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Anhand eines Lapislazuli
Eingestellt am 26. 07. 2011 17:50


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neuni
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2004

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Anhand eines Lapislazuli

- Ein metaphysisch physischer Grenzgang-

Auf meinem Schreibtisch liegt ein tief blauer Lapislazuli. Der Stein hat nahezu die Form eines Ellipsoids, vielleicht etwas abgeflacht in die ein oder andere Richtung des Raumes. Die Hauptachsen sind ungef√§hr 8cm, 3cm und 2cm lang. Die Lasur des Steines besteht aus einem hoch komplexen Netz grauer, brauner und hell-gelber Adern, die sich an manchen Stellen zu dunklen und hellen Wolken verdichten. Die blauen Fl√§chen des Steins gl√§nzen h√ľbsch im Licht meiner Schreibtischlampe. Die Lasur gibt hierbei zus√§tzliche anziehende Effekte, die diesen Stein optisch Interessant machen. Der Stein wurde, wie ich glaube, poliert um Licht weich zu reflektieren und sich so als Schmuckst√ľck besser zu verkaufen. An einer schmalen Seite meines Lapislazuli findet sich ein glatter Durchsto√ü, der es erlaubt ein d√ľnnes Lederseil durch den Stein zu ziehen um ihn um den Hals zu tragen. Zu besonderen Gelegenheiten tue ich dies tats√§chlich. Wenn ich den Stein in die Hand nehme f√ľhlt er sich glatt, weich und warm an, genauso ist es, wenn er an meiner Brust h√§ngt. Dieser Stein ist leicht und angenehm.

Mein Lapislazuli ist allgemein gesprochen ein physikalischer Gegenstand. Ich sehe den Stein auf meinem Schreibtisch vor mir liegen. Riefe ich meine Frau und fragte sie was auf dem Schreibtisch liegt, w√ľrde sie mir antworten ‚ÄěDein Lapislazuli‚Äú, jeder kompetente Beobachter k√∂nnte dies best√§tigen. Auch einer, der keine Steine kennt s√§he einen relativ kleinen blauen Gegenstand vor sich ,w√§re er in der gleichen Beobachtungssituation wie ich. Dies ist es wohl was makroskopische physikalische Gegenst√§nde auszeichnen. Wir lernen von den Naturwissenschaftlern, dass solche Gegenst√§nde gewisse physikalische und chemischer Eigenschaften aufweisen. So hat mein Stein ein Volumen von ca. 200 Kubikzentimeter, ein Gewicht von ca 15 Gramm, einen Schmelzpunkt von ungef√§hr 1500 Grad Celsius, eine W√§rmeleitf√§hgkeit von 2.4 Watt pro Kelvin Meter und eine H√§rte von 5 auf der Mohs Skala, sowie manch andere messbare Eigenschaft. Das Gestein besteht aus Anteilen der Mineralien Lasurit, Pyrit, Calcit, sowie geringeren Beimengungen von Diopsid und Sodalith, die sich ja nach Fundort unterscheiden m√∂gen. Dem Geologen sind chemische Zusammensetzung und Kristallstruktur dieser Mineralien wohl vertraut.
Nur, eine Reihe chemischer Formeln und eine Liste physikalischer Gr√∂√üen beschreiben diesen Lapislazuli nicht vollst√§ndig. Mein Stein hat seine Individualit√§t, die ihn von jedem anderen Lapislazuli, der gefunden wurde und sich noch finden wird unterscheidet. Betrachte ich seine Oberfl√§che so findet sich, wenn ich nur genau genug hinsehe, ein ganzes Universum von geometrischen Formen und Farben. Auf einem Quadratzentimeter erscheint mir das Abbild eines Rudels gelber L√∂wen, das eine Herde brauner Antilopen auf einer weiten blauen Steppe jagt. An anderer Stelle finde ich den Schweif eines Meteoriten im tiefblauen Abendhimmel der ins fast schwarze Meer st√ľrzt. Wie viel mehr Struktur w√ľrde ich noch sehen, ben√ľtzte ich ein Lupe oder gar ein Mikroskop? Und das ist nur die zweidimensionale Oberfl√§chliche des Steins, in seinem Inneren finden sich geometrische Welten, die meinen Augen verborgen bleiben. Die vollst√§ndige physikalische Beschreibung dieses einen kleinen Steins umfasste die Positionen, Zust√§nde und Wechselwirkungen einer unermesslichen Anzahl subatomarer Gegenst√§nde wie Quarks und Leptonen, eine Matrix sozusagen astronomischer Dimension.

Shanti, unser Kater, springt auf meinen Schreibtisch und rollt sich vor dem Objekt meiner Reflexion schnurrend zusammen, ihr Dasein als Lebewesen deutlich in Erscheinung bringend. Ich f√ľttere die Katze und mir f√§llt auf, dass mein Lapislazuli offenbar kein Tier ist. Ich habe nie gesehen, dass der Stein vom Boden auf den Schreibtisch h√ľpft, eine Zeit dort verharrt und dann vom Schreibtisch springt, um eine Mahlzeit zu sich zu nehmen um weiter h√ľpfen zu k√∂nnen. Von den meisten Tieren erwarten wir, dass sie in der Lage sind chemische Energie in Bewegungsenergie umzusetzen und sich in diesem Sinne aus eigener Kraft durch den Raum zu bewegen, selbst mikroskopische Gei√üeltierchen k√∂nnen dies. Nun, Korallen sind auch nicht in der Lage durch Unterwasserlandschaften zu h√ľpfen, einen Stoffaustausch mit ihrer Umwelt haben sie nichts desto trotz. Stoffwechsel und Selbstreproduktion der DNA sind die Charakteristika der Lebewesen. Die Pflanzen ern√§hren sich dabei qua Photosynthese von Licht. Es ist offensichtlich, soll aber gesagt sein: Mein Stein ist kein Lebewesen er frisst nicht, er braucht kein Licht und er hat keine DNA die sich reproduzierte. W√ľrde ich meinen Lapislazuli mit einer h√ľbschen Jaspis in mein Bett legen, es g√§be wohl kein jungen Steine.

Hat ein Lapsilslazuli also kein Bewusstsein, kein Erleben, da er, wie festgestellt, nicht lebt? Materialisten oder vielmehr Naturalisten sind der Auffassung, dass funktionst√ľchtige Gehirne Bewusstsein hervorbringen. Ein Stein hat kein Gehirn, damit hat er kein Bewusstsein. Q.E.D. Es w√§re damit auf keine Art und Weise mein Lapsilazuli zu sein. Dass Steine nichts erleben, vermeint manch ein zeitgen√∂ssischer Philosoph zu wissen. Eines sonnigen Tages soll ein Bewusstsein das Licht der Welt erblickt haben, da die nat√ľrlichen Bedingungen, hervorgebracht durch die biologische Evolution, hierf√ľr hinreichen waren.
Ich habe mit Gewissheit Erleben; mir ist das ein oder andere bewusst. Jedoch erkl√§rt nichts in meinem Hirn oder meiner biologischen Genese, dass dem so ist. Der hier schreibt k√∂nnte ein Zombie sein, der genauso in der Welt funktioniert und von den Naturwissenschaften genauso beschrieben wird wie ich, aber nichts erlebt. Warum ist es also ausgemacht, dass mein Stein solch ein Zombie ist. Aus der Perspektive von au√üen weist nichts darauf hin, dass mein Lapislazuli Bewusstsein hat, aber diese Perspektive zeigt auch nicht auf, dass meine Frau oder meine Katze ein Bewusstsein hat. Das ich erlebe oder was ich erlebe ist aus dieser Perspektive nicht vorauszusagen. Das es so f√ľr mich ist, das wunderbare Blau dieses Steines zu sehen und sich so anf√ľhlt den Stein um den Hals zu tragen, l√§sst sich aus der dritten Person Perspektive noch nicht einmal beschreiben.
Ein Solipsist verharrt an dieser Stelle, gen√ľgt sich selber mit seinem Erleben und zweifelt am Erleben seiner Ehefrau, seiner Katze und seines Lapislazuli, so er Ehefrau, Katze und einen sch√∂nen Lapislazuli hat. Ehefrauen m√∂gen eine solche Haltung verst√§ndlicherweise gar nicht. Meine Frau w√ľrde mir den Kopf zurecht setzen und mich eindr√ľcklich darauf hinweisen, dass Sie sehr wohl eine ganze Menge Gef√ľhle, Gedanken und Empfindungen hat, die, wenn ich so etwas sage nicht, sehr positiv w√§ren. Dar√ľber hinaus h√§tte mein Kater sehr wohl Gef√ľhle, die er mir mitteilt, auch wenn er nicht sprechen kann. Ich w√ľrde dies ernsthaft nie zu bestreiten wagen. Meinem Lapislazuli hingegen fehlt leider die Sachkompetenz mir etwas √ľber seine Befindlichkeiten mitteilen zu k√∂nnen. Also schlie√üen wir: Der Mensch hat Bewusstsein, das Tier vielleicht, aber ein Stein wohl nicht. Ich h√∂re an dieser Stelle unseren Solipsisten im Hintergrund grummeln. Sprachverhalten ist auch nur √§u√üeres Verhalten, es beweist nichts. Es ist logisch m√∂glich, dass meine Frau sich genauso verh√§lt wie Sie es tut, ohne dass Sie den geringsten Schimmer hat wie dies f√ľr sie ist und warum sie dies tut. Nehmen wir den Solipsiten also ernst, habe ich genauso gute oder vielmehr schlechte Gr√ľnde meinem Lapislazuli Bewusstsein zuzusprechen wie meiner Frau. Die zeitgen√∂ssische Schulphilosophie versucht diesem Schlu√ü zu entgehen. Ein Stein verh√§lt sich nicht. Voraussetzung f√ľr Verhalten sind Gr√ľnde und Ziele und solche hat ein Stein nicht.

Mein Lapislazuli hat sich √ľber die Zeit mit Sicherheit ver√§ndert. Im Feuer geboren fand er sein Form in der geologischen Evolution, sein Wesen wurde in einem jahrhundertausende dauernden komplexen Prozess der Umschichtung und Umgestaltungen bestimmt. Er war der Ver√§nderungen von Druck, Temperatur und chemischer Beschaffenheit seiner Umgebung ausgeliefert und wurde unter diesen Bedingungen der Stein, der er heute ist. Seine einzigartige Individualit√§t und seine Sch√∂nheit konnte er nur in dieser langfristigen Dynamik entwickeln. Genauso wurde aber auch ich in Interaktion mit meiner Umwelt das, was ich heute bin. Vom physikalischen Standpunkt aus gibt es keinen prinzipiellen Unterschied zwischen zwei Systemen, auch wenn diese eine ganz andersartige chemische Zusammensetzung haben. Ihre Entwicklung unterliegt den gleichen Gesetzm√§√üigkeiten. Lebewesen sollen nun zus√§tzlich Gr√ľnde und Ziele f√ľr ihre Ver√§nderungen aufweisen, welche einem Lapislazuli gemeinhin abgesprochen werden. Die Rede von Gr√ľnden und Zielen setzt aber die Annahme eines Bewusstseins schon voraus, statt die Existenz des Bewusstseins eines Systems in Raum und Zeit zu begr√ľnden. Aus objektiver Sicht ist kein prinzipieller Unterschied zwischen Mensch, Tier und Stein im Bezug auf Gr√ľnde und Ziele zu erkennen.

Ich kann mir vorstellen, dass dieser Lapis, der hier auf meinem Schreibtisch liegt, Gr√ľnde f√ľr seine Ver√§nderungen hat und Ziele erreichen will, sich also im Sinne der Schulphilosophie verh√§lt. Physikalische Gesetze bestimmen ein Spektrum von m√∂glichen Ver√§nderungen eines Steines in seiner Umwelt, bestenfalls geben sie Tendenzen an, welche Art der Ver√§nderung am wahrscheinlichsten ist. Der Determinismus sollte nach den Ergebnissen der Quantenphysik und der Theorie Dynamischer Systeme schon seit langem auf dem Scheiterhaufen der Erkenntnisgeschichte gelandet sein. Selbst ein klassisches Billiard hat seine Entwicklungsm√∂glichkeiten. Die Position und Impuls der Kugel sind nur bis auf Plancks kleines h bestimmt und das System ist ergodisch. Dies bedeutet, dass die Kugel nach einer Zeit √ľberall auf dem Tisch sein kann. Wenn dem so ist, k√∂nnen wir doch erst recht ohne zu Z√∂gern einem Stein viele M√∂glichkeiten f√ľr die Gestaltung seiner Zukunft unterstellen.
Wie viele M√∂glichkeiten mein Stein hat ist abh√§ngig von der Zeit, die ich ihm f√ľr seine Entwicklung gebe. Ich habe schon in den n√§chsten Sekunden, Minuten und Stunden ein weites Spektrum physikalischer M√∂glichkeiten in meiner Umwelt. Ich k√∂nnte weiter schreiben, etwas essen oder erst mal eine rauchen. Ich habe mich daf√ľr entschieden eine zu rauchen, und schreibe erst jetzt weiter. Frau und Katze haben ihrem lebendigen Hirn und ihrer intakten Physis sei Dank , ebenso wie ich, eine ganze Reihe von M√∂glichkeiten in kurzer Zeit. Meine Frau ist schlafen gegangen; Shanti frisst schon wieder. Dabei liegt der Stein immer noch schn√∂de an seinem Platz vor mir. Auf der Zeitskala, die f√ľr Lebewesen von Bedeutung ist, passiert einem Steinwesen nicht viel. Trotzdem m√∂gen in der letzten Stunde nanoskopische Ver√§nderungen einzelner Molek√ľlstrukturen auf der Oberfl√§che oder im Inneren des Lapislazuli stattgefunden haben. Wie gesagt, geben die Naturgesetze gewisse Tendenzen f√ľr solche Ver√§nderungen vor. Und nun ist tats√§chlich geschehen was geschehen ist. Ich habe geraucht, die Katze hat gefressen, die Frau schl√§ft, und der Lapslazuli ist vermeintlich zwei und nicht zehn Molek√ľlstrukturen, durch die Reibung meiner Hand, leichter geworden. Das der Stein in dem Vorgang zehn statt zwei Molek√ľlstrukturn verloren habe k√∂nnte, halte ich f√ľr physikalisch m√∂glich. Das Naturgesetz ist auch einem Stein gegen√ľber nicht allzu streng. Der quantenphysikalisch aufgekl√§rte zeitgen√∂ssische Naturalist meint hierzu: ‚ÄěZwei Molek√ľlstrukturen Verlust dieses Steines in der letzten Stunde hat eine Wahrscheinlichkeit von 10%, 10 Molek√ľle eine Wahrscheinlichkeit von 17%, was tats√§chlich geschieht ist Zufall.‚Äú K√∂nnte dieser Stein den Naturalisten verstehe, er w√§re wohl mit Recht beleidigt. So ein Naturalist auf die kausale Abgeschlossenheit der Natur beharrt, m√ľsste sein Kommentar zu meinem Verhalten lauten. ‚ÄěRauchen: Wahrscheinlichkeit 60%, Essen: 15%, ohne Zigarette und Essen weiter schreiben 5%. Was der Autor dieses Textes tats√§chlich tat ist Zufall‚Äú. Ich verstehe den Naturalisten und bin recht beleidigt.

Ich wei√ü als unmittelbarer Gegebenheit meines Seins, dass ich mir meiner Gedanken und Gef√ľhle bewusst bin und ich bin aus philosophischer Reflexion davon √ľberzeugt, dass diese Gedanken und Gef√ľhle keine physikalischen Gegenst√§nde oder Prozesse sind. Von physikalischen Gegenst√§nden oder Prozessen erwarte ich, qua definitionem, dass sie r√§umliche Eigenschaften haben, mentale Gegenst√§nde haben diese nicht. Oder um es anders zu sagen: Steine (wie mein Lapislazuli) und Hirne (wie meines) sind im physikalischen Raum, meine Gedanken und Gef√ľhle sind aber nicht dort, sondern im Bewusstsein.
Ich habe die Erfahrung, dass meine Entscheidungen, also etwas Mentales, Kraft meines Willen einen Einfluss auf mein Hirn und damit auf mein Verhalten, im Rahmen meiner naturgegebenen Möglichkeiten, haben. In diesem Sinne und in diesem Umfang bin ich frei; kein unbewegter Beweger, sonder derjenige der die Kraft hat unter vielen möglichen Bewegungen zu wählen. Gewiss ist dabei aus physikalischen Bedingung die eine Wahl leichter als die andere, aber uns ist vieles möglich. Nun habe ich genauso guten Grund meinem Lapislazuli Entscheidungen im Rahmen seiner physikalischen Möglichkeiten abzusprechen wie meiner geliebten Frau, meinem geliebten Kater und mir selber. Warum sollte ich dies also tun?

Mein Stein hei√üe Michelle, Michelle der kleine blaue Lapislazuli auf dem Schreibtisch, der es vorhin in meiner Hand vorzog, in der Bewahrung seiner Masse, 2 statt 10 Molek√ľlstrukturen leichter zu werden. Was Michelle wohl f√ľr Gr√ľnde f√ľr sein Verhalten hat? ‚ÄěLieber Michelle, sch√∂ner Lapsilazuli was sind deine Gr√ľnde, was beabsichtigst du?‚Äú Der Stein antwortet, wie zu erwarten war, nicht. Bevor Katja, meine Frau, ins Bett ging, sagte Sie mir, dass Sie m√ľde sei. Ich konnte beobachten, dass es im Rahmen ihrer M√∂glichkeiten lag, wie ich meine, aus diesem Grund ins Bett zu gehen und zu schlafen. Zu Michelle habe ich, wie schon oben bemerkt, keinen sprachlichen Zugang, durch den ich in Erfahrung bringen kann, warum er das eine und nicht das andere m√∂gliche Verhalten bevorzuge. Ich kann mich nur kreativer Spekulation hingeben und auf die beste m√∂gliche Erkl√§rung, die mir einf√§llt, schlie√üen wie ich es auch bei Tieren tue, ohne mir je ganz gewiss sein zu k√∂nnen. Ich gehe davon aus, dass unser Kater vorhin fra√ü, da er Hunger hatte, diese Erkl√§rung ist die beste, da er seit Mittag nicht gefressen hat. Es ist auch m√∂glich, dass er fra√ü um seiner Melancholie entgegenzuwirken, was er, wie ich meine, manchmal tut auch wenn er keinen Hunger hat. Ich kann mir vorstellen wie es w√§re der melancholische Kater Shanti zu sein. Ich kann mir auch vorstellen wie es w√§re der Stein Michelle zu sein:
Ich bin Michelle, der Stein. Diese w√§rmende Reibung auf meiner Oberfl√§che ist mir grade sehr unangenehm, ich verliere, nun verliere ich nochmal, Winzigkeiten meiner Substanz beginnen zu verschwinden, ich m√∂chte dies nicht. Ich sp√ľre, dass ich rauer werde und m√∂chte doch lieber an meiner Grenze so sch√∂n glatt bleiben. Ich strenge mich an, wirke der Ver√§nderung entgegen. Ahh jetzt ist weniger mit mir geschehen, noch weniger. Nur noch ein kleiner Verlust, den ich verkraften kann. Jetzt es es vorbei, keine w√§rmende Reibung an meiner Oberfl√§che mehr, es ist wieder gut und ich kann loslassen, meinen Willen zur√ľckziehen.
So oder so √§hnlich k√∂nnten die Gr√ľnde und Ziele meines Lapislazuli vorhin gewesen sein. Zumindest ist dies die beste Erkl√§rung, die mir grade einf√§llt warum mein Stein 2 und nicht 10 Molek√ľlkomplexe verlor. Ich denke also, dass dieser Lapis um die Bewahrung seiner Masse und Grenze bem√ľht ist. Mein Stein ist, in diesem Sinne, ein Konservativer mehr um den Erhalt seines Status bem√ľht, als Ver√§nderungen gegen√ľber aufgeschlossen. Ich gestehe zu, dass solch eine psychologische Erkl√§rung Michelle, einen Stein, vermenschlicht. Die tats√§chlichen Gr√ľnde der Steine, der Gebirge, der Fl√ľsse und Meere und des ganzen Sonnensystems f√ľr ihre Entscheidungen im nat√ľrlichen Zufallsspiel m√∂gen ganz andere sein und uns auf immer verschlossen bleiben. Trotzdem: Wenn einstmals die nat√ľrliche Geschichte meines Lapislazuli vollkommen erz√§hlt ist und ich tats√§chliche w√ľsste, wie Wahrscheinlich jede Ver√§nderung des Steines war, wird die Suche nach mentalen Erkl√§rung f√ľr das Verhalten der Steine sinnvoll. Eine Individualpsychologie der Tiere, Pflanzen und unbelebten Gegenst√§nde bieten Erkl√§rungsm√∂glichkeiten, wenn alle Erkl√§rungen durch physikalische Bedingungen ausgesch√∂pft sind. Der Naturalist beharrt an dieser Stelle auf dem objektiven Zufall als Erkl√§rung des nat√ľrlichen Zufallsspiels. Diese Erkl√§rung erscheint jedoch mindesten genauso mystisch und ist in der Tat genauso metaphysisch wie ein animistisches Konzept, dass einem Tier Melancholie und einem Stein Konservativismus unterstellen.

Einige letzte Fragen zum Schluss:

Als mein Lapislazuli sich damals im Gestein eines Gebirges individuierte und seine eigene Form erhielt, teilte sich da sein Bewusstsein von dem des Berges ab und wurde dann jenes individuelle Bewusstsein, das einen Einfluss auf seine Geschichte nahm? Oder kam diese Steinerleben und dieser Steinwille einst aus der zeitlosen Stille und Lehre und wenn ja, warum geschah dies?
Was passierte, schnitte man meinen Lapislazuli in der Mitte durch? Verl√∂re er sein Bewusstsein, so er ein solches hat, und zwei sich nicht bewusste Steine ohne Empfindung und Willen blieben zur√ľck? Oder teilte sich das eine individuelle Bewusstsein in zwei Teile? Oder verschw√§nde das Bewusstsein, mit seiner Geschichte in der zeitlosen Stille und Lehre? K√§me daf√ľr je ein neues Bewusstsein aus der Zeitlosigkeit in die zeitliche Welt?
Schnitte man mich in der Mitte durch, so tr√§te in kurzer Zeit mein Hirntod im medizinischen Sinne ein. Mein Dasein als Lebewesen w√§re beendet. In dieser Hinsicht w√ľrde ich dem Stein auf meinem Schreibtisch √§hnlich werden. Verl√∂re sich mein Bewusstsein damit in der unver√§nderlichen Zeitlosigkeit? H√§tte mein Leichnahm dann ein anderes, sozusagen ein Steinbewusstsein ohne Kontinuit√§t mit diesem schreibenden Lebewesen Bewusstsein? Oder ver√§nderten sich nur die Inhalte meines Bewusstseins, das sich wie eine leere Form in Ewigkeit gleich bleibt?
Ich betrachte den blauen Lapislazuli auf meinem Schreibtisch noch mal und vermeine ein Lächeln auf der Mannigfaltigkeit seiner Oberfläche zu erkennen. Mein Stein gibt, wie ich, auf diese Fragen keine Antwort.












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