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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Anders
Eingestellt am 08. 12. 2009 19:17


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Chrisch
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Registriert: Jan 2009

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Anders

Im Augenblick ist die politische Lage wirklich ziemlich chaotisch.
Uns geht es anscheinend zu gut. Jetzt wollen sie schon wieder die Arbeitszeit verk√ľrzen. Erst vor zwei Jahren wurde durchgesetzt, dass nur noch vierzehn Stunden pro Tag gearbeitet werden muss und nun sollen es nur noch zw√∂lf sein. Au√üerdem steht der Sonnabend schon auf dem Plan. Der soll ja auch noch frei sein. Das w√§re dann von einer vierundachtzig auf eine sechzig Stunden Woche. Wie unsere Familie damit auf einen gr√ľnen Zweig kommen soll ist mir schleierhaft. Ich hoffe deshalb, dass es nicht auf Kosten des Lohns geht. Gestern hat mir ein Kollege gesagt, dass er mit der vielen Freizeit gar nichts anzufangen wei√ü. Zw√∂lf Stunden vorm Fernseher h√§lt sein Hinterteil nicht aus und Spazierg√§nge von mehr als vier Stunden, da halten seine Sandalen nicht lange durch.
Dazu kommt, dass wir uns Sorgen um meine Mutter machen, die uns erz√§hlt hat wie sie sich seit einiger Zeit immer √∂fter hinlegen muss, um sich auszuruhen, immerhin ist sie erst Mitte f√ľnfzig. Insgeheim aber denke ich schon, dass es mit ihr wohl bald losgehen wird und ohne es zu wollen habe ich mich nach einem Schlafplatz f√ľr sie fl√ľchtig umgeschaut. Vorsorgen sollte man ja schon ein wenig. Gerade neulich habe ich einen sehr sch√∂nen Bericht √ľber die neue Schlafstadt in Brandenburg gelesen. Da k√∂nnen sich die Verwandten wunderbar aufhalten und Wochenenden genie√üen. Es ist alles vorhanden und auch die Schlafpl√§tze sind wie Wohnzimmer eingerichtet. Ein gro√üer Schrank f√ľr die W√§sche und ein bequemes riesiges Bett, sowas kann man sich in den normalen kleinen Wohnungen gar nicht hinstellen. Die Schlafenden werden jeden Tag angekleidet, gewaschen und gefilmt, wenn die Eine oder der Andere unerwartet aufwacht. Das kann man sich dann sp√§ter bequem anschauen. Viele Besucher bleiben gleich einige Tage, meist in der Hoffnung ihre Lieben noch einmal sprechen zu k√∂nnen. In den ersten Jahren ist das zwar nichts Ungew√∂hliches aber sp√§ter geschieht es eben doch nur noch selten.
Forschungsberichte von fr√ľheren Zeiten, erz√§hlen uns ungleich Schlimmeres. Abgesehen von den Nomadenv√∂lkern, die ihre Schl√§fer auf B√§ume gelegt oder mit Steinen vor wilden Tieren gesch√ľtzt aber zur√ľckgelassen haben, taten sich die Menschen vor hundert Jahren auch schon schwer mit der Ern√§hrung von alleinstehenden Schl√§fern, die oft nur noch zwei mal in der Woche aufwachten. Laut Untersuchungen neuester Art, gibt es immer mehr alte Menschen, die inkontinent sind oder kaum noch erwachen, um zu Essen und zu trinken. Das soll mit dem steigenden Schlafeintrittsalter zu tun haben, das wiederum daran liegen soll, dass die Menschen einfach immer √§lter werden.
Inzwischen wird die Nahrungsaufnahme und alles was dazu gehört professionell und unauffällig geregelt. Es war schon eine enorme Belastung, in den Großfamilien, wenn Mutter und Vater langsam zu Dauerschläfern wurden. Klar wollen die Radikalen einfach die Spritze, aber nach einem langen intensiven Leben, haben es sich die alten Menschen doch wohl verdient, nicht wie lahme Pferde eingeschläfert zu werden.
Im Augenblick haben wir aber Anderes zu tun; denn seit dem unsere Tochter bei uns ist, sind die Prioritäten plötzlich ganz andere.
Noch darf sie zwar an Mamas Brust nuckeln, aber ich packe den Koffer oder besser die Tasche f√ľr unsere Kleine. Die Schult√ľte macht dann die Mama fertig.
Nun beginnt f√ľr Karin der Ernst des Lebens, wie es so sch√∂n hei√üt. Uns kam ja die eine Woche seit der Entbindung viel zu kurz vor, aber das geht bestimmt allen Eltern so, die die Zeit mit dem Kind genie√üen wollen, bevor es eingeschult wird.
Wir sehen nat√ľrlich ein, dass die Kinder so fr√ľh wie m√∂glich Unterricht bekommen und auch mehrsprachig aufwachsen, was ich f√ľr meine Person deutlich vermisse.
In den zur Zeit wichtigsten Weltprachen muss man sich schon zu hause f√ľhlen. Chinesisch, Russisch, Englisch, Spanisch, Franz√∂sisch und sogar zus√§tzlich Esperanto, wenn man wirklich mal mit jemandem zu tun hat, der zum Beispiel ansonsten nur Suaheli spricht.
In den Schulen wird jeden Tag eine andere zur Unterrichtssprache gemacht. Den Kindern fällt das gar nicht auf, weil sie ja, wie unsere kleine Karin Amaya Ramona Chantal Sibylle die Sprachen schon lernen, während sie noch am Fläschchen saugen.
Liebevoll verfrachte ich meine Frau mit dem Kind in unser Auto. Wir malen uns, w√§hrend der Fahrt zur Schule, das zuk√ľnftige Leben der Kleinen aus. Die Gentests haben uns gezeigt, dass sie hochintelligent und mathematisch-naturwissenschaftlich begabt ist. Das soll nat√ľrlich bestm√∂glich gef√∂rdert werden.
Wenn ich meine Familie im School-Center abgeliefert habe, fahre ich gleich weiter zur Universit√§t, um Karin Amaya Ramona Chantal Sibylle anzumelden, damit sie auch sicher, in 10 Jahren, einen Platz erh√§lt. Es wird ein sehr sch√∂nes spannendes arbeitsreiches Leben werden, was Karin Amaya Ramona Chantal Sibylle da vor sich hat. Wir freuen uns, ihr dies alles erm√∂glichen zu k√∂nnen. Es ist doch ungemein beruhigend, einen Nachkommen zu haben, der es weit bringen wird, so dass wir keine Sorge vor unserer Schlafphase haben m√ľssen, aber das ist ja gl√ľcklicher Weise noch eine paar Jahre hin.
Dann muss ich aber auch wieder ins B√ľro, in der Firma arbeite ich seit f√ľnf Jahren, was wirklich schon fast eine Ewigkeit und sehr ungew√∂hnlich ist, deshalb bekomme ich bald einen Treuebonus, der aber leider den Altersminusbetrag nicht auffangen wird. Klar ist, dass man mit steigendem Alter nicht mehr so leistungsf√§hig ist und deshalb bekommt jeder ein bis zwei Prozent weniger Gehalt pro Jahr. Das waren noch Zeiten als ich, nach dem Studium, mit zehntausend Euro Grundlohn am Bankschalter anfing, genug, um bald eine Wohnung, Auto und Sonstiges, was ich zum Lebensstart ben√∂tigte anschaffen zu k√∂nnen. Inzwischen arbeitet fast jeder direkt von zu Hause aus. Meinen Arbeitsplatz besuche ich nur noch einmal in der Woche, was eigentlich auch nicht mehr n√∂tig w√§re. Unser Chef ist n√§mlich von der alten Garde und somit tun wir ihm den Gefallen.
Aber jetzt muss ich mich beeilen, wenn sie noch Fragen haben, können sie ja später wiederkommen oder besser, besuchen sie uns doch in ein paar Jahren am Wochenende in der Schlafstadt Brandenburg zu unserem Familientreffen. Das wird eine schöne Sache werden, dann können sie mal Leute sehen, die so viel Zeit haben, dass sie meist den ganzen Tag schlafen können.
"Hallo Liebling, kommst du? Wir m√ľssen los!"

__________________
"ist wie Schach, nur ohne W√ľrfel" Lukas Podolski

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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

mein lieber @chrisch,

deine geschichte schildert eine zukunft, die's bereits in der gegenwart gibt. du bem√ľhst dabei keine rei√üerischen phantasmagorien, wie das fantasielose st√ľmper im sci-fi-genre gerne tun, erzeugst also nicht schrecken, sondern leise daherkommende beklemmung.

eine der wirkungsvollsten √ľbertreibungen ist die untertreibung. die amerikaner nennen sowas "understatement". du zeigst uns, dass es sowas - "schrecklich gut" gemacht - auch auf literarischem gebiet gibt.

prima!

liebe gr√ľ√üe aus m√ľnchen

bluefin

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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 304
Kommentare: 2919
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Hallo,
kompliment.
Ein Entwurf aus einem Guss, der einen Schaudern lässt.
bei soviel Nähe zur Gegenwart

lg
Ralf
__________________
RL

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