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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Angst
Eingestellt am 30. 07. 2002 08:03


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karin78
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2002

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Angst

Ich habe Angst. Ich will nicht nach Hause. Ich will nicht nach Hause, weil ich genau wei├č, was mich erwartet. Es ist jeden Tag das gleiche schreckliches Ritual. Sobald ich die m├Ąchtige Eingangst├╝re aufgesperrt habe, h├Âre ich die herrische Stimme, die in diesem Moment noch besorgt und f├╝rsorglich klingt, die schreit:ÔÇť Mausi, bist du es?ÔÇť
Ich zucke zusammen! Der Ekel flie├čt durch meinen kleinen K├Ârper. Ich bin wie eingefroren, wie ein atmender Eisblock, der am liebsten weglaufen w├╝rde, doch dessen F├╝├če sich keinen Millimeter von Ort und Stelle bewegen lassen. Ich h├Âre schon die dumpfen Schritte, die sich dem Vorzimmer n├Ąhern. Die freundliche Stimme wird ernst und furchterregend als sie erneut schreit:ÔÇť Kannst du nicht antworten? Hat man dir nicht beigebracht, da├č man eine Antwort gibt, wenn man etwas gefragt wird?ÔÇť
Ich w├╝rde ihm so gerne sagen, da├č er je nie da war, um mir etwas zu lernen, und wenn er da war, war er so betrunkenem , da├č er Gl├╝ck hatte, noch rechtzeitig aufs Klo zu gelangen, oder er wollte ganz einfach nur noch in sein Bett.

Er schreit mich an. Ich soll zu ihm kommen und mir die vom Regen aufgeweigten Schuhe und Jacke ausziehen. Ich wei├č, was jetzt kommt. Er greift an seine silberne G├╝rtelschnalle und ├Âffnet sie. Dann zieht er den braunen Lederg├╝rtel mit einem Ruck aus den Schlaufen. Es macht mir Angst. Ich starre wie versteinert auf dieses braune St├╝ck Leder. Der G├╝rtel ist schon sehr alt und br├╝chig, an manchen Stellen fehlt schon die oberste Lederschicht. Meine Mama hat mir gesagt, ich solle ihm zu Weihnachten doch endlich einen neuen G├╝rtel schenken. Wenn sie w├╝├čte!

Er kommt auf mich zu und sagt mir mit versteckter Freude in seiner Stimme:ÔÇť Du warst wieder einmal unartig, mein Mausi!ÔÇť. Meine Angst wird immer gr├Â├čer. Was jetzt passieren wird, wei├č ich zu gut ...

Es ist vorbei. Gott hat meine Angst bemerkt, falls es so etwas wie einen Gott ├╝berhaupt gibt. Ich glaube es eigentlich nicht mehr. Wenn es einen Gott geben w├╝rde, d├╝rfte er solche schrecklichen Dinge nicht zulassen. Es d├╝rfte nur Frieden und Liebe auf dieser, von ihm erschaffenen, Welt geben und nicht so viel Ha├č und Gewalt, die einem das Leben so schwer machen. Er d├╝rfte nicht zulassen, da├č kleine Kinder sterben m├╝ssen und Kinder ihre Eltern hassen. Die wirklich paradiesische Welt wird es wahrscheinlich nie geben, genau so wenig wie es Ihn je geben wird.

Ich laufe in mein Zimmer und verkrieche mich unter meinem Schreibtisch. Mein R├╝cken schmerzt und ich beginne zu weinen. Ganz leise, da├č er es nicht h├Ârt! Ich bringe es nicht mehr ├╝bers Herz, meine H├Ąnde zu falten, und zu Gott zu beten, da ich jetzt wei├č, da├č es Ihn nicht geben kann. Ich f├╝hle mich so alleine, ungeliebt und von allen verlassen. Mein junges Herz rast, als wenn ich mich kurz vor dem Ziel eines Marathonlaufes befinden w├╝rde. Ich h├Âre auf jedes kleinste Ger├Ąusch. Das Ticken meiner Uhr vergeht zu langsam. Sie wird nicht rechtzeitig zu Hause sein. Er hat sich sicher einen genauen Zeitplan zurechtgelegt, damit er exakt wei├č, wann er in mein Zimmer kommen mu├č.

Es ist so weit. Ich h├Âre die Schritte, die sich langsam n├Ąhern. Ich schlie├če die Augen und versuche an etwas sehr sch├Ânes zu denken, wie die jungen V├Âgel im Fr├╝hling, die m├╝hsam versuchen von Ast zu Ast zu fliegen, oder an eine gro├če weite Wiese, auf der ich so lange laufen kann, bis mich niemand mehr findet.

ÔÇ× Mausi, es tut mir leid! Ich wollte dir nicht weh tun!ÔÇť, Wie oft habe ich diese beiden S├Ątze von ihm wohl schon geh├Ârt. Ich kann im Moment an nichts Sch├Ânes denken. Er b├╝ckt sich und blickt mit seinen teuflischen gr├╝nen Augen unter den Tisch. Das ist der Augenblick, in dem mein Gehirn aufh├Ârt zu denken. Er nimmt mich an meinem kleinen Arm und zerrt mich unter dem Tisch hervor. Dann setzt er sich auf mein Bett und befiehlt mir, mich auf seine Scho├č zu setzen. Er beginnt mich mit seinen gro├čen, brutalen H├Ąnden zu streicheln und sagt mir dabei immer wieder:ÔÇť Es tut mir so leid, la├č es mich wieder gut machen. Ich liebe dich!ÔÇť

__________________
Ich w├╝rde mich ├╝ber ehrliche Kritik von Euch freuen!!!
Danke

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Pasta
Festzeitungsschreiber
Registriert: Apr 2002

Werke: 11
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Hallo Karin!

Du schilderst sowohl die Gef├╝hle der Ich-Erz├Ąhlerin als auch die Psychologie des Geschehens und des T├Ąters so einf├╝hlsam und - so weit ich das beurteilen kann - authentisch, dass ich fast ein bisschen Angst habe, du k├Ânntest aus eigener Erfahrung schreiben! (Ich erwarte darauf selbstverst├Ąndlich keine Antwort!)

Ich finde die Geschichte gut, weil sie ber├╝hrt. Nichts ist zu dramatisch geschildert, nichts wird unn├Âtig in (rei├čerische, "anmachende") Worte gefasst, was nicht eh klar ist, dennoch wird nichts besch├Ânigt.

Die Sprache ist klar und eindeutig, schn├Ârkellos und passt zur Thematik. Und die Angst, die kann man beim Lesen f├Ârmlich sp├╝ren.

Gr├╝├če von Pasta
__________________
Lasst Euch die Kindheit nicht
austreiben! (Erich K├Ąstner)

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