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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Andere Zeiten
Eingestellt am 13. 12. 2001 00:44


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Oliver Uschmann
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ANDERE ZEITEN


Ich glaube, was die Religion angeht, hatte ich eine typische Kindheit in einem typischen Haus. Der Kommunionsunterricht zum Beispiel. Das dunkle, etwas modrig riechende Altbauhaus unserer Kommunionslehrerin verspr├╝hte schon eine leicht merkw├╝rdige, bedrohliche Atmosph├Ąre. Sie sickerte durch unsere Haut und pflanzte in uns eine Art ungewisse Ehrfurcht ÔÇô vor was und warum, wei├č man als Kind nicht so genau. ├ťberhaupt konnten sie einem damals viel erz├Ąhlen von Jesus und der Krippe,von Betlehem und den heiligen drei K├Ânigen und davon, da├č da einer gestorben sei, um die Menschheit zu erl├Âsen.

Was unsere gro├čen Kinderaugen und sensiblen Kinderseelen wirklich beeindruckte, das war von ganz anderem Holz geschnitzt. Die hohen, uneinsehbaren Winkel im Dom, die man beim letzten Gottesdienst vor den Ferien mit den Augen absuchte, diese alte, geheimnisvolle Architektur,die w├Ąhrend der morgendlichen Stunde den unheilvollen Kontrast bildete zu der guten Laune all der Sch├╝ler in bunten Pullovern, die sich auf den Ferienbeginn in ein paar Stunden freuten.

Die seltsamen Dias, die die Religionslehrerin im dunklen Klassenzimmer zeigte, w├Ąhrend der Staub durch den Lichtstrahl tanzte und manche lieber die weichen Linien der M├Ądchen im Halbdunkel schmachtend anhimmelten.
Abstrakte, zackige Bilder von Schuld und S├╝hne, von Leidenswegen und heiligen Legenden ; sie verwandelten den Klassenraum in eine bedrohliche Welt von Mysterien ÔÇô ohne Milcht├╝ten, FC K├Âln-Schals und bunte Strohhalme.

Und so war es auch bei unserer Kommunionslehrerin ÔÇô es war mehr dieses merkw├╝rdige Haus und das seltsame Gef├╝hl, dort hingehen zu m├╝ssen, welches h├Ąngenblieb und weniger die Geschichten und Lehren. Ich erinnere mich, wie wir nach dem Unterricht im verwilderten Garten Tischtennis spielten, rumalberten und lachten und wie doch jeder heimlich darauf
achtete, nicht ins dornige Geb├╝sch abgedr├Ąngt zu werden in der stillen Angst, dort k├Ânne etwas B├Âses lauern.

Christ sein ÔÇô das sollte man eigentlich jeden Tag, hat man uns gesagt. Im B├╝ro, in der Schule ÔÇô im ganz normalen Alltag zwischen Milcht├╝ten, Fu├čball und bunten Pullovern.
Aber wir erlebten es anders. Das Haus unserer Kommunionslehrerin und dieser Garten ÔÇô das hatte mit der normalen Welt von bunten Strohhalmen und Hausaufgaben nichts zu tun.
Selbst unsere eigene Wohnung, ja selbst unsere Kinderzimmer wurden am Tag unserer Kommunion verwandelt ÔÇô aus den vielfarbigen, allt├Ąglichen R├Ąumen wurden Zimmer, die einen erschreckend an R├Ąume im Pfarrhaus erinnerten.
Da wurden alte M├Âbel und Beistelltische geholt, Kerzen wurden aufgestellt,unser gem├╝tliches Wohnzimmer wurde durchzogen von einer monstr├Âsen,perlwei├č betuchten Tafel und wir Kinder wurden das erste Mal in unserem Leben in kleine schwarze Anz├╝ge gestopft und als wir im Pfarrzentrum unsere Freunde trafen, mu├čten wir alle lachen und kichern, aber der Anla├č war daf├╝r zu ernst.
Die M├Ądchen steckten in bl├╝tenwei├čen Kleidchen und kicherten noch viel mehr und wenn diese Einf├╝hrung in das Christ-Sein irgendwas mit unserem Alltag zu tun haben sollte, dann wei├č ichÔÇÖs nicht.

Jedenfalls erinnerten wir uns hinterher nur noch daran, wie man sich an einen Urlaub erinnert, weit weg von zu Hause und lange vorbei. Die Firmung war dann schon eher Routine und wenn man mal Sonntags mit der Familie in die Kirche ging, dann war das wie eine eigene Welt mit eigenen Regeln, die mit der hinter den bunt-verschleiernden Mosaikfenstern sehr wenig zu tun hatte.
Die Orgelmusik dr├Âhnte durch das Gotteshaus und meistens sa├čen wir eine Reihe vor Herr Kampen, einem schwerh├Ârigen alten Stammgast, der sich beim Singen nicht richtig h├Âren konnte und dementsprechend immer noch ÔÇÜne Schippe draufpackte, um ├╝berhaupt mitzkriegen, ob er richtig singt, was nat├╝rlich nicht der Fall war.
Meine Oma und meine Mutter rollten sich dann gegenseitig mit den Augen zu und man wu├čte, da├č dies ein Gespr├Ąchsthema beim Kaffee werden w├╝rde. Kurz danach kam dann immer die Stelle, an der sich alle die H├Ąnde in Frieden reichen und meine Oma drehte sich ruckzuck um und sch├╝ttelte g├╝tig l├Ąchelnd Herrn Kampes Hand.
Ich liebte diesen Moment und sch├╝ttelte rekordverd├Ąchtig viele H├Ąnde in der kurzen Zeit ; bis auf die von Herrn Dr├╝se, die schrecklich verschwitzt waren. An Weihnachten ging man nat├╝rlich erst recht in die Kirche und ich kann nicht sagen, da├č ich es nicht gemocht h├Ątte.
Die Atmosph├Ąre stimmte halt, eine gro├če gr├╝ne Krippe war aufgebaut, es waren viele Familien da und an den W├Ąnden der Kirche flossen D├Ąmmerlicht und Weihnachtsw├Ąrme zusammen, in die der Pastor mit seiner warmen Stimme seine Geschichten schickte.
Man sa├č da und dachte an den Abend, freute sich auf die Geschenke, auf die Familie unterm Weihnachtsbaum und das golden-gr├╝nliche Licht, mit welchem Baum und Kerzen den Raum ausf├╝llten.
Es war so, als w├╝rde man auf einmal in einer H├╝tte im Wald wohnen und das friedliche Gef├╝hl einer einsamen Wanderung im Wald h├Ątte jeden und alles erfasst und man wu├čte, da├č es h├Âchstens bis Silvester anh├Ąlt.

Es machte mir auch Spa├č, andere zu beschenken, es war fast das Beste daran. F├╝r meine Mutter erdachte ich jedes Jahr neue Kreationen, schrieb Geschichten, bastelte Kalender und gab mir richtig M├╝he hinter der geschlossenen T├╝r meines Fensters, w├Ąhrend aus der K├╝che Pl├Ątzchengeruch und aus dem Wohnzimmer die alte, liebgewonnene Weihnachts-LP her├╝berwehte.
Es war die Zeit der dunklen Tage, wenn die Laternen vor dem Fenster den Schnee glitzern lie├čen und man sich auf jeden n├Ąchsten Tag freute.
Diese paar Wochen zwischen (Vor-)Weihnachten und Silvester waren wie eine H├Âhle, in der man sich verkriecht, jeden Ton deutlicher h├Ârt, jeden Lichtschein klarer sieht und jeden Luftzug wie einen edlen Duft genie├čt.
Mit dem normalen Leben hatte diese Zeit nie viel zu tun und wie damals im Schulgottesdienst war mir ein Blick auf dieses merkw├╝rdig-schummrige Licht des Baumes mehr wert als die tausend Worte des Pastors.

Und nun ? Die Zeiten haben sich ge├Ąndert. Die bunten Pullover, die Dias im Klassenzimmer und der schiefe Gesang von Herrn Kampen sind Vergangenheit.
Ich habe viel erlebt, viel gesehen und viel gelernt ÔÇô vor den undurchsichtigen Mosaikfenstern des Kirchengem├Ąuers.

So, wie die Zeiten vorbei sind, als Descartes noch einfach sagen konnte, da├č Gott uns die Vorstellungen und Ideen eingespeist hat, so sind die Zeiten vorbei, in denen ein wilder Garten oder ein flackender Kerzenschein mich davon
├╝berzeugen konnte, da├č ÔÇ×da schon was dran sein mu├č, mit Gott und so.ÔÇť Die Tage werden wieder k├╝rzer, der erste Schnee beginnt zu fallen und ich will wieder in meine H├Âhle, meine Weihnachtsh├Âhle.
Es ist mir egal, was in meinem Kopf ist, mein Herz will diese paar Wochen goldgr├╝ner Beruhigung und da ich mittlerweile nur noch selten in meiner Heimatstadt bin- in der das alte Kommunionshaus steht und Herrn Dr├╝sens
H├Ąnde immer noch schwitzen ÔÇô ziehe ich also meine Jacke ├╝ber und gehe in Richtung Stadt.
Der Weihnachtsmarkt ist aufgebaut, der erste Advent steht vor der T├╝r und langsam mu├č ja mal Stimmung in mir aufkommen, also hurtig !

Kontinuit├Ąt ÔÇô der Markt ist immer noch derselbe. Vorm gro├čen Kaufhaus die ber├╝hmte Frittenbude und das kandierte Obst, vor der Parf├╝merie das Kinderkarussel.
Ich gehe durch die Menschenmenge und versuche, zu erkennen, was die Buden alles so anbieten, aber sobald mein Blick sie wieder verlassen hat, hab ichÔÇÖs schon vergessen.
Auf einer Bank unterhalten sich zwei M├╝tter ├╝ber den neuen Spielwarenladen, der mit seinen Preisen den alten H├Ąndler wohl blitzschnell aus der Stadt jagen wird. Ich denke an den alten Laden, rieche die Luft, sp├╝re den weichen Teppich unter meinen F├╝├čen und denke an die Zeit, in der ich
dort mit gro├čen Augen auf etwaige Geschenke gestarrt habe.
Ein paar Schritte weiter bauen ein paar Leute eine Orchesterb├╝hne auf. Hey, das sind ja alte Kumpels von mir ! Aber sie sehen mich nicht, schrauben am Schlagzeug herum und ich ertappe mich beim unauff├Ąlligen weitergehen, denn es graut mir davor, mir den Auftritt mit den Weihnachtsliedern anzusehen und es graut mir davor, da├č mich das auf einmal graut.
Meine G├╝te, egal wo ich hinsehe, es ist, als w├Ąre ich ein Fremder und ich laufe schneller und verschwinde in der Einkaufspassage , denn eigentlich wollte ich ja Milch holen.
Ein Weihnachtsmann steht in der Mitte der Passage und als er gerade auf ein Kind zugehen und sein Spr├╝chlein sagen will, da w├╝rdigt ihndas Kind keinen Blickes und trottet gleichg├╝ltig am Arm der Mutter weiter.
Der Weihnachtsmann guckt etwas verdutzt und bringt sich etwas geniert wieder in Position.
Ich will zu ihm hingehen und sagen :ÔÇťey, Kumpel, mach Dir nichts draus, das Blag hat wahrscheinlich diese Werbung gesehen, in der ein Discounter sein Angebot mit dem Sack eines Weihnachtsmanns vergleicht und der steht dann bl├Âd da...ÔÇť, denn schlie├člich k├Ânnte ich das, wird ja wohl auch
nur ein Student hinter dem Bart stecken.
Aber irgendwie vermeide ich es, ihn anzusehen, denn das da ist f├╝r mich kein Student, das ist auf einmal der Weihnachtsmann und er steht da, hilflos im Zentrum der Einkaufspassage und anstatt, da├č sich die Kinder
auf seinen Scho├č setzen, mu├č er ihnen hinterherhetzen, da er mit seinem Angebot hintenansteht.
Ich sch├Ąme mich f├╝r all die Kinder und ich f├╝hle mich selbst wie ein Kind, welches sein Spielzeug zerbricht und es tut ihm hinterher schrecklich leid. Ein undankbares Kind, welches durch seine eigene Stadt rast, als
w├Ąre es auf der Flucht.


Die Stadt des Doms, des wilden Gartens, des schief singenden Herrn Kampen und des alten Spielzeugladens, der nun bald pleite geht.
Ich liebe diese Stadt, ich liebe es, hier zu sein.Aber heute scheint es grad so, als schreien sie auf mich ein ÔÇ×Genie├če es ! Weihnachten hat begonnen, los, genie├če es, Du undankbarer Fratz !ÔÇť┬┤und nachdem ich schnell die Milch gekauft habe, nehme ich den Hintereingang
der Einkaufspassage und verschwinde in den normalen Stra├čen ÔÇô ohne Weihnachtsmusik, Buden oder Kindern.

Ich gehe ├╝ber den kleinen Spielplatz zu meinem Haus und frage mich, was mit mir los ist. In der Stadt stehen die Menschen an den Buden,die M├Ąnner trinken ihren Gl├╝hwein und grinsen breit, reden und lachen mit tiefkehligen Stimmen, der Gl├╝hwein tropft vom Schn├Ąutzer und die Frauen kommen gerade von der Bude nebenan mit ihrer h├╝bschen Kleinigkeit f├╝rÔÇÖs Wohnzimmerfenster.

Und ich, ich schleiche hinter dem n├Ąchsten Block an der H├Ąuserwand entlang mit meiner 89-Pfennig-Milch in der Hand und frage mich, was aus diesem Weihnachten werden soll.
Frage mich, ob ich mich ver├Ąndere oder die Welt um mich rum, frage mich, warum die M├Ąnner mit den Gl├╝hweintropfen im Bart, die doch so viele Jahre ├Ąlter sind als ich und viel mehr erlebt haben, sich so kindisch am├╝sieren k├Ânnen.
Frage mich, warum mir diese Zeit ├╝berhaupt noch was bedeuten soll,jetzt, wo ich kein Kind mehr bin.

Und ich schlurfe durch den kleinen Stadtwald vor unserer Stra├če, frage mich, ob ich den Eingang zu meiner Weihnachtsh├Âhle noch finden werde und ganz kurz zuckt ein Bild durch meinen Kopf ÔÇô ein Barbecue im Sommer, an einem unbedeutenden Tag zu einer unbedeutenden Zeit.
Niemand hat daf├╝r Werbung gemacht, keine Kapelle spielt den
Sommer-Blues und keine Mutter rennt mit aufgescheuchten Rehaugen und Plastikt├╝ten durch die Stadt.
Es gibt keinen Anla├č, keine Deko und keine Garantie, da├č es gut wird. Lediglich ein paar Kumpels und ich, W├╝rstchen, Bier und ein klappriger Kasi und wennÔÇÖs nur Abh├Ąngen ist.
Doch ich renne weiter auf der Suche nach der H├Âhle und der goldgr├╝nen Zeit und ich wei├č genau, ich werde entt├Ąuscht sein, wenn ich sie nicht finde, denn sie bedeutet mir immer noch was.

Trotz der Jahre. Trotz der B├╝cher. Trotz des Wissens.
Trotz all der lehrreichen Reflexion. Trotz Nietzsche. Trotz K.

Obwohl mein Kopf voll ist. Obwohl ich kein Kind mehr bin.





















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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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hallo,

eine recht angenehme weihnachtsgeschichte ist dir da gelungen. liest sich gut. man m├Âchte direkt noch mehr ├╝ber diesen menschen erfahren. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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