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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 23. 11. 2016 19:23


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Blumenberg
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Ich war in Eile, um pĂŒnktlich zum vereinbarten Zeitpunkt in der Arbeitsagentur bei meiner Betreuerin zu sein. So heißt das heute. Vor ein paar Jahren wĂ€ren es noch ein Amt und eine Sachbearbeiterin gewesen. Aber seiÂŽs drum, eine Effizienzoffensive besteht eben zu nicht unwesentlichen Teilen aus einer bloßen Umetikettierung.

Als ich durch die EingangstĂŒr in das Foyer eintrat, sprach mich wie aus heiterem Himmel ein Ă€lterer Mann an. Überrascht sah ich auf, als mich seine Stimme so unverhofft aus der Vorbereitung des anstehenden GesprĂ€ches riss. Ich hatte meinen eloquenten Auftritt vor der Betreuerin mehr als ein Dutzend Mal vor meinem geistigen Auge durchgespielt und war sicher, dass er ĂŒberzeugend werden, mich in ihren Augen ĂŒber den Pöbel, der ansonsten hier verkehrte, erheben musste. Er nannte mich beim Namen, was mir eigenartig erschien, hatte ich doch diesen Menschen noch nie zuvor im Leben erblickt.
„Ja bitte, Sie wĂŒnschen?“, entgegnete ich immer noch abwesend.
„Sie sind reichlich knapp zu einem so wichtigen GesprĂ€ch. Finden Sie nicht?“ Der Mann sah mir direkt ins Gesicht und erzwang sich regelrecht meine Aufmerksamkeit.
Ich sah ihn entgeistert an. Woher wusste er vom Zeitpunkt meines Termins? Warum maßte er sich ĂŒberhaupt an, mich hier so einfach anzusprechen und mir vorzuwerfen, knapp bei meinem Termin zu sein? Ich wollte schon auffahren, als mir plötzlich ein Gedanke in den Kopf schoss. Wenn ich ihn nun zurechtwiese und er sich dann als ein Mitarbeiter des Amtes, gar als ein neuer Betreuer herausstellen sollte. Sonst konnte er ja nicht wissen, dass und wann ich hier ins Amt bestellt war.
„Nun? Schließlich habe ich Sie etwas gefragt“, unterbrach er meine Überlegungen.
„Ich 
 Bitte entschuldigen Sie, ich habe mich bereits eingehend auf das kommende GesprĂ€ch vorbereitet, daher bin ich im eigentlichen Sinne nicht zu spĂ€t. Es sind noch fĂŒnf Minuten bis zu meinem Termin“, entgegnete ich, nicht unzufrieden ĂŒber die schlagfertige und doch inhaltlich korrekte Aussage.
Er sah auf die Uhr und schien meine Angaben zu prĂŒfen. „Sie haben Recht, aber es ist ohnehin belanglos, da Sie Ihren Termin nicht mehr wahrnehmen werden. Es wurde bereits alles geregelt. Sie fangen unverzĂŒglich an.“
Wieder spĂŒrte ich, wie mir ein Schauer ĂŒber den RĂŒcken lief. „Was soll das heißen? Wo fange ich an?“, stieß ich um Beherrschung ringend hervor.
„Sie werden eine Ă€ußerst wichtige Maschine bedienen. Mehr brauchen Sie im Moment noch nicht zu wissen“, entgegnete er, ohne eine Regung erkennen zu lassen.
Dieser sonderbare Mann schien mich auf den Arm nehmen zu wollen. Seine kryptischen Andeutungen ergaben fĂŒr mich kaum einen Sinn und ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass die Zeit drĂ€ngte, wollte ich nicht tatsĂ€chlich zu spĂ€t bei meiner Betreuerin erscheinen. Ich entschloss mich zu handeln.
„Bitte entschuldigen Sie, aber ich habe einen Termin. Ich bin sicher, dass Sie mich mit jemandem verwechseln, der zufĂ€llig denselben Namen und einen Termin zur gleichen Zeit hat.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, wollte ich meinen Weg zum Aufzug fortsetzen. Zu meiner Überraschung machte der Mann einen schnellen Schritt nach links, versperrte mir den Weg und nötigte mich, mit nach wie vor ausdrucksloser Miene, zum Anhalten.
„Was erlauben Sie sich!“ fuhr ich auf, endgĂŒltig außer Fasson geraten.
„Ich sagte doch bereits, Ihr GesprĂ€ch wurde abgesagt. Es besteht keine Notwendigkeit, dass Sie das BĂŒro von Frau Maschke aufsuchen.“
„Oh, diese Notwendigkeit besteht unbedingt. Wenn mein Termin tatsĂ€chlich abgesagt worden sein sollte, habe ich wohl das Recht, das von einer offiziellen Mitarbeiterin dieser Einrichtung zu erfahren“, erwiderte ich und merkte dass ich langsam wĂŒtend wurde. Wie sich dieser Mann auffĂŒhrte, seine auf reine Sachlichkeit beschrĂ€nkte Sprache und KĂŒhle, all das weckte eine mir rational unerklĂ€rliche Abneigung gegen ihn.
„Ich sagte Ihnen bereits, dass das nicht notwendig ist. Außerdem ist es Zeit, aufzubrechen. Ich wĂŒrde eine weitere VerspĂ€tung nur sehr ungern in Kauf nehmen. Um ehrlich zu sein, scheint mir eine weitere Verzögerung ihres Dienstantritts genauer betrachtet ausgeschlossen“, erwiderte er, ohne dass seine Stimme auch nur bei einer Silbe aus dem geschĂ€ftsmĂ€ĂŸig neutralen Ton, der seiner Rede zu eigen war, ausbrach.
Panik begann langsam in mir aufzusteigen und ich sah ihn mit großen Augen an, nicht in der Lage, irgendetwas zu sagen. Wir standen uns vielleicht eine halbe Minute gegenĂŒber, wĂ€hrend ich hilflos nach einem Weg fahndete, wie ich mich diesem sonderbaren Mann gegenĂŒber verhalten, wie ich mit ihm in ein VerhĂ€ltnis treten sollte. Ich fĂŒhlte mich seiner geschĂ€ftsmĂ€ĂŸigen Bestimmtheit vollkommen ausgeliefert, wĂ€hrend alles in mir danach schrie, mich gegen eben diese Fremdbestimmung aufzulehnen. Hatte ich mich bisher immer als selbstbestimmtes Wesen bĂŒrgerlicher Herkunft empfunden, spĂŒrte ich mit einem Mal, wie dieses SelbstverstĂ€ndnis brĂŒchig zu werden begann. Es war, das wurde mir schlagartig bewusst, kein plötzliches Zerbrechen. Die feinen Risse hatten angefangen sich zu bilden, als ich entlassen wurde und meine Arbeitslosigkeit begann. Die MĂŒhlen der BĂŒrokratie, das Aufenthaltsgebot, das Bewerbungsgebot, die regelmĂ€ĂŸigen Visiten und Termine, die Kontooffenlegung vertieften sie ebenso wie das stĂ€ndige Hinterfragen der eigenen Person, deren wesentlich durch Arbeit determiniertes SelbstverstĂ€ndnis mit dem Satz „Ihre Dienste werden in unserem Unternehmen nicht lĂ€nger benötigt“ grĂŒndlich infrage gestellt war. Zeit genug, darĂŒber nachzudenken, hatte ich als Arbeitsloser ja ohnehin.
Was war ich doch fĂŒr ein Narr gewesen, tatsĂ€chlich anzunehmen, ich unterschiede mich in irgendeiner Hinsicht von den traurigen Gestalten, ĂŒber die ich vorgehabt hatte, mich in einer Art personaler Allmachtsphantasie zu erheben. Aber noch stand schließlich das Urteil meiner Beraterin, der Richterin ĂŒber mein Schicksal, aus. Noch war ich entschlossen zum Widerstand. Ohne meinem GegenĂŒber in die Augen zu sehen - ich schĂ€mte mich wohl meines Vorhabens -, machte ich einen plötzlichen Satz nach links und rannte an dem sonderbaren Mann vorbei auf die Treppe zu. Noch waren es ungefĂ€hr zwei Minuten bis zu meinem Termin, noch konnte ich es schaffen, konnte alles in die Bahnen lenken, die ich mir wieder und wieder ausgemalt hatte.
Ich hastete hinauf in den zweiten Stock, bog, ohne langsamer zu werden, in den langen Gang ein, an dessen Ende (linke Seite) das BĂŒro meiner Betreuerin lag. Ein kurzes Innehalten (ich bin kein guter LĂ€ufer und war außer Atem) und ein Blick auf die Uhr verrieten mir, dass ich es rechtzeitig schaffen wĂŒrde und ein triumphierendes GefĂŒhl ĂŒberkam mich. Ich ordnete meinen Anzug, straffte mich und klopfte an die TĂŒr.

Es kam keine Antwort, nichts deutete darauf hin, dass mein Klopfen auf der anderen Seite registriert worden wĂ€re. Ich ließ noch eine kurze Zeitspanne verstreichen, bevor ich erneut meine Hand hob. Sollte die TĂŒr so dick sein, dass ich die ersehnten Worte nicht verstand, fragte ich mich, als mein erneutes, diesmal lauteres Klopfen unbeantwortet blieb. Ich drĂŒckte die Klinke nach unten und wollte die TĂŒr öffnen, stieß aber auf einen unerwarteten Widerstand. Sie war verschlossen. Schweiß brach mir aus, ob vom Laufen oder aus Furcht, ich wusste es nicht zu sagen. Gleichzeitig ĂŒberkam mich die Wut. Ich rĂŒttelte an der TĂŒr. Es fehlte nicht viel und ich hĂ€tte mich mit der Schulter dagegen geworfen, um dieser so entsetzlich hilflosen Wut einen Ableiter zu verschaffen. Wie zum Hohn schlug in diesem Moment der Gong einer Uhr, die mir verkĂŒndete, dass die Zeit abgelaufen war. Regungslos verharrte ich noch einen Moment vor der TĂŒr, dann machte ich auf dem Absatz kehrt und schlich geschlagen den Gang zurĂŒck zum Aufzug, wĂ€hrend mir die hölzernen Zwillingsschwestern der TĂŒr, die mich abgewiesen hatte, rechts und links in perfekter Ausrichtung Spalier standen.
Als der Aufzug im Erdgeschoss seine TĂŒren öffnete und mich entließ, stand der sonderbare Mann immer noch unverĂ€ndert an dem Platz in der Vorhalle. Neben ihm stand nun allerdings das Ziel meiner Flucht und sah mich durch die GlĂ€ser einer Brille hindurch an. In dem Moment, als ich beide sah, schĂ€mte ich mich fĂŒr meine lĂ€cherliche Flucht ein paar Minuten zuvor. Von meinem schwungvollen Schritt war nichts mehr ĂŒbrig, als ich ihnen entgegenlief, um meinen Urteilsspruch zu empfangen.
„Guten Tag, Herr MĂŒller“, empfing mich meine Betreuerin kĂŒhl und ich glaubte einen leichten Tadel in ihrer Stimme zu hören. „Mir wurde berichtet, dass Sie plötzlich Reißaus genommen haben, obwohl Ihnen versichert worden war, dass Ihr GesprĂ€ch mit mir bereits abgesagt wurde. Sie können von GlĂŒck sagen, dass Sie so vernĂŒnftig waren, zurĂŒckzukommen. Das gibt uns die Möglichkeit, in Ihrer Angelegenheit doch noch zu einem guten Ende zu gelangen, obwohl ich gezwungen bin, einen Aktenvermerk zu machen.“
Ich sah sie an und muss dabei vollkommen verstĂ€ndnislos gewirkt haben, denn sie ergĂ€nzte, als ob sie es mit einem unverstĂ€ndigen Kind zu tun habe: „Vielleicht sollten sie sich zunĂ€chst einmal fĂŒr Ihr Verhalten entschuldigen und sich, da der Herr so großzĂŒgig ist, weiterhin auf Ihre Verwendung zu bestehen, bei ihm bedanken.“
Bevor ich die Möglichkeit hatte, der Aufforderung nachzukommen oder zu der ganzen Angelegenheit Stellung zu nehmen, winkte er ab. „Eine Entschuldigung oder ein Dank sind unnötig. Herr MĂŒller hat eine Maschine zu bedienen. Jede weitere Verzögerung hĂ€lt ihn nur davon ab“, sagte er zu meiner Betreuerin gewandt, ohne mich weiter zu beachten. Diese nickte heftig.
„Sie sehen es, Herr MĂŒller, unsere Agentur bringt sogar einen schwierigen Fall wie Ihren zu einem guten Abschluss. Ich freue mich, dass wir Ihnen zu einer Anschlussverwendung verhelfen konnten, und hoffe, Sie werden diese Chance fĂŒr einen Wiedereinstieg in die produktive Gesellschaft nutzen.“ Sie streckte mir die Hand entgegen. Ich nahm sie kraftlos, unfĂ€hig, mich weiter zu wehren. „Leben Sie wohl, Herr MĂŒller.“ Sie gab auch dem ominösen Herrn die Hand, machte auf dem Absatz kehrt und ging in Richtung des Aufzugs davon.

Ich wurde aus dem Amt geleitet und zu einem Wagen gefĂŒhrt. Ohne aufzubegehren, stieg ich ein und der Wagen fuhr, kaum hatte ich die TĂŒr geschlossen, los, um mich zu meiner neuen Stelle zu bringen.
Nach etwa zehn Minuten kamen wir an unserem Zielort, einer unscheinbar wirkenden Industriehalle, an. „Hier werden Sie tĂ€tig sein. Sie werden sehen, unser Betrieb ist absolut auf dem neuesten Stand der Technik.“ Er fĂŒhrte mich durch den Eingang und eine Schleuse hindurch in einen großen Raum, der eher einer wissenschaftlichen Einrichtung Ă€hnelte als dem, was ich mir unter einer IndustriestĂ€tte vorgestellt hatte. Der ganze Raum war in einem blendenden Weiß gestrichen, den grĂ¶ĂŸten Teil nahmen mehrere riesige Maschinen ein, die durch ein Gewirr von Kabeln und LaufbĂ€ndern miteinander verbunden waren. Kaum hatten wir den Raum betreten, erwachte die Anlage und nahm ihren Betrieb auf. Was genau die einzelnen Abschnitte dieser gigantischen Produktionsstraße fĂŒr eine Funktion hatten, blieb mir verschlossen, da die TĂ€tigkeit, die die Maschinen ausĂŒbten, sich ausschließlich in ihrem Inneren abspielte. Dass sie aber tĂ€tig sein mussten, bewies das in unzĂ€hligen Stadien der Fertigstellung befindliche Produkt, das auf den Produktionsstraßen zwischen den Maschinen hin- und herlief, in seiner Bewegung einer festen, mir aber unbekannten Logik folgend. Trotz der regen Betriebsamkeit herrschte eine beunruhigende Stille. Ich sah mich mit großen Augen um, vermochte aber in der ganzen Halle nicht einen einzigen anderen Menschen auszumachen.
Als ob er meine Gedanken gelesen hĂ€tte, sagte der Herr lĂ€chelnd: „Der ganze Betrieb ist völlig automatisiert, nicht nur die Produktion, die Sie hier beobachten können. Auch die Wartung und Kontrolle werden von einem zentralen Rechner aus gesteuert. Es wird Sie vielleicht ĂŒberraschen, aber Sie sind unser einziger Angestellter aus Fleisch und Blut.“ Er sah mich eindringlich an. „Aber gerade deshalb kommt Ihnen eine Aufgabe zu, die fĂŒr den gesamten Ablauf von entscheidender Bedeutung ist, auch wenn Ihnen die AusfĂŒhrung vielleicht trivial erscheinen mag. Kommen Sie! Ich fĂŒhre Sie an Ihren Arbeitsplatz.“

Ich folgte ihm weiter durch die Halle und staunte ĂŒber die lautlose GeschĂ€ftigkeit um mich herum. Am anderen Ende angekommen durchschritten wir eine TĂŒr, eine weitere Schleuse und betraten einen zweiten, kaum kleiner wirkenden Raum, der im Gegensatz zu dem vorigen geradezu leer wirkte. Den Raum durchmaß der gesamten LĂ€nge nach ein Fließband, auf dem in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden das fertige Produkt, ein kleiner weißer Kasten mit abgerundeten Ecken und mir gĂ€nzlich unbekannter Funktion, lag und sich gleichmĂ€ĂŸig auf einen Ausgang am anderen Ende des Raumes zubewegte. Genau in der Mitte des Raumes stand neben dem Fließband ein Pult, vor dem ein BĂŒrostuhl aufgestellt war.
„Ihr Arbeitsplatz“, erklĂ€rte mir der Herr und wies auf den Stuhl. „Setzen Sie sich! Ich werde Sie mit Ihrer Aufgabe vertraut machen. Dabei ist es von grĂ¶ĂŸter Wichtigkeit, dass Sie mir genau zuhören. Ihr Beitrag, ich kann es nur wiederholen, ist fĂŒr das Funktionieren der gesamten Produktion von entscheidender Bedeutung. Nun aber endlich zu Ihrer Aufgabe: In regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden werden Sie einen Signalton hören. Wenn dieser ertönt - und nur dann -, drĂŒcken Sie den Knopf auf Ihrem Pult, der aufleuchtet, halten ihn ungefĂ€hr drei Sekunden gedrĂŒckt, dann lassen Sie ihn los und warten auf den nĂ€chsten Signalton. Haben Sie das verstanden?“
Ich nickte. „Mir ist aber nicht recht klar, warum diese TĂ€tigkeit nicht auch von einer Maschine gesteuert werden kann? Das scheint mir irgendwie unlogisch“, bemĂŒhte ich mich zu verstehen, warum ich ĂŒberhaupt an diesem Ort war.
„Das ist bedauerlicherweise als Teil unserer technischen Ausstattung einem strengen Betriebsgeheimnis unterworfen. Sie verstehen sicher, dass wir die sensiblen technischen Daten unserer Produktionsmethode, soweit sie nicht fĂŒr die AusĂŒbung Ihrer TĂ€tigkeit von Belang sind, nicht mit Ihnen teilen können. Was Sie interessieren sollte, ist, dass Ihre Anwesenheit hier aus unserer Sicht eine Notwendigkeit ist und Ihnen zu Lohn und Brot verhilft“, tadelte er mich. „Ihre Schicht beginnt pĂŒnktlich um 9:00 Uhr und nicht einen Augenblick spĂ€ter und endet um 18:00 Uhr. Um 12:00 haben Sie eine Stunde Mittagspause.“ Er hielt mir einem Stift und einen dĂŒnnen Vertrag hin, der auf der letzten Seite aufgeschlagen war. „Unterzeichnen Sie nun bitte hier“, forderte er mich auf. Ich unterzeichnete. Warum, konnte ich nicht sagen, in diesem Augenblick schien es mir das einzig Mögliche zu sein.
Mein GegenĂŒber blickte auf seine Uhr. „Wir haben bereits 9:30 Uhr. Da die entstandene VerspĂ€tung durch Sie verschuldet ist, endet Ihre Schicht heute folglich um 18:30 Uhr. Alles Weitere entnehmen Sie bitte dem Arbeitsvertrag, den wir ihnen zusenden. Ich muss mich nun verabschieden und wĂŒnsche Ihnen einen guten Start in unserem Unternehmen.“
Er ließ mir keine Zeit zu einer Antwort, sondern nahm mir Stift und Vertrag aus der Hand, drehte sich um und war kurze Zeit spĂ€ter durch die TĂŒr verschwunden, durch die wir den Raum zuvor betreten hatten.

Ich saß vor dem Pult und fĂŒhlte mich vollkommen durcheinander. Ich war schlicht die gĂ€nzlich falsche Person. Ein anderer Max MĂŒller musste gemeint gewesen sein. Ich wollte aufstehen und ihm nachgehen. Ihm sagen, dass es sich hier doch nur um irgendeine perverse Form von MissverstĂ€ndnis handeln konnte, ja, handeln musste. Aber hatte ich nicht gerade einen Vertrag unterschrieben? Mit meiner eigenen Unterschrift klargestellt, dass ich der richtige war. Ich kam mir in diesem Augenblick wie ein BetrĂŒger vor. Was, wenn sich der richtige, der Max MĂŒller, fĂŒr den diese Arbeit bestimmt war, meldete und man mich zur Rede stellte? Sollte ich dann sagen „Ich bin Max MĂŒller, eigentlich der falsche, aber durch meine Unterschrift habe ich vorgegeben, der richtige zu sein.“? Verwechslungen passierten, aber diese dann auszunutzen 
? Hatte ich wirklich alles getan, um klarzustellen, dass ich der falsche bin? Sollte ich einen letzten Versuch wagen, es jetzt, nach geleisteter Unterschrift, noch klarstellen oder war es dafĂŒr schon zu spĂ€t?
Es schien mir unmöglich, hierzubleiben, vielleicht sollte ich einfach sagen, ich hĂ€tte es mir anders ĂŒberlegt und kein Interesse. Aber was wĂ€re, wenn sich dann herausstellen sollte, dass ich doch der Richtige wĂ€re. Dann wĂ€re ich einer, der die ihm gebotene Chance ausgeschlagen hatte, der widerspenstig war und sich gegen die Wiedereingliederung in die Arbeitswelt strĂ€ubte. Meine Betreuerin hatte mich schließlich in der Sache bereits vermerkt und ein weiterer Vermerk wĂŒrde mich wohl endgĂŒltig zu einem Unwilligen abstempeln, zu jemandem, dem nur mit Sanktionen beizukommen wĂ€re. Es war einfach vertrackt.
In diesem Augenblick riss mich ein lauter Pfeifton aus meinen Gedanken und einer der Knöpfe begann in einem wilden Stakkato zu blinken. Wie automatisch drĂŒckte ich den Knopf und das Pfeifen endete. Ich zĂ€hlte innerlich bis drei und ließ los.
Vor mir rauschten auf der Produktionsstraße die kleinen weißen Quadrate vorbei. Immer in gleichem Abstand und ohne Unterlass kamen sie zur einen Seite des Raumes herein und verschwanden auf der anderen Seite wieder. Waren genug Quadrate an mir vorbeigezogen, ertönte das Pfeifen und ich drĂŒckte auf den Knopf, der mich mit heftigem Blinken dazu aufforderte.
Wieder und wieder und wieder.


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Version vom 17. 12. 2016 13:01

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Arno Abendschön
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Lieber Blumenberg,

dein Text kommt mir vor wie eine unbekömmliche Mischung aus Kafka und GĂŒnter Wallraff, abgeschmeckt mit einer Prise Blumenberg. Dass die inhaltliche Kritik dahinter gut nachzuvollziehen ist, rettet den Text nicht. Die drei Stilelemente passen ĂŒberhaupt nicht zueinander. Außerdem ist der Text viel zu lang und ermĂŒdend in seinen Wiederholungen und seiner UmstĂ€ndlichkeit. Sprachlich irritiert mich auch der ungeschickte Wechsel von banalem Alltagston zu hoher Sprache, z.B.: " ... fĂŒhlte mich wie in einem falschen Film. Ich war schlicht die gĂ€nzlich falsche Person." Empfindest du nicht, wie sich das beißt, der falsche Film und das gĂ€nzlich? Da wird auch forsch ausgeschritten und nach einem Weg gefahndet - und andererseits laufen Schauer den RĂŒcken hinunter und es wird auf den Arm genommen ... FĂŒr mich liest sich das alles auch wie eine wenig geglĂŒckte Thomas Mann-Persiflage, die im Ton nicht durchgehalten wird.

Mal ein klares Wort von mir: Deine Texte ĂŒber Sachthemen sind durchweg gut lesbar und die LektĂŒre ist meist lohnend. Aber die belletristischen Versuche ĂŒberzeugen mich ĂŒberwiegend nicht. Das scheint, höflich ausgedrĂŒckt, nicht dein Begabungsschwerpunkt zu sein. Ob du da nicht Zeit und Kraft verschwendest?

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön

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Kassandro
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Lieber Blumenberg,

lass Dich nicht ins Bockshorn jagen! Dir gelingt etwas gar nicht Einfaches: Mit einem Text eine intensive (beklemmende) Stimmung zu erzeugen, die sich auf den Leser ĂŒbertrĂ€gt. Oder auch: In einer Ich-ErzĂ€hlung das Innenleben nach außen zu spiegeln. Aktuell ist Deine Geschichte darin, dass sie kafkaeske ZĂŒge unserer sozialen Wirklichkeit aufnimmt. Mit dem Genre Sozialreportage hat das m. E. ĂŒberhaupt nichts zu tun. Ich habe mir durch den Sprachgebrauch Deinen Protagonisten gut als einen konservativen Menschen vorstellen können, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Hier gilt es einfach, ein paar stilistische Unebenheiten zu beseitigen – wozu, wenn nicht zu konstruktiver Kritik und Tipps, ist dieses Forum sonst da. Aber auch ich hĂ€tte Schwierigkeiten, von jemandem noch etwas anzunehmen, der mich gleichzeitig mit ausgesuchter Höflichkeit öffentlich wissen lĂ€sst, dass er mich gern vom Hof gejagt hĂ€tte.

Du hast mit deinen Geschichten viele Leser angesprochen. Ich freue mich auf weitere Werke von Dir.

Kassandro

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Arno Abendschön
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Kassandro, du entstellst und verzerrst meine Äußerungen von gestern. Es ist unwahr, dass ich Blumenberg vertreiben möchte, abgesehen davon, dass mir das ohnehin nicht zusteht. Ich habe ihm lediglich am Schluss eine Frage gestellt, die ihn zum Nachdenken ĂŒber seine StĂ€rken und SchwĂ€chen als Autor und mögliche eigene Schlussfolgerungen anregen könnte.

Ich sehe bei Blumenberg eine große Diskrepanz bezĂŒglich der QualitĂ€t seiner Essays auf der einen Seite und der mich viel weniger ĂŒberzeugenden ErzĂ€hltexte andererseits. Woran kann das liegen? Ich vermisse bei ihm einen eigenen entwickelten ErzĂ€hlprosastil. Stattdessen finde ich intensive Nachahmung toter literarischer GrĂ¶ĂŸen. Vielleicht ist er sich dessen nicht einmal immer bewusst. Doch fast jeder Kommentator hier hat sofort die enge strukturelle Anlehnung an Kafkas Alptraumsituationen bemerkt. Überwiegend ist das in einem betulichen Thomas Mann-Stil erzĂ€hlt. Schon das passt ĂŒberhaupt nicht zusammen, ist ein krasser Stilbruch, noch verschlimmmert durch gelegentliches Abgleiten in banale Alltagssprache von heute.

Du irrst, wenn du annimmst, ein solcher Mangel ließe sich durch das Befolgen einiger stilistischer Tipps beheben. Das Manko liegt hier tiefer. Es ist von der Art, die, wenn ĂŒberhaupt, nur durch jahrelange stille Arbeit an eigenen Texten ĂŒberwunden werden kann. Auch das ist Textarbeit und hat mit individueller Reife zu tun. Blumenbergs Problem ist ĂŒbrigens gar nicht so singulĂ€r. Wer lange in Literaturforen unterwegs ist, stĂ¶ĂŸt gelegentlich auf diesen Typ des gescheiten, gebildeten, belesenen Autors, der sich mit viel Fleiß an eine selbst gestellte Aufgabe macht und dessen Werk (erzĂ€hlerischer Art!) doch gewöhnlich das nicht erreicht, was erzĂ€hlende Prosa sein will: ein Sprachkunstwerk. FĂŒr einen solchen Autor bedeutet es leider keine Förderung, wenn ihn Kollegen mit Ă€hnlicher Problematik oder andere mit ungenĂŒgend ausgebildeten Kriterien fĂŒr sein Werk loben, im Gegenteil.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön

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Kassandro
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Lieber Arno Abendschön,

auch ich habe Schopenhauers BĂŒchlein „Die Kunst, Recht zu behalten“ gelesen.

1. Ich mache eine Unterscheidung. Auf leselupe werden Texte der Kritik ausgesetzt, meinethalben auch bis zum Verriss. Etwas anderes ist es, auf den Autor als Person zu zielen. Das halte ich Dir vor, und zwar, dass Du das öffentlich tust. FĂŒr den Drang, Anderen ungefragte Lebensberatung zukommen zu lassen, stĂŒnde auf leselupe die interne Mailfunktion zur VerfĂŒgung, aber die benutzt Du nicht. So fĂŒhlt man Absicht, und man ist verstimmt. Und jetzt die Einlassung: Aber ich habe ja nur gefragt
? Nein, was da oben geschrieben steht, ist nichts anderes als die Pose, mit der der Direktor des humanistischen Gymnasiums vor Zeiten einem SchĂŒler das consilium abeundi erteilte (banale Alltagssprache: Rausschmiss).

2. Noch einmal zu Blumenbergs Geschichte. Ich empfinde es als misslich, sich im von Vielen gelesenen öffentlichen Kommentar auf interne Kommentare zu beziehen, die nur Wenigen zugĂ€nglich sind. Im aktuellen Fall attestieren diese Kommentare Blumenbergs Geschichte durch die Bank, dass sie es versteht, eine beklemmende AtmosphĂ€re zu erzeugen und zwar tun sie das anerkennend, wie ich es in meiner Rezension oben auch gemacht habe. Kein einziger Kommentar hat eine Tendenz, auf die sich Dein Vorwurf einer „Nachahmung toter literarischer GrĂ¶ĂŸen“ stĂŒtzen könnte. Insofern ist Deine Bezugnahme irrefĂŒhrend.

3. Du sprichst mich direkt an und offerierst mir im letzten Satz also die Auswahl, ein Kollege „mit Ă€hnlicher Problematik“ oder „mit ungenĂŒgend ausgebildeten Kriterien“ zu sein, weil ich ein anderes Urteil habe als Du. Ich weise das zurĂŒck. Ich bin seit drei Tagen bei der leselupe und stelle in der Rubrik Essay Glossen zur Sprachkritik ein. Du darfst gewiss sein, dass ich die hohe Kunst des Insinuierens kenne. Eine neuerliche Einlassung: Das habe ich nicht so gemeint
 erĂŒbrigt sich.

Kollegiale GrĂŒĂŸe
Kassandro

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Ilona B
AutorenanwÀrter
Registriert: May 2014

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Hallo Blumenberg,
mir gefĂ€llt Deine Geschichte gut. Beklemmung und Grausen sind auch bei mir angekommen, wie Du beabsichtigt hast. Ich war gespannt und wollte wissen wie es weitergeht. Das Ende fand ich passend, was mir jedoch gefehlt hat, war der Grund, weshalb der Herr unbedingt Herrn MĂŒller fĂŒr diesen Job wollte. Bei so vielen Arbeitslosen schien sich der Herr doch sehr auf Herrn MĂŒller zu versteifen.

Noch eine kleine Anmerkung. Die beiden folgenden SĂ€tze lassen den Schluss zu, dass Herr MĂŒller eine neue, ihm unbekannte, Betreuerin bekommt, wie kann es dann sein, dass er sie in der Frau neben dem Unbekannten wieder erkennt?

quote:
Ich war in Eile, um pĂŒnktlich zum vereinbarten Zeitpunkt in der Arbeitsagentur bei meiner Betreuerin zu sein.
quote:
Wenn ich ihn nun zurechtwiese und er sich dann als ein Mitarbeiter des Amtes, gar als ein neuer Betreuer herausstellen sollte.
quote:
Neben ihm stand das Ziel meiner Flucht und sah mich durch die GlÀser einer Brille hindurch an.

__________________
Herzliche GrĂŒsse Ilona

Es gibt Wichtigeres im Leben, als bestÀndig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.(Mahatma Gandhi)

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