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Leselupe.de > Horror und Psycho
Angst, nur Angst
Eingestellt am 02. 10. 2004 20:23


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Aurelio
Autorenanwärter
Registriert: Sep 2004

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Leseprobe - Die ersten Seiten

Für mich wird dieser Montag ein unvergesslicher Tag bleiben. Es war erst Anfang August und schon spürte man mit jedem Atemzug den Herbst so intensiv, wie sonst erst ab den letzten Septembertagen. Am Morgen lag bereits ein dichter Nebelteppich über den Feldern und ich hatte einige Mühe, den mir bekannt geglaubten Weg zu einem Patienten zu finden. Einen Weg den ich nun schon einige Male gefahren war – das letzte Mal erst am Tag zuvor.
Mein Patient, Lucas Greiner, ein pensionierter Polizeibeamter, wohnte weit ausserhalb der Stadt in einem fast vergessenen Weiler. Eigentlich besteht dieser kleine Ort nur aus einem Gutshof, einem kleinen Bauernhaus – jenes, in dem Josefa und Lucas Greiner wohnten – und einer halb verfallenen Kirche. Doch zum Ort, richtiger zum Gutshof gehören die gesamten Felder der Umgebung – ein Areal, dessen Grenzen mit dem Horizont zu verschmelzen scheinen. Herr Greiner hatte hier seine Kindheit verbracht und wollte, vielleicht von Erinnerungen gelockt, auch die letzten Tage seines Lebens in dieser düsteren Einsamkeit verbringen.
Kein Mensch sonst würde freiwillig den Boden der Moorsenke betreten. Hier gar wandern oder sich mit Kindern vergügen – ein krotesker Gedanke. Wer am Schwarzbach entlang wandert und den fröhlichen Gruss eines Mitmenschen erwartet sollte wissen, dass gespenstische Silhouetten toter Büsche nicht sprechen.
Nur zwei alte Eichen ragen aus diesem faulig brodelnden Suppenteller. Und – sie leben. Bizarr und trotzig strecken sie ihre verwitterten Äste aus den immer wehenden Nebelschwaden um Licht zu atmen, denn die Nebelfetzen lassen jede Art von Helligkeit nur in düsteren Nuancen erscheinen. Hier fliesst kein Licht das fröhlich macht. Mit einem düsteren Mantel umhüllen hier die Seelen ihre Körper, lassen so jeden Menschen, jede Kreatur als seine eigene, schauderhafte Vergangenheit erscheinen. Eigentlich ist hier jeder Morgen, jeder neue Tag auf seine eigene Art traurig. Dieser unendlich tiefgründige Schleier der jeden Weitblick erdrückt spiegelt die eigenen Gefühle in grässlichen Bildern wieder, ob man will oder nicht. Besonders gnadenlos, wenn die eigene Phantasie sich dem Abgrund des Schauderhaften nähert. Dem ängstlich gewordenen Verstand zwängen sich dann Bilder auf, die in anderer Umgebung dem Auge nie so fürchterlich erscheinen würden. An keinem Ort der Erde würde man sich im düstersten Inneren seiner Seele so sehnsüchtig wünschen, dass die alten Eichen am Bach nur gespenstische Wächter sind, die sich aus einem modrigen Leichentuch zwängen, denn Schlimmeres drängt sich hier den Sinnen auf. Körper und Gefühle aller Lebewesen sind in dieser Gegend zum Martyrium verurteilt. Sogar die sonst so frohbunten Blüten der wenigen Wiesenblumen haben offenbar resigniert. Zum Sterben animiert durch Dünger und den Druck riesiger Traktorenreifen liegen die Blüten in Schlamm gepresst und vom Leichentuch des Nebels bedeckt in ihrer Gosse. Weit und breit auch keine Oase die Hoffnung ausstrahlt, bereit ist Erfreuliches zu gebären.

Hier mietete sich der Polizist vor etwa zwei Jahren im Haus seiner etwas jüngeren Schwester Josefa ein. Alleinstehend bewirtschaftete sie seit dem Tod ihrer beider Eltern das Anwesen und trug mit Stolz den Familiennamen ’Greiner’ weiter, mit dem auch der Name des Hofes verbunden war. Und mit in geheuchelter Freundlichkeit verpacktem Trotz beharrte sie bedingungslos darauf mit 'Fräulein' angesprochen zu werden. Diese Forderung war in einen Blick gehüllt, der die versteckte Warnung an die maskuline Welt sichtbar werden liess jeden Annäherungsversuch zu unterlassen. Sie war verstanden worden und kaum ein männliches Lebewesen betrat seit Jahren den Hof. Aussnahmen waren nur der Postbote, ab und an ein Beamter mit dienstlichen Anliegen und eben ich als Arzt. Vielleicht war es eine Art von Selbsterhaltungstrieb, denn der Hof und ein paar wenige Quadratmeter Grund sicherten gerade die Ernährung Josefas, einer Kuh, zwei Schafen und einem Dutzend Hühner. In Notzeiten mögen zwei Personen von dem Ertrag gelebt haben, doch wie zwei Erwachsene mit zwei Kindern hier überleben konnten bleibt wohl immer das Geheimnis ihrer Eltern. Doch nun war die Überlebensfrage kein Grund mehr zur Besorgnis. Josefa Greiner bezog eine kleine Rente und der Beitrag ihres Bruders liess sogar ein Leben in bescheidenem Luxus zu.

Die ersten Monate war es in dieser Wohngemeinschaft gut gegangen. Die Geschwister lebten in friedlicher Koexistenz, jedes seinen eigenen Interessen folgend nebeneinander, und nichts auf der Welt schien diesen vergessenen Kleinbauernhof mit seinen Bewohnern aus dem geisterhaften Schlaf rĂĽtteln zu wollen.
Zum Gutshof wurde bereits vor mehreren Jahren eine eigene Zufahrtsstrasse gebaut, womit der ohnehin erlahmte Kontakt zu den einzigen Nachbarn und dem frĂĽheren Arbeitgeber nun ganz abgebrochen war. So bedurfte es auch nicht mehr der geheuchelten Freundlichkeit, war eine Begegnung mit den Leuten vom Gutshof nicht mehr zu vermeiden. Man war auf beiden Seiten froh ĂĽber den neuen Strassenverlauf, denn jegliches Zusammentreffen war ausserhalb des Ortes nun wesentlich wahrscheinlicher als hier.
Doch Einsamkeit, für manche Erholung und Medizin, wird zum Gift; vor allem dann, wenn das Leben und Wohlbefinden dieser Menschen auf Grund geistiger oder körperlicher Unzulänglichkeiten der Gemeinschaft bedarf - die Gemeinschaft als Helfer für ein menschenwürdiges Überleben gebraucht wird; somit sich harmonisch ineinander verflechten muss, nicht nur darf.
Menschen, werden sie älter und durch Ruhe aus dem gewohnten Rhythmus gebracht, beginnen ohne sich dessen bewusst zu werden zu wanken, dabei aber instinktiv wieder neuen Halt zu suchen. Sie stehen zwar fest mit beiden Beinen auf der Erde, haben ein Leben lang Stürmen standgehalten, haben Erfahrungen gesammelt die ihnen manchmal durch allerlei Entbehrungen aufgezwungen wurden, haben die List und Tücken der Mitmenschen spüren müssen – damit leben gelernt – sind deshalb mit allen Wassern gewaschen, mit der brutalen Realität der Welt „auf du und du“ - - glauben sie - - müssen sie glauben um ihre Selbstachtung zu bewahren.
Aber gerade diese zur Erblindung der Skepsis führende Sicherheit aus der Vergangenheit, mit einem rostigen Anker aus Bruchstücken alter Lehren birgt Gefahren in sich, wird zum Ballast bei der Bewegung in einer neuen Zeit. Der gelähmte Wille Neues zu akzeptieren beginnt an diesem so fest geglaubten, gestählten Fundament der Erfahrung und des Wissens durch die neuen Eindrücke unbemerkt zu nagen. Grundwissen wird in Stücke gerissen, das Zerteilte an Gewünschtes und Sichtbares aus der doch so weit entfernten und oft unverstandenen Gegenwart angefügt und dann in eine neue Weisheit verwandelt. Ein Phantasiewissen, das durch das Fehlen eines Fundaments die Suche nach einem neuen Weg, einem neuen Ziel zwar rechtfertigt aber ohne System vorangetrieben wird. Anfangs ist diese neue, noch beeinflussbare Wandlung von Aussenstehenden wahrzunehmen, mit zunehmendem Alter aber tritt sie bald im Kleid des Regenbogens regelmässig und beharrlich aber unbeachtet und in ihrer Wirkung unterschätzt in den Vordergrund. Die verunsicherten Sinne haben dann plötzlich ein geglaubt sicheres Fundament für das neue Selbstbewusstsein gebildet. Am Ende wird es mit Starrsinn verteidigt. Dieser Drang nach einem neuen, endgültig letzten, geschützten Hafen ist in dieser Altersmetamorphose schon lange eingesponnen, gibt in vielen Phasen des Ausbruchs nur Anlass zur Verwunderung, bis er am Ende unverständlich und oft krotesk aber vollendet ans Tageslicht drückt.

Der Blick zurück auf Erreichtes – lange noch mit Stolz und Befriedigung akzeptiert und auch jedem vorgezeigt – verliert plötzlich an Wert, obwohl es das lang ersehnte Lebensziel verkörpert hat. Unsicherheit und Angst vor dem, was da nun noch kommen mag beherrscht den Menschen und gewinnt trotz, oder gerade wegen seiner neuen Persönlichkeit Macht über ihn. Er, der ohne ein weiteres Ziel in die Zukunft blicken muss, glaubt auf einem wankenden Schiff zu stehen, einem Schiff ohne Steuermann. Bisher war er selbst der Steuermann, er hatte sein Schiff durch alle Stürme an ein Ziel gebracht – an sein Ziel! Aber er hatte vergessen, dass damit seine Reise – seine Lebensreise – noch nicht zu Ende ist. Er hatte, wie beinahe alle Menschen, sein Ziel schon früh in der Jugend ausgewählt, mit Eifer bis zur Selbstaufgabe verfolgt, nur im Erreichen dieses Zieles die Erfüllung des Lebens gesehen. Oft blind für Eindrücke, Warnungen, die ihn zu einer Korrektur des Kurses veranlassen wollten, das Auge nur auf dieses Ziel, dieses Ende gerichtet, das sich als nur eine der vielen Lebensetappen entpuppte. Geradezu blind war er, sah keine anderen Aufgaben, wählte keine weiteren Ziele, hielt nicht nach anderen lebenserfüllenden Wegen für die letzten Jahre des Lebens Ausschau.
Doch muss er, will er nicht in der Gosse der Geistlosigkeit und Einsamkeit ersticken, auf ein anderes Schiff umsteigen. Doch diesem Schiff einer neuen Gemeinschaft sich einfach anzuvertrauen, nicht wissend wohin es fährt bedarf einer gewissen Gleichgültigkiet oder blindem Vertrauen das nur dem bequemen Wunschdenken entspringen kann. Bewusst auf ein fremdes Schiff zu wechseln fordert Skepsis und kritischen Anpassungswillen, basierend auf Weltoffenheit, Orientierung an der Realität und uneingeschränkter Tolleranz. Diese Grundsteine wurden aber auf den bisherigen Lebensabschnitten durch die Scheuklappen des Alltagstrotts verdeckt. Sie wurden nicht gebraucht, nicht gepflegt und wären mehr Hindernis gewesen, weshalb sie, immer dicker vom Staub der Zeit bedeckt, verkümmern mussten und letztlich im Schutt der Vergangenheit begraben wurden.
So ist es gefährlich, denn nur wer ein Ziel vor Augen hat baut sich dorthin einen Weg, kann ahnen was auf diesem Weg dorthin passieren kann, lässt Vorsicht aufkommen, wird vorbeugend handeln. So aber treibt er, von Anderen geführt zu einem unbekannten Ort ins Ungewisse.
Schon bald sieht er sich der Weite seines wirklichen Unwissens gegenĂĽbergestellt, wankt und sucht einen Halt, eine ruhige Insel fĂĽr die lange Zeit des Lebensrestes.
Die Strömungen im Meer des Lebens treiben beinahe alle Menschen auf eine grosse Insel zu. Diese Insel wird immer bestehen, nimmt jeden auf, egal wie er denkt, egal was er ist, was er besessen hat oder besitzt, welcher Hautfarbe er ist. Es ist die Insel des Glaubens mit ihrer unendlichen Vielfalt und einem beinahe krotesk anmutenden Artenreichtum aber mit strengen Regeln.
Doch dicht daneben ist noch ein Eiland, einst abgetrifftet von der Mutterinsel. Noch leichter zu erreichen, ohne Regeln deshalb für manchen verlockender aber gerade darum so gefährlich. Aberglaube – die ideale Welt für den, dessen bisheriger Weg schon krumm war, durch Wüste, Dschungel, Sumpf und Moor führte und der ein rechtes Ziel nie kannte; für den, der die Lebenswanderung mit kleineren Blessuren überstand, doch nur, weil er sich an Pflichten vorbeischlich, Gesetze und Glauben ignorierte oder wie Slalomstangen umging ohne dabei anzuecken; ein Zufluchtsort auch für den, der für jeden seiner Fehler und Missgriffe im Leben einen Schuldigen gesucht und auch gefunden hat. Diese Insel ist auch die Anlaufstelle für den Zweifler, den Labilen und leicht Verführbaren, den Leichtgläubigen und Verlassenen, den aus der Gesellschaft ausgestossenen und natürlich den Ungläubigen wie auch den Verächter des Glaubens.
All Jene werden von dieser Insel wie von einem Magneten angezogen, denn alle Formen, alle Arten von geistigen Turbulenzen finden dort ein Gegenstück und damit eine Ergänzung. Sie finden auf alles eine bequeme Antwort mit der sie ohne Widerstand verschmelzen können, werden somit erklärbar, werden Grundlage und zum Fundament – ein erträumtes Fundament aber stabil genug um der eigenen Phantasiewelt Halt zu geben. Die Blüten dieser Bauten sind oft derart krotesk, dass sie gerade dadurch zum Bollwerk werden an dem jede Logik zerschellt. Die einmalige Wiederholung einer Abhandllung darf als Beweis seiner Beständigkeit dienen, zufällige Ereignisse werden zu schuldigen Vorboten von logischem Schaden der eigenen Unzulänglichkeiten.
Sie alle glauben aber dadurch einen schweren Weg gemeistert zu haben, sind stolz an einem Ende angekommen zu sein, an einem Ziel das dem gesunden Verstand nur als Irrtum erscheinen kann. Sie haben etwas erkämpft, obwohl sie auf auf diesem steinigen Pfad ungerecht behandelt, vom Schicksal und bösen Menschen behindert wurden. Sie glauben das, müssen es glauben um ihr Selbstwertgefühl nicht völlig zu zerstören. So war nie ihre Faulheit oder eine andere Untugend schuld an ihrem Versagen. Eine Macht, eine böse Macht war es, die sie immer wieder vom rechten Wege abdrängte und zwang, den bequemeren Weg zu gehen. Und im Einklang mit diesen selbst ersonnenen Mächten handelten sie Zeichen aus, die als Warnungen dienen sollten und auch dienten, wenn sie gebraucht wurden um reinen Gewissens die Pflicht zu umgehen. Schwarze Katzen, Windböen, Schweine – einfach alles wurde zu Vorboten erklärt, allem und allen wurde ein Sinn implantiert. Unverständlich für den Glaubensstarken, nur verständlich für den Schwankenden.
Und alles noch Unverständliche wird dem Besucher bald nach seiner Ankunft erklärt. Er versteht schnell wie alle, ist doch alles nach dem Wunschdenken des Einzelnen. Schon wird alles Unsichtbare für ihn sichtbar, das Unmögliche plötzlich möglich. Damit gibt es kein Zurück mehr, der Wunsch diesen Weg zu gehen wird Pflicht. Kein Boot steht am Strand, keine andere Insel ist sichtbar, das Ziel ist erreicht, die Türe zu.

Doch was ist mit jenen, deren Wunsch die Insel zu betreten unbewusst gefördert wurde? Gefordert wurde vom nackten Kontakt zur brutalen Natur, gepaart mit der inneren Urangst die doch ebenfalls auf der Unverständlichkeit, dem Unwissen basiert.
Was ist mit jenen, die gerufen, gelockt werden von Jemandem der immer um sie ist und in diesem Wirrglauben verstrickt schon lange lebt, verloren ist, ohne sich dessen bewusst zu sein und um einen Begleiter wirbt?
Sind diese Gestrauchelten vor Gott und der Welt schuldig? Sind sie wirklich gestrauchelt? . . . . .

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Andreas Georg Böck DE-86199 Augsburg

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