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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Angst
Eingestellt am 15. 11. 2001 12:28


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Hobbydichter
Registriert: Nov 2001

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Das Ger├╝st

Er qu├Ąlt sich, Schritt f├╝r Schritt ├╝ber den Abgrund in die H├Âhe. Die F├╝├če auf dem schmalen Rohr rutschen immer wieder ab, die H├Ąnde klammern sich an die n├Ąchste Stange ├╝ber seinem Kopf. Er ist verzweifelt, als er sp├╝rt, er k├Ânnte an seinem Vorhaben scheitern - wieder einmal. Er denkt an seinen Vater, den mutigsten Mann, der er je kannte. Der hielt nicht viel von seinem Sohn, dem er oft mit Ungeduld begegnete. So, dass er ihm lieber aus dem Weg ging, um nicht diesen Blick ertragen zu m├╝ssen, der ihn ma├č und in dem sich seine eigene Unf├Ąhigkeit spiegelte. Er schlie├čt die Augen, sp├╝rt den Schwindel. Alles um ihn scheint zu schwanken. Nein, wenigstens das ist er sich schuldig! Einmal muss er es beweisen, dass er seine unglaubliche Feigheit ├╝berwinden kann, wenn er nur fest dazu entschlossen ist - und sei es, um zu krepieren!

Verbissen k├Ąmpft er sich weiter nach oben, vermeidet den Blick nach unten oder zur Seite, ├╝ber das Panorama der Stadt. Er wei├č, dass der Anblick berauschend sein kann, der Vater hatte es ihm oft beschrieben mit einem Funkeln in seinem Blick. Dieser Kick, wie er es nannte, den wollte er nie missen. Aber er, er hat nur Augen f├╝r die n├Ąchste Stange, die sich langsam von oben in sein Gesichtsfeld schiebt und f├╝r die Hand, die danach greifen muss. Tr├Ąnen schie├čen ihm in die Augen, so anstrengend ist es, so furchtbar schwer. Obwohl er jung und gesund ist, ein kr├Ąftiger Bursche. Aber was nutzt das, wenn man eine Memme ist? Vater hatte ihn nie so genannt, aber er wusste, dass er das dachte. Und jetzt auch noch Ulrike. Er h├Ąlt inne, lehnt f├╝r einen Moment seine nasse Wange an die verkrampften H├Ąnde. Er denkt an seine Frau, die ihn letzte Woche verlassen hat, mitsamt den Kindern. Das hatte andere Gr├╝nde, aber eigentlich hat alles mit seiner Angst zu tun, kein richtiger Mann zu sein. Dieses eine Mal muss er es schaffen! Aber wof├╝r? Vater ist l├Ąngst tot, Ulrike aus seinem Leben verschwunden. M├╝hsam richtet er sich wieder auf und macht
weiter, Schritt f├╝r Schritt, Griff f├╝r Griff. Langsam, ganz langsam, um nichts mehr falsch zu machen. Alles egal, egal - nur oben ankommen, einmal gro├č sein - und jetzt: alles daf├╝r geben, alles!
Endlich ist es soweit, nur noch eine Stufe trennt ihn von der letzten Plattform, gleich ist er oben! H├Ąnde recken sich ihm entgegen, greifen entschlossen nach seinen und ziehen ihn das letzte St├╝ck hinauf. "Du hast es geschafft! Gl├╝ckwunsch! Er hat's geschafft!" Seine Kumpel lachen. "Jetzt ist er einer von uns!" "Aber dass du mir nicht noch einmal ohne Helm herumkraxelst!" Der Alte runzelt die Stirn, um dann gleich wieder in das Lachen der anderen einzustimmen. "Also Jung', dein Vater w├╝rde jetzt m├Ąchtig stolz auf dich sein!" Seine ├ängste sind wie aufgesogen von der Kameradschaft der anderen, von ihren H├Ąnden, die ihn immer wieder anerkennend ber├╝hren, von ihren wohlwollenden Blicken, die ihn umfangen, von der W├Ąrme ihrer K├Ârper, die hier auf der obersten Plattform dicht gedr├Ąngt einander Halt zu geben scheinen. Alle sind da - alle! Und er ist jetzt einer von ihnen! Und dann sp├╝rt er es, was er nie f├╝r m├Âglich gehalten hat: dieses Rauschen in seinen Adern, dieses unglaubliche Gef├╝hl von Erregung und Freude zugleich, nachdem er es ├╝ber sich gebracht hat, an seinen Kollegen vorbei einen Blick zu wagen, den Blick ├╝ber die Stadt, und jetzt sp├╝ren kann, wie die Aufregung sich wandelt, von der Angst in eine nie gekannte Euphorie. Hier oben bin ich, hier ganz oben - jubelt es in ihm. Alles, was zu erringen war, hat er errungen - hier oben.

Sie feiern noch lange in dieser Nacht. Er hat was ausgegeben, was Feines zum Essen, keinen Alkohol - den braucht er nicht mehr. Denn morgen, ganz fr├╝h, geht's wieder los - hinauf! Da hat er Schicht.

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