Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
416 Gäste und 8 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Anleitung zum kollektiven Glücklichsein
Eingestellt am 03. 12. 2006 02:09


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
dubidu
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2002

Werke: 62
Kommentare: 868
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um dubidu eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ökonomie geht uns alle an. Ob wir unsere täglichen Einkäufe tätigen, im Büro Papier sparen, an der Werkbank den Ausschuss mindern, unser Auto noch in diesem Jahr kaufen oder erst nächstes Jahr - ständig schlüpfen wir in die Rolle des Homo Oeconomicus. Wie kein anderes Volk haben wir Deutschen von unserer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit "profitiert". Der Standort Deutschland ist attraktiv, wir sind mehrmals Exportweltmeister geworden und haben das "Made in Germany" weltweit als Kaufargument etabliert. Und doch: richtig glücklich und zufrieden sind wir nicht geworden - ganz im Gegenteil: ständig schimpfen wir auf die wirtschaftspolitischen Fehler der Koalition, die Machenschaften profitgeiler Nieten in Nagelstreifen und die Heuschreckenplage, die unsere deutschen Unternehmen zugrunde richtet. Der Begriff "Wirtschaft" ist negativ besetzt, obgleich der Deutsche wie kaum ein anderer "wirtschaftlich sinnvoll" handelt. Deutschland, das sich selbst verkennende Wirtschaftswunderland?

Warum hat Deutschland das "Jammern auf höchsten Niveau" perfektioniert? Betreiben wir Ursachenforschung, blicken wir kurz zurück auf unsere "Wirtschaftswundergeschichte" und betrachten die Entwicklung der letzten sechzig Jahre einmal aus Sicht des Ökonomen und aus Sicht des kleinen Mannes.

Nach dem Zusammenbruch des unseligen Tausendjährigen Reichs lagen die richtigen Wiederaufbaukonzepte bereits in der Schublade. Konrad Adenauer, der "Alte" aus Rhöndorf, beileibe kein Wirtschaftspolitiker, hatte intuitiv erfasst, Erhardts Marktwirtschaftsfraktion den Vorzug vor den Konzepten des starken Gewerkschaftsflügel zu geben und er setzte die "Soziale Marktwirtschaft" erst in seiner Partei, dann in Deutschland durch. Das war ein Meilenstein in der deutschen Geschichte, denn fünfzig Jahre später war die Bundesrepublik so reich, dass die marode DDR "feindlich" übernommen werden konnte. Aber schweifen wir nicht ab und applaudieren wir dem kongenialen "Zweier" Schiller und Strauß mit Steuermann Kiesinger, der uns ordnungspolitisch durch die späten sechziger Jahre ruderte. Der ersten großen Koalition folgte das Kabinett Brandt, das sich mit der schwersten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg auseinander setzen musste. Ausgelöst durch die Expansion der Staatsausgaben und unverhältnismäßige Lohnerhöhungen wurde die Bundesrepublik zum ersten Mal mit hoher Arbeitslosigkeit und Inflation konfrontiert. Die Regierung Brandt hatte zusätzlich noch Pech, dass der infolge der expansiven Geldpolitik der USA schwache Dollar zu einem "Run" auf die D-Mark und zu massiven Devisenzuflüssen in die Bundesrepublik führte, was die Inflation weiter anheizte. Sieht man von Ludwig Erhardt ab, der nur kurz Regierungschef war, zeichnete sich Helmut Schmidt als der Kanzler mit dem größten wirtschaftlichen Sachverstand aus. Wahrscheinlich war er seinerzeit der Einzige, der das Europäische Währungssystem als Vorläufer der Währungsunion wirklich verstanden hatte. Auf Schmidt folgte Helmut Kohl, dessen ökonomisches Fachwissen sehr begrenzt war. Und er war im Gegensatz zum "Alten" nicht immer gut beraten: Zwei Hauptprobleme, mit denen wir uns heute herumschlagen, sind die hohen Lohnnebenkosten, sowie die hohe Arbeitslosigkeit im Osten. Beides sind Auswirkungen aus der Finanzierung der Einheit mittels der Sozialversicherungssysteme und die künstliche Verteuerung des Produktionsfaktors Arbeit durch die Einführung der D Mark in der DDR: Löhne, Gehälter, Renten, Mieten und andere "wiederkehrende Zahlungen" wurden im Verhältnis 1:1 umgestellt. Hätte das eine besser über Steuererhöhungen finanziert werden sollen, so war das andere ökonomisch falsch, doch psychologisch richtig. Zum Thema Psychologie später mehr. Aber bleiben wir bei der Chronologie und verweilen wir kurz beim „Reformeifer-Kanzler“ Gerhard Schröder. Kein Zweiter hat die wirtschaftspolitische Richtung so häufig verändert, aber auch so viel Reformen in Angriff genommen, die im Detail nicht immer erfolgreich umgesetzt wurden. Kommen wir nun zur ersten Kanzlerin. Frau Merkel musste zunächst lernen, netto von brutto zu unterscheiden, was nicht schlimm war, denn mit Charme und Kalkül hält sie erfolgreich die Koalition zusammen. Unter ihrer Regie wird die Wirtschaftspolitik ihrer Vorgängerregierung fortgesetzt und es werden weitere Reformen in Angriff genommen.

Wie stellte sich die Politik für Ottonormalverbraucher dar? In den der Phase des Wiederaufbaus bis zu den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurden die privaten Haushalte am zunehmenden Reichtum beteiligt. Spätestens mit dem neuen Jahrtausend hat sich diese Situation geändert. Löhne und Renten stagnieren und real, nach Abzug der Preissteigerung, hat Ottonormal heute weniger in der Tasche als in den späten neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Auf der anderen Seite sind die Dividenden und Unternehmerlöhne ebenso wie die Arbeitslosigkeit gestiegen. Zudem ist die Steuerquote der Unternehmen in den letzten Jahren gesunken, während der Bürger enorme Steuer- und Abgabenerhöhungen akzeptieren musste. Bevor wir im Einzelnen auf den Status Quo eingehen, ziehen wir ein erstes Fazit:

Im Großen und Ganzen war die Wirtschaftspolitik der letzten sechzig Jahre erfolgreich, obwohl nicht alle Kanzler Spezialisten des Fachs Volkswirtschaftslehre waren. Bis zur Jahrhundertwende wurden alle Deutsche mehr oder minder gerecht an der Erfolgsstory Deutschland beteiligt.

Und heute: Sieht man von der kurzen Lafontaine-Episode ab, wurde die Wirtschaftspolitik der Regierungen Schröder und Merkel von Angebotstheoretikern und Monetaristen geprägt. Etwas vereinfacht: Man geht davon aus, dass moderate Lohnerhöhungen und niedrige Steuern die Unternehmer zu Investitionen motivieren und die Geldmenge zwecks Vermeidung von Inflation nur in Maßen ansteigen darf. Der Angebotstheoretiker glaubt, dass hervorgerufen durch gute Rahmenbedingungen, das Angebot sich die Nachfrage selber schafft. Ist diese Vermutung richtig? Nehmen wir an, dass wir ähnlich wie die Niederlande den Großteil unserer Produkte und Dienstleistungen ins Ausland exportieren, dann wäre diese Milchmädchenrechnung anscheinend richtig. Allerdings exportiert die Bundesrepublik nur etwa ein Drittel der im Lande produzierten Güter und Dienstleistungen, zwei Drittel werden vom Binnenmarkt konsumiert. Ob die Angebotspolitik letztendlich erfolgreich war, darüber ließe sich streiten. Fest steht, dass der Mittelstand in den letzten drei Jahren etwa 400.000 neue Arbeitsplätze geschaffen hat, allerdings haben der Staat und die Großunternehmen im gleichen Zeitraum etwa 100.000 Arbeitsplätze abgebaut.

Nun ist es aber so, dass der Binnenmarkt seit Jahren stagniert und jetzt erst langsam wächst. Die Reformpolitik hat die Nachfrage weitgehend ausgeblendet. Höhere Sozialabgaben, höhere Steuern, niedrigere Sozial- und Arbeitslosenhilfe, Verzicht auf Lohnerhöhungen und das Aussetzen von Rentenanpassungen mindern die Kaufkraft. Die Sparpolitik von Bund und Ländern hemmt das Wachstum in der Bauindustrie und anderen Branchen, die von staatlichen Investitionen abhängig sind. Hinzu kommt, dass etwa fünf Prozent der privaten Haushalte völlig überschuldet sind und viele private Haushalte sparen, weil sie Schlimmeres erwarten.
Nach unserer Analyse folgern wir nun, dass die Angebotsbedingungen in den letzten sieben Jahren stetig verbessert worden sind, während eine Nachfragepolitik, also geringe Verbrauchssteuern und moderate Steuern auf Lohn und Einkommen, niedrige Sozialabgaben sowie Lohnzuwächse, um den Verbrauch anzukurbeln, weder diskutiert noch umgesetzt wurde.

Doch er ist nun da, der lang erwartete Aufschwung, der trotz der Reformen und trotz der Mehrwertsteuer-Erhöhung sich auch noch im nächsten Jahr etwas schwächer fortsetzen wird. Er hat viele Ursachen, allerdings ist er nur zum Teil auf Schröders Reformen und die derzeitige Wirtschaftspolitik zurück zu führen. Die Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften, die Fußball Weltmeisterschaft und der warme Herbst haben einen stärkeren Beitrag geleistet als das reparaturbedürftige Konstrukt Hartz IV. Wir freuen uns über die derzeitigen Hochgefühle, doch dürfen wir die aktuellen Probleme nicht vergessen, die von uns allen noch weitere Anstrengungen abverlangen werden. Deshalb müssen wir noch einige Hürden nehmen und drei Denkfehler eliminieren, die im Folgenden etwas detaillierter dargestellt werden.

1. Die Demografie-Lüge
Ein Gespenst geht um in Deutschland und macht uns weis, dass wir aufgrund der demografischen Entwicklung unseren Sozialstaat bald nicht mehr finanzieren können. In Zukunft müssen weniger Erwerbstätige die Lasten von immer mehr Rentnern und Pensionären tragen. Es wird mit einer Lücke von etwa vier Millionen Erwerbstätigen bis zum Jahre 2030 gerechnet. Dieses Horrorszenario sollten wir uns nun im Detail anschauen, denn diese Prognose ist nicht ganz richtig. Natürlich ist die demografische Situation eine Herausforderung für die Wirtschafts- und Sozialpolitik, doch wir dürfen in unserer Analyse einige Trends nicht einfach übersehen. Bei allem Respekt vor den Prognosen wird glücklicherweise vergessen, dass wir einen Überschuss von derzeit knapp vier Millionen Arbeitslosen haben, die wir in den Arbeitsmarkt integrieren könnten. Zudem wird die Erwerbsquote der Frauen zukünftig viel höher sein, da weniger Kinder erzogen werden müssen und folglich die Ausfallzeiten der Frauen viel geringer sein werden. Schließlich wurde nun die Rente ab siebenundsechzig Jahren beschlossen, das heißt, die Erwerbstätigen werden dem Arbeitsmarkt länger zur Verfügung stehen. Bis zum Jahre 2030 wird die Bevölkerung um etwa sieben Millionen Menschen sinken, doch die Zahl der Erwerbstätigen wird nur um etwa eine Million abnehmen. Denn die Jungen studieren schneller, die Alten arbeiten länger, das Arbeitslosenheer könnte sich in Luft aufgelöst haben und mehr Frauen werden erwerbstätig sein, weil sie weniger Kinder erziehen müssen. Da Vater Staat nun weniger Mittel für Schulen und Unis benötigt und darüber hinaus weniger Kindergeld auszahlen muss, werden die negativen Aspekte des Bevölkerungsrückgangs fast vollständig aufgefangen. Die winzig kleine Finanzierungslücke kann mit begrenzter Zuwanderung problemlos geschlossen werden. Letztendlich ist diese Herausforderung auch nicht neu, denn in den letzten fünfundvierzig Jahren standen wir vor den gleichen Problemen, die wir erfolgreich gemeistert haben. Denn die Alterung und die Verringerung des Anteils junger Menschen waren damals genauso groß, wie sie jetzt für die kommenden fünfundvierzig Jahre vorhergesagt werden.

2. Die Verschuldungslüge
Der geneigte Leser der wirtschaftsnahen Presse kann fast täglich lesen, dass der deutsche Staat bald hoffnungslos überschuldet sein wird. Doch in all die Hiobsbotschaften reiht sich nun eine positive Meldung ein: Deutschland wird in diesem Jahr zum ersten Mal seit Jahren die Stabilitätskriterien der Europäischen Union einhalten. Dieses Jahr wird die Neuverschuldung unter 3% des Bruttoinlandprodukts liegen, was streng genommen gar nicht nötig wäre, denn der Stabilitätspakt lässt uns noch eine Hintertür offen: Ausnahmen sind möglich, falls außergewöhnliche Ereignisse auftreten oder sich das betroffene Land in einer schweren Wirtschaftskrise befindet. Dass die Integration der ehemaligen DDR auch heute noch ein einzigartiges und somit außerordentliches Ereignis darstellt, steht wohl außer Frage, denn in diesem Jahr werden immer noch über hundert Milliarden Euro, das sind etwa vier Prozent des westdeutschen Bruttoinlandprodukts, in die ehemalige DDR transferiert. Zudem berücksichtigt die fast willkürlich festgelegte Dreiprozentregel überhaupt nicht die tatsächliche „Bilanz“ eines Landes. Nach diesen fragwürdigen Kriterien wären fast alle deutschen Unternehmen und alle US-amerikanischen Unternehmen hoffnungslos überschuldet. Ein Land wie Deutschland könnte viel mehr „Fremdkapital“ aufnehmen, denn auf der Aktivseite unserer Bilanz steht ein einzigartiges Vermögen, namentlich Humankapital (gut ausgebildete Arbeitskräfte), Forderungen wie Kredite, Staatsanleihen und Sachvermögen: Immobilien, Unternehmen, Infrastruktur. Wir verfügen über eine Aktiva, um die uns die ganze Welt beneidet.

Gerne verweisen unsere selbsternannten Wirtschaftsgurus Kirchhoff, Sinn und andere auf unsere Gesamtschulden in Höhe von bald 1,5 Billionen Euro; ein Betrag, der jedem Angst machen muss, weil niemand diese Summe "greifen" kann. Wir brauchen aber keine Angst davor zu haben, weil Deutschland so reich und wettbewerbsfähig ist, um mühelos seinen Verbindlichkeiten nachzukommen.
Im Übrigen sind Staatsschulden für Finanzmärkte von großer Bedeutung. Deutsche Staatsanleihen gelten bei internationalen Investoren als sicherste Anlageform. Sicherlich sollten sich Ottonormalverbraucher ebenso wie der deutsche Staat davor hüten, ihre Schulden ins Unermessliche ansteigen zu lassen, doch müssen wir auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Und wir sollten uns keinesfalls von der Verschuldungshysterie der Hydra Kirchhoff infizieren lassen.

Wir haben uns jetzt so intensiv mit Wachstum auseinandergesetzt, dass es Zeit wird, eine weitere Lüge aufzudecken, die in unserem „Wachstumswahn“ steckt:

3. Die Wachstumslüge
Seit zwanzig Jahren geistert ein Begriff durch die volkswirtschaftlichen Seminare, doch unsere Wirtschaftsweisen und Politiker nehmen kaum Kenntnis davon. Trotz der ökologischen Problematik wird immer noch das Bruttosozialprodukt (BSP) als das primäre wirtschaftliche Ziel der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung betrachtet. In das BSP fließen alle wirtschaftlichen Leistungen hinein, unabhängig von ihrer Qualität für Mensch und Umwelt. Autounfälle, Reparaturen von Umweltschäden und die Versorgung von Unfallopfern gelten ebenso als Erfolgsgrößen wie beispielsweise die umweltschädliche Produktion beliebiger Produkte.
Vereinfacht: die Produktion von Autos, die 20 Liter Sprit verbrauchen und die Fertigstellung von Atomkraftwerken, die uns irgendwann einmal ein Harrysburg bescheren könnten, fließen heute munter in das BSP hinein. Zukünftige Umweltschäden, unter denen unsere Kinder zu leiden haben, bleiben in dieser zweifelhaften Rechnung unberücksichtigt. Jeder aufmerksame Leser kommt nun mühelos zur Erkenntnis, dass die praktische Volkswirtschaft alles andere als wissenschaftlich ist. Doch bleiben wir beim Thema. Die Erhaltung der Umwelt und die Lebensqualität müssen im Bruttosozialprodukt berücksichtigt werden. Es darf nur wachsen, was später nichts zerstört und somit keine zukünftigen Kosten verursacht. Wir brauchen ein nachhaltiges oder besser ein "selektives" Wachstum. Umweltschäden und der Abbau von Naturreserven müssen in die Kalkulation einbezogen werden. Wir fordern also ein Ökologisches Sozialprodukt (ÖSP), welches das klassische Bruttosozialprodukt ergänzt, indem die Einflüsse der "Umweltökonomischen Gesamtrechnung" mit dem Bruttosozialprodukt kombiniert werden. Leider hat sich dieses Modell noch nicht etabliert. Selbst der Wirtschaftsweise Peter Bofinger glaubt, dass der Bürger umso häufiger ökologische Produkte konsumiert, je mehr Einkommen ihm zur Verfügung steht. Sicher gibt es da einen Zusammenhang, dennoch macht er es sich zu einfach und seine "Einkommen-Verbrauch-Relation" ist kein Argument gegen die Betrachtung eines ÖSP. Das ÖSP wäre auch ein wirksames Frühwarninstrument gegen einen möglichen Crash, der durch die Globalisierung oder eine ökologische Krise ausgelöst werden könnte. Deutschland war schon immer eine Wiege wirtschaftsphilosophischer Konzepte, wie beispielsweise der Marxismus oder das "nachhaltige Wirtschaftsmodell" der Grünen. Warum sollten wir nicht in der Lage sein, ein ÖSP zu definieren?

Wir haben uns bisher mit der Geschichte, mit der volkswirtschaftlichen Lage und mit den ökonomischen Lebenslügen beschäftigt. Nun dringen wir zum Kern vor, zum Eigentlichen, was Wirtschaft letztendlich antreibt und für „selektives“ Wachstum sorgt. Und das ist viel einfacher als wir und viele Volkswirtschafter denken, denn es ist etwas, das uns viel mehr bewegt als unser kalter Verstand - es ist Psychologie!

Wir erinnern uns an die Eingangsfrage, warum Deutsche so perfekt jammern können und wir nähern uns nun langsam einer möglichen Antwort. Allen positiven Konjunkturprognosen zum Trotz, bleiben die meisten Deutschen weiterhin skeptisch. Mehr als zwei Drittel aller Bundesbürger glauben nicht, dass der momentane Wirtschaftsaufschwung von Dauer ist. Nur 28 % sehen laut einer Erhebung des Emnid-Instituts in der guten Konjunktur eine Wende zum Guten. Fast jeder zweite Bürger rechnet im kommenden Jahr mit Einkommensverlusten, wie eine Forsa-Umfrage im Auftrag des Wirtschaftsmagazins "Capital" ergab. Das größte Ärgernis ist für knapp 80 % die Einführung der höheren Mehrwertsteuer. Über die Hälfte sehen den gekürzten Sparerfreibetrag und die gekürzte Kilometerpauschale als eine große Zumutung an. 70 % sind besorgt, weil die Sozialversicherungsbeiträge weiter steigen werden. Rund 60 % der Bundesbürger wollen die höheren Abgaben nicht einfach hinnehmen und verstärkt Schwarzarbeiter beschäftigen. Das ist ja eine schöne Bescherung zum Jahresende. Aber das ist noch nicht alles: Das Bundessozialgericht hat entschieden, dass 345 Euro zum Leben reichen. Harz IV bedeutet nicht nur eine gewaltige Einschränkung, ja Hartz IV kann Existenz zerstörend sein. Jürgen Rüttgers hat mit seiner Kritik am Arbeitslosengeld I in der Sache unrecht, denn die Arbeitslosenversicherung ist eine Risikoversicherung, doch diese Tatsache wird von 75% der Bevölkerung ignoriert, weil eben erkannt wurde, dass etwas falsch läuft in Deutschland. Die einseitige Angebotspolitik der grauen Männer in den letzten Jahren hat eine Kälte geschaffen, die dem kleinen Mann auf der Straße unbehaglich ist, trotz der momentan frühlingshaften Temperaturen. Der Philosoph John Rawls hatte einmal einen Imperativ formuliert, an den wir uns gerne erinnern: Der steigende Wohlstand einer Gesellschaft ist nur dann gerecht verteilt, wenn er auch dem ärmsten Bürger die Steigerung seines Einkommens beschert. Das ist leider nicht der Fall! Der Ärmste wird immer ärmer und der Arme ist der Dumme! Aber nicht nur das: Die Unterschicht ist apathisch, die Mittelschicht hat Existenzängste ohnegleichen, der Mittelstand ist verunsichert und die Manager fallen ob ihrer Instinktlosigkeit und Kälte auf. Das Jammern ist berechtigt! Und wenn Ottonormalverbraucher verunsichert ist, Existenzängste und weniger verfügbares Einkommen hat, dann verweigert er sich dem staatlich verordneten Konsum. Und wenn nicht konsumiert wird, dann stagniert der Binnenmarkt. So einfach ist das, denn Angst versetzt eben keine Berge. Wie kommen wir nun heraus aus diesem Jammertal? Ein Fünfpunkteprogramm könnte helfen, dem hohen Ziel näher zu kommen.

1. Bei allen polititischen Reformen und Maßnahmen müssen die psychologischen Auswirkungen berücksichtigt werden! Eine Reform ist keine Reform, falls die Mehrheit der Bevölkerung die Reform boykottiert.

2. Die Haushaltskonsolidierung darf kein Selbstzweck eines reichen und somit kreditwürdigen Landes sein! Verschuldung in Maßen (innerhalb des vorgegebenen Rahmens des Stabilitätspaktes) schützt vor Beschneidung der Nachfrage und heizt den Konsum an.

3. Die Fremdleistungen der Sozialkassen (Kosten für Arbeitslose, Kranke und Rentner Ostdeutschlands, sowie Pensionen der Beamten) müssen mittels höherer Steuern finanziert werden! Dadurch wird der Produktionsfaktor Arbeit günstiger. Deutschland liegt mit einer Sozialabgabenquote von 18,5 % vom BIP an der Spitze der alten EU Länder. Auf der anderen Seite ist die Steuerquote in Höhe von 22,3% des BIP sehr niedrig. In keinem Land der alten EU wird dieser günstige Steuersatz erreicht, nur Japan und die USA leisten sich günstigere Steuerquoten. Aufgrund der Reduzierung der Lohnnebenkosten könnten unverzüglich zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

4. Sofortige Einführung eines ÖSP! Auch Ottonormal erfährt die Klimaveränderungen am eigenen Leibe. Die größte Herausforderung der Volkswirtschaften wird die zukünftige Bewältigung der Umweltkosten sein.

5. Bildung, Bildung und nochmals Bildung! Eine gebildete Gesellschaft sichert die Führungsrolle in den Schlüsseltechnologien und ist ein Grundstein für zukünftige Exportweltmeisterschaften.

Der Physiker und Philosoph Stefan Klein hat analysiert, unter welchen Voraussetzungen Menschen glücklich sind. Die Menschen sind glücklich, wenn sie in einer demokratischen und solidarischen Gesellschaft selbstbestimmt leben. Ihm zufolge leben glückliche Menschen in einer Gemeinschaft, in der das Volkseinkommen gerecht verteilt ist und die Einkommensunterschiede nicht unverhältnismäßig groß sind.

Was lernen wir daraus? Die Umsetzung dieser Erkenntnisse wird uns die Tür aus dem Jammertal öffnen.



__________________
Die Tollkühnheit des Schreibers und sein spontanes Bedürfnis nach Wahrheit müssen allemal größer sein als dessen Furcht vor den Konsequenzen seiner Aussagen.
RAFAEL SELIGMANN

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Balu
???
Registriert: Nov 2006

Werke: 71
Kommentare: 266
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Balu eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo

Wo fängt man nach dem Lesen eines solchen Textes an?

Über die formalen Qualitäten und gut recherchierten Aussagen, gibt es wenig zu sagen. Da stimmt alles.

Die Aussagen und Perspektiven schieben bei mir Gedanken an, weil sie frei von Polemik und auch Menschen mit einfach strukturierten Denkmustern zugänglich sind.

Als Kleinunternehmer gehöre ich zu der Gruppe Bürger in unserem Land, die auch bei weniger guten Rahmenbedingungen
etwas bewegen , weil sie flexibel reagieren können.
Aber auch ich habe mit Versäumnissen unserer Gesellschaft zu kämpfen. Und da ist das ganz große Problem die Verfügbarkeit über "brauchbare" Arbeitskräfte. Ich will das Wort qualifiziert schon garnicht benutzen, ausbaufähig würde schon genügen. Solange der Handwerkerberuf im Ansehen der Menschen weit unten rangiert und solange den kleinen Betrieben das Ausbilden erschwert bleibt, solange wird sich die Situation nicht verbessern. Wenn zum Beispiel in einem Schreinerbetrieb das Durchschnittsalter der Mitarbeiter bei 38 Jahren liegt, dann gibt mir das erheblich zu Denken, genau wie die Tatsache,
dass im Baugewerbe jeder zweite Mitarbeiter nicht mehr in Deutschland geboren ist und keine entsprechende Ausbildung vorweisen kann. Hier ist ganz schnelles Handeln gefragt, sonst geht ein gigantisches Potential an Fachwissen nicht weitergegeben in den Rentnerbestand über.

Meiner Meinung nach gehen die Reformer zu sehr an das "Was muss geändert werden" heran, ohne zu hinterfragen "Wo KANN man was ändern und wo trägt es Früchte"

Die Gedanken zum psychologischen Hintergrund der mangelnden Aufbruchstimmung kann ich nur unterstützen.
In unserem System existiert nur ein sehr geringer Bestand an "Faulenzern", aber es werden eine Menge davon produziert, wenn Arbeitsuchende weiterhin verwaltet und nicht betreut werden und wenn der Kontakt zu den Arbeitgebern nur als Pflichtübung betrieben wird.

Ich wünsche mir, dass "anschiebende" Texte wie dieser nicht nur einem Kreis von Autoren zugänglich werden.

Bearbeiten/Löschen    


dubidu
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2002

Werke: 62
Kommentare: 868
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um dubidu eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Lieber Balu,

zunächst einmal herzlichen Dank für deine Auseinandersetzung mit meinem sehr lang geratenen Beitrag.

quote:
Meiner Meinung nach gehen die Reformer zu sehr an das "Was muss geändert werden" heran, ohne zu hinterfragen "Wo KANN man was ändern und wo trägt es Früchte"

Genau das ist der Punkt. Diese Frage sollten wir uns ständig stellen, damit nicht (fast täglich) neue Gesetze korrigiert, nachgebessert, erneuert und umformuliert oder gar als verfassungswidrig eingestuft werden müssen.

Gruß
gez. das dubidu
__________________
Die Tollkühnheit des Schreibers und sein spontanes Bedürfnis nach Wahrheit müssen allemal größer sein als dessen Furcht vor den Konsequenzen seiner Aussagen.
RAFAEL SELIGMANN

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!