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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Andi entdeckt die Welt
Eingestellt am 26. 08. 2001 18:43


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georgemueller
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

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Andi entdeckt die Welt
Ein (unvorhergesehenes) Erlebnis beim K├Ąppelijoch

Andi hatte an diesem Abend zuviel getrunken. Eindeutig. Aber was sollte er auch anderes tun, wo ihn doch noch am selben Tag die Freundin verlassen hatte. Drei rekordverd├Ąchtige Wochen waren sie ein Paar gewesen. ÔÇ×Es ist mir zu langweilig mit dirÔÇť, hatte sie ihm per SMS mitgeteilt. Und die neue Frisur gefalle ihr im ├ťbrigen auch nicht sonderlich. Zu langweilig. Pah!

In der Disko sch├╝ttete Andi gleich literweise Whisky-Cola die Kehle hinab. Zu dr├Âhnendem Techno tauchte er f├╝r einige Zeit in Welten, die viel sch├Âner und lustiger waren als die wirkliche. Einmal kam er mit einer gut best├╝ckten Blondine ins Gespr├Ąch. Sie unterhielten sich ├╝ber den neusten Trend und tauschten gegenseitig die Natelnummern aus.

Gegen Mitternacht leerte sich das Tanzlokal zusehends. Um ein Uhr morgens torkelte Andi mit seinen drei Freunden schwer betrunken und unanst├Ąndig laut gr├Âlend durch die Rheingasse. Verschwommen erblickte er die veralteten Reihenh├Ąuser zu beiden Seiten, sah unscharf die Leuchtschilder der zwielichtigen Spelunken, wo die Huren lebten. Die n├Ąhere Umgebung schien sich in einem wilden Wirbel zu drehen, und am liebsten w├Ąre Andi darin versunken. Aber das ging nicht. Er musste nach hause. Zu Fuss, und das erst noch bis zur Spitalstrasse.

Trotz seiner desolaten Verfassung gelang es Andi halbwegs, die schmerzend engen Jeans und das luftige T-Shirt zurechtzur├╝cken sowie mit der Hand kurz ├╝bers Haar zu fahren, als eine ansehnliche M├Ądchengruppe die Strasse ├╝berquerte. Die vier Freunde z├╝ckten ihre Natels. "Ich habe drei neue SMS", meinte Markus stolz, wurde aber von Andi ├╝berboten, der mit sieben neuen Mitteilungen auftrumpfen konnte.

Weil Markus einen Freund hatte, der Andi doof fand, und Mike wegen einem anderen Freund nicht mit Markus gesehen werden durfte, (und er im ├ťbrigen Hannes zu wenig cool empfand, um in seiner Gesellschaft beobachtet zu werden und Andi im Stillen dasselbe ├╝ber Mike dachte), ging ein jeder der vier Freunde alleine nach Hause. Andi schwankte bis zum noblen Restaurant an der Ecke, wo er ersch├Âpft innehielt. Die Strassen waren wie leer gefegt. In dieser Stadt war einfach nichts los. Als Andi beim Betrachten der Mittleren Br├╝cke pl├Âtzlich zwei Mittlere Br├╝cken erkannte, sp├╝rte er einen starken Drang in seinem Magen. Der viele Alkohol hatte ihm nicht wohl bekommen. Ehrlich gesagt hatte er nach dem ersten Drink sowieso genug intus gehabt. Und eigentlich verabscheute er Whisky-Cola. Gegen├╝ber des noblen Restaurants, auf der anderen Strassenseite, erkannte Andi eine Statue. Sie war ihm zuvor noch nie aufgefallen. ÔÇÜWahrscheinlich ist sie so ein bl├Âdes Denkmal, das allen bloss im Wege stehtÔÇś, dachte er sich. Die weibliche Figur sass auf der Br├╝stung, welche schroff zum unteren Rheinweg abfiel.

Als Andi die Statue erreichte, bemerkte er, dass sie neben sich einen schweren Koffer abgestellt hatte. Dahinter konnte sich Andi im Dunkeln ausruhen, ohne gesehen zu werden. Schlaff lehnte er sich ├╝ber die Br├╝stung und wartete, bis sein Magen den Alkohol ausspucken w├╝rde. Wie gut, dass der Zufall ihn zu der Statue gef├╝hrt hatte. Still glitten die Wassermassen im Dunkeln der Nacht den Rhein hinunter. Ach, wie schlecht er sich doch f├╝hlte.

Ein verzweifeltes W├╝rgen war das Resultat seiner Bem├╝hungen. Andi h├Ątte sich eigentlich ganz gerne ├╝bergeben, weil er sich danach wahrscheinlich viel besser gef├╝hlt h├Ątte. Aber heute hatte irgend jemand seinen Magen verknotet. Ersch├Âpft neigte er sich zur├╝ck. Er wollte einige Momente ruhig durchatmen, um dann weiterzuziehen. Da vernahm Andi pl├Ątschernde Ger├Ąusche vom Flussufer. ├ťberrascht blickte er ├╝ber die Br├╝stung nach unten, erkannte aber nichts, weil ihm die vielen B├Ąume die Sicht versperrten.

Den Wetterumschwung bemerke Andi erst jetzt: Zum einen war es viel k├╝hler geworden. In seinem kurz├Ąrmligen T-Shirt hatte Andi es zwar schon vorher als kalt empfunden, aber nun schlotterte er am ganzen K├Ârper. Zum anderen war das M├╝nster und der ├╝brige Hintergrund von dichten Nebelschwaden eingeh├╝llt worden. Auch war ein frischer Nachtwind aufgezogen.

Wieder vernahm er die pl├Ątschernden Ger├Ąusche, die irgendwie eigenartig klangen. Sie hatten sich gen├Ąhert. Andi machte sich klein und blickte auf sein Natel. Es hatte vollen Empfang. Dann wagte er aus seinem sicheren Versteck, vorsichtig ├╝ber die Br├╝stung zu sp├Ąhen. Da! Ein kleines, veraltetes Fischerboot schlich sich in der Finsternis der Nacht nicht weit vom Ufer entfernt rheinaufw├Ąrts. Aus dem winzigen Kabinenfenster drang schummriges Licht.
Das Fischerboot erreichte die Mittlere Br├╝cke, stellte sich quer zur Str├Âmung und legte an einem morschen Steg an. Die Strassen waren wie leer gefegt. Nirgendswo brannte mehr Licht. Alle Freunde lagen schlafend im Bett. Andi war ganz alleine und h├Ârte Stimmen in seinem Kopf.

Die Zeit verstrich, ohne das sich etwas nennenswertes ereignet h├Ątte. Pfeifender Wind strich ├╝ber den Rhein und zerfurchte das Wasser zu kleinen Wellen. Unvermittelt begann ein Gl├Âckchen zu bimmeln, nicht laut, eher leise, be├Ąngstigend, fast geisterhaft. Es war in jener unheimlichen Kapelle auf der Mittleren Br├╝cke untergebracht. Obwohl Andi gewiss schon tausendmal an dem T├╝rmchen mit dem Eisengitter vorbeigegangen war, hatte er sich nie geachtet. Was sollte ihn das auch interessieren? Wichtig war vielmehr, sich um einen l├Ąssig-selbstsicheren Schritt zu bem├╝hen und den Anderen zu zeigen, dass man jemand war.

Jetzt regte es sich unten beim Fischerboot. Unter Andis Argusaugen wurde knarrend die Kabinenluke ge├Âffnet. Ein kleinw├╝chsiger, buckliger Mann kam zum Vorschein. Seine Kleidung bestand aus schmutzigen Lumpen, auf dem Kopf trug er einen schwarzen Hut, welcher ihm tief ins Gesicht fiel. Den Kopf kraftlos vorgebeugt schritt der Mann, schwerf├Ąllig wie ein Gefangener an Ketten, ├╝ber den Steg an Land. Dicht hinter seinem R├╝cken folgten weitere d├╝stere Gestalten, die einer nach dem anderen aus dem Fischerboot stiegen. Andi fiel auf, dass ihre H├Ąnde an rasselnde Ketten gefesselt waren. Und an ihren F├╝ssen klebten schwere Eisengewichte. Wer waren diese geheimnisvollen Menschen und was hatten sie zu verbergen? Verbrecher, M├Ârder, Psychopathen? Sollte er die Polizei rufen? Nein, damit w├╝rde er sich wahrscheinlich bloss l├Ącherlich machen.

Rasch trug der Wind den scheusslichen, nach F├Ąulnis stinkenden Gestank der Verdammten in Andis Nase. Die grausige Schar schleppte sich in einem z├Ąhen Zug unter dem schaudernden Gebimmel des Gl├Âckchens die Stufen zur Mittleren Br├╝cke hinauf. Klirrend streiften die Eisenketten ├╝ber das Pflaster. Jener Mann, welcher den mysteri├Âsen Zug anf├╝hrte und auch als erster aus dem Fischerboot gestiegen war, erklimmte soeben den letzten Tritt, als er pl├Âtzlich stehen blieb. Die Kolonne geriet ins Stocken und verharrte. Andi blickte auf einen Treppenaufgang voll mit buckligen und d├╝steren Gestalten, sonst aber sah er keine Menschenseele.

Der Anf├╝hrer hob seinen Arm, streckte ihn, drehte sich in Zeitlupengeschwindigkeit um seine Achse und zeigte dann mit dem knochigen Finger direkt auf Andi. Totenstille trat ein. Hunderte von leeren Augen starrten Andi an. Der Anf├╝hrer lispelte einen Satz, den Andi sehr gut verstand.
Der gespenstische Zug k├Ąmpfte sich weiter. Andi kam die Gewissheit, dass dessen Ziel offenbar die Kapelle darstellte; er hatte aber dummerweise keine Ahnung, weshalb.

F├╝r einen kurzen Moment verdeckten eisige Nebelschleier Teile der Mittleren Br├╝cke, mitsamt der seltsamen Gruppe. Als Andi sie alsbald wieder erblickte, befanden sie sich nur noch wenige Meter von der Kapelle entfernt. Doch schienen sie allesamt zu Stein erstarrt ÔÇô bis die traurigen Gestalten ein j├Ąmmerliches Klagelied anstimmten, dass Andi f├╝rchterlich erschreckte.

Was sich nun abspielte, war schrecklich: W├Ąhrend der dicht aneinander gedr├Ąngte Zug das Klagelied summend erhielt, stieg jeweils eines der Mitglieder auf den Br├╝ckenbord und st├╝rzte sich, scheinbar dazu gezwungen und flehentlich schreiend, in die tiefschwarzen Fluten des Rheins, wo es f├╝r immer verschwand. Dem Vorangegangen folgte der N├Ąchste. Seltsam war, dass beim Aufprall der K├Ârper auf das kalte Wasser keine klatschende Ger├Ąusch zu vernehmen waren. Doch das bemerkte Andi kaum.

Mit der Zeit schwand die Gruppe auf einen winzigen Haufen, und schliesslich war nur noch der Anf├╝hrer verblieben. Das herzzerreissende Summen war erloschen, die Glocke der Kapelle l├Ąutete hingegen unaufh├Ârlich weiter.

Als sich auch der Anf├╝hrer daran machte, auf die Br├╝stung zu steigen, blickte er ein letztes Mal zu Andi. Er brauchte den Satz nicht zu wiederholen. Dann ging er schweigend in den Fluten des Rheins unter. Andi war wieder ganz alleine.
Alsbald besserte sich die Wetterlage. Die Nebelschwaden l├Âsten sich auf, der Himmel wurde klarer, es wurde w├Ąrmer. Das alte Fischerboot hatte sich im Nichts aufgel├Âst. Eine einsame Strassenbahn ├Ąchzte quietschend ├╝ber die Mittlere Br├╝cke.

Noch lange blieb Andi auf dem Koffer der Statue sitzen. Schweigend, aber denkend. Irgendwann, als erste Sonnenstrahlen sich in die ausgestorbenen Gassen der Stadt verirrten, nickte Andi ein. Er kam erst wieder zu sich, als er von einem st├Ąmmigen Polizist wachger├╝ttelt wurde. Der Polizist stellte einige Fragen. Andi gab h├Âflich Antwort und ging in Gedanken versunken nach Hause. Zuvor aber schmiss er noch sein Natel in den Rhein, der es gierig verschluckte.

***

Sp├Ąter wurde aus Andi ein ber├╝hmter Historiker, Politiker und Philosoph, der seiner Heimatstadt viel Ruhm und Ehre einbrachte. Besonders sein offener Umgang mit den Menschen wurde bewundert. Als er kurz vor seinem Tode von einem jungen Journalisten gefragt wurde, worin sein immenses Interesse f├╝r Geschichte gr├╝ndete, antwortete er: ÔÇ×Viele Menschen in dieser Stadt und auf der Welt gehen mit Augen durchs Leben, die blind sind. In meinen jungen Jahren geh├Ârte ich auch zu ihnen. Bis zu einem n├Ąchtlichen Erlebnis, als man mir endlich Augen ├Âffnete, die sehen konnten. Und so begann ich jene Scheinwelt allm├Ąhlich zu verstehen und begriff, welche Trostlosigkeit sich hinter ihrer Fassade verbirgt.ÔÇť

__________________
George M├╝ller

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