus dem Bett gequĂ€lt nehme ich eine heiße Dusche. Klar kommen. Blauer Kapuzenpullover, Arafatschal, los zur Bahn. Die Verhandlung ist fĂŒr zwölf Uhr angesetzt. Zlatan ist gekommen und setzt sich neben mich. Stephan sagt aus, dass er an dem besagten Tag im Park gewesen sei und versichern könne, dass HĂŒseyin keine Drogen verkauft hat. Nach einer KlĂ€rung anhand von Bildern, wer wo genau gesessen hat, erklĂ€rt der Richter: „So, wir haben ja jetzt auch schon Mittag rum. Ich schlage vor, wir machen jetzt mal eine Stunde Pause und dann treffen wir uns hier wieder.“

Wir verlassen das GerichtsgebĂ€ude, trinken Kaffee, rauchen. Zlatan fĂŒllt allen ChantrĂ© in die Becher und prustet heraus, dass er gerne mal den Staatsanwalt ficken wĂŒrde, was er als Homosexueller wahrscheinlich wirklich so meint. HĂŒseyin ermahnt beide, leise zu sein und verbietet Stephan, ein Bier zu trinken. „Aber dann wĂŒrde es mir besser gehen“, sagt dieser. „Warte noch eine Stunde“, sage ich, „es macht keinen guten Eindruck, wenn der Richter oder die Schöffen jetzt vorbeikommen und uns trinken sehen!“ Da den beiden nichts anderes zur Überwindung ihre Langeweile einfĂ€llt, beschließen sie, sich fĂŒr den Rest der Pause in einen Vergewaltigungsprozess zu setzten.

Schließlich verkĂŒndet der Richter gegen halb drei sein Urteil, begleitet von scheinbar absoluter Teilnahmelosigkeit der Schöffin und eines immer breiter werdenden Grinsen des Schöffen: sechs Monate. Mit der zuvor verlĂ€ngerten Dauer seiner BewĂ€hrung somit fĂŒnfzehn Monate Knast fĂŒr achtzehn Gramm Gras! Aufgrund der zahlreichen Vorstrafen kommt weder eine Geldstrafe noch BewĂ€hrung in Frage, so der Jungwolf. Und bestĂ€tigt dadurch zum vierzehnten Mal eine traurige Serie, auf die mich mein Freund vor der Verhandlung aufmerksam gemacht hatte: „Ich wurde noch nie freigesprochen.“

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DocSchneider
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Hallo Nathanael, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

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Du hast zwei Tage aus dem Leben des Prot ĂŒberzeugend geschildert, so dass man sich fragt, ob alle Tage seines Lebens so aussehen. Der letzte Teil mit der wörtlichen Rede gefĂ€llt mir besonders gut.

Ein paar kleine Fehler solltest Du noch verbessern.


Viele GrĂŒĂŸe von DocSchneider

Redakteur in diesem Forum

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DocSchneider
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Hallo Nathanel,

folgende Fehler sind mir aufgefallen:

quote:
Sie ĂŒbergibt mich der nĂ€chsten Dame in KostĂŒm.

Sie ĂŒbergibt mich der nĂ€chsten Dame im KostĂŒm.


quote:
SĂ€mtliche telefonierenden hĂŒbschen Frauen in von Topfpflanzen geschmĂŒckten Zimmern schenken mir sirenende LĂ€cheln.

"Sirenende LĂ€cheln" gibt es nicht. Versuche ein anderes Adjektiv zu finden.


quote:
„Guten Tag, mein Name ist Konstantina Mekra.“

Der Punkt steht immer nach den AusfĂŒhrungszeichen. Dieser Fehler taucht noch öfter auf.


quote:
Immerhin legen Sie sich gar nicht erst groß den Schafspelz um.

Sie klein schreiben.


blÀtter in einem ziemlich öden IHK-Magazin,

blÀttere

quote:
„Super Frage, man.

Mann!

quote:
um dort Einen zu rauchen,

um dort einen zu rauchen (ich nehme an, Du meinst einen Joint?)


Ich hoffe, ich habe nichts ĂŒbersehen.


LG DS
__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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FrankK
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Hallo Nathanael,
auch von mir ein herliches Willkommen in der Leselupe.

Eine bitterböse Selbstbetrachtung ĂŒber zwei "Standardtage" deines Protagonisten, gewĂŒrzt mit einer gehörigen Portion Selbstironie.

Gut gelungener Einstieg, muss man mal hervorheben.


Die paar FlĂŒchtigkeiten hat DS ja schon angemerkt. Mehr ist mir auch noch nicht aufgefallen.


Abendliche GrĂŒĂŸe aus Westfalen
Frank
__________________
Leben und leben lassen.

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