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Leselupe.de > Anonymus
Andere Verhältnisse
Eingestellt am 28. 06. 2006 13:35


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Ich hatte mich lange und gut auf das Gespräch vorbereitet. Ich wollte es wissen. Hunderte von Möglichkeiten hatte ich abgecheckt, alle möglichen und unmöglichen Fragen mir selber gestellt. Die erforderlichen Antworten standen, verzögerungsfrei abschießbar, zur Verfügung. Eigentlich konnte nichts schiefgehen. Nun war es soweit. Ich klopfte kurz und betrat den Raum, in dem er wartete.

Ich weiß nicht, an was er dachte, aber es muss etwas sehr Fernes, Schönes gewesen sein, dem Ausdruck seiner verträumten, ins Unendliche gerichteten Augen nach zu schließen. Mein freundlicher, wenn auch knapper Gruß, riss ihn aus seinem Paradies. Ihm wurde klar: er war das erste Mal gelinkt worden. Er hatte den ersten Fehler gemacht.

Elastisch sprang er auf. Ein bisschen zu elastisch für sein Alter, das irgendwo zwischen Hälfte und angerissenem letzten Lebensarbeitszeitdrittel liegen mochte. Ich nickte, lächelte. Kalkulierte seine Restjahre. Mischte eine kleine Prise Bewunderung ob der offensichtlichen Fitness und Jugendlichkeit in meinen Blick. Reichte ihm die Hand.

Ich registrierte Maßanzug, teure Markenarmbanduhr, Designerkrawatte, neue Lackschuhe, flache Ledertasche. Sollte wirklich alles wie erwartet verlaufen? Sollten sich alle Klischees erfüllen? Ich konnte es immer noch nicht glauben. Okay, sagte ich zu mir: zwei Fehler können fast jedem passieren. Sehen wir weiter.

Ich zog mir einen Stuhl heran. Keinen der belehnten, gepolsterten Sanftroller. Einen einfachen Holzstuhl griff ich mir. Ächzend plumpste ich auf die Sitzgelegenheit. Schnaufte, wischte mit dem Handrücken über die Stirn, obwohl da kein Schweiß war. Er sah mich freundlich, wenn auch leicht pikiert, an. Oder begann er schon, unsicher zu werden?

Ich ließ ihn erzählen. Mehrmals wurde seine gut formulierte, weil gut vorbereitete und daher langweilige Rede, voll der vorhersehbaren Behauptungen, vom Klingeln meines Handys unterbrochen. Mit allergrößter Selbstverständlichkeit zog ich das No-name-Teil aus meiner Brusttasche und führte Gespräche über irgendwelche Belanglosigkeiten. Dabei streckte ich meine laufschuhbesohlten Füße lang von mir. Sein immer länger werdender Blick konnte nicht verhehlen: Die Sachen gefielen ihm nicht. Es waren nicht die richtigen Marken. An anderer Stelle hätte er mich vermutlich nicht mit dem Hinterteil angesehen. In einem anderen Alter, dem von Schülern, zum Beispiel, hätte er mir eine gedrückt. Oder mich ein bisschen geqält. Oder quälen lassen.

Vielleicht ahnte er aber auch schon, was ich hier mit meinem Krabbeltisch-Handy und dem billigen Laufschuh inszenierte. Sein Blick blieb an meiner Hose hängen, als klebe er fest. Mir war, als sähe ich von seinen Lippen die entsetzten Worte „Ernstings Family“ purzeln. Ich zog ein Hosenbein leicht hoch. Eine Comicente lachte von der freigelegten Socke.

Wie gesagt: in einer anderen Situation wären all diese Dinge bedeutungslos gewesen. Mit einem Schlag oder Tritt hätte man sie bewerten können. Den Besitzer entwerten. Aber das ging momentan alles nicht. Denn hier waren die Verhältnisse anders. Hier war ich der Boss und er der Bittsteller, der sich um eine Stelle in meiner Firma bewarb...

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Rainer
???
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Hallo anonymus,

eine feine psychologische Studie, literaturverdächtig gar :-).
In einem Kontext würde sie mir allerdings noch besser gefallen...

Gruß

Rainer
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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Danke für die Blumen, aber welchen Kontext meinst du, Rainer? Eine größere Erzählung, eine "Rahmenhandlung"?

LG

A.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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Hallo A.,

nun, ich weiß nicht so recht, wem ich meine Sympathien schenke. Momentan gehören Sie dem Stilvollen, allerdings ist mir dessen angedeutete Markenver- oder -besessenheit (Oder bin ich zu unsensibel, und du versuchst das mit der Handygeschichte schon zu klären?) ein Dorn im Auge. Deshalb wäre es für mich hilfreich, noch etwas mehr über beide bzw. noch besser sogar nur über einen von ihnen zu erfahren.
Wenn du die Kürze beibehalten willst:
vielleicht eine Begegnung mit der Empfangsdame einbauen: z.B.
Empfang hat mir vorhin zugeflüstert, dass... und ein bißchen darüber philosophieren (wem was mitgeteilt wurde kannst du dir ja je nach Intention deines Textes heraussuchen).

Gruß

Rainer
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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

nun, ich weiß nicht so recht, wem ich meine Sympathien schenke.

Rainer, ich komme zu dem Schluss, mein Text ist schlecht, weil uneindeutig. Trotzdem will ich meine Absicht nochmal erklären, wenns denn der Text nicht konnte: Hier legt einer, der im Besitz der Macht ist, jemanden herein, der äußerliche Merkmale mit Macht - resp. Ohnmacht - verwechselt. Wenn heute für einen Schüler die richtige Markenklamotte, das trendy-Handy, das Mountainbike mit 21 Gängen etc. die Voraussetzung ist, um in den "inneren Kreis" zu kommen, also schlichtweg anerkannt zu werden, so karikiert der Firmenchef dieses Verhalten. Der Bewerber fällt drauf rein.

Der Text war ein kleiner (misslungener) Versuch, an die nicht immer vorhandene Kongruenz von Äußerlicherkeiten und Macht zu erinnnern...

LG

A.

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Gandl

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Nein, nein, nein!
Überhaupt nicht misslungen!

Und:
Wenn ich den letzten Satz so lese, dass sie – die Frau – die Macht hat über ihn – den Mann – immer und prinzipiell „Der Chef“ ist (die Machthaberin, Bezwingerin) (ja, man könnte es durchaus so lesen ... – oder hast du das so in vollster Absicht so geschrieben?), dann sehe ich da einen bitterbösen, galligen „Humor“ aufblitzen. Oder ists gar nicht „humorig“, sondern Realität ...?

LG
Gandl

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