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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Anfang und Ende
Eingestellt am 15. 04. 2001 18:54


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Rainer Heiß
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

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Anfang und Ende

Anfang

Das verl√§ngerte Wochenende kam wie gerufen. Wieder hatte er es nicht geschaftt, an Weihnachten zu seinen Eltern zu kommen, wieder warteten sie vergeblich, sa√üen um den Christbaum, tauschten Geschenke, erz√§hlten von diesem und jenem Erlebnis, das das Jahr ihnen gebracht hatte, mit mildem Abstand und a√üen selbst Gebackenes. Mutter sah manchmal auf die Uhr, seufzte ein wenig, doch sie bem√ľhte sich, sich nichts anmerken zu lassen. Innerlich war sie froh, dass er es geschafft hatte.
Lange Jahre hatte er sich geweigert, ein geregeltes Leben zu f√ľhren, einen Beruf auszu√ľben, einfach normal zu sein. Mittlerweile konnte er selbst kaum noch glauben, was f√ľr ein Dasein er sich und seinen Mitmenschen einst zugemutet hatte, doch es lag lange zur√ľck. Die Pflichten hatten ihn und seine Zeit im Griff, auch jetzt an Weihnachten.
Umso erfreuter war sie, als er sich f√ľr das Heilig-Drei-K√∂nigs-Wochenende angek√ľndigt hatte. Emsig traf sie die Vorbereitungen, die Kinder immer wieder nach Hause kommen lassen. Sie kaufte gutes Essen, frischte die Dekoration am Baum auf und bereitete ihm sein Bett vor, das sonst einigen namenlosen Stofftieren geh√∂rte, damit es nicht ganz so leer dastand. M√ľtter wissen, wie sie ihre Kinder umsorgen m√ľssen. Er kam selten, die Stadt, in der er jetzt lebte, war doch ein gutes St√ľck von seiner kleinen Heimat entfernt, seine Freunde von fr√ľher lebten hier nicht mehr, zu den wenigen, die aus der wilden Zeit noch √ľbrig waren, hatte er keinen Kontakt mehr.
Er hatte es eher geschafft, sich von seinen Verpflichtungen loszumachen, als er gedacht hatte, sodass er noch Gelegenheit hatte, vor dem gemeinsamen Mittagessen mit seinen Eltern und der Oma, die nie √ľber den tragischen Verlust vor ein paar Jahren hinweggekommen war, seine alte Heimat zu erkunden, so dachte er w√§hrend der Heimfahrt. Im Lauf der Jahre seit er seine Geburtsstadt verlassen hatte, waren immer neue Wohn- und Gewerbeviertel errichtet worden, von denen er nichts wusste. Nur die W√§lder und Wiesen, Fl√ľsse und Seen waren stets die gleichen geblieben. Unbeschwerte Jugend hatten sie ihm geschenkt, und so oft er heim kam, nutzte er die Gelegenheit, sich in der einsamen Natur in die Vergangenheit zu versenken und so Kraft zu tanken, die kein Fitness-Studio und kein Meditationskurs je w√ľrden anbieten k√∂nnen. Das sanfte H√ľgelland, das gelegentlich von Fl√ľssen durchschnitten wurde, die endlosen Fichtenw√§lder, die hier seit Anbeginn ihren Platz einnahmen, idyllische kleine Seen, der klare Blick in die Berge, die freie Luft, die saftig-gr√ľnen Wiesen, sie alle bargen uralte mystische Kr√§fte in sich, die Stadtmenschen nie begreifen werden. Und auch wenn er inzwischen l√§ngst ein St√§dter geworden war, wusste er um diese naturmagischen, unerkl√§rlichen Kr√§fte und sog sie bewusst in sich auf.
Wie im Flug n√§herte er sich der Freiheit, die Landschaft wurde offener und heller, die Sonne arbeitete sich durch die Wolken, der Schnee hatte die Felder tief bedeckt und glitzerte unwirklich. Im Auto war es angenehm warm, beinahe glich seine Fahrt einer Urlaubsreise, obwohl es drau√üen klirrend kalt war. Er trug seine Sonnenbrille, h√∂rte ged√§mpft Radio und lenkte das Auto ohne Hektik √ľber die immer kurvenreichere Strecke in Richtung der Heimat in der N√§he der Berge. Der Verkehr lie√ü nach, beinahe allein fuhr er dahin, seltener wurden die St√§dte, die zu passieren waren, immer offener wurde das Gel√§nde, als w√ľrde es sich dem Himmel entgegen heben, da es hier kaum, von Menschenwerk beschwert, nieder gehalten wurde. Der Horizont blendete grell wei√ü, dar√ľber unwirklich intensives Blau, wie es nur klare Luft zulie√ü.
So waren die Gedanken an die vergangenen Monate, gef√ľllt mit schlaflosen N√§chten und arbeitsamen Tagen, bald wie aus einem anderen Leben, sie alle z√§hlten hier nicht mehr. Und wenn er daheim seinen Eltern davon erz√§hlte, kam er sich manchmal vor wie ein L√ľgner und sie merkten es, sch√ľttelten ungl√§ubig die K√∂pfe und beugten sich wortlos √ľber ihre Essteller. So fremd und abwegig war das Leben, das er inzwischen f√ľhrte, hier drau√üen, dass es wie eine L√ľge klang. Hier w√ľrde die Zeit noch lange stehen bleiben, die Entfernung zur n√§chsten Stadt, von wo aus sich das moderne, oberfl√§chlichere Leben wie eine Hautkrankheit √ľber die Erdoberfl√§che ausbreitete, war weit, lange w√ľrde hier niemand so leben m√ľssen wie er schon heute.
Irgendwann hatte er die Notwendigkeit erkannt, sich in den Dienst einer Sache zu stellen, und er machte seine Sache gut. Auch wenn seine Arbeitszeugnisse inzwischen gut ausfielen, so wies doch sein Lebenslauf einige Ungereimtheiten und ungewöhnliche Längen auf, sodass er anfangs stets beargwöhnt wurde, wenn er neu in der Firma und nur auf dem Papier bekannt war. Doch seine pflichtbewusste Einstellung und seine ruhige Art nahmen schnell den Druck aus der Situation, die entsteht, wenn neue Mitarbeiter eingestellt werden, die neugierige Spannung, gelegentlicher Neid und selten auch anfängliche Ablehnung wichen stets bald einer freundlichen Kollegialität. So auch in seiner aktuellen Stelle, wo er durch enormen Arbeitseinsatz und eine Hilfsbereitschaft, die in der Stadt nicht selbstverständlich war, seine Einstellung rechtfertigte.
Nie hatte er oberste Positionen angestrebt, ein sorgenfreies und bescheidenes Auskommen war sein erkl√§rtes Ziel, und das schien er endlich erreicht zu haben. Doch der Arbeitsaufwand war hoch, so dass sich kaum Gelegenheit zu Entspannung und Mu√üe bot, umso willkommener jetzt der Abstecher in die klare Einsamkeit der Natur, Geborgenheit in freien W√§ldern, W√§rme am elterlichen Ofen, bei versunkenen Gespr√§chen, wenn erst das Eis gebrochen war und er losgel√∂st von seiner Arbeit und seinem Alltag berichten konnte. Es dauerte immer eine Weile, bis die unsichtbare Schwelle √ľberwunden war und das vertrauensvolle Verh√§ltnis zwischen Eltern und Sohn die Stunden im Flug verstreichen lie√ü.
Er war versucht, die Augen zu schlie√üen und das Gesicht gen√ľsslich in die winterliche Januarsonne zu halten, bewusst Energie tankend, w√§hrend er sanfte, h√ľgelige Felder passierte, einzelne knollige B√§ume standen neben der Stra√üe, aus Zeiten, als hier noch Kutschen gefahren waren, als die Bev√∂lkerung noch fast ausschlie√ülich aus Bauern und einfachen Handwerkern bestanden hatte. Wie muss das Leben gewesen sein, vor hundert, vor zweihundert Jahren? Und das Land, das Leben hatte sich hier kaum gewandelt, wie unter einer Glasglocke war alles still und schlicht geblieben, ruhig und beschaulich.
Es war noch Vormittag, und er √ľberlegte, wie er die Stunden bis zum gemeinsamen Mittagessen √ľberbr√ľcken w√ľrde. W√§hrend der allgemeinen Vorbereitungen ging er im Weg um, niemand hatte ein offenes Ohr f√ľr die Berichte, die aus ihm heraus sprudeln wollten, das musste er einsehen. Oft hatte er sich indigniert beschwert, dass er nur einmal im Jahr oder seltener den Weg zu ihnen fand und dann keiner Zeit und Interesse h√§tte, ihm zuzuh√∂ren. Inzwischen hatte er sich daran gew√∂hnt, dass zur Kochenszeit andere Priorit√§ten Vorrang hatten, zuerst musste der Haushalt in Ordnung gebracht und das ausgiebige Essen zubereitet werden, dann, wenn abgesp√ľlt war, w√ľrde er sich ihrem Spaziergang anschlie√üen und anfangen, ihnen von der Stadt und seinem Leben dort zu erz√§hlen.
Hatte er diesen Rhythmus, den sie auch bei seiner Anwesenheit nicht umstellten, einmal akzeptiert, war es ihm selbst angenehm, denn so blieben die Vormittagsstunden f√ľr eigene Unternehmungen. Und auch wenn er von seinem stressigen Alltag ermattet war, so frischte doch die Sonne seine Lebensgeister wieder auf und die verschneite Natur lud ihn zu sich ein, in ihr verloren zu gehen und alles ringsum zu vergessen.
Die vergletscherten Berge r√ľckten n√§her, die Au√üentemperatur sank weiter, da er auf seiner Fahrt eine betr√§chtliche Meeresh√∂he erreicht hatte. Der Dampf, der von den Feldern aufstieg, verdichtete sich und bedeckte die Sonne, doch es war immer noch glei√üend hell, die Schneekristalle blendeten unwirklich und ein leichter Dunstschleier verteilte das Sonnenlicht √ľber die Felder und W√§lder, alles war wundersam illuminiert.
Er legte eine alte Pink-Floyd-Cassette ein, die er fr√ľher h√§ufig angeh√∂rt hatte, um naturmagische Eindr√ľcke zu intensivieren, und auch heute verzauberten ihn die im klirrenden Frost glitzernde Landschaft und die tr√§ge psychedelische Musik. Ger√§uschlos glitt er durch den Tagtraum und hatte seine emotionale Bindung zu den eben noch lebendigen Erinnerungen an den gestrigen Tag abgesch√ľttelt, Bilder waren sie nur mehr, nicht Belastung. Ein anderes Leben hatte er hinter sich gelassen, doch die Bilder drangen durch die Entfernung zu ihm und lie√üen ihn nicht los, so schnell und einfach ist das nicht. Damit er heute so fr√ľh hatte losfahren k√∂nnen, musste wieder einmal die Nacht herhalten, einsame N√§chte am PC, davor hatte er sich lange gestr√§ubt, nun waren sie Normalit√§t, und es belastete ihn nicht im Moment, nur im R√ľckblick, mit freiem Kopf, hier drau√üen, kam es ihm fremd vor, wie er sein Leben verbrachte. Doch er wehrte sich nicht dagegen und √ľbernahm seine Pflichten mit Gelassenheit, auch sein Blick zur√ľck war alles andere als zornig oder vorwurfsvoll, es war nun einmal so, lie√ü sich nicht √§ndern, und schlie√ülich wurde er damit fertig, ohne sich g√§nzlich aufzugeben. Immerhin hatte er ja auch die Jahre des M√ľ√üiggangs hinausgez√∂gert, w√§hrend andere - machten sich andere auch diese Gedanken, oder lebten sie einfach so vor sich hin? - w√§hrend also andere l√§ngst selbst Familienpflichten auf den Schultern trugen, von denen er noch meilenweit entfernt schien, und das fand er gut so.
Er nahm die Ausfahrt von der Umgehungsstra√üe, die seine Heimatgemeinde vom Durchgangsverkehr und ein bisschen auch vom Kontakt mit der Au√üenwelt befreit hatte, nahm die Wege seiner Jugend, steuerte das Haus seiner Eltern an, parkte den Wagen in der Garageneinfahrt, packte seine Tasche und betrat das Grundst√ľck. Als er herangefahren war, hatte er gesehen, wie sich im ersten Stock ein Vorhang bewegt hatte und so musste er auch nicht erst l√§uten, man hatte ihn, obwohl weit vor seiner Zeit, bereits erwartet, die Oma hatte sich eingeladen, um ihren Enkel zu sehen und zu dr√ľcken. War ihm das einmal l√§stig gewesen, so dr√ľckte er sie heute herzlich und fest, und sie tauschten schnell erste Worte aus. Mit ihr hatte er sich stets gut verstanden, eine einfache und ehrliche Frau war sie. Nun aber war auch sie nicht mehr von verschiedenen Aufgaben entbunden, nur ihrer Nervosit√§t wegen hatten seine Eltern es ihr gestattet, am Fenster im ersten Stock auf die Heimkunft ihres Enkels zu warten, nun musste sie in der K√ľche helfen, und nun tat sie es gerne.
Er begr√ľ√üte seine Lieben, brachte seine Tasche in das Zimmer, das sie liebevoll f√ľr ihn vorbereitet hatten, wechselte ein paar h√∂fliche Worte mit der Familie und machte sich dann daran, in die Natur aufzubrechen.
Nur wenige Kilometer entfernt hatte sich ein Fluss durch die h√ľgelige Landschaft gewaschen, in Jahrtausenden, ganz f√ľr sich allein. Zur Stromversorgung war eine Talsperre errichtet worden, sodass sich jetzt ganz in ihrer N√§he ein gro√üer, zugefrorener See befand. Zwar hatte er lange Zeit keinen Schlittschuh mehr an den F√ľ√üen getragen, aber umso reifer man wird, umso eher findet man wieder Gefallen an den Kleinigkeiten, und so zog er sich rasch um, packte seine alten Schlittschuhe und machte sich auf den Weg. Seine Mutter rief ihm noch nach, er solle p√ľnktlich zum Essen sein, aber das war inzwischen auch eine Selbstverst√§ndlichkeit, auch wenn er jetzt seinem Flusstal engegen fieberte.
Ende

Vor ihm lag ruhig und einsam der See. Er schmiegte sich an die bewaldeten H√§nge des gewundenen Tals. Vor Jahrtausenden hatte sich der breite Gebirgsfluss seinen Weg durch den bis heute unver√§nderten Fichtenwald gegraben, ger√§uschlos, da das Gel√§nde hier insgesamt bereits ebener war. Einige Kilometer flussabw√§rts war er mittlerweile aufgestaut worden, dort war im Sommer auch ein Badestrand f√ľr die wenigen Einheimischen, jetzt im Winter war er zugefroren und matt. Am Ufer hatten sich mehrere dicke Schichten Eis aufgeworfen, wo er sich hinsetzen konnte, um seine Schlittschuhe anzuziehen. Sorgf√§ltig schn√ľrte er die Stiefel, die er bei seinen Eltern aus dem Keller geholt hatte, wo sie noch gelegen hatten, wie er sie vor vielen Jahren deponiert hatte.
Das letzte Jahr war sehr arbeitsam gewesen, nur selten fand er noch den Weg in seine alte Heimat, um seine Eltern zu treffen. Fr√ľher war er hier, flussaufw√§rts, oft mit Freunden beim Baden gewesen. Heute war er allein da, er brauchte die Einsamkeit. Der Alltag verlangte seinen Zoll, Entspannung, und hier sollte er sie finden, ein idealer Platz.
Er hatte sich dick eingemummt und wagte sich nur vorsichtig aufs Eis, er war kein guter Schlittschuhl√§ufer. Mit den H√§nden auf eine aufgeworfene Eisscholle gest√ľtzt stand er auf und hatte zun√§chst ziemliche Probleme mit dem Gleichgewicht, doch es ging. Zwei einsame Kr√§hen √ľberquerten den Taleinschnitt und untermalten die Szenerie mit ihren langen dunklen Krah-Lauten. Gelegentlich ein Knacken im Wald, die K√§lte arbeitete im Holz. Die Sonne selbst war nicht zu sehen, eine d√ľnne Bew√∂lkung streute das Licht und reduzierte es gerade so, dass man die Augen nicht mehr zusammenkneifen musste. Die Oberfl√§che des Sees war mit einem feinen Schneefilm bedeckt, nur an manchen Stellen hatte der Wind das Eis freigeweht, sodass man die schwarze Tiefe darunter ahnen konnte.
Mit der Zeit wurden seine Bewegungen sicherer und begannen sich zu automatisieren, sodass er sich der Umgebung intensiver zuwenden konnte. Alles, was er jetzt noch h√∂rte, waren seine Kufen, die √ľber das Eis kratzten und das unheimliche Gurgeln, das er auf dem Eis verursachte. Weit √ľber die Fl√§che ein Knacken, das Eis war an dieser Stelle, weiter flussaufw√§rts, vor einigen Tagen, w√§hrend einer kurzen Erw√§rmung, die nur einen Nachmittag lang gehalten hatte, quer √ľber den See gesprungen, sodass es auch jetzt noch arbeitete, obwohl beinahe auf der ganzen Breite wieder zusammengeschweist, als er in die N√§he kam, die Stelle √ľberquerte und hinter sich lie√ü. Nur noch das monotone Aufsetzen der Kufen auf dem Eis, das inzwischen raumgreifende Dahingleiten und sein Atem, in der Ferne der √§chzende Wald, gelegentliche Kr√§hen. Schwer und kalt hing der Schnee in den dunklen, dicken Zweigen, vor ihm nur der breit und majest√§tisch gewundene See.
Bei diesen extremen Frostverh√§ltnissen, die die letzten Tage geherrscht hatten, reichte die Eisdecke viele Kilometer flussaufw√§rts, wo im Sommer noch deutlich die Str√∂mung sp√ľrbar war, obwohl der See hier eine Breite von einigen hundert Metern erreichte. Langsam verj√ľngte sich der Taleinschnitt und die hohen alten Fichten breiteten ihre Schatten unkonturiert √ľber die ebene Fl√§che.
Der Abstand zum Alltag war endlich wieder einmal hergestellt, die letzten Monate hatte er kaum noch Gelegenheit dazu gefunden. Er hatte eine Stelle in der Stadt angenommen, mit der er zufrieden sein konnte. Er hatte keine gro√üen Anspr√ľche gestellt, solange er nur ohne dauernde Kontrolle arbeiten durfte. Er hatte es so arrangiert, dass er lediglich seine Ergebnisse vorzulegen hatte, wie und wann er diese anfertigte, war ihm nach einigen Wochen bereits selbst √ľberlassen worden, soweit hatte er es sich eingerichtet. Daf√ľr hatte er gute Arbeit abzuliefern, das war selbstverst√§ndlich. Nie hatten sie es ausgesprochen, doch es war allen Beteiligten klar: Das war die Bedingung f√ľr die Freiheiten, die sie ihm gew√§hrten. Doch er war nicht der Typ mit Stempelkartenmentalit√§t, der seinen Job nach Arbeitsstunden verrichtet und nicht nach dem Leistungsprinzip, Aufgaben waren f√ľr ihn eine Herausforderung, die er gerne annahm. Diese letzte Runde war erneut an ihn gegangen. Er brauchte das nicht an die gro√üe Glocke zu h√§ngen, es war registriert worden, dass er ein f√§higer Mann war, und die mit kleinen Gesten und beil√§ufigen Worten gew√§hrten Freiheiten zeigten ihm dies. Wichtig war ihm, dass er selbst mit sich zufrieden war, mit seiner Leistung. Lange Zeit hatte er sich geweigert, sich nach seiner Leistung messen zu lassen und sich selbst daran zu messen, doch diese Einstellung hatte er inzwischen weit hinter sich gelassen. Flei√ü und pers√∂nlicher Einsatz, das waren die Eckpfeiler seiner Lebensf√ľhrung, und die n√∂tige Kreativit√§t war sein Antrieb und seine Lust. Ganz selten, wenn er nachts zuhause vor seinem 19-Zoll-Bildschirm sa√ü und die Schrift vor seinen roten Augen verschwamm, nur dann, und auch nicht immer, erinnerte er sich des fr√ľheren M√ľ√üiggangs, gelegentlich auch ein bisschen wehm√ľtig. Er war ein ruhiger Mensch, der mit sich im Reinen war, ein wenig melancholisch, obwohl er selbst nicht genau wusste, wie er diese traurige Grundstimmung einstufen sollte, da er bei sich seinen stillen Gefallen daran gefunden hatte. Ein leises und nach innen gekehrtes Leben f√ľhrte er, pflegte telefonisch alte Bekanntschaften eher sporadisch, las viel und erledigte seine Arbeit.
Die Natur gab ihm nach und nach die Energie zur√ľck, die er verbraucht hatte. "Stress muss ja nicht negativ sein", hatte ein Personalchef einmal zu ihm gesagt, vor vielen Jahren, als er dort als Lagerarbeiter eine Aushilfsstelle angenommen hatte. Und er hatte sich diesen Satz gemerkt, √ľber all die Jahre, und irgendwann hatte er registriert, dass Einiges an Wahrheit darin lag. Einsatz, Koordination, Kreativit√§t, das alles war deutlich abzulesen am Ergebnis. Letztlich war nur entscheidend, woher der Antrieb kommt, Herr der Lage musste man bleiben. Er hatte seine M√∂glichkeiten erweitert, da er immer wieder die Grenzen auslotete und neu festlegte.
Nachdenklich war er losgelaufen, inzwischen tankte er Kraft mit jeder weiteren Flussbiegung, die er hinter sich lie√ü, ruhiger und immer gleichm√§√üiger wurden seine Schw√ľnge, er konzentrierte sich auf seinen Atem und verga√ü alles andere dabei. Das Auge sammelte Impressionen, Bilder voller Stolz, Natur, strotzend und stark, urspr√ľnglich. Unter ihm die schwarzgr√ľne Tiefe, die Uferh√§nge dicht bewaldet, namenlose, dunkle, hohe Fichten, seit Ewigkeiten. Sie standen hier und es war gleichg√ľltig, ob je jemand von ihnen Notiz genommen hatte oder nicht. Es war ihr Platz und es w√ľrde ihrer bleiben, mit Sicherheit. Der Himmel war mittlerweile so verhangen, dass man nicht mehr ausmachen konnte, wo die Sonne stand, und doch war es hell, der Schnee, der alles tief bedeckt hatte, reflektierte das Tageslicht. Die Fl√§che, auf der er dahinglitt, war fleckig, teils in dunklem, schattigen Wei√ü, teils undefinierbar gr√ľnlich, wo vom Wind der Schneefilm weggeweht war. Man konnte genau sehen, welchen Weg der Wind nahm, wenn er aus dem Gebirge kam, durch das Tal wehte, um die Hangr√ľcken und Landzungen atmete und dabei die Schneekristalle verwirbelte und in wellenf√∂rmigen Mustern wieder absetzte. Immer wieder waren F√§hrten von Hasen, F√ľchsen und auch Rehen zu sehen, die nur im Winter die Gelegenheit hatten, den See zu √ľberqueren. Das restliche Jahr waren sie, so sah es von hier unten aus, obwohl sich zu beiden Seiten des Sees endlos die W√§lder erstreckten, eingesperrt auf ihrer Seite des Wassers. Jetzt existierte diese nat√ľrliche Grenze nicht, das Wild wechselte ohne Verwunderung oder Dankbarkeit √ľber die frostige Ebene.
Das Tal wurde langsam enger und dunkler, umso weiter er kam, da hier das Wasser l√§ngst nicht mehr die Tiefe hatte wie flussabw√§rts, nur wenige Kilometer oberhalb der Talsperre, wo seine Spuren das Eis betraten und bereits vom leichten aber best√§ndigen Wind wieder verwischt wurden. Dort war vom eigentlichen Einschnitt, den das Wasser √ľber die gesamte Strecke von den Bergen bis hier, ins sanfte H√ľgelland, herausgewaschen hatte, nur noch wenig zu sehen, der See bildete schon fast eine Ebene mit den flachern Ufern. Auf seinem Weg nach oben waren jedoch nach und nach die H√§nge zu seinen Seiten aus dem See herausgewachsen und warfen inzwischen dunkle Schatten auf das Eis und auf ihn, und beschr√§nkten die Aussicht auf schweigsame, verschneite W√§lder. Die H√§nge r√ľckten n√§her zusammen und ab und zu ragte ein abgerissener Baumstamm mit einem gewaltigen Wurzelstock aus der gefrorenen Oberfl√§che und zeigte so, wo eine Kiesbank war, und auch, dass unter dem Eis in der Stille eine starke Str√∂mung herrschen musste. Einige Kr√§henschreie lenkten seine Blicke nach oben, als pl√∂tzlich das Eis knackt, knackt, splittert und bricht. Blitzartig registriert er die Situation und tausend Gedanken schie√üen ihm im selben Moment durch den Kopf, Instinkt ist es, was in diesen Momenten bestimmend wird, nicht Gedanken. Das Blut schie√üt hei√ü durch die Adern, die Augen werden weit aufgerissen, alles automatisch, nichts muss absichtlich getan werden. Gleichzeitig ber√ľhrt ihn sofort am ganzen K√∂rper das eisige Wasser, komischerweise betrachtet er den Waldrand am Ufer, der so unwirklich farbintensiv wirkt, w√§hrend er mit dem splitternden Eis und dem Fluss k√§mpft, als w√§re es ein anderer, der da um sein Leben ringt. Viel zu versunken in Gedanken, oder auch viel zu gedankenlos, wer kann das sagen, viel zu weit flussaufw√§rts hatte er sich begeben, das erkannte er an der Uferstelle. Im Sommer waren sie oft mit Kajaks den Fluss herabgefahren, und hier waren die Wasser noch im √úbergang zwischen Fluss und See. Mehrmals kann er sich mit dem Oberk√∂rper flach aufs Eis ziehen, doch jedes Mal bricht es erneut unter seiner Last. Die Kleidung ist so schwer, wie man sich das niemals vorstellen k√∂nnte, Kleidung, so schwer, dass sie einen kr√§ftigen, erwachsenen Mann hinabziehen kann. Lautlos ist alles ringsum, die Natur lauscht seinem Kampf, den er tapfer und immer verzweifelter k√§mpft. Die K√§lte steckt ihre Klingen in alle seine Glieder, und die nasse Last am Leib zerrt ihn nach unten, wie ein Ertrinkender, der den Retter ertr√§nkt, ihn soll man wegtreten, die Jacke, die Hose, den Wollpullover, all das kann keiner wegtreten, wie ein schweres, unn√ľtzes K√∂rperteil zieht es immer weiter. Arme und Beine werden im Kampf gegen das Schicksal schnell schw√§cher, die brechenden Eisschollen g√∂nnen ihm keine Ruhepause, seine F√ľ√üe stecken in vollgelaufenen Schlittschuhen und die Str√∂mung packt ihn. Als er es merkt, krallt er sich mit einem letzten Versuch, in dem sich jetzt f√ľr eine Sekunde alles konzentriert, ins Eis, genau sp√ľrt er Kraft und Gegenkraft, wie er an den Fingerkuppen h√§ngt, wie der Griff abgleitet, noch steht die Szene still, nicht mehr lange, wie er unter die Oberfl√§che gezogen wird und nichts mehr hilft. Ein, zwei Schwimmbewegungen macht er noch in Richtung Licht, dort, wo das Eis gebrochen ist, wo er eben noch einige Minuten gek√§mpft hatte, doch er wird unweigerlich abgetrieben, immer tiefer, rettunglos. Das Gurgeln der Str√∂mung t√∂nt unter dem Eis wie siedendes Wasser, er h√∂rt das Poltern der Steine, die ein paar Meter unter ihm √ľber den Grund flussabw√§rts getrieben werden, flussabw√§rts wie er.
Plötzlich sah er in der eisigen Dunkelheit ein altes unliebsames Bild vor sich, erinnerte er sich an seinen ehemaligen Ausbilder, den er einst gehasst hatte, wie keinen Menschen sonst auf der Welt, den er verachtete, wie man nur einen Feind verachten kann, der ihm zwei Jahre seines Lebens zur Hölle gemacht hatte, der ihm den entscheidenen Schritt auf der Karriereleiter misslingen ließ, der täglich mit einer neuen und lästigeren Zusatzarbeit auf ihn gewartet hatte, ohne dass man ihm aus dem Weg hätte gehen können, der ihm misstraut hatte, der ihn gegen jedes menschliche Maß benachteiligt hatte, benachteiligt und schikaniert und ihn schließlich bis in die Krankheit gequält hatte. Zwei lange Jahre hatte er viel zu viel Gedanken an diesen Mann verschwendet und so auch seine letzten, jetzt wo er unter dem Eis abtrieb, abtrieb und starb.

Ein neuer Anfang

Aller Schmerz fiel von im ab, wie Fernsehbilder betrachtete er emotionslos die Unterwasserszenerie. Eisig gefrorene Wasserpflanzen bildeten einen klar-gr√ľnen Wald, ungleichm√§√üig schien das Sonnenlicht in Strahlenb√ľndeln durch das Wasser, in dem er dahintrieb. Eben noch hatte sich seine ganze Energie im Hass konzentriert, alte, vergessen geglaubte Verachtung hatte ihn merkw√ľrdigerweise gefangen, als er unter die Eisdecke gesp√ľlt worden war, in den sicheren Tod im eiskalten Wasser. Und irgendwie musste diese seltsame Ablenkung vom letzten Ringen, vom alles entscheidenden Kampf, etwas nie zuvor Gewesenes bewirkt haben, denn auch als das Bild verblasste, das Bild dessen, den er wie nie einen Menschen zuvor abgelehnt hatte, der nie gekannten Widerwillen in ihm hervorgerufen hatte, wehrte er sich nicht dagegen, mit der Str√∂mung zu treiben. Ohne Verwunderung √ľber seine Verbundenheit mit der bizarren Unterwasserwelt, ganz urspr√ľnglich und nat√ľrlich bewegte er sich im umschlie√üenden Element, trieb flussabw√§rts und schaute die Wunder, die das Eis hier gezaubert hatte. Algen waren zu glasigen Ketten gefroren, mehrere Meter lange stalagtitenartige Eisgebilde ragten von der abschlie√üenden Oberfl√§che in seine Welt, die K√§lte wich aus seinem K√∂rper, frei von den Belastungen der Oberwelt glitt er durch gestaltlose Eisformationen, die in unbeschreiblicher Sch√∂nheit funkelten, glitt er dahin ohne sich gegen die Str√∂mung zu stemmen. Er wurde eins mit dem Treiben und der unbekannten Natur, die in klarem Blauschwarz, Wei√ü und Gr√ľn hell und unwirklich kontrastreich schimmerte. Ohne Hektik zog er seine Schlittschuhe und seine Jacke, die ihn jetzt nur mehr behinderten, aus, w√§hrend er dahintrieb, an seinem K√∂rper bildeten sich kleine Eiskristalle, die Haut war l√§ngst an die F√§rbung der Umgebung angepasst, und nichts daran war sonderbar, alles war v√∂llig normal so. Am Ufer standen gro√üe Forellen, die sich im Winter hier aufhielten, weil der Fluss Sauerstoff mit sich brachte, Sauerstoff, den er nicht ben√∂tigte, wie selbstverst√§ndlich.
Zun√§chst suchte er vor allem die Sicht durch die Eisschicht nach oben und au√üen, dann tauchte er tiefer hinab, wo das Wasser klarer war, weil der Gehalt an Eis, das in unf√∂rmigen Brocken mit dem flie√üenden Wasser in den See trieb, an der Oberfl√§che anstie√ü, um sich endlich in bizarren Formationen ganz an der Eisschicht abzusetzen, hier unten immer geringer wurde. Die Str√∂mung wurde langsam schw√§cher, sein neues Reich verbreiterte sich, wurde nach unten hin weit und dunkel, Raum zum Leben w√ľrde er hier genug haben. Einige Stunden durchma√ü er den See, staunte √ľber die Gro√üartigkeit des bisher unbekannten Reichtums der Unterwasserwelt, erkundete die Uferregionen, meist jedoch schwamm er leicht wie ein Fisch, fast schien er zu fliegen, in Zeitlupe, wie schwerelos, am Grund des Sees, wo von Eisablagerungen die Pflanzenwelt starr und langsam winkte. Endlich fand er einen m√§chtigen Baumstamm, der, vom Wasser getr√§nkt, irgendwann vor einigen Jahren hier hinab gesunken sein musste, und an dem sich noch weiteres Treibgut, √Ąste und Gestein, das der Fluss mit sich aus dem nahen Gebirge gebracht hatte, abgesetzt und so eine kleine H√∂hle gebildet hatte. Hier machte er eine erste Rast, zog sich m√ľhelos an den H√§nden hinein, erschrak kurz, da ein aufgeschreckter Fisch das Weite suchte, und legte sich, soweit das m√∂glich war, ab, um seine Situation das erste Mal nach mehreren Stunden zu √ľberdenken. Wieder ging sein Blick nach oben, zur Helligkeit der Oberfl√§che, die Sonne musste die Wolkendecke durchbrochen haben, dann erst musterte er sich selbst. In seiner Kleidung hatte sich ein dichter Film aus Eiskristallen abgelegt, in dem auch einige Teile von Wasserpflanzen in F√§den hingen. Gr√ľnlich war sein √Ąu√üeres geworden, in der kurzen Zeit, die er jetzt erst da war.
Aber was war geschehen? Warum konnte er hier √ľberleben? Zum ersten Mal schweiften seine Gedanken in diese eigentlich so naheliegende Richtung. Lange gr√ľbelte er √ľber diese Laune der Natur, bis ihm die einzig plausible Erkl√§rung kam, er musste wohl mit dem st√§rksten aller Gef√ľhle, dem Hass, so sehr besch√§ftigt gewesen sein, dass er dabei das Sterben vernachl√§ssigt, ja vergessen hatte. Nur so, und auch so nicht hinreichend, war das Wunder zu erkl√§ren, dass er nun ein Teil des zugefrorenen Sees war, nicht mehr Teil des hektischen Treibens an Land, nicht mehr abh√§ngig von Licht, W√§rme und Sauerstoff, sondern sich ohne Verpflichtungen am Grunde des Sees bewegte, als w√§re er hier geboren worden, als Fisch. Abseits von Alltag, Arbeit, Pflicht, B√ľrokratie, so war noch ein zweiter logischer Grund f√ľr seinen unbeschwerten Aufenthalt unter der dicken Eisdecke gegeben: all das hatte sein verhasster Ausbilder verk√∂rpert, und gegen ihn hatte er ja zuletzt gek√§mpft, nicht gegen die eisigen Fluten, und den Kampf gegen ihn und alles was er darstellte, hatte er scheinbar jetzt endlich, nach all den Jahren der Verdr√§ngung, gewonnen. Die Natur hatte ihm eine zweite Chance gegeben, gegen diesen ungerechten und schikan√∂sen Menschen anzutreten, und instinktiv hatte er dieses Mal alles richtig gemacht. Unverkrampft und gel√∂st war er in diesem Moment, als er die gro√üen Zusammenh√§nge, die Gerechtigkeit der Natur erkannte, und l√§chelte, l√§chelte und schwamm davon.
Ein neues Ende

Dort, wo im Sommer der Badestrand war, hatten sich einige Schlittschuhl√§ufer, so wie er noch vor Kurzem, jetzt nicht mehr, angesammelt, ihre Kreise zu ziehen, √ľbers Eis zu gleiten. Vergn√ľgtes Treiben war ged√§mpft durch die milchige Schicht zu h√∂ren, doch er beachtete es kaum, nur anfangs, als er in die N√§he gekommen war, hatte ihn kurz die Wehmut gepackt. Doch das war seine Welt nicht mehr, zu gro√ü war der Abstand, zu fremd alles pl√∂tzlich, jetzt, da eine friedlichere Existenz ihm er√∂ffnet worden war. Durch den Hass hatte er den Tod √ľberwunden, war hindurchgegangen durch die Gef√ľhlswelt, hatte sie verlassen und gedachte nicht zur√ľckzukehren. Hell durchleuchtet, eiskalt und klar war sein neues Reich, wozu es aufgeben, sorgenfrei, einsam, warum gehen? Ohne Hektik, beinahe erhaben, steckte er sein Territorium ab, mit langen Schwimmz√ľgen durch den gefrorenen See schwebend und nur leise und entfernt schabten noch die Kufen an seiner Welt. Die Distanz wurde immer gr√∂√üer zwischen den Menschen, wie wir sie kennen, und ihm, gr√ľnlich wurde seine Haut, glasig schimmernd.
Magisch zog ihn die breite Talsperre trotzdem noch an, als Kind war er in seinem fr√ľheren Leben hier oft mit seinen Eltern gestanden und hatte gestaunt, wie nur Kinder staunen k√∂nnen, jedes Mal, wenn sie ge√∂ffnet wurde, um tosende Wassermassen in sch√§umender wei√üer Gischt hinabst√ľrzen zu lassen. Gegen Abend n√§herte er sich dem Gitter, das das Treibgut von der Schleuse zur√ľckhielt, wo schon kein Eis mehr die Oberfl√§che bedeckte. Hier war also die neue Grenze seines Aufenthalts, doch als er sie ber√ľhren wollte, griff er ins Leere, fasste durch den bemoosten Stahl hindurch und glitt aus dem Staubecken hinab in den kanalisierten Fluss. Er folgte seinem Lauf, an den Lichtern, die die hereinbrechende Dunkelheit abmilderten, erkannte er die H√§user der Stadt, trieb vorbei an den Wohnsiedlungen, unter Br√ľcken hindurch, zeitweilig entlang der Stra√üe, dann wieder weg von der Zivilisation, zum n√§chsten Wehr, auch hier hindurch, immer weiter flussabw√§rts, immer weiter.
Und so nahm er denselben Weg, den er morgens in Richtung Berge gefahren war, flussabw√§rts, zur√ľck durch kleinere St√§dtchen, immer wieder passierte er Staustufen, keine konnte ihn an seinem Weg hindern, abw√§rts, die ganze Nacht hindurch, in der Dunkelheit, immer weiter flussabw√§rts. Ungesehen trieb er mit den eisigen Massen, die Kleidung hing nurmehr in Lumpen an ihm, ein Wesen aus feuchter Tiefe war er geworden, binnen eines Tages.
Zwei Tage und zwei Nächte benötigte er auf seinem Weg, bis er wieder in der Stadt war, wo seine Reise in die Verwandlung ihren Ausgangspunkt gehabt hatte, und ohne einen festen Gedanken zu fassen durchquerte er auch die große Stadt, weit weg war alles Gewesene.
Und so kam er mit seinem Fluss, in dem er seine neue Identit√§t gefunden hatte, in den gro√üen, breiten Strom, der die Gebirgsfl√ľsse in sich aufnahm, langsamer ging es voran, in ruhigem, unaufhaltsamem und m√§chtigem Flie√üen, weiter, einem unbekannten Ziel entgegen. Bald hatte er auch, ohne es zu bemerken, die Landesgrenze hinter sich gelassen, bedeutungslos waren die Grenzen der Menschen f√ľr ihn. Gewaltig wuchs der Strom an und nahm ihm alle Arbeit ab, wie ein Toter trieb er einige Meter unter der stellenweise gefrorenen Oberfl√§che mit, war Teil eines unglaublichen Ganzen. Nur seine k√∂rperliche Gestalt erinnerte noch ein wenig an seinen fleischlichen Ursprung, seine Gedanken waren bereits die Gedanken des Flusses, der ewig gleich ist und doch immer neu. Flie√üend, bewegungslos beobachtend in uralten Bahnen, wo seit Jahrtausenden schon alles im Fluss war. Die unz√§hligen Schleusen bemerkte er l√§ngst nicht mehr, Gitter, Stahl, all das waren keine Hindernisse mehr f√ľr ihn, lautlos und unspektakul√§r nahm ihn das Wasser mit hindurch, dem Ziel entgegen.
Das Klima hatte sich langsam ver√§ndert, der Strom, obgleich er flach und ruhig dahinfloss, war nur mehr von einzelnen Eisschollen bedeckt, es wurde w√§rmer, da ihre gemeinsamen Wege nach S√ľden gingen. Von ihren gemeinsamen Wegen ist nur noch zur Orientierung der Leser die Rede, l√§ngst war er v√∂llig aufgegangen im treibenden Wasser, hatte sich aufgel√∂st, trotzdem noch immer emotionslos beobachtend, gelassen. Hunger und K√§lte hatte er ja schon zu Beginn hinter sich gelassen, nun auch seinen K√∂rper, nur Geist war es noch, was da im Fluss dem Meer sich stetig n√§herte.
Breiter wurde das Bett des Flusses, gerade und eben floss er dahin, seinem ewigen Ziel entgegen, obwohl er es immer schon erreicht hatte und doch nie dort ankam. Und mit ihm der entmaterialisierte Geist, der alles regungslos wahrnahm. So erreichten sie das Meer, das deutlich w√§rmer war, die Str√∂mung verlor sich, einige Kilometer trieb er noch, immer langsamer jetzt, hinaus auf die offene, ruhige See, wo er kurz innehielt, um dann von einer sanften Brise erfasst zu werden, die ihn mit sich hinaufnahm, immer h√∂her hinauf, wo er eins wurde mit den L√ľften und sich endlich verteilte und aufh√∂rte zu sein. Verweht von leichten, warmen Winden, lautlos und sanft.


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Willi Corsten
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Hallo Rainer

Da ich einige Tage verreist war, komme ich erst jetzt dazu, Deine Geschichte zu lesen. Da hätte ich ja beinahe etwas verpasst!
Großes Kompliment. Ich bin tief beeindruckt von der klaren Gliederung und vom Inhalt der Erzählung. Selbst die relativ langen Sätze ( die ich sonst nicht besonders mag ) stören hier keinesfalls, weil sie die Handlung tragen und echt gut formuliert sind.
Warum nur, frage ich mich, antworten so wenige Mitglieder auf diesen Text. Hier lohnt sich doch wirklich das Lesen.
Viele Gr√ľ√üe
Willi

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Rainer Heiß
Hobbydichter
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Danke f√ľr das Lob

Hi Willy,

freut mich, dass doch noch jemand auf diese Geschichte antwortet, wahrscheinlich habe ich so manchen mit anderen Stories abgeschreckt. Dass dir die Gliederung zusagt, wundert nmich ein bisschen, weil sie in der Reihenfolge 2, 3, 1, 4 entstanden sind. Zuerst musste am Schluss auch wieder jemand sterben, weil ich Happy-Ends irgendwie nicht draufhab`. Erst später habe ich mich dazu entschlossen, die Sache um- und auszubauen. Deshalb wiederholt sich auch diese Karrieresache, die ich womöglich noch verändern sollte.
Zumindest danke f√ľr die Reaktion!
Gr√ľ√üe, Rainer
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Willi Corsten
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Hallo Rainer

Nat√ľrlich habe ich erkannt, dass Du mit verschiedenen Versionen arbeitest. Hier den Leser bei der Stange zu halten erfordert eine klare Gliederung. Das ist Dir hervorragend gelungen.
So also war mein Lob von vorhin gemeint.
Liebe Gr√ľ√üe
Willi

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