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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Anis Ermittler setzen sich selbst auf Spiel
Eingestellt am 17. 08. 2015 10:43


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Friedrich Ani, Der namenlose Tag. Ein Fall fĂŒr Jakob Franck, Suhrkamp 2015, ISBN 978-3-518-42487-2

Selbst versierte Krimileser könnten wahrscheinlich nicht auf Anhieb sagen, wieviel verschiedene Ermittlerfiguren der Schriftsteller Friedrich Ani im Laufe seiner langen literarischen TĂ€tigkeit schon erfunden hat. Am bekanntesten ist wohl der Kommissar Tabor SĂŒden, den Ani zuletzt aus dem Ruhestand noch in einigen BĂŒchern ermitteln ließ. Wahrscheinlich auch deshalb, weil diese Serie ĂŒber ein Dutzend BĂŒcher ĂŒber einen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten umfasste. An so manchen Ermittler, der danach folgte, und den Ani meist schon nach zwei oder drei BĂŒchern durch einen anderen ersetzte, erinnert sich kaum noch jemand, was schade ist, denn jeder dieser MĂ€nner hatte eine außergewöhnliche Lebensgeschichte, wie sie nur Ani erfinden kann und alle einte sie eine Ermittlungsmethode, die man so bei kaum einem anderen Polizisten in der Krimiszene findet.

Anis Ermittler setzen sich selbst auf Spiel. Selbst jeweils auf unterschiedliche Arten aus der Welt gefallen und ihr eigenes Leben und seine Geschichte verloren glaubend, sind sie auf eigentĂŒmliche Weise in der Lage, das Schicksal der TĂ€ter und ihrer Opfer auf eine fast körperliche Art zu spĂŒren und zu erleben, die sie wĂ€hrend ihre Ermittlungen nicht selten selbst an deren Rand des Todes bringt.

Ani lĂ€sst sie mit RegelmĂ€ĂŸigkeit auf Menschen treffen, die auf irgendeine Weise sich selbst verloren gegangen sind. Unsichtbar geworden, leben sie mitten unter uns und Ani gibt ihnen durch seine Kommissare und ihre absolut ungewöhnliche Art, KriminalfĂ€lle zu lösen, ihr Gesicht, ihre Geschichte und ihre MenschenwĂŒrde zurĂŒck.

Sein neuer Ermittler Jakob Franck, den Ani nach langer Heimstatt bei Droemer nun beim vom Konkurs geretteten und programmatisch und finanziell wieder auferstandenen Suhrkamp Verlag in Berlin prĂ€sentiert, ist so ein Sucher nach Verlorenem und Verschwundenem. Seit zwei Monaten im Ruhestand, hat er sich dort noch gar nicht recht eingerichtet, glaubt aber endlich ein Leben jenseits der Toten beginnen zu können, nachdem er ĂŒber viele Jahre in seinem Dezernat sozusagen der Spezialist fĂŒr die Überbringung von Todesnachrichten war, und das auch nach eigener EinschĂ€tzung immer ziemlich gut gemacht hat. So wie viele seiner VorgĂ€nger lebt Jakob Franck allein, nachdem nicht nur sein Job als Polizist seine Ehe scheitern ließ. Dass ihn Ani am Ende eines Falles, der ihn in die Katakomben seiner eigenen Vergangenheit fĂŒhrte, diesen zusammen mit seiner Ex-Frau Marion Siedler resĂŒmieren lĂ€sst, gibt zu der Vermutung Anlass, dass Marion auch im nĂ€chsten Buch wieder auftauchen wird.

Dieser Fall jedenfalls ist eigentlich schon seit zwanzig Jahren abgeschlossen. Doch Ludwig Winther, der Franck sozusagen privat beauftragt, glaubt nicht daran, dass seine damals siebzehnjĂ€hrige Tochter sich selbst erhĂ€ngt hat, wie der polizeiliche Untersuchungsbericht damals eindeutig feststellte. Nach wie vor ist er davon ĂŒberzeugt, es könne sich nur um einen Mord handeln. Ex- Kommissar Jakob Franck macht sich daran die nĂ€heren UmstĂ€nde des Todes des MĂ€dchens aufzuklĂ€ren. Er „erweckt einen toten Fall zu Leben.“
Dazu, so ist er ĂŒberzeugt, gehört eine Art Leichenfledderei, die sich von der von Emotionen völlig freien Arbeit des Gerichtsmediziners stark unterscheidet. „Was Franck meinte, war sein ureigenes, professionelles, wenn nötig rĂŒcksichtsloses ZerstĂŒckeln der UmstĂ€nde, das Ausgraben halbverwester Wahrheiten, das Offenlegen ebenso verstĂ€ndlicher wie oftmals schmutziger Überlebenstricks. Die AufklĂ€rung eines Mordes oder eines zwielichtigen Todes bedeutete, dass ein Kommissar das Recht hatte, die Welt des Menschen, der gewaltsam gestorben war. Von Grund auf zu erschĂŒttern und deren Bewohnern so lange mit unnachgiebiger Genauigkeit ihre Gewohnheiten zu entreißen, bis sie nackt in der KĂ€lte standen und sich ihrer ErbĂ€rmlichkeit bewusst wurden. Erst von diesem Moment an – davon war Franck ĂŒberzeugt – gelangte das Opfer auf den Weg zum ewigen Frieden.“

So wie viele seine VorgĂ€nger ist Franck nicht religiös, hat aber immer einen Zugang zu den spirituellen Dimensionen des Lebens und den sĂŒndhaften AbgrĂŒnden menschlicher Existenz. Er nĂ€hert sich ihnen mit einer von ihm selbst entwickelten Methode, die er „GedankenfĂŒhligkeit“ nennt, und die ihm ungeahnte Einblicke in die Gedanken- und GefĂŒhlswelt nicht nur der Menschen, denen er begegnet, vermittelt, sondern auch und gerade in seine eigene.

Das macht bin in manchen Situationen zum Therapeuten und Seelsorger, bringt ihn aber keinen Meter von seinem eingeschlagenen Weg ab. Ein Weg, der ihn Kraft kostet, aber ihn sehr nah kommen lÀsst, dem, was Ani seit vielen Jahren beschÀftigt: der Essenz des Lebens und des Leidens.

Man wird sehen, wieviel „FĂ€lle“ Friedrich Ani diesem beeindruckenden neuen Ermittler im Ruhestand schenkt. Der Auftakt jedenfalls ĂŒberzeugt auf der ganzen Linie.

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