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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Anarchie
Eingestellt am 15. 08. 2003 14:45


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black sparrow
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Anarchie


Ich habe einen Mann erschlagen, weil ich Hunger hatte, aber ich fand nur elf Euro in seinen Taschen und Zettel voller Notizen und Gedichte.
Trotzdem bin ich satt und betrunken.
Es ist warm, kurz vor Sonnenaufgang, und ich lese die Aufzeichnungen meines Opfers.
Blutig versinkt der Mond wie ein Tampon im Klo.
Und ich bin m├╝de, denn ich sah zu viele Menschen sterben.
Ich k├Ânnte sie addieren, zu einer Summe, die an die Fleischh├╝gel Treblinkas nicht heranreicht, aber immerhin eine dreistellige Zahl ergibt, und zahlreiche N├Ąchte ohne Schlaf.
Mich trifft keine Schuld. Ich habe sie nicht ermordet, nur gepflegt.
Aber rein ist mein Gewissen nicht, angesichts Mutter Naturs ma├čloser Verschwendung, in der sie gebiert und t├Âtet, frisst und kotzt, und pendelt zwischen Sch├╝ttelkrampf und Magersucht, zum Anbeten vergoldet, mit H├Ârnern verziert.
Eiter rinnt aus ihren Brustwarzen und bedeckt die Vorh├Âfe mit gelblichen Krusten.
Kinder l├Ącheln ihr grindiges L├Ącheln.
Freitag gibt es Fisch!
„Hoffnung! Wir wollen Hoffnung! Gib uns Hoffnung!“ schrien die Leute, und der Dichter auf der B├╝hne zitterte und schwitzte.
„Ich bin doch kein Gott! Ich wei├č nicht mehr als ihr!“ entgegnete er vorsichtig.
„Dann halt die Schnauze! Wir haben bezahlt, und wir kriegen, was wir wollen!“ lautete die Antwort.
„Ihr wisst nicht, was ihr wollt! Es gibt ├╝berhaupt keinen Willen!“ schrie nun der Dichter trotzig zur├╝ck. „Unter diesen Bedingungen lese ich kein Wort mehr!“
„Dich machen wir fertig!“ beschlossen sie und st├╝rmten die B├╝hne.
Der Dichter dachte an den Brei der Br├╝der Grimm und an Flucht, aber zwei Bewaffnete versperrten ihm den Weg.
„Stehenbleiben! Gedankenpolizei!“ sagten sie und hielten die Menge in Schach. Dann befahlen sie Ruhe, damit der Dichter verh├Ârt werden konnte.
„Wollen sie wirklich behaupten, sie h├Ątten keinerlei L├Âsung anzubieten?“ fragte der rangh├Âhere Polizist ungl├Ąubig.
„ Nicht mehr als sie!“
„ Und sie nennen sich Dichter und nehmen daf├╝r Geld?“
„ Ja!“
„ Das ist doch Betrug! Da k├Ânnen wir nichts machen, tut uns leid!“
Sie sch├╝ttelten die K├Âpfe und setzten sich Kapuzen auf, die sie aus der Hosentasche zogen, legten sich gegenseitig Handschellen an, und lie├čen sich ├╝ber den ultramarinblauen Teppich zum Ausgang begleiten. Dann fiel die Menge ├╝ber den Dichter her, und jeder wollte der Erste sein, denn ein K├╝nstler besitzt ein begrenztes Repertoire.
Sie schlugen und traten ihn, bis er sich nicht mehr wehrte.
Sofort stritten sie um die Leiche und schnitten alles weg, was abstand, Finger, Zehen, Ohren, Nase, Brustwarzen, die Lippen und sein Geschlecht. Das brachte ein junges Paar an sich. Sie sahen sehr verliebt aus.
Die Leute waren so w├╝tend, dass sie ihm die Haut abzogen, und ein tiefes T in seinen Rumpf schnitten, um ihn auszuweiden, lege artis.
Am n├Ąchsten Morgen hatten sich die Gem├╝ter abgek├╝hlt.
Das Blut war getrocknet, der Teppich ruiniert.
Auch ein mageres Schwein hat die Anlage herum zu toben.
Wiederstand ist zwecklos. Ich sehe keinen Ausweg, nur glattgestreckte Stra├čen, geometrische Muster und nirgends Platz, sich zu verstecken.
Wohin gehen die Tiere, und nehmen sie mich mit?
Wohin gehen, wenn nicht bleiben?
Bereust du unsere S├╝nden, bodenlos und ohne Grund?
Die Schlange schl├Ąft im Sonnenschein.
Sternschnuppen schauen zum Fenster rein.
Mutter tr├Ągt Halbmonde aus Dreck unter ihren N├Ągeln.
„Er war ein sinnlicher Mensch, aber er hat zu wenig gelacht!“
„Er konnte nicht spielen!“
„Schreiben konnte er auch nicht!“
„Wenigstens war er gut im Bett!“
„Und du glaubst, das reicht?“
So k├Ânnte meine Beisetzung verlaufen. Freunde, Bekannte und
Verwandte, die ich mir allesamt nicht ausgesucht habe, stehen vor dem Loch, in dem mein Sarg liegt, und reden den ├╝blichen Mist ├╝ber mich, wenn ich nicht dabei bin. Und in der Tat, es l├Ąsst mich kalt. Aber vielleicht habe ich auch Gl├╝ck und werde beil├Ąufig von einem Panzer in den Boden gerollt, im B├╝rgerkrieg oder ich werde dehydriert,
und eine Elfe erf├╝llt mir sieben W├╝nsche, da Katzen neun Leben haben, und ich zwei schon verbraucht oder verspielt habe, wie mans nimmt.
Ich w├╝nschte mir Gl├╝ck und Frieden, die Haltung eines Narren
und Stellung eines K├╝nstlers, eine Frau und zwei Katzen.
Ich bezahlte mit meinen restlichen Leben. Meine Seele wollte die Elfe nicht.
Und das ist der Grund, warum ich keine Kinder will, und sollte ich jemals welche bekommen, werde ich mich schuldig f├╝hlen, denn ich besitze keine Entschuldigung.
Wenn Pinocchio l├╝gt, w├Ąchst sein Wahnsinn.
Kommunikation ist Krieg, der Gott der Kunst ein Dieb.
Der Mond versinkt im Klo, blutig wie ein Tampon.
„Ich will nur deine Liebe!“ sagte sie. “Ich bin anlehnungsbed├╝rftig, wenn ich meine Tage habe! Nur deine Liebe!
Sie war wie eine Schwester, und ich gab ihr mehr.
Schlamm├╝berkrustet schlief ich ein, und am Morgen, als ich aufwachte, war der Schlamm getrocknet, und drau├čen lag Schnee.
Die Heckenrose birgt den Heckensch├╝tzen, und man wei├č nie wann Schluss ist.
Ich habe vor Hunger einen Mann erschlagen, und jetzt bin ich satt.


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Rainer
???
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hallo black sparrow,

bis auf wenige ausnahmen gef├Ąllt mir dein text. assoziationsreich, aber trotzdem gerade noch fluffig.

die ausnahmen:

eigentlich lese ich keine texte, in denen sich der prot in einem normalen umfeld ├╝ber seine qualit├Ąten im bett ausl├Ą├čt. diese selbstdefinition w├╝rde ich substituieren.

anarchie. nee, der titel gef├Ąllt mir ├╝berhaupt nicht. wie sich der b├╝rger die anarchie vorstellt klingt zwar an, aber es bleibt mir zu unterschwellig, welche intention du mit diesem titel verbindest. die gedankenpolizei kommt mir dagegen zu direkt; ich denke, hier kannst du problemlos die normale polizei (nicht) walten lassen.

vielleicht st├Ârt mich daran auch nur die momentane antidehydratationshysterie (ich wei├č, das hei├čt sogar in den nachrichten und bei ├Ąrzten dehydrierung. aber es fehlt nicht wasserstoff, sondern wasser; und entw├Ąsserung hei├čt nun mal dehydratisierung - ist aber ein anderes thema), aber dieses wort gef├Ąllt mir nicht. nimm einen anderen mit der aufnahme bzw. nichtaufnahme verbundenen tod, z.b. ersticken w├╝rde es umfassender machen. im moment gef├Ąllt mir gerade ersaufen am besten, schlie├člich ersaufen wir in hoffnungsschwangeren andeutungen.

aber trotz aller meckerei: ein gewinn f├╝r die ll

gr├╝├če

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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glasperlenspielerin
???
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hi black sparrow,

wenn ich jetzt schreibe, dass mir der text gef├Ąllt, so fasse es nicht als eine art "opportunismus, pragmatismus" oder sonst einen "ismus" auf - NEIN es geschieht aus sympathie f├╝r die "anarchie" in deinem text.
nur das mit dem "T" habe ich nicht verstanden.

so long

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knychen
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ohne

hallo black sparrow,
obwohl der text sehr nach drogen klingt und nach meiner auffassung viele deutungsm├Âglichkeiten zul├Ą├čt, pa├čt die mitklingende hektik sehr gut zur hitze der vergangenen tage. la├č zwei monate f├╝nfunddrei├čig grad im schatten brennen und du wirst erstaunt sein, welche monster aus dem sonst so normalen b├╝rger kriechen. exzellent das n├╝chterne fazit am anfang und am ende deines textes, wer wei├č, wozu mensch f├Ąhig ist,wenn er WIRKLICH durst und hunger hat.
gru├č aus berlin
knychen
__________________
kny

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black sparrow
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Danke f├╝r eure Kommentare, auf die ich eingehen m├Âchte.

Zun├Ąchst mal an Rainer:
Was das " im Bett" angeht, hast du nat├╝rlich v├Âllig recht,
und das einzige, was ich damit erreichen m├Âchte, ist ein Schmunzeln, ich h├Ątte nicht gedacht, dass das ernstgenommen
wird! Was k├Ânnte ich noch zu meiner Rechtfertigung sagen?
Dass es S├Ątze aus einem tats├Ąchlichen Gespr├Ąch sind?
Das ich das nicht selber sage, und es nur die Aufzeichnungen
eines/meines Opfers sind?
Es ging nicht anders und kommt nie wieder vor,versprochen!

Anarchie meint weniger die politische Funktion des Wortes,
als die physiologische, n├Ąmlich die anarchische
Funktion des Gehirns.

An die Glasperlenspielerin:

Ein T wird bei einer Obduktion in den Torso geschnitten,
um ihn zu ├Âffnen. Ist kein sch├Âner Gedanke, ich wei├č.

Und Knychen, wieso denkst du an Drogen?
So was kommt raus, wenn man sich selbst beim Denken zusieht.
Ich glaube eben, dass der menschliche Verstand kompliziert ist und dass f├╝r manche Geschichte die lineare Erz├Ąhlstruktur nicht ausreicht. Aber daf├╝r muss ich keine Drogen nehmen.
Vielleicht braucht man Drogen, um den Text zu verstehen.
Da bin ich n├Ąmlich auch ├╝berfragt,
so ziemlich jedenfalls.

Ich w├╝nsch euch ein sch├Ânes Wochenende

black sparrow


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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 17
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ich habe es mit Spannung und Freude zugleich gelesen, die Freude daher, weil ich deine Texte sehr mag und froh bin, dass du trotz der vielen negativen Gedanken viele positive Ans├Ątze drin hast.
Dabei fiel mir ein Satz besonders auf, f├╝r mich eine Art Schl├╝sselsatz:
"Ich w├╝nschte mir Gl├╝ck und Frieden, die Haltung eines Narren und Stellung eines K├╝nstlers, eine Frau und zwei Katzen."
Ich interpretiere darin, Ursprung des Dasein, R├╝ckblick auf Zuk├╝nfiges und hoffnungsvolles Sehnen nach der Erf├╝llung.

Black, ich mag nicht nur diesen Text, auch die vielen andere, wie die Lyrik mit dem alten Mann, der die Rolltreppe nicht benutzen will, oder Henry, auf dessen Fortsetzung ich schon ein Jahr warte.
Wenn ich nicht viel zu deinen Texten sagen, dann liegt das daran, dass du mich zu meist sprachlos machst (im positiven Sinne).

Ich wollte nur, dass du wei├čt, auch wenn ich nichts sage, lese ich doch alles von dir oder "Du entkommst mir nicht"

Sei lieb gegr├╝├čt und herzlich umarmt
Rene├Ę

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