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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 07. 06. 2014 10:19


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Tehdry
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Goldschatz

WĂŒrde sie jemals als gleichwertig respektiert werden? Oliver beobachtete seine kleine Tochter, die vor dem Kaninchenstall auf dem Rasen hockte und vergnĂŒgt juchzend in die HĂ€nde klatschte. Kindlich unbekĂŒmmert, mit ihren zweieinhalb Jahren noch ahnungslos gegenĂŒber dem Leben, was sie vielleicht auf ihre Art bleiben wĂŒrde. In Momenten wie diesen lösten ihre zuweilen leicht stupide wirkenden GesichtszĂŒge eine schmerzhafte ZĂ€rtlichkeit in Oliver aus. Sein Goldschatz. Das war in den ersten Monaten noch nicht so. Da lag sie ihm bleischwer auf der Seele und nahm ihm die Leichtigkeit seiner TrĂ€ume. Julia war nicht das Kind, das er sich so sehr gewĂŒnscht hatte. Seine Vorstellungen hingen anderen Bildern nach, in denen ihn inmitten von StupsnĂ€schen und Pausbacken zwei wunderschöne, strahlend blaue Kulleraugen anlachten. Ihre Augen hingegen waren anders, sie selbst war nicht so, wie sie sein sollte, und der Stachel der EnttĂ€uschung saß tief. Er hielt Julia in den Armen, wollte sie aufrichtig lieben, tat es aber nur halbherzig und mit schlechtem Gewissen, seine Frau noch nicht mal das.

An irgendeinem unbefangen sonnigen Morgen vor zwei Jahren, er war mit ihr alleine zu Hause, passierte es. Oliver zog die VorhĂ€nge beiseite, das Sonnenlicht flutete hinein und tauchte das Zimmer in eine fröhliche Unbeschwertheit, in der die Staubpartikelchen in der Luft tanzten. Als er an ihr Bett tritt, liegt sie da, schon wach, reckt ihm die Arme entgegen und strahlt ihn an. So wie sie es schon hĂ€ufiger getan hatte, nur diesmal war es anders. Diesmal war es befreiend. Mit einmal erschien ihm die Art, wie sie ihre Zunge bewegte, immer nur vor und zurĂŒck, als ein Ausdruck unbeschwerter Lebensfreude und nicht lĂ€nger als das, wie er es sonst empfand – behindert. So, wie die meisten seiner Freunde immer noch empfanden. Seine Frau ging einen Schritt weiter. Julia war fĂŒr sie ein Klotz am Bein. Und ihr Downsyndrom ein Spiegelbild seines Versagens. Sein Problem. Seine Samen. Sie schaffte es, dass er sich schuldig fĂŒhlte. Schlimmer noch, er erniedrigte sich stĂ€ndig selbst, weil er sie trotzdem wie eh und je begehrte.

Hier, deine Tochter schreit mal wieder, oft gehörte Worte, wenn sie ihm Julia in die Hand drĂŒckte, die offensichtlich genau ihre ablehnende Haltung spĂŒrte. Barbara hatte ihr Leben verlagert und ging als Agenturchefin konsequent ihrer Karriere nach, wĂ€hrend es sein Job war, sich um Haus und Kind zu kĂŒmmern. Nach wie vor schlummerte ein Funken Hoffnung in ihm, irgendwann mit ihr diese Freude an Julia teilen zu können. Schließlich hatte er auch seine Zeit gebraucht.
Sein Bruder Thorsten hielt ihn hingegen fĂŒr rettungslos naiv. Ihr seid nicht zu dritt, du bist zweimal zu zweit. Schalt mal dein Hirn ein. Seine Anmerkung, als er von seinen UrlaubsplĂ€nen mit Barbara und Julia erzĂ€hlte, sie zu dritt zwei Wochen in einer Finca auf Formentera, PlĂ€ne, die im Nichts verpufften.

„Mein Gott, wo bist du denn gerade? In irgendeiner Weltuntergangsstimmung gelandet?“
Beates Stimme zerrte ihn wieder aus seiner Versunkenheit heraus. FĂŒr Momente hatte er ihre und Thorstens Anwesenheit völlig vergessen, die beide auf Wochenendbesuch waren.
„Entschuldigt, hab gerade ĂŒber den Urlaub nachgedacht.“
„Du meinst den geplatzten? Das klingt mir nach einer guten Idee. Wie schade nur, dass Barbara gar nicht mehr da ist. Der ist das nĂ€mlich furzegal, die weilt bekanntlich schon lĂ€ngst auf einem anderen Planeten. Erst GeschĂ€ftsreise, jetzt ein kleiner Segeltörn zur Entspannung.“ Thorsten presste den HandrĂŒcken an die Stirn, ihre Geste, in der stets ein Hauch von Drama mitschwang, und ahmte ihren bĂŒhnenreifen Tonfall nach. „Ich muss unbedingt mal wieder den Akku aufladen.“
Beate funkelte ihn an.
„Wie wĂ€r's zur Abwechslung mal mit einem konstruktiven Beitrag statt stĂ€ndig auf Barbara rumzuhacken?“
„Ach was? Ich hacke auf Barbara herum?“ spottete er. „Ja verdammt noch mal, wieso denn auch nicht? Und das Ganze mit wachsender Begeisterung. Von Anfang an hat diese wandelnde Diva Julia abgelehnt, sie wollte ihre eigene Tochter ja noch nicht mal stillen!“
Ihm war anzumerken, wie viel Kraft es ihn kostete, nicht die Beherrschung zu verlieren. Er saß vornĂŒber gebeugt, die HĂ€nde beschwörend nach vorne gerichtet.
„Egal was, alles bleibt bei Oliver hĂ€ngen.“ Er zĂ€hlte an den Fingern ab. „Windeln, FĂŒttern, Trösten, Spielen, hinbringen zum Kindergarten, wieder abholen, Untersuchungen, das volle Programme. Aber was mich beinahe genauso sauer macht, dass sich dieser TraumtĂ€nzer hier tatsĂ€chlich noch ein zweites Kind wĂŒnscht. Das muss der Mensch sich mal auf der Zunge zergehen lassen – ein zweites Kind mit dieser karrieregeilen, durch und durch egomanischen Frau. Und dann diese stĂ€ndigen...“
„Ist gut jetzt“, unterbrach ihn Oliver. Er tat es reflexhaft, denn insgeheim gefielen ihm die Tiraden seines Bruders. Der nahm wenigstens kein Blatt vor den Mund, ganz im Gegensatz zu ihm, der viel zu viel hinnahm. Der perfekte Hausmann, der ihr den RĂŒcken freihielt. Der Lohn: Haus, Garten, Auto. Mehr, als er sich selbst als freiberuflicher Journalist leisten konnte.

„Thorsten, auch wenn ich mich wiederhole“, fuhr er fort, „du kannst nun mal nicht nachfĂŒhlen, wie es ist mit einem behinderten Kind, wie es dein oder besser euer Leben verĂ€ndert. Was immer du dir vorstellst, es bleibt zwangslĂ€ufig oberflĂ€chlich. Ihr seht Julia, erlebt wie großartig sie sein kann. Daneben kommt eine Barbara natĂŒrlich schlecht weg.“
Oliver atmete tief durch und stieß einen verhaltenen Seufzer aus.
„Okay, sie kann ihrem eigenen Kind offensichtlich keine Liebe schenken. Nur – willst du sie deswegen verurteilen? Wird das der Sache gerecht? Angenommen, du empfindest keinerlei Zuneigung oder ZĂ€rtlichkeit fĂŒr jemanden. Aus welchen GrĂŒnden auch immer. Glaubst du allen Ernstes, du kannst dir derartige GefĂŒhle aneignen wie irgendeine Fremdsprache? Wenn dein Kind behindert zur Welt kommt, dann hat das zuallererst etwas Verstörendes. Zumindest bei den meisten wird es so sein. Ich hatte genauso damit zu tun, wie du weißt. Und manche finden da eben nicht wieder raus. So etwas lĂ€sst sich nun mal nicht erzwingen.“ Sein Blick wanderte kurz zu Julia, die inzwischen völlig versunken mit ihrer Puppe spielte. „Du könntest platzen vor GlĂŒck, möchtest die ganze aufgestaute Liebe kĂŒbelweise ĂŒber dein Baby ausschĂŒtten, doch stattdessen, ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll, irgendwie fĂŒhlt sich alles falsch an, und dir wird gnadenlos bewusst, wie du zögerst. Du zögerst, unvoreingenommen dein Kind in den Arm zu nehmen und zu sagen, hallo mein Engel, schön das du da bist.“
„Das mag ja sein, aber bei Julia fĂ€llt es doch kaum auf, dass sie behindert ist. Außerdem, was bedeutet das schon? Mit der richtigen Förderung kann sie genauso leben wie andere auch. Inzwischen sind selbst Abitur und Studium keine unĂŒberwindbaren HĂŒrden mehr. Und selbst wenn Julia dafĂŒr die Voraussetzungen fehlen sollten, heißt das letzten Endes auch nichts anderes, als dass sie keine Karriereaussichten bei der Bank hat und ebenso wenig in intellektuellen Kreisen Furore machen wird.“
„Herrgott noch mal, du machst es dir ein bisschen sehr bequem. Eine lockere Bemerkung macht noch kein lockeres Leben.“
Wie so oft reagierte Beate gereizt auf die saloppe Art Thorstens.
„Ich frage mich oft, welche Perspektiven Julia in ihrem Leben haben wird. Wo sich alles um Leistung dreht, um funktionieren, dynamisch sein, Erfolg haben, am besten noch gepaart mit einem attraktiven Äußeren. Dann wieder sag ich mir, dass glĂŒcklich sein von anderen Dingen abhĂ€ngt.“
„Ich wollte auf etwas anderes hinaus“, erwiderte Oliver. „Auf dieses völlig Unvorbereitete, diese schmerzhafte Konfrontation mit deinen eigenen AbgrĂŒnden. Wenn ich eben von zögern sprach, dann steckt da wesentlich mehr dahinter. Das geht so weit, dass ich mich fĂŒr meine eigenen Gedanken geschĂ€mt habe.“ Er musste kurz schlucken.
„Der Pakt mit dem Teufel. Was gĂ€be ich darum, könnte ich das Rad zurĂŒckdrehen. Dieses deprimierende Hadern mit dem Schicksal. Warum gerade wir. Eine quĂ€lende, absolut ĂŒberflĂŒssige Frage und doch eine, die sich gnadenlos ins Hirn bohrt. Und dann dieses hĂ€tte wenn und aber. Wir hĂ€tten eine glĂŒckliche Familie sein können, mit einem gesunden Kind und tollen ZukunftsplĂ€nen. Auch ich musste es erst lernen, Julia wirklich zu lieben. Erst dann wurde mir bewusst, wie kurz davor ich war, mein eigenes Kind zu verraten.“
AufgewĂŒhlt nahm er einen großen Schluck Wein.
„Wirklich, einfach nur unverzeihlich. Umso mehr, weil Julia diejenige ist, die mir ĂŒberhaupt erst gezeigt hat, was unvoreingenommen lieben heißt. Und dann ihr unglaubliches GespĂŒr fĂŒr Stimmungslagen. Sie weiß bereits, dass etwas in der Luft liegt, bevor du selbst es merkst.“

Er verstummte und ein nachdenkliches Schweigen setzte ein. Julia pflĂŒckte inzwischen GĂ€nseblumen.
„Also, wenn ich dich richtig verstehe, geht es also deiner Frau Ă€hnlich. Oder besser gesagt, sie ist in so einer Art Abwehr stecken geblieben“, nahm Beate nach einer Weile den GesprĂ€chsfaden wieder auf. „Okay, scheint also zu passieren. Nur was ich weniger kapiere: Wieso holt sie sich keine professionelle Hilfe? Oder ihr gemeinsam? Ist doch heutzutage keine Geschichte mehr. Und außerdem, zu verlieren habt ihr doch eh nichts.“
Oliver runzelte die Stirn.
„Ehrlich gesagt, VorschlĂ€ge der Kategorie „zu verlieren habt ihr eh nichts“ finde ich problematisch. Das sagt sich so leicht, Therapie machen. Ich entblĂ€ttere nicht mal so eben meine Seele im VorĂŒbergehen. Und zu zweit dasitzen, endlich mal rauslassen, was schon die ganze Zeit raus wollte, das in Gegenwart eines Menschen, der einfach was Voyeuristisches haben muss, wenn er einen solchen Job macht, der alles ĂŒber mich weiß, ich aber kaum etwas ĂŒber ihn, nein danke, das klingt alles andere als verlockend.“ Julia guckte merklich irritiert rĂŒber, weil seine Stimme laut geworden war, und Oliver lĂ€chelte ihr winkend zu. „Entschuldigt, gibt keinen Grund laut zu werden. Aber um die Sache mit der professionellen Hilfe abzuschließen, ich bezweifele sowieso, dass ein GefĂŒhl wie die Liebe therapierbar ist.“
Er rĂ€usperte sich kurz, wie jedes Mal bei diesem Thema schien ihm der Hals auszutrocknen. „Ich stecke in einer beschissenen Sackgasse fest. Die beiden Menschen, mit denen ich mein Leben teilen will, finden nicht zueinander. Und manchmal denke ich, wer weiß, vielleicht bin ich das eigentliche Hindernis.“
„NatĂŒrlich, mea culpa. O Herr, ich versinke in einem Jammertal.“ Der sarkastische Tonfall in Thorstens Stimme war nicht zu ĂŒberhören.
„Du eierst herum, das ist dein Problem. Stell dich den RealitĂ€ten und triff Entscheidungen, zu denen du dann auch stehen kannst.“ Herausfordernd sah er ihn an. „Du hĂ€ttest so gerne noch weitere Kinder? Vergiss es. Du hoffst, Barbara legt demnĂ€chst eine Kehrtwendung hin und ihr werdet eine glĂŒckliche Familie? Vergiss es. Du entscheidest dich mit dem hier“, sein Arm wanderte von Julia ĂŒber den Garten zum Haus, „fĂŒr das Leben, das du jetzt schon fĂŒhrst. An dem, wie es ist, wird sich nĂ€mlich nichts Ă€ndern. Also nimm es hin oder bring deinen Arsch in Stellung. Aber tue mir den Gefallen und hör auf im Morast zu wĂŒhlen.“

Oliver starrte auf das Glas in seinen HĂ€nden und nickte schweigend mit dem Kopf. Er glaubte selbst nicht an den Strohhalm, an den er sich klammerte. Gleichzeitig verunsicherte ihn der Gedanke, mit der Kleinen auf sich allein gestellt zu sein. Auch wenn er sich um fast alles kĂŒmmerte, was sie betraf, es machte einen Unterschied, es in jedem Fall zu mĂŒssen.
„Papa, fĂŒr dich!“ Unbemerkt war Julia an ihn herangetreten und hielt ihm strahlend einen Strauß GĂ€nseblĂŒmchen vor das Gesicht.
„Oh, was sehe ich denn da? Ein wunderschöner Blumenstrauß, ĂŒberreicht von meiner edlen Prinzessin. Eure Hoheit machen mich sehr glĂŒcklich.“ Bei den letzten Worten machte Oliver im Sitzen eine tiefe Verbeugung, die Julia mit einem Kichern quittierte.
„Wie, und ich?“ Thorsten verzog das Gesicht zu einer traurigen Flunsch und klimperte mit den Augenlidern. Mit einem Glucksen nahm Julia ein paar Blumen aus dem Strauß und ging zu Thorsten rĂŒber. In dem Moment lĂ€uteten die Hell Bells von AC/DC. Sein Smartphone, das Foto von Barbara erschien auf dem Display.

__________________
A.S.

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Architheutis
Guest
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Hallo und Willkommen Andreas,

ein wagemutiger Text, denn das Thema ist kein leichtes. Solche Texte sind aber enorm wichtig, dafĂŒr hast Du schonmal meinen Respekt!

KĂŒmmern wir uns um die literarische Umsetzung:

quote:
WĂŒrde sie jemals als gleichwertig respektiert werden? Oliver beobachtete seine kleine Tochter, die vor dem Kaninchenstall auf dem Rasen hockte und vergnĂŒgt juchzend in die HĂ€nde klatschte.

In dem "juchzend" steckt genug vergnĂŒgt bereits drinnen, so dass es doppelt ist.

Adjektive beschreiben sehr, nehmen dem Leser daher Raum seines Kopfkinos und sollten daher so sparsam wie irgend möglich verwendet werden. Nur, wenn unbedingt erforderlich, wenn ohne das Bild zu vage bleibt!

quote:
Kindlich unbekĂŒmmert, mit ihren zweieinhalb Jahren noch ahnungslos gegenĂŒber dem Leben, was sie vielleicht auf ihre Art bleiben wĂŒrde.


Kindlich - unbekĂŒmmert - ahnungslos

Zu viele Adjektive fĂŒr das selbe Thema, siehe oben. Hier ist es deutlich redundant.

Mein Tipp: Streiche den ersten Absatz komplett!

Fange mal selbst bei Absatz 2 an zu lesen. Hier wird man direkt in die Geschichte gezogen, der Leser fragt sich, was ist "es", das passierte? Und liest weiter!

Auch sind in dem Absatz genug Informationen vorhanden, der Leser begreift den Text auch ohne den erklÀrenden ersten Absatz. Wiederum werden hier Informationen gedoppelt.

Leser reagieren zornig und/oder gelangweilt auf Doppelungen: Schon wieder! oder HĂ€lt der mich fĂŒr so doof, dass er es stĂ€ndig wiederholen muss?

quote:
Seine Frau ging einen Schritt weiter. Julia war fĂŒr sie ein Klotz am Bein. Und ihr Downsyndrom ein Spiegelbild seines Versagens. Sein Problem. Seine Samen. Sie schaffte es, dass er sich schuldig fĂŒhlte. Schlimmer noch, er erniedrigte sich stĂ€ndig selbst, weil er sie trotzdem wie eh und je begehrte.

Ja! So geht das, hier ist nichts zu viel, hier öffnest Du eine Welt, in die Dir der Leser gerne folgt. Wunderbar, wie Du es schaffst, "Schuld" in das heikle Thema einzubauen. ErzÀhlerisch gut! ;-)

"es passierte" passt nicht ganz in den Duktus des Versagens. Ich stellte hier den Gegensatz seiner Liebe zum Versagen ein wenig klarer heraus.

quote:
Barbara hatte ihr Leben verlagert und ging als Agenturchefin konsequent ihrer Karriere nach, wĂ€hrend es sein Job war, sich um Haus und Kind zu kĂŒmmern. Nach wie vor schlummerte ein Funken Hoffnung in ihm, irgendwann mit ihr diese Freude an Julia teilen zu können. Schließlich hatte er auch seine Zeit gebraucht.
Sein Bruder Thorsten hielt ihn hingegen fĂŒr rettungslos naiv. Ihr seid nicht zu dritt, du bist zweimal zu zweit.

Du baust ein weiteres Thema ein: der Mann als Mutter. Das Dilemma des heutigen Mannes. Das ist gekonnt, ĂŒberfrachtet das Leitthema nicht, sondern macht es durch eine weitere Schattierung reicher, ja verstĂ€ndlicher.

"Du bist zweimal zu zweit" -> grandios! Schöne Eigensprache, das gefÀllt mir sehr.


Die folgende Dialogszene ist flĂŒssig geschrieben und lockert den Text auf. Auch gut. ;-)

quote:
Das muss der Mensch sich mal auf der Zunge zergehen lassen – ein zweites Kind mit dieser karrieregeilen, durch und durch egomanischen Frau. Und dann diese stĂ€ndigen...“

Ein weiteres Thema wird eingefĂŒhrt: ein weiteres Kind.

Hier lĂ€sst Du fĂŒr meinen Geschmack etwas liegen. Ich hĂ€tte mir gewĂŒnscht, hier einen Vorwurf wie "reicht Dir ein behindertes Kind nicht? Die Gene bla..." usw. Du verstehst?

Das machte den Text noch schÀrfer, noch tiefer. Schade.

quote:
„Der Pakt mit dem Teufel. Was gĂ€be ich darum, könnte ich das Rad zurĂŒckdrehen. Dieses deprimierende Hadern mit dem Schicksal. Warum gerade wir. Eine quĂ€lende, absolut ĂŒberflĂŒssige Frage und doch eine, die sich gnadenlos ins Hirn bohrt. Und dann dieses hĂ€tte wenn und aber. Wir hĂ€tten eine glĂŒckliche Familie sein können, mit einem gesunden Kind und tollen ZukunftsplĂ€nen. Auch ich musste es erst lernen, Julia wirklich zu lieben. Erst dann wurde mir bewusst, wie kurz davor ich war, mein eigenes Kind zu verraten.“

Hm, ist mir als Dialog ein wenig zu abgeklĂ€rt. Wer spricht denn so, vor allem, wenn er innerlich aufgewĂŒhlt ist? Die Sprache stimmt hier nicht zum Bild.

quote:
„Oh, was sehe ich denn da? Ein wunderschöner Blumenstrauß, ĂŒberreicht von meiner edlen Prinzessin. Eure Hoheit machen mich sehr glĂŒcklich.“

quote:
In dem Moment lÀuteten die Hell Bells von AC/DC. Sein Smartphone, das Foto von Barbara erschien auf dem Display.

Diese kurze Sequenz stellt das Gesamtbild nochmal dar, schliesst den Text sinnvoll ab. Es bleibt etwas im Raum hÀngen, etwas Unbeantwortetes. Das macht eine gute Kurzgeschichte aus.

Dein Schreibstil ist sicher. Man merkt, dass Du bewusst schreibst, dass der Text hier von Dir sicher mehrfach ĂŒberarbeitet worden ist. Du weisst, wie man Bilder erzeugt und bist Dir deren Wirkung bewusst.

Mein Rat:

- PrĂŒfe Doppelungen

- Gib den Dialogen einen Sprachstil, der zum Bild passt

Ein heikles Thema, aber in einem gelungenen Text verarbeitet. Weiter so!

Lieben Gruß,
Arhci

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Nosie
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Registriert: Jul 2014

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Ich schĂ€tze es sehr, wenn es in einer Geschichte ans „Eingemachte“ geht. Zu erfahren, was ein Mann im Innersten fĂŒhlt, ist eine seltene Wohltat, denn allzu oft bekommt man nur die "starke" Seite zu Gesicht. Von daher gefĂ€llt mir deine Geschichte sehr gut und ich habe eine ganze Weile darĂŒber nachgedacht.
An deinem Schreibstil gibt es auch nichts zu mÀkeln.
Das, was du deinem Protagonisten in direkter Rede in den Mund legst, klingt mir aber z.B. hier zu kopfgesteuert, heroisch und nicht ganz ehrlich:

quote:
„Okay, sie kann ihrem eigenen Kind offensichtlich keine Liebe schenken. Nur – willst du sie deswegen verurteilen? Wird das der Sache gerecht? Angenommen, du empfindest keinerlei Zuneigung oder ZĂ€rtlichkeit fĂŒr jemanden. Aus welchen GrĂŒnden auch immer. Glaubst du allen Ernstes, du kannst dir derartige GefĂŒhle aneignen wie irgendeine Fremdsprache? Wenn dein Kind behindert zur Welt kommt, dann hat das zuallererst etwas Verstörendes. Zumindest bei den meisten wird es so sein. Ich hatte genauso damit zu tun, wie du weißt. Und manche finden da eben nicht wieder raus. So etwas lĂ€sst sich nun mal nicht erzwingen.“
Keine Zuneigung fĂŒr irgend jemanden zu empfinden, ist nicht verurteilenswert, aber sie fĂŒr das eigene Kind nicht zu empfinden, doch. Dass er seiner Frau gegenĂŒber keinen Groll hegt, kann ich nicht glauben.
Auch geht sein psychologisches VerstĂ€ndnis weit ĂŒber das ĂŒbliche Maß hinaus, da will es mir nicht ganz ins Bild passen, dass er Psychotherapeuten gegenĂŒber so voreingenommen ist und ihnen Voyeurismus unterstellt.
Was ich nicht verstanden habe, ist der Strohhalm, an den er sich zum Schluß klammert. Ist das der Gedanke, seine Frau zu verlassen? Also doch Groll?

Mit großem Interesse gelesen.
Nosie
__________________
Ein anstÀndiger Mensch tut keinen Schritt, ohne Feinde zu kriegen. (Hermann Hesse)

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