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Leselupe.de > Humor und Satire
Anatomie eines Witzes
Eingestellt am 16. 03. 2006 19:29


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Raniero
Textablader
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Anatomie eines Witzes

Bei den Arbeitskollegen galt Helfried Kleumann, der kleine kaufmĂ€nnische Angestellte, als WitzerzĂ€hler par exellence, obwohl er eigentlich, wie viele dieser passionierten Witzbolde, keinen Humor besaß, da ihm die FĂ€higkeit abging, ĂŒber sich selbst lachen zu können. Stattdessen wachte er eifersĂŒchtig ĂŒber das Repertoire seiner Witze und hatte sich daheim sogar ein Archiv angelegt, in welchem er diese fein sĂ€uberlich nummeriert und katalogisiert aufbewahrte, um sie bei jeder Gelegenheit entsprechend der Zusammensetzung und den Vorlieben seines Zuhörerkreises aus dem GedĂ€chtnis abrufen konnte.
Machte in seiner Gegenwart einmal ein Witz eine Runde, den er noch nicht kannte, wurde er unruhig; Ă€ußerlich sah man ihm die GemĂŒtsbewegung nicht an, doch in seinem Innern da gĂ€rte es vor Ärger, dass er nicht selbst diesen Spaß als erster unter die Leute gebracht hatte.
Seine Vorliebe galt den Witzen ĂŒber Minderheiten, Menschen mit körperlichen Gebrechen oder anders gearteten geschlechtlichen Ausrichtungen, konnte er doch sicher sein, mit diesen den Geschmack der meisten seiner ‚normalen’ Zuhörer zu treffen. DarĂŒber hinaus hatte Helfried den krampfhaften Ehrgeiz, ĂŒber die Grenzen seines Arbeitsfeldes und hinaus einem grĂ¶ĂŸeren Publikum bekannt zu werden und es tatsĂ€chlich soweit gebracht, einmal im Fernsehen bei einer öffentlich weinenden Moderatorin aufzutreten, mit all seinen Witzen; eine Aktion, von der er sein ĂŒber gesamtes Berufsleben hin zu zehren gedachte.

An einem Montag, am frĂŒhen Morgen, hatte ein neuer Angestellter, ein junger Mann Ende zwanzig mit Namen Thorsten SchnĂ€ter, seine Arbeit aufgenommen und war vorab vom Chef persönlich durch alle BĂŒrorĂ€ume der Abteilung gefĂŒhrt und hierbei allen Mitarbeitern vorgestellt worden. Nachdem sich der Chef zurĂŒckgezogen hatte, versammelten sich zur FrĂŒhstĂŒckszeit einem alten Brauch entsprechend alle Kollegen, mĂ€nnlich wie weiblich, um dem NeuanfĂ€nger das richtige Wir-GefĂŒhl zu vermitteln. Dieses Treffen fand, wie alle ZusammenkĂŒnfte dieser Art, im grĂ¶ĂŸten Raum der Abteilung, einem GroßraumbĂŒro mit acht Schreibtischen, in dem auch Helfried Kleumann seinen Arbeitsplatz hatte, statt.
Um dem jungen Mann von Beginn an einen richtigen Eindruck der AtmosphĂ€re zu vermitteln, fand Helfried sich auf Bitten der Kollegen gleich bereit, dem NeuanfĂ€nger zur EinfĂŒhrung einen seiner Witze zu prĂ€sentieren, den die meisten Mitarbeiter zwar, wie sie glaubten, mehr als einmal gehört hatten, worĂŒber sie sich aber aus SolidaritĂ€t niemals beschwerten sondern pflichtschuldig mitlachten wĂŒrden, allein schon, um zu testen, ob der neue Mann den aus ihrer Sicht notwendigen Humor besĂ€ĂŸe.
Helfried zwinkerte den Kollegen zu und begann jedoch, dem neuen Mitarbeiter zugewandt, mit der ErzĂ€hlung eines völlig neuen, auch im Mitarbeiterkreis noch nicht gehörten Witzes, wobei allerdings die EinfĂŒhrung nach altbekanntem Muster verlief:
„Kennen Sie den schon, junger Mann? Nicht? Macht ja nichts, hören Sie einfach zu. Der Chef einer grĂ¶ĂŸeren Abteilung...“

Weiter kam Helfried nicht; der neue Kollege nahm sich die Freiheit, ihn an dieser Stelle zu unterbrechen: „Halt, Herr Kleumann, warten Sie. Wie können Sie denn davon ausgehen, dass ich den Witz, den Sie mir jetzt erzĂ€hlen wollen, noch nicht kenne? Sie können es nicht wissen, Sie können vielleicht annehmen, dass ich den Witz noch nicht kenne, doch absolut sicher können Sie doch nicht sein, nicht wahr?“
Helfried war sprachlos, das erste Mal in seiner Funktion als WitzerzÀhler.
Was war denn das fĂŒr ein Witzbold, der ihn noch vor dem eigentlichen Witz unterbrach?
„Wie meinen Sie, ich verstehe nicht ganz? Sie kennen meinen Witz schon? Das ist ja unglaublich!“
„Das habe ich nicht behauptet, Herr Kleumann, wie könnte ich denn? Was halten Sie davon, mir den Inhalt Ihres Witzes vorab ein wenig zu erlĂ€utern, ohne die Pointe vorwegzunehmen, versteht sich, damit ich mir ein Urteil bilden und Ihnen definitiv sagen kann, ob ich ihn kenne oder nicht, diesen Witz?“

Einige der Kollegen begannen, verhalten zu grinsen.
Helfried jedoch reagierte ausgesprochen sauer.
„Wie bitte, mein Herr? Was soll ich? Ihnen meinen Witz vorab erlĂ€utern, und ihn dann noch einmal erzĂ€hlen, den Witz? Das ist wohl ein Witz? Einen Deubel werde ich tun, ich erzĂ€hle den Witz auf meine Weise oder gar nicht!“
„Wie Sie meinen“, erwiderte der junge Mann eisig.
Mit grimmigen Mienen standen sie sich gegenĂŒber, ErzĂ€hler und Zuhörer, dem Anlass einer heiteren Geschichte nicht gerade entsprechend, und mit derselben Miene setzte Helfried erneut an.
„Also, der Chef einer grĂ¶ĂŸeren Abteilung, nicht unser Chef, versteht sich, stand vor der Aufgabe, eine freigewordene Stelle neu zu besetzen. Drei Angebote hatte er schließlich vorliegen und..“
„Nicht so schnell, Herr Kleumann“, unterbrach Thorsten SchnĂ€ter den Witzexperten, der gerade wieder in Fahrt geriet, „Sie erwĂ€hnten dass es sich nicht um unseren Chef handele. Sind Sie sich da absolut sicher?“
Entgeistert starrte Helfried den neuen Kollegen an.
„Wie kommen Sie denn darauf, Mann? NatĂŒrlich handelt es sich nicht um unseren Chef, verdammt noch einmal!“
„Ich frage nur deswegen, Herr Kleumann, weil unser Chef nicht im Raum ist, und man weiß ja, wie oft Witze ĂŒber Vorgesetzte in deren Abwesenheit gemacht werden“.
Helfrieds Gesichtsfarbe wechselte zu einer ungesunden Röte.
„Es ist aber nicht unser Chef,“ erwiderte er mit schneidender Stimme, „es ist irgendein Chef, verstehen Sie, irgendeiner irgendwo auf der weiten Welt. Wollen Sie nun den Witz hören oder nicht?“
Thorsten wollte, und er gab sich mit der ErklÀrung zufrieden.
Viele der Kollegen hatten sich etwas abgewandt, um ihre LachkrÀmpfe zu verbergen.
„Also, nachdem ihm die Angebote von drei Bewerbern vorlagen, unserem Chef, ich meine, diesem Chef da, bestellte er sie alle zu sich, zu einem VorstellungsgesprĂ€ch, diese Kandidaten, in sein Vorzimmer“.
Helfried machte eine Pause und blickte den Neuling durchdringend an, als ob er einen weiteren Einspruch erwartete; dieser erfolgte jedoch nicht.
„Nun muss ich aber noch erwĂ€hnen“, setzte er fort, „dass dieser Chef ein kleines körperliches Handykap hatte, einen kleinen Makel, den ihm die Natur mitgegeben hatte; er besaß keine Ohren!“

An dieser Stelle platzten die Kollegen los, vor Lachen; ĂŒber die fehlenden Ohren oder ĂŒber die allgemeine Situationskomik, sei dahingestellt. Erwartungsvoll blickte Helfried den Neuen, Thorsten SchnĂ€ter an, doch der lachte nicht und verlangte stattdessen eine nĂ€her gehende ErklĂ€rung.
„Lieber Herr Kleumann, Sie fĂŒhrten soeben aus, dass Sie diesen Umstand ĂŒber das körperliche Handykap unseres Protagonisten erwĂ€hnen mĂŒssen. Warum tun Sie das erst jetzt? Meines Erachtens gehört eine solche ErwĂ€hnung an den Anfang des Witzes, ist sozusagen die PrĂ€misse dieses Witzes. Aus dramaturgischen GrĂŒnden sollten Sie daher diese Tatsache nicht erst schildern, wenn ein Teil des Handlungsstranges bereits seinen Lauf genommen hat, sondern gleich zu Beginn“.

Helfrieds Gesicht nahm eine Farbe an, die selbst einen erfahrenen Mediziner erschrecken konnte.
„Wie bitte, Sie machen wohl Witze!“ brĂŒllte er los, in einer solchen LautstĂ€rke, dass die leichten halbhohen GlastrennwĂ€nde des Raumes erzitterten, „PrĂ€misse des Witzes? Dramaturgische GrĂŒnde? Haben Sie keine Ohren, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass ich meine Witze auf meine Weise erzĂ€hle! Darf ich nun endlich meinen Witz so erzĂ€hlen, wie ich es möchte?“
„Sie brauchen mich nicht so anzubrĂŒllen, Herr Kleumann, ich habe Ohren, im Gegensatz zu Ihrem Chef!“
„Zu meinem Chef, Sie Flegel, was erlauben Sie sich?“
„Ich meine, zu Ihrem Chef in Ihrem Witz, Herr Kleumann“.
„Ach so. Darf ich also weiter erzĂ€hlen. Mein Gott, ist das anstrengend“.
Helfried wischte sich ein paar Schweißperlen aus dem Gesicht; es war das erste Mal, dass er bei einem Witz schwitzte.
„Also“, fuhr er vorsichtig fort, jederzeit auf einen neuen Angriff gefasst, „er besaß keine Ohren, dieser Chef. Nun gut, er ließ also den ersten Bewerber vor, um ihn vorab zu testen, wie dieser auf seine fehlenden Ohren reagieren wĂŒrde, davon hinge alles weitere ab. So stellte er diesem, nachdem der sich vorgestellt und Platz genommen hatte, zuerst die folgende Frage: ‚Sagen Sie mal, fĂ€llt Ihnen an mir etwas auf?’ Der Kandidat antwortete spontan: ‚Ja, wenn Sie mich so direkt fragen, dann muss ich sagen, dass Sie keine Ohren haben’. Das war das Stichwort fĂŒr den Abteilungsleiter. Mit der BegrĂŒndung fehlenden TaktgefĂŒhls warf er den Bewerber hinaus und ließ den nĂ€chsten eintreten“.

Erleichtert darĂŒber, dass er eine relativ lange Passage des Witzes ohne Einwand ĂŒber die Runden gebracht hatte, blickte Helfried zu seinem grĂ¶ĂŸten Kritiker hinĂŒber , doch der zeigte einen eher gleichgĂŒltigen bis gelangweilten Gesichtsausdruck, wĂ€hrend die Kollegen es vor Spannung fast nicht mehr aushielten, sei es im Hinblick auf die Pointe oder auf den nĂ€chsten Knall.
Vorsichtig nahm er die ErzÀhlung wieder auf
„Ja, und was soll ich sagen, liebe Kollegen, dem nĂ€chsten Bewerber erging es ebenso; kaum hatte er dem Chef eine Andeutung ĂŒber dessen Ohren gemacht, flog auch er achtkantig hinaus. Als dieser Bewerber ins Vorzimmer zurĂŒckkehrte, saß dort schon ganz aufgeregt der dritte Kandidat, der zweimal das GebrĂŒll des Chefs und den Rausschmiss seiner VorgĂ€nger miterlebt hatte, worauf ihm der andere ins Ohr flĂŒsterte, er solle um Himmelswillen beim GesprĂ€ch mit dem Chef keine Bemerkung ĂŒber dessen Ohren machen“.

Wiederum froh, eine weitere Etappe seines Witzes gefahrlos ĂŒberstanden zu haben, machte Helfried eine kleinen Pause. Der Witz steuerte dem Höhepunkt zu, alle waren nun gespannt, wie er zu Ende ging.
Helfried fuhr fort:
„Nun trat der dritte Bewerber ein; auch ihm stellte der Chef die gleiche Frage: ‚Sagen Sie mal, fĂ€llt Ihnen etwas an mir auf?’ ‚Ja, antwortete der Kandidat, Sie tragen Kontaktlinsen“.
Siegesgewiss blickte Helmfried Kleumann in die Runde.
Die Spannung auf die nun unmittelbar bevorstehende Auflösung, die große Pointe,
war fĂŒhlbar zu atmen. Unendlich froh, diesen Witz, wenn auch unter unglaublichen Strapazen bis zu diesem Punkt vorangetrieben zu haben, setzte er an, ihn mit einem Knaller zu beenden, als sich ungerĂŒhrt die Stimme seines Widersachers vernehmen ließ.
„Sagen Sie einmal, Herr Kleumann“, begehrte Thorsten SchnĂ€ter zu wissen „Sie geruhten vorhin, zu schildern, dass sich die beiden ersten Bewerber zuerst vorgestellt haben, bevor sie vom Chef nach den Ohren befragt wurden, wie verhielt es sich mit dem dritten Mann; ich bin da etwas irritiert
“

Irritiert war auch Helmfried Kleumann, und mehr als das.
Mit verzerrtem Gesicht und einem Aufschrei unbĂ€ndiger Wut stĂŒrzte er sich auf den neuen Kollegen:
„Sie erbĂ€rmlicher Hund, Sie haben meinen Witz gemordet“.

Schon lagen sie sich in den Haaren und zerrten sich gegenseitig auch an den Ohren, und nachdem es den Kollegen mit viel MĂŒhe gelungen war, sie voneinander loszureißen, hatten sie beide ihre Lauscher eingebĂŒĂŸt, wie der Chef in dem etwas lang geratenen Witz.
Auf der Stelle wurden beide ins Krankenhaus gebracht, und nun liegen sie nach erfolgreichen Operationen auf dem gleichen Zimmer.
Ob Helfried Kleumann allerdings unter diesen UmstĂ€nden bereit ist, Thorsten SchrĂ€ter die fehlende Pointe herauszurĂŒcken, ist sehr fraglich; auch kann einem die gesamte Belegschaft der Abteilung richtig Leid tun, denn wer weiß schon zu sagen, ob Helfried wenigstens den Kollegen das Ende des Witzes nicht vorenthĂ€lt.

Ob er ĂŒberhaupt jemals wieder Witze erzĂ€hlen wird?
Fragen ĂŒber Fragen.

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Marius Speermann
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Handykap schreibt man meines Wissens nach so: Handicap

maris
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Wie man einen humoristischen Text schreibt: Humor fĂŒr Deppen.Mehr auf MarioHerger.at

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Minotaurus
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Hallo Raniero,
ich kenne zwar bereits die Auflösung dieses Uralt-Witzes, aber die Form, wie Du das ErzÀhlen dessen erzÀhlst, finde ich recht gelungen und kurzweilig.
Auch hier fehlt so etwas wie eine Pointe, aber zumindest liest sich die Geschichte selbst recht humorvoll.
GrĂŒĂŸe vom Minotaurus.

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Raniero
Textablader
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Hallo Minotaurus

in der Tat geht es in der Story nicht um den uralten Witz, den wohl die meisten kennen, sondern in erster Linie um das Verhalten der drei, jawohl, drei Protagonisten, wenn man die schweigende, kichernde Gruppe der Arbeitskollegen gleichsam als Chor nach antikem Vorbild hinzurechnet.
Aus diesem Grund habe ich auch die Pointe des saublöden Witzes weggelassen und die Geschichte auch nicht mit einer anderen (schon gar nicht mit einem sogenannten 'BrĂŒller' der Dir so am Herzen liegt, mir jedoch absolut nicht) beendet, sondern in der Art einer Calvino-ErzĂ€hlung ausklingen lassen;
der Leser kann sich seine eigenen Gedanken machen, wie es weitergehen könnte.

Gruß Raniero

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