Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92266
Momentan online:
242 Gäste und 11 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kindergeschichten
Anna auf der Suche nach der Geduld
Eingestellt am 29. 10. 2004 21:25


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Astrid
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2003

Werke: 105
Kommentare: 83
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Anna auf der Suche nach der Geduld
Anna war fünf geworden. Gestern durfte sie mit ihren Freundinnen Geburtstag feiern und heute kamen Oma und Opa, Tante und Onkel und noch eine Freundin von der Mama zum Kaffee.
So richtig mochte Anna diesen Nachmittag nicht. denn es war ihr so langweilig, wenn sie dabeisitzen mußte. Papa hätte sicher Verständnis für sie gehabt, aber er war leider heute nicht hier, weil sein Chef ihn zu einem dringenden Auftrag gerufen hatte.
Was sich die Großen nur alles zu erzählen haben, dachte Anna und biss in einen Keks. Sie wußte, daß Mama diese extra für ihren Geburtstag gebacken hatte, aber gestern, als sie mit ihren Freundinnen in ihrem Zimmer tobte und spielte und sich verkleidete, hatten diese Kekse noch viel besser geschmeckt. Sie hatten so gut geschmeckt, daß Mama sie ermahnen mußte, nicht zuviel davon zu essen.
Doch heute kaute Anna lustlos darauf herum. Sie waren irgendwie - trocken. Gestern waren sie doch noch völlig in Ordnung. Können Kekse denn von einem auf den anderen Tag trocken werden?
Während Anna über diese wichtige Frage nachgrübelte, meinte Onkel Paul, der neben ihr saß: „Nun erzähle du doch auch mal was, bist ja so still!“ Und Anna erzählte, daß die Kekse gestern noch nicht so trocken waren wie heute.
„Die Kekse sind doch nicht trocken!“ empörte sich die Mama und schüttelte nur den Kopf. „Was das Kind nur wieder für Gedanken in seinem Kopf hat.“
Und so schwieg Anna lieber wieder und spielte mit den Kekskrümeln auf ihrem Teller. Mit den trockenen Krümeln von den trockenen Keksen, die auf ihrem Teller nun noch trockener wurden.
Insgeheim wünschte sie sich, daß die Großen bald aufhören würden, soviel zu erzählen und daß sie wieder gehen würden und Mama ihr noch eine Geschichte vorliest, eine ganz lange.
Und während sie bereits von dieser Geschichte träumte, bereiteten sich die Gäste darauf vor, zu gehen.
„Anna, komm, sage auf Wiedersehen! Was träumst du denn schon wieder?“
Das Mädchen sprang auf, wußte sie doch, daß sie ihrem Ziel nun ganz nahe war. Gleich würde Mama für sie Zeit haben.
Aber ein bißchen dauerte das doch noch, weil sich die Erwachsenen selbst in der Tür und vor der Tür und hinter der Tür noch soviel zu erzählen hatten und sich küssen mußten und winkten und was weiß ich noch, ehe sie endlich gingen.
Die Tür wurde hinter dem letzten Gast geschlossen, Mama atmete durch, Anna klatschte in die Hände und jubelte. „Fein, jetzt sind wir wieder allein und ich muss dich unbedingt fragen…“
„Nachher Anna, ich räume jetzt schnell den Tisch ab und dann kommt sicher auch Papa bald von der Arbeit. Vielleicht später. Habe ein bißchen Geduld. Gehe noch ein bißchen spielen“ meinte Mama.
Enttäuscht schlich Anna in ihr Zimmer und sagte zu Hans, der dort den ganzen Nachmittag auf sie gewartet hatte: „Wenn ich mal groß bin, habe ich nicht soviel zu tun, das verspreche ich dir!“
Hans war ihr dicker brauner Teddy, dem schon ein Ohr fehlte und den sie über alles liebte. Ohne ihn ging sie nicht in den Kindergarten und ohne ihn schlief sie nicht ein.
Anna legte sich auf ihr Bett, nahm Hans in den Arm und erzählte ihm, wie langweilig der Nachmittag gewesen war, wieviel sich die Erwachsenen zu erzählen hatten und daß Mama zu ihr gesagt hatte, sie solle Geduld haben.
Hans hatte nicht soviel zu tun und konnte ihr ganz lange zuhören.

Da schloss es an der Wohnungstür. - Freudig hüpfte sie in den Flur.
„Hallo Papa!“ rief sie aufgeregt. „Kannst du der Mama von dem Sovielzutun nicht etwas abnehmen?““
„Hallo mein kleiner Schatz, vielleicht später, ich hatte einen anstrengenden Tag und möchte mich erstmal ein kleines bisschen ausruhen, verstehst du“.

„Ich hatte auch einen anstrengenden Tag!“
meinte Anna mit ernstem Blick. „Alle haben so viel geredet und ich habe nichts verstanden und außerdem waren die Kekse trocken.“
In diesem Moment fing sie sich einen bösen Blick von Mama ein.
„Nun lass doch den Papa erstmal zur Ruhe kommen“ ermahnte sie Anna.
„Aber der Papa ist doch schon ruhig“ entgegnete Klein-Schatz-Anna.
„Das sagt man doch nur so, Krümel“ meinte der Papa, nahm sie hoch, trug sie in ihr Zimmer und setzte sie zu Hans auf das Bett. „Kümmerst du dich ein bißchen um sie?“, bat Papa den dicken braunen Teddy mit dem einen Ohr. An der Tür drehte er sich noch mal um und sagte: „Habe einfach ein bißchen Geduld.“

Dieses komische Wort hatte sie heute nun schon zweimal gehört.
Später am Abend, als Mama sich über sie beugte, um ihr einen Gute-Nacht-Kuß zu geben und ihr erklärte, warum sie heute keine Geschichte mehr lesen konnte, fragte Anna: “ Aber eines möchte ich doch zu gern wissen: „Was ist eigentlich Geduld?“
Die Mama strich Anna über die Stirn, seufzte, gab ihr einen zweiten Gute-Nacht-Kuß, lächelte und sagte: „Schlafe jetzt, es ist schon spät, mein kleines Mädchen, und träume nicht immer soviel. Gute Nacht.“

„Hat Geduld denn etwas mit Träumen zu tun?“ fragte Anna noch schnell.
„Es hat etwas mit Warten können zu tun, Anna. Schlafe jetzt.“

Anna hielt ihren Hans ganz fest im Arm und flüsterte ihm zu: „Hast du gesehen, wie Mama gelächelt hat? Also Geduld ist wirklich etwas Schönes! Nur das mit dem Warten habe ich nicht ganz verstanden. Weißt du was, wir fragen morgen einfach die Tante im Kindergarten, was Geduld ist.

Als Anna am nächsten Morgen bei Tante Monika in ihrer Gruppe ankam, waren schon sehr viele Kinder da. Es war laut im Raum, in einer Ecke stritten sich Maria, Anika und Paul um einen Puppenwagen, Felix hatte mal wieder eingepullert und es war gar nicht so leicht, und es dauerte eine Weile, bis Anna ihre Frage fragen konnte:
„Monika, was ist eigentlich Geduld?“

„Das hier“ - meinte Monika und breitete die Arme aus.

„Das, was ich hier bei euch oft ganz viel brauche, Anna!“
Und schon war sie wieder weg, weil sie erneut ein paar Streithähne auseinanderbringen musste.
Mmmh, dachte Anna, von Warten hat sie aber nichts gesagt. Vielleicht gibt es ja verschiedene Gedulds, einmal ein Warten-Geduld, dann ein Ganz-viel-brauchen-Geduld.
Hans, sagte sie zu ihrem Teddy, wir müssen wohl doch noch weiterfragen.

Als nächstes wollte Anna den lieben Hausmeister fragen, der beim Spielzeugreparieren immer so lustige Lieder pfiff. Sie hatte Glück, denn genau an diesem Tag ging das große gelbe Auto entzwei und sie durfte es zusammen mit Monika in die Werkstatt bringen. Ungeduldig zappelte sie neben Monika herum und konnte es gar nicht erwarten, bis die beiden mit dem Erzählen fertig waren.
Plötzlich fasste Monika Anna bei der Hand und wollte mit ihr wieder zur Gruppe gehen. „Nein“ rief diese empört, „ich wollte doch noch etwas Wichtiges fragen. Der Hausmeister und Monika sahen sich an und schauten dann beide zu Anna. Doch in diesem Moment hatte sie vor lauter Aufregung ihre Frage vergessen. Traurig legte sie ihre Hand in Monikas und ging mit ihr zurück zu den anderen Kindern.

Den ganzen Tag über grübelte Anna nach dem verlorengegangen Wort. Es hatte etwas mit Warten zu tun, aber nichts mit Träumen. War das ein schweres Rätsel! Ob sie es jemals lösen konnte?

Am nächsten Nachmittag spielte Anna mit ihren Freunden auf dem Hof.
Doch sie hatte einen Plan. Das Wort war ihr am Morgen wieder eingefallen und sie hat sich fest vorgenommen, heute herauszufinden, was Geduld bedeutet und wenn sie durch die ganze Stadt laufen sollte. Als die Mama nicht mehr am Fenster zu sehen war, lief Anna los.
Sie war aufgeregt und überhaupt nicht ängstlich, denn Hans, ihr Teddy mit dem einen Ohr würde sie ja sicher beschützen.

Also lief sie durch die Straßen, sah den Erwachsenen ins Gesicht und lauschte, was sie erzählten, immer in der Hoffnung, einer von ihnen würde das Wort sagen. Aber sie konnte es nirgends hören.
Da sah sie vor dem Kaufhaus einen großen Jungen, der lange Haare hatte wie ein Mädchen und ständig auf und ab lief. Dabei telefonierte er. Er blieb nicht eine Minute auf der gleichen Stelle stehen, lief ein paar Schritte nach links, drehte sich und lief ein paar Schritte nach rechts. Auch seine Hände schienen keine Pause zu machen, er wechselte das Handy von der einen Hand in die andere und wedelte mit der jeweils freien in der Luft herum. Nachdem Anna ihn eine Weile beobachtet hatte, nahm sie ihren Mut zusammen und sprach ihn an.
„Hallo“ sagte sie, schüchtern lächelnd, „hast du Geduld?“ Der Junge blieb sekundenlang stehen, weil er so überrascht war über das kleine Mädchen und diese seltsame Frage.
Doch sofort setzte er sich wieder in Bewegung. Anna lief einfach neben ihm her. Zuerst versuchte der Junge sie nicht zu beachten und telefonierte weiter, doch als er merkte, daß er sie wohl nicht so schnell nicht loswurde, beendete er sein Gespräch. Er beugte sich für einen Moment,
aber nur einen wirklich klitzekleinen,
zu Anna herunter und meinte lachend: „Bist du verrückt? Ich und Geduld? Ich konnte schon als Kind nie still stehen!“ Und er lief weiter, nach rechts, Drehung, nach links.
Aber Anna reichte diese Antwort nicht und sie stellte sich ihm einfach in den Weg. Dabei pochte ihr kleines Herzchen vor Aufregung schon ein wenig schneller. „Hey, du bist aber anhänglich!“ fluchte der Junge.
„Pass’ mal auf“ „Siehst du die große Uhr dort über dem Bahnhofseingang? Die hat Geduld. Immer und immer wieder dreht sie sich im Kreis und braucht dafür exakt die gleiche Zeit.“ So und nun muß ich aber weiter.

Anna stand da, sah zur dicken Bahnhofsuhr hinüber und war nun völlig durcheinander. Ein Warten-Geduld, ein Ganz-viel-brauchen-Geduld und ein Im-Kreis-Drehen-Geduld, dachte sie. Welches aber hat die Mama nur gemeint? Wollte sie etwa, daß Anna im Kreis lief wie die Bahnhofsuhr, immer in derselben Zeit?

Anna war enttäuscht, traurig und müde. Vom vielen Laufen taten ihr die Füße weh und sie ließ sich erschöpft auf eine Bank plumpsen. Nach einer Weile bemerkte Anna, dass auf dieser Bank noch jemand saß: es war ein alter Mann, der einen weißen Hut trug, freundlich vor sich hinlächelte und ein paar Spatzen fütterte.

Sie schaute ihm zu und fragte: „Warum hast du Zeit, hier zu sitzen, hast du nicht auch so viel zu tun wie meine Mama und der Papa und alle anderen Erwachsenen?“
„Ach weißt du, mein Kind, man muß auch manchmal eine Pause machen und einfach ein bißchen Geduld haben.“

Anna sprang auf. „Du hast Geduld? Oh, ich suche schon solange danach! Was bedeutet das denn und kannst du mir von der Geduld etwas abgeben?
„Langsam, langsam Kleines, nun erzähle mir erstmal in Ruhe, wonach du schon solange suchst.“ antwortete der freundliche Mann.
Und Anna erzählte alles von Anfang an, von den trockenen Keksen und wie sie das Wort Geduld gehört hat und daß keiner ihr sagen konnte, was es eigentlich bedeutet.

Der Alte lachte und strich Anna über das Haar. „Du bist aber wirklich ungeduldig. So war ich auch, als ich jung war, aber inzwischen habe ich gelernt, daß es viel mehr Spaß macht, wenn man etwas Geduld hat. Ja, Geduld hat wirklich etwas mit Warten können zu tun.“
„Aber ich will nicht immer nur warten! Warten ist blöd!“ protestierte Anna.
„Also wenn du dir ganz doll etwas wünschst und du bekommst es in diesem Moment, ohne daß du darauf warten mußt, würde dir das gefallen?“ fragte der Mann.
„Oh ja, das wäre toll!“ meinte Anna.
„Und dann wünschst du dir wieder etwas und wieder und immer bekommst du es gleich, in diesem Moment, in dem du es dir wünschst. Wird das nicht irgendwann langweilig?“
„Warum?“ fragte Anna.
„Weil du ja nun alle Dinge schon hast und gar nicht mehr weißt, was du dir noch wünschen sollst“ sagte der alte Mann.

Anna dachte darüber nach.
„Aber sage doch mal, kleines Mädchen, wird dich deine Mama nicht schon überall suchen?“

Oh Schreck, in diesem Moment erst fiel ihr die Mama wieder ein. Anna rannte los, rief dem Mann vom Weiten noch zu: „Tschüß und danke“.
Sie lief so schnell sie konnte und ihre Wangen glühten nicht nur vom Rennen.
Endlich stand sie vor ihrer Haustür, klingelte und rang nach Luft.

Die Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie ihre kleine Anna sah, nahm sie in den Arm, lachte und weinte. Schließlich aber stemmte sie ihre Hände in die Hüften, versuchte Anna böse anzusehen und meinte: „Wo warst du, ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht und jeden Moment am Fenster geguckt, ob ich dich sehe.“



Da lächelte Anna und sagte: „Mama, du musst eben einfach Geduld haben!“

__________________
Astrid

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Kindergeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!