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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Anatomie einer Affäre
Eingestellt am 06. 11. 2011 13:30


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:


Anne Enright, Anatomie einer Affäre, DVA 2011, ISBN 978-3-421-04540-9

In dem neuen Roman der irischen Schriftstellerin und Bestsellerautorin Anne Enright geht es um die Ich-Erzählerin Gina, eine 32- jährige verheiratete und beruflich in einer Internetfirma sehr erfolgreiche junge Frau. Als die Handlung beginnt und Gina dem Mann, der dann für Jahre nicht nur ihre Gedanken, sondern ihr ganzes Leben bestimmen sollte, im Garten ihrer Schwester in Enniskerry zum ersten Mal begegnet und ihm in die Augen schaut, da ist eigentlich schon alles klar. Jedenfalls aus der rückblickenden Perspektive, mit der Gina ihre Geschichte erzählt.

Über eine lange Zeit ist sie regelrecht fassungslos darüber, wie das alles geschehen konnte. Denn ihre Ehe mit Conor läuft gut, beruflich ist sie mit Rathlin Communications, die Firmen auch im Ausland ins Internet bringen, sehr erfolgreich, und wie so viele andere Iren etwa um 2007 herum schwimmen sie im Geld.

Doch ein Blick in Seans Augen verändert ihr Leben. Sean ist mit Aileen verheiratet und beide wohnen in der Nachbarschaft von Ginas Schwester Fiona in Enniskerry. Als Sean wenig später als Berater in Ginas Firma kommt, spüren die Kollegen sehr bald etwas von der knisternden Atmosphäre zwischen den beiden. Bald kommt es zum ersten Kuss und dann kommen sie nicht mehr voneinander los. So weit, so gut.

Seine besondere Qualität hat der Roman aber nicht durch die Wiederholung eines in zahllosen Liebesromanen und- filmen variierten Themas, sondern durch die Tatsache, das seine Ich-Erzählerin auf eine fast selbstquälerische Art und Weise eine Introspektion betreibt, um sich selbst und ihren Gefühlen auf die Spur zum kommen. Auf diese Weise erfährt sie nicht nur beglückende Momente mit Sean, hat fantastischen Sex mit ihm, sondern sie kommt, sich selbst nachsinnend, auch in einen intensiveren Kontakt mit ihrer eigenen Familie. Weniger ihrem Mann Conor, von dem kaum die Rede ist und von dem sie sich mehr und mehr entfernt, auch weil sie seinem immer wieder vorgetragenen Kinderwunsch letztlich keinen Glauben schenkt, sondern vielmehr ihrer Schwester und deren Kindern, sowie ihrer Mutter, die im Verlauf der Handlung stirbt.

Gina bleibt mit dem Elternhaus zurück und will es verkaufen. An die zwei Millionen soll es bringen, doch die Finanzkrise hat in der Zwischenzeit nicht nur Rathlin Communications pulverisiert, sondern auch den Immobilienmarkt zusammenbrechen lassen. Sean ist immer öfter ihr Gast in diesem Haus, aber er will und kann sich nicht von Aileen trennen. Das hängt auch mit der Lebensgeschichte der Tochter von Aileen und Sean, Evie, zusammen, die schon als kleines Kind unter Anfällen gelitten hat, und die – wie so oft in prekären Ehen – das einzige wirkliche Bindeglied zwischen den beiden ist.

Ein Bindeglied, das sich als mindestens so stark erweist wie die Liebe zwischen Sean und Gina. Das macht Anne Enright gleich zu Beginn des Buches klar, als sie Gina sagen lässt:
„Hätte es das Kind nicht gegeben, wäre vielleicht nichts von alledem passiert; doch die Tatsache, dass ein Kind daran beteiligt war, machte es so viel schwieriger zu verzeihen. Natürlich gibt es da gar nichts zu verzeihen; doch die Tatsache, dass ein Kind darin verwickelt war, flößte uns das Gefühl ein, es gebe kein Zurück mehr, es gehe um etwas Wichtiges. Die Tatsache, dass ein Kind betroffen war, bedeutete, das wir uns ehrlich mit uns selbst auseinandersetzen, die Sache zu Ende bringen mussten.“

Wie die Hauptpersonen in Anne Enrights Roman das tun, ist beeindruckend. Der Roman ist eine literarisch gelungene Auseinandersetzung mit einem Thema, das in unseren Zeiten sehr viele Frauen und Männer betrifft, uns dessen Folgen für die beteiligten Kinder erst langsam in den Fokus der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit kommt. Vgl. dazu auch die vor einiger Zeit vorgelegte Streitschrift von Melanie Mühl „Die Patchwork-Lüge“ (Hanser 2011.)




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