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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Anderland
Eingestellt am 21. 01. 2006 08:42


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Kejacothie
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2005

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Drei Tage war ich schon zu Gast bei meinen Freunden und wartete jede Nacht vergeblich auf den Schlaf. Er wollte nicht kommen. Ich lag im Bett und war hellwach, ein unheimliches GefĂŒhl kroch in meinen Körper. Mir war als sei jemand im Zimmer, der mich erschrecken wollte. Eine böse Macht umgab mich wie eine Gewitterwolke und ich fĂŒhlte mich schutzlos ausgeliefert.
Zum GlĂŒck habe ich ein interessantes Buch mitgenommen, dachte ich - wenn ich lese schlafe ich immer ein - doch der ersehnte Schlaf kam nicht.
Die letzte Nacht, vor dem unverhofften Ereignis, durchwachte ich wieder und ĂŒberlegte, was wohl die Ursache fĂŒr dieses beklemmende GefĂŒhl sei. Es befiel mich, wenn ich abends im Bett lag und verzog sich mit der MorgendĂ€mmerung.

Ich versuchte mich zu erinnern.

So hatte ich meinen Freund Einar und seine Frau Brigitte kennen gelernt: Der Mann war von seinen Nachbarn angezeigt worden. Sie bezichtigten ihn, der Kindesmisshandlung, begangen an seiner jĂŒngsten Tochter Hanne. Die Sozialarbeiterin des Jugendamts hatte ihn samt Frau und Kind zu mir geschickt, damit ich diesen Verdacht bestĂ€tige oder entkrĂ€fte. Nach sorgfĂ€ltiger Untersuchung kam ich zu dem Schluss, dass dieser Mann kein Misshandler sei, er war mit seinen Kindern streng, doch aus seinen Worten ĂŒber sie klang Stolz und Liebe und gewalttĂ€tig, so hatte ich den Eindruck, war er nicht. Die Frau war groß, hatte gebleichte Haare und war dĂŒnn, wie ein Strich. Anorexia, dachte ich und erschrak ĂŒber ihr blasses Gesicht und die dunklen Ringe unter ihren Augen. Sie sah aus als sei sie lebendig tot.

Wenige Wochen nach Abschluss der Untersuchungen starb sie an Magersucht. Die Sozialarbeiterin schickte mir die kleine Hanne zur Trauerarbeit. Aus der langen Zusammenarbeit mit dem Vater, der seine drei Kinder allein erzog, entwickelte sich ĂŒber die Jahre eine Freundschaft. Erst im nachhinein erfuhr ich, dass Frau Brigitte nicht an Anorexie, sondern auch an DrogeabhĂ€ngigkeit gestorben war.

Die Kinder hatten davon gewusst, der Vater war ahnungslos. Ihm war aufgefallen, dass seine Frau oft verlangsamt reagierte. Sie litt unter MigrĂ€ne und musste hĂ€ufig Tabletten einnehmen. Diese Medikamente, so hatte er gedacht, seien die Ursache fĂŒr die gelegentlich schleppende Sprache und die langsamen Bewegungen, die er sehr wohl wahrgenommen hatte.

Erst nach langer Zeit fasste Hanne Vertrauen und erzĂ€hlte mir, dass ihre Mutter sie, im Drogenrausch brutal misshandelt hatte. Diese Geschichte liegt viele Jahre zurĂŒck. Die Kinder sind inzwischen verheiratet und haben selbst Familien.

In diesem Jahr lud Einar mich ein, Weihnachten und den Jahreswechsel bei ihm und seinen Angehörigen zu verbringen. Er hatte, nachdem die Kinder groß waren, wieder geheiratet und wollte mir seine Frau vorstellen. So kam ich hierher und handelte mir schlaflose NĂ€chte und hĂ€ssliche Nacht-Gedanken ein. Obwohl die Tage in Harmonie verliefen, konnte ich nachts nicht schlafen. Im GĂ€stezimmer, das ich allein bewohnte, war eine AtmosphĂ€re, die ich nicht beschreiben konnte. Die Wut eines anderen Wesens und sein Hass, schienen mich zu verfolgen. Nach drei Tagen fragte ich Einar: „War das Zimmer in dem ich schlafe, schon immer Euer GĂ€stezimmer?“ Ich bekam zur Antwort: „Das war wĂ€hrend meiner ersten Ehe unser Schlafzimmer,“ und seine Frau ergĂ€nzte: „Ich wollte in dieses Zimmer nicht bewohnen, deshalb schlafen wir in der oberen Etage.“
Das konnte ich gut verstehen. Der Spirit dieser Frau ist es, der mich nicht schlafen lÀsst, dachte ich und suchte nach einem Grund, der es mir erlaubte, vorzeitig abzureisen.

Doch dann kam alles anders. Ich bekam in der nĂ€chsten Nacht Zahnschmerzen und am anderen Morgen fuhr mich Einar zum Zahnarzt. Meine Knie schlotterten und ich schwitzte, denn nichts fĂŒrchte ich mehr als den Zahnklempner. Die Wurzel ist total vereitert, den Zahn muss ich ziehen, es bleibt keine Wahl,“ sagte er und zitternd erwartete ich den Einstich in das Zahnfleisch. „Wenn es nicht anders geht, sagte ich ergeben. Die Spritze wurde gesetzt und danach wurde es dunkel um mich.

Niemand konnte mich mehr erreichen, jemand hatte mich erlöst von den hĂ€sslichen Nachtgedanken, vom Zahnarzt und von der Suche nach einer Ausrede. Ich erwachte in einer anderen Welt. Dort war Frieden und ich spĂŒrte die Ruhe, aus der ich gekommen bin und in die ich dereinst gehen werde. Ich sah die Weltenuhr. Auf dem Zifferblatt stand auch mein Name und eine Zahl, doch ich konnte sie nicht erkennen. Die Sterbezeiten meiner Angehörigen und Freunde leuchteten mir hell entgegen.

Ich suchte nach dem Namen der Frau Brigitte, und konnte ihn nicht finden. Sie ist in einer Zwischenwelt, dachte ich. Die Uhr verschwand und es war ein unbeschreiblicher Friede um mich. Ich spĂŒrte Menschen, die mir nahe standen und wĂŒnschte mir, dass ich nie wieder in meine Erdenheimat zurĂŒckkehren mĂŒsse. Nie mehr wollte ich mich dort voll Freude niederlassen, keine HĂŒtten fĂŒr die Zukunft mehr bauen und nicht auf Dinge warten, die noch kommen, denn ich war im Paradies.

Anderland war voll von Frieden, ich wurde still. Es hatte weder PalĂ€ste, noch Kirchen, noch HĂ€user, noch Wohnungen, ja nicht einmal ein kleines Zimmer. Die Unendlichkeit war dort zuhause. Dies Land war grenzenlos es gab keinen Anfang und kein Ende. Ein unbeschreiblich sanftes Licht schien mir und ich dachte: Das ist Nirwana. Es schien keinen Hass zu geben, keine Wut, keine Angst aber auch keine Liebe und kein GlĂŒck. Dieses Empfinden breitete sich in mir aus und lies mich Raum und Zeit vergessen.

Die fremde Welt machte mir keine Angst, ich flog durch unendliche Zeiten. Zuerst dachte ich: jetzt bin ich eine Hexe, die mit ihrem Besen von Äonen zu Äonen fliegt. Voll Freude war mein Herz und das GlĂŒck schien mir zu winken.

WÀhrend ich so flog, hörte ich ein liebliches GlockengelÀut, es klang wie Musik und umschloss mich, als ob tausend zÀrtliche Arme sich um mich legten.
Wen spĂŒrte ich da? Meinen Partner? Waren es die kleinen Ärmchen meiner Tochter, die mich berĂŒhrten? Sie ist rein, dachte ich, denn sie wurde geboren um zu sterben. Ist Anderland der Ort an dem meine Mutter wohnt? Bruder, Schwester, Freundin, Freund ich fĂŒhlte Euere NĂ€he und doch wart ihr weit weg.

Partner, dein Bild tauchte aus dem Nichts auf und du warst mir nah. Ich wollte dich fragen, warum du es getan hast, du bist nie schwach gewesen, hast die FĂŒlle aus dem Horn genommen und genossen und dann bist du einfach gegangen ohne Abschied. Nimm mich in deine Arme, gib mir eine Antwort. Ich konnte dich deutlich sehen, du trugst den blauen Pullover, den ich dir zu deinem letzten Geburtstag gestrickt hatte.

Du konntest nicht mit mir sprechen, mich nicht umarmen, ich wusste es, denn ich war Materie und du? Ein Geistwesen? Du hattest mein Geschenk mitgenommen und das machte mich glĂŒcklich und du bist in Anderland im Frieden. Plötzlich wußte ich: Du wĂ€hltest den Freitod, weil du schwer krank gewesen warst und mich mit deinem Siechtum, nicht belasten wolltest. Langsam rĂŒckte dein Bild fern und ferner, dann war es fort. Voll Dankbarkeit betete ich: „Danke lieber Gott, dass du ihn in Anderland eingelassen hast.“

Eine neue Gestalt erschien mir: „Großmutter!“ rief ich, „wie lange bist du schon hier, liebe gute Oma, bei dir war die Geborgenheit zuhause, du hast dich um mich gesorgt als ich ein kleines Kind war, hast mir Geschichten erzĂ€hlt, mich gestreichelt und liebkost!“ . Ich sah sie und in mir war der Kinderfriede von einst und ich hörte sie sprechen. Sie fragte mich: „Warum willst du nicht warten, bis die Zeit reif ist? Warum denkst du so oft daran, dein Leben zu zerstören?“ „Ihr habt mich so allein auf der Erde zurĂŒck gelassen ich möchte nach Hause hierher zu euch, ich fĂŒhle mich so schwach und so allein ohne euch. „Du bist eine starke Frau und du warst nie schwach, deshalb wirst du leben, nur dann darfst du wieder kommen, sagte die Stimme und dann verlor sie sich.

Die Gestalt eines fremden Mannes tauchte schemenhaft aus dem Nichts auf und ich fragte: „Wer bist du? Ich kenne dich nicht." Ich hörte jemand sagen: „Es ist dein Vater.“ Ich hatte viele Fragen an ihn: „27 Jahre warst du jung, als du im Krieg gefallen bist. Sag mir, wie bist du gestorben? Ist es schnell vorbei gewesen, hattest du Schmerzen?“ Das Gesicht war sonderbar leer, es gab keine BeziehungsbrĂŒcke zwischen ihm und mir, denn ich hatte ihn auf Erden nie gesehen. Nun zeigte er sich in Anderland und nahm seinen Platz in mir ein. Auch seine Gestalt verschwand und ließ mich allein mit der Ruhe und der Stille.

Hier wollte ich bleiben in diesem stillen Frieden, hier, wo es keine WĂŒnsche und keine Sehnsucht gab, bei all meinen Lieben. Nie mehr wollte ich zurĂŒckkehren auf die Erde, hier war ich frei, sah das warme Licht und spĂŒrte den unendlichen Frieden. Drei Tage durfte ich bleiben, danach rĂŒckte Anderland mit seinen Bildern langsam in die Ferne, die Erde nahm mich wieder auf.

Aus weiter Ferne hörte ich meinen Namen, diese Stimme klang lebendig, sie forderte, sie bat, sie rief: „Komm zurĂŒck!“ Ich wollte nicht wieder auf die Erde.

Eine Uhr schlug 12 Mal, es war Mitternacht. Schrecklich, dachte ich, diese Chronometer, messen mir die Zeit zu, die ich noch leben soll.

„Wir haben es geschafft, sie lebt,“ rief die Stimme. Sie hallte laut und tat mir weh.

Von einer langen Reise zurĂŒckgekehrt erwachte ich in einem sterilen Zimmer in einem fremden Bett. Eine Schwester bastelte an einem Tropf herum. „Welchen Tag haben wir heute,“ fragte ich.

Sie lachte und sagte: „Alles Gute, sie sind rechtzeitig aufgewacht um das neue Jahr zu begrĂŒĂŸen, ich wĂŒnsche ihnen, dass sie nie wieder in einen allergischen Schockzustand geraten und noch lange leben.“ Ich lĂ€chelte zurĂŒck und dachte: Wenn sie wĂŒsste, wie schön es war in Anderland, wo der Frieden wohnt, der die Erde lĂ€ngst verlassen hat.

Nach wenigen Tagen kehrte ich zu meinen Freunden zurĂŒck und schlief wieder in dem Zimmer. Nichts konnte mich mehr schrecken, ich habe viel Ruhe mitgebracht. Der Spirit in diesem Zimmer schien noch spĂŒrbar, doch erreichen konnte er mich nicht. Auch der Gedanke an den Tod kann mich nicht schrecken. Wenn auf der Weltenuhr, die ich gesehen habe, meine Stunde hell leuchtet, werde ich mich voll Zuversicht auf den Weg machen in die unendliche Stille von Anderland.













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Ich sattle um, werde GĂ€rtnerin und begieße den großen Garten meiner Profil-Neu-Rosen

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