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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Angst
Eingestellt am 30. 06. 2001 22:07


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Kyra
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Registriert: Mar 2001

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ANGST

Die Bushaltestelle stand in der prallen Sonne, die Sitzbank war so heiß, dass Ruth keine Lust hatte, sich drauf zu setzten. Sie hatte den Bus in die Stadt um wenige Minuten verpasst, der nĂ€chste kam erst in einer Stunde. Ärgerlich zog sie mit der Fußspitze die staubigen Linien der Pflastersteine nach und machte ihre neuen weißen Schuhe dreckig. Sie wĂŒrde versuchen, ein Auto anzuhalten, aber am Sonntagnachmittag waren meist Familien unterwegs, die nahmen keine Tramper mit. Nur wenige Autos waren unterwegs, die Leute saßen jetzt alle beim Kaffee.
Ruth versuchte es trotzdem und drehte sich mit ausgestrecktem Daumen und einem freundlichen LĂ€cheln auf dem Gesicht dem nĂ€chsten Wagen zu, der von oben die Straße herunterkam. Das LĂ€cheln fiel ihr nicht schwer, sie freute sich auf den Überraschungsbesuch bei ihrer Freundin Sigrid in der Stadt – wenn sie nicht da war, wĂ€re es auch nicht so schlimm, dann wĂ€re sie schon einmal da und wĂŒrde alleine etwas unternehmen. Wie oft hatte sie schon diese fĂŒnfundzwanzig Kilometer bis zur Stadt verflucht, immer diese AbhĂ€ngigkeit von dem Bus. Aber nĂ€chstes Jahr konnte sie den FĂŒhrerschein machen – endlich.
Zehn Minuten spĂ€ter hielt ein Auto an, ein gepflegtes Mercedes CoupĂ©. Ruth lief erleichtert hin und wollte die BeifahrertĂŒr öffnen, aber der Fahrer war bereits mit einem verlegenen LĂ€cheln ausgestiegen und rief ihr zu,
„ es tut mir sehr Leid, aber die BeifahrertĂŒr ist defekt, wenn sie trotzdem mitfahren wollen, mĂŒssten sie von dieser Seite einsteigen.“
WĂ€hrend sie zur Fahrerseite ging, fragte sie,
„ich will in die Stadt, möglichst ins Zentrum, fahren sie dahin?“
Ruth sah den Mann genauer an, als er antwortete,
„ja, kommen sie, ich fahre in die Innenstadt. Ich muss mich nur etwas beeilen.“
Er war groß, hager und etwa im Alter ihres Vaters. Er schien eine Knochenkrankheit zu haben, sein Nacken waren stark gebeugt, um nach vorne sehen zu können, musste er den Hals sehr lang machen. Dies verlieh ihm, zusammen mit dem Fliehkinn, Ähnlichkeit mit einer Echse. Ruth schlĂŒpfte an ihm vorbei und rutschte auf den Beifahrersitz durch. Auch das Widereinsteigen schien ihm MĂŒhe zu machen, armer Kerl, dachte Ruth wĂ€hrend sie es sich bequem machte.
Sie ĂŒberlegte was sie erzĂ€hlen sollte; wenn Leute einen Anhalter mitnehmen, wollen sie meist unterhalten werden. Meist berichtete sie dann von der Schule, von ihren Pferden und davon dass sie sich nĂ€chstes Jahr ein Auto kaufen wollte. Der Fahrer unterbrach ihre Gedanken,
„fahren sie oft in die Stadt, oder ist heute ein besonderer Anlass?“
„Ich fahre schon öfters dahin, aber heute will ich eine Freundin ĂŒberraschen.“
Ihr tat diese Bemerkung augenblicklich Leid, es war dumm zu erzĂ€hlen dass niemand sie erwartete. Aber der Mann schien es ĂŒberhört zu haben, er erzĂ€hlte Ruth von seinem Wochenende am Meer, seinen Strandwanderungen bei Sonnenaufgang um halb fĂŒnf Uhr morgens und den kleinen Fischen und Krabben, die er bei Ebbe in den schrumpfenden Prielen beobachtet hatte. Die Aufregung, das Gewimmel wenn die Sonne sie immer weiter austrocknete, das Zappeln und Springen, der Kampf um die letzte feuchte Stelle.
Ruth hörte nicht genau zu, sie plante schon was sie tun könnte, wenn Sigrid gleich nicht da wĂ€re. Trotz seiner Behinderung fuhr der Mann sehr gut und zĂŒgig, sie waren bereits an der Autobahnauffahrt, bald wĂ€ren sie da. Die zehn Kilometer ĂŒber die Autobahn gingen schnell, dann nur noch in die Innenstadt. Ruth versuchte höflich zu sein und Interesse an der ErzĂ€hlung ihres Fahrers zu zeigen, gerade berichtete er von dem Appartement, was er sich immer dort mietete. Ruth nickte und wollte schon von dem Ferienhaus berichten, dass ihre Eltern frĂŒher immer gemietet hatten, als sie und ihre Geschwister noch klein waren, da sah sie ein StĂŒck weiter vorne, zwischen den beiden Fahrspuren, einen großen grauen Vogel sitzen. Die Autos bremsten ab und versuchten ihn zu umfahren. Auch sie machten den Schlenker, einen Augenblick konnte sie den emporgereckten Kopf eines Fischreihers erkennen, er konnte nicht mehr aufstehen, seine langen Beine waren gebrochen, so schlug er sein langen FlĂŒgel am heißen Asphalt blutig bei dem Versuch aufzufliegen. Es war ein entsetzlicher Anblick. Ruth hatte das GefĂŒhl sie hĂ€tte noch nie so eine grauenerregende Angst gesehen. Blass drehte sie sich zum Fahrer um, er hatte ihr den Kopf zugewandt und sah sie neugierig an. Fast hĂ€tte sie aufgeschrieen, so beĂ€ngstigend sah sein vorgestreckter Kopf aus. Als wĂŒrde eine Schildkröte am Steuer sitzen und sich ihr vorsichtig nĂ€hern - Menschen kommen aufrecht aufeinender zu, nur Tiere strecken den Kopf vor. Sie konnte sich beherrschen, er tat ihr leid, schließlich konnte der arme Mann nicht fĂŒr seine Behinderung. So antwortete sie auch besonders freundlich, als er die Frage stellte, die jeder ihr stellte,
„haben sie gar keine Angst, so alleine zu trampen?“
mit einem LĂ€cheln, das sie eher als blecken der ZĂ€hne empfand, erwiderte sie ihre Standartantwort,
„ich bin nicht so Ă€ngstlich, ich schaue mir die Leute auch genau an, zu denen ich einsteige. Außerdem rufe ich vorher an und sage wann ich ungefĂ€hr ankommen
.“
Seine Antwort wurde von einem leisen Lachen begleitet,
„auch wenn sie Überraschungsbesuche machen?“
Ruth errötete, dabei gab es gar keinen Grund dazu, schließlich ging diesen Fremden das gar nichts an. Sie bemerkte ihr erstarrtes LĂ€cheln. Als sie weiter sprechen wollte, blieb ihre Oberlippe an den trockenen ZĂ€hnen hĂ€ngen und sie musste sie erst mit der Zunge befeuchten, ehe sie antworten konnte,
„Na ja, meistens schon. Heute wollte ich wirklich mit dem Bus fahren, ich habe ihn ganz knapp verpasst.“
Ruth setzte sich sehr aufrecht hin und sah zu ihm hinĂŒber, er streichelte lĂ€chelnd das Lenkrad, dann drehte er ihr langsam das Gesicht zu. Durch den gesenkten Kopf bekam diese Bewegung etwas Neckisches, sein Blick glitt an ihr empor und ĂŒber sie weg nach oben.
„Was fĂŒr eine Angst muss dieser Vogel gehabt haben, es war ĂŒbrigens ein Reiher, haben sie das erkannt?“
Ruth nickte stumm,
„es muss ein Jungvogel gewesen sein, wenn sie Ă€lter sind ist das Gefieder kontrastreicher, der hier war ja noch ganz grau.“
Ruth saß völlig unbeweglich in ihrem Sitz und sah nach vorne, gleich mĂŒsste die Abfahrt zur Stadt kommen. Der Mann sprach mit nachdenklicher Stimme weiter,
„Angst ist schon ein bemerkenswertes PhĂ€nomen, viel zu wenig untersucht meiner Meinung nach. Dabei ist es fĂŒr jede Kreatur eine der wichtigsten GefĂŒhle, letztlich resultiert die Aggression aus der Angst, wahrscheinlich sogar die Liebe. Oder haben sie keine Angst alleine zu bleiben, keinen Mann zu bekommen? Na, vielleicht sind sie noch zu jung dafĂŒr, aber sicher hatten sie auch einmal Angst, nicht wahr?
Ruth wurde wĂŒtend, dieses GesprĂ€ch erinnerte sie an frĂŒher, als ihr großer Bruder ihr immer schreckliche Geschichten erzĂ€hlt hatte, nur um sie dann auszulachen, wenn sie weinend zur Mutter rannte.
„NatĂŒrlich hatte ich schon Angst, aber das ist lange her. Kinder haben Angst, ich bin kein Kind mehr!“
Plötzlich dachte Ruth an die AutotĂŒr, die sich nicht öffnen ließ. Aber vielleicht ließ sie sich nur von außen nicht öffnen, vorsichtig setzte sie sich um, stellte ihre Handtasche rechts neben sich auf den Boden. Dann drehte sie sich umstĂ€ndlich herum und kramte murmelnd in der Tasche, als wĂŒrde sie etwas suchen. Dabei ließ sie die Hand an den TĂŒrgriff gleiten, um sachte an ihm zu ziehen. Er bewegte sich ganz leicht in ihrer Hand, völlig funktionslos. Sie fuhr herum als sie etwas an ihrem Knie fĂŒhlte; er hatte sehr sanft seine Hand darauf gelegt und meinte leise,
„die TĂŒr lĂ€sst sich auch von innen nicht öffnen, sogar das Fenster kann man nicht mehr herunterfahren.“
Ruth zog ihre Beine zurĂŒck und seine Hand ließ sich wieder auf dem Lenkrad nieder, um es zu streicheln.
„Ja wo waren wir stehen geblieben, bei der Angst und ihrer Bedeutung fĂŒr die Entwicklung allen höheren Lebens. Sie mĂŒssen zugeben, dafĂŒr ist die Forschung auf diesen Gebiet geradezu jĂ€mmerlich. Es ist ein Thema, mit dem sich keiner gerne befasst, sie wird verdrĂ€ngt. Man befasst sich lieber mit dem Urknall, mit der EntschlĂŒsselung der Gene, selbst der Schmerz ist weit besser erforscht als die Angst.“
Ruth sah die Schilder fĂŒr die Abfahrt kommen, gleich wĂ€ren sie von der Autobahn. Sie wĂŒrde den Mann gleich bitten, sie aussteigen zu lasen, die letzte Strecke wĂŒrde sie den Bus nehmen. Und wenn er irgendwie komisch wĂŒrde, könnte sie auf die Hupe drĂŒcken oder ihm ins Steuer fassen. Das war bei hundertfĂŒnfzig auf der Autobahn nicht möglich, ohne einen schweren Unfall zu riskieren. Sie lĂ€chelte als sie mit einem Fingerzeig sagte,
„hier ist ja die Ausfahrt, ich glaube es wĂ€re das Beste, sie ließen mich gleich unten raus weil ich
“
Ruth bemerkte sofort, dass er keine Anstalten machte abzubremsen, sondern auf die Überholspur ging und den Wagen auf fast zweihundert beschleunigte. WĂ€hrend sie an der Ausfahrt vorbei zu fliegen schienen, sah Ruth den Reiher wieder vor sich, den Kopf mit den Bensteinaugen nach oben gestreckt, den Schnabel weit geöffnet, sah er in Todesangst jedes Auto auf sich zurasen. Seine Qual wurde durch die Ausweichmanöver nur verlĂ€ngert, aber auch die Autofahrer hatten Angst mit so einem großen Vogel zu kollidieren. Ruth dachte an die blutigen FlĂŒgelgelenke die so sinnlos auf den Asphalt schlugen.

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flammarion
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kyra,

ich hasse offene enden, besonders, wenn sie wie hier auf etwas böses hinauszulaufen scheinen. dem armen mĂ€dchen ist doch hoffentlich nichts passiert, oder? sehr gut geschrieben ĂŒbrigens. lg
__________________
Old Icke

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Kyra
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ich hoffe nicht

Hallo

ich hoffe auch, dass ihr nichts passiert ist, vielleicht wollte er ihr ja nur Angst machen?

Liebe GrĂŒĂŸe

Kyra

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flammarion
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auch

das wĂ€re eine verwerfliche handlungsweise. jedenfalls hast du das sauber hinbekommen, es schĂŒttelt mich immer noch. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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