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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Anna-2
Eingestellt am 20. 08. 2002 11:06


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Suzie
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Anna-2

-1-

Vor zwei Wochen hattest du Muschelsuppe f├╝r mich gekocht, erinnerst du dich, Anna? Du hast uralte, staubige Schalen, die wir vor einigen Jahren w├Ąhrend unseres letzten Urlaubs auf Fehmarn gesammelt hatten, in einen Topf geworfen, Wasser dar├╝ber gegossen und darin herum ger├╝hrt, als w├Ąrest du von Sinnen. Ich wagte nicht, dich zu st├Âren, denn du warst ganz versunken und murmeltest irgendwelche Zauberspr├╝che vor dich hin. Als du die Speise fertig glaubtest, riefst du nach mir, sch├Âpftest mir deine Suppe auf einen Teller, hast dich neben mich gesetzt und mich erwartungsvoll angeschaut. Z├Âgerlich tauchte ich den L├Âffel in die graue Fl├╝ssigkeit und r├╝hrte darin herum. Du musst wohl bemerkt haben, dass ich keineswegs vorhatte, im Ernst etwas von diesem absonderlichen Gericht zu essen, denn pl├Âtzlich packtest du meine Hand und rammtest mir den L├Âffel wuchtig zwischen die Z├Ąhne. Erschrocken begann ich, zu kauen und die Muschelschalen splitterten in meinem Mund, gruben sich in mein Zahnfleisch und scheuerten meinen Gaumen sofort wund. Mir brach ein Zahn ab und ich spuckte den Bissen panisch wieder aus. Mein Speichel war vermischt mit Blut und Muschelst├╝cken und bei diesem Anblick keimte ein Lachen in dir auf, erst glucksend und verhalten, aber dann konntest du es nicht mehr unterdr├╝cken, fielst von deinem Stuhl und hast dich auf dem Boden gekr├╝mmt.
__________________
*On ne trouve pas le freins; ou pas aussi vite qu'on ne trouve le merveilleux...*

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Suzie
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-2-

Anna,
einst hattest du eine riesige Wunde, die dir quer ├╝ber den Bauch lief. Es hatte geregnet, drau├čen schwamm die Welt weg, sickerte in die Erde, lief von den Rinnsteinen.
Und du standest mir gegen├╝ber und wolltest deinen aufgeschlitzten K├Ârper vor mir verbergen. Doch deine H├Ąnde waren viel zu klein und zu zart, um mich bel├╝gen zu k├Ânnen.
Ich fragte dich, wie deine Verletzung passiert sei; du hast dich blo├č weggedreht und angefangen, eine eigenartige Melodie zu summen. Wei├čt du, dass ich manchmal den Eindruck hatte, du w├Ąrest vollkommen verr├╝ckt? Aber dann hast du immer so merkw├╝rdig kluge Sachen gesagt und dann war ich so beeindruckt und mir wurde bewusst, dass es Momente gab, in denen dir drei Dimensionen einfach nicht gereicht haben.
Das hat dich immer ganz schwerm├╝tig gemacht, trotzdem wolltest du dir nie helfen lassen. Schon gar nicht von mir. Ich durfte dich in eine Gardine wickeln; wie eine Schmetterlingsraupe in ihrem sch├╝tzenden Kokon lagst du auf meinem Bett. Und dann hast du jedes Mal erleichtert aufgeh├Ârt, zu atmen.
__________________
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Suzie
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-3-

Einmal habe ich ein Bild von dir gemalt, Anna. Du wei├čt das gar nicht, denn es gab eine Zeit, da schliefst du drei Tage lang ununterbrochen. Ich kam nach Hause und du hingst quer ├╝ber dem Wohnzimmertisch ausgestreckt, den Kopf in der hellblauen Emaillesch├╝ssel, die wir immer beim Kartoffelnsch├Ąlen f├╝r die Abf├Ąlle benutzen. Die ganze Wohnung war voll mit kaltem Rauch und ich entdeckte, dass du auf den Teppich einen Haufen Asche hingesch├╝ttet hattest, in den die Worte „Mach das Licht aus“ geschrieben waren. Ich vergewisserte mich ├Ąngstlich, dass du noch atmetest, dann hob ich dich vorsichtig hoch und trug dich zum Bett. Ich hockte mich auf den Bettrand und wartete, doch du bist einfach nicht aufgewacht. Bis in den Morgen konnte ich keine Ruhe finden und habe immer nur gehorcht, ob du irgendeinen Laut von dir gibst. Eine Stunde, bevor ich bei der Arbeit erscheinen sollte, entschloss ich mich, einen Arzt zu rufen und mich in der Firma krank zu melden. Der Doktor kam sehr rasch, ich muss am Telefon wohl sehr aufgel├Âst und nerv├Âs gewirkt haben, denn er redete sogleich beruhigend auf mich ein und begriff zuerst nicht, dass es ja um dich ging, die da wie leblos und ganz erstarrt auf dem Bett lag. Er trat auf dich zu, betrachtete dich eingehend, zog dir die Lider nach oben und leuchtete dir mit einer winzigen Lampe in die Augen. Dann h├Ârte ich ihn mich fragen, ob du regelm├Ą├čig Medikamente nehmen w├╝rdest. In meinem Kopf drehte sich alles und ich klammerte mich m├╝hsam an der Wand fest. Das ist so bitter, Anna. Warum tust du mir das immer wieder an? Ich durchw├╝hlte den Hausapothekenschrank und entdeckte eine leere Packung Schlaftabletten. Die harten. Barbiturs├Ąurederivate.
Du kamst ins Krankenhaus. Ich war Tag und Nacht bei dir. Ich wollte dich keinen Augenblick alleine lassen.
Und ich zeichnete dich. Nach drei Tagen, ich beugte mich gerade etwas ├╝ber dein Gesicht, um deine Stirnkonturen besser zu erfassen, schlugst du ganz unvermittelt die Augen auf. Ich zuckte vor ├ťberraschung zur├╝ck, aber du griffst mechanisch in mein Haar, zogst mich brutal zu dir hinunter und gabst mir einen harten und kalten Kuss. Dann hast du die Zimmernotklingel gedr├╝ckt und mich rauswerfen lassen.
__________________
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Suzie
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-4-

Anna,
einmal haben wir zusammen Beethoven geh├Ârt, ich glaube, es war das Opus 131 und du hast pl├Âtzlich zu schreien angefangen. Ich werde das niemals im Leben vergessen, du schriest und schriest und das hat sich mir f├╝r immer eingebrannt, weil es ganz und gar nicht menschlich klang. Es h├Ârte sich an, als w├╝rde im Winter das Eis des gr├╝nen Sees in unserem Garten brechen und alle Stille f├╝r immer verschlingen. Ich sah nur, dass du deinen Kopf gegen die Wand schlugst, immer und immer wieder und deine Stirn aufplatzte und dein Blut von der Tapete rann. Da habe ich versucht, dich wegzuzerren, doch du warfst deinen gelben Schirm so mit aller Kraft nach mir, dass er nur knapp meine rechte Schl├Ąfe verfehlte. Ich wusste einfach nicht, was ich tun sollte, Anna. Dann ├Âffnetest du das Fenster und starrtest eine Weile hinaus und dein K├Ârper zuckte unabl├Ąssig dabei. Und dann bist du gesprungen.
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hawaii7
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hi,
find die geschichte echt sch├Ân, doch ich kann mir nicht richtig einen reim drauf machen. also ich weiss ja nicht vielleicht geh├Ârt das auch zur freiheit des k├╝nstlers, dass man nie erf├Ąhrt wer anna ist oder es kommt noch in weiteren teilen. aber wenn nicht, wer ist anna?
Naja, es liesst sich auf jeden fall toll.

bis bald,
hawaii7
__________________
es ist besser f├╝r das was man ist gehasst, als f├╝r das was man nicht ist, gliebt zu werden.
oscar wilde

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magdalena heische
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hawaii7, dir fehlt wom├Âglich eine Hintergrundinformation zu Anna, die ich habe...
So sieht also deine Anna aus, Suzie. Etwas bin ich ja erschrocken, du hattest recht mit deiner Ank├╝ndigung. Deine Anna ist so blutig und unnachsichtig...
Andererseits bin ich auch fasziniert von den Texten. Ich glaub, sie sind genau das, was man bei deinem Schreibstil von der Weiterentwicklung meiner Vorlage erwarten konnte.
Deine Anna ist ganz anders, du hast recht. Sie hat eine andere Pers├Ânlichkeit, Neigungen und Z├Ąrtlichkeiten sind anders auf die Pers├Ânlichkeit verteilt. Meine Anna mag Beethoven ├╝berhaupt nicht. Sie liebt nur italienische Opern...
Es w├╝rden mich zwei Sachen interessieren. Erstens: wirst du deine Textreihe auch weiter fortsetzen? Ich finde, sie ist es wert.
Zweitens: Gibt es auch bei dir eine reale Entsprechung, die du literarisch verfremdet (so wie in deinem Profil beschrieben) nachzeichnen willst?
Du hast mich sehr beeindruckt, Suzie. Sp├Ąter mehr. Deine Lene.
__________________
Unsere Leben sind die Tr├Ąume der Anderen.

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