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Leselupe.de > Lange Texte
Annem-Trilogie Teil I: Der Nordweg
Eingestellt am 30. 09. 2003 21:13


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putorius
Hobbydichter
Registriert: Jun 2001

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Der Nordweg

Der Regen hatte unerwartet fr├╝h, aber auch weitaus heftiger eingesetzt als angenommen. Calyr, der lediglich seine gew├Âhnliche Reisegarderobe trug hockte vor K├Ąlte zitternd im Sattel und blinzelte angestrengt in die unbarmherzig dunkler werdende Nacht. Die Art und Weise, mit der sich sein Pferd auf dem immer schl├╝pfriger werdenden Weg vorw├Ąrts bewegte, gefiel ihm nicht denn die Schritte waren von Zeit zu Zeit deutlich unsicher geworden und er konnte sp├╝ren, wie sich die Nervosit├Ąt seines Reittiers auf ihn selbst ├╝bertrug. Er fluchte leise. Wie konnte es ├╝berhaupt so weit kommen? Er gestand sich zwar ein, die Entfernung zur Wegesrast falsch eingesch├Ątzt zu haben, aber ausschlaggebend f├╝r die Verz├Âgerung seiner Reise war f├╝r ihn eindeutig der unvermutet schlechte Zustand der schmalen Handelsstra├če, die das Gebirge entlang eines eng verwundenen Tals durchschnitt. Es war dort so schmal, dass man selbst bei strahlendstem Sonnenschein beinahe im Dunkeln ritt und vom Himmel nur ab und an ein zackig sichelf├Ârmiges St├╝ck blau sehen konnte. An zwei Stellen war die relativ h├Ąufig befahrene Stra├če durch die schweren Gespanne der H├Ąndler derart in Mitleidenschaft gezogen worden, da├č Calyr es vorgezogen hatte vom Pferd abzusitzen, und die Gefahrenstelle mit gr├Â├čter Vorsicht zu passieren. Etwas sp├Ąter, an einer Br├╝cke, hatte er zumindest Anzeichen emsiger Reparaturt├Ątigkeiten entdeckt. Zu beiden Seiten der Gefahrenstelle hatte man vor nicht allzu langer Zeit frisch geschlagene Baumst├Ąmme aufget├╝rmt und zur Sicherheit die l├Ądierte Stelle des ├ťberwegs mit starken Tauen provisorisch verst├Ąrkt.
Calyr warf noch einmal einen Blick zur├╝ck zu dieser Br├╝cke, dann trieb er sein Pferd an, weiter zu reiten. Es war anzunehmen, da├č die Wegesrast zentraler Ausgangspunkt der Reparaturtrupps war und er bis dort hin wenigstens gut abgesicherte Wege vorfinden w├╝rde. Seinem Gef├╝hl konnte Calyr schon immer trauen und das sagte ihm jetzt, da├č die Rasth├╝tte schon hinter der n├Ąchsten Biegung liegen mu├čte. Das Problem war nur, dass er hier im Regen und bei dieser Dunkelheit keine Biegung erkennen konnte. Er lauschte, aber er konnte nur das Rauschen des st├╝rmischen Herbstwindes in den Baumwipfeln, das Prasseln der schweren Regentropfen und das dumpfe Grollen des Flusses Blaulauf unter sich h├Âren. Es vermischte sich zu einem d├╝steren Konterpunkt, in dem eine Komponente fehlte: Leben.
Dann aber, als der schwache Blitz eines heraufziehenden Gewitters f├╝r einen Lidschlag lang durch die wehenden Nadelb├Ąume zuckte, zeichnete sich der kantige Umriss eines Blockhauses zwischen den vor N├Ąsse gl├Ąnzenden Baumst├Ąmmen ab. Er brachte sein Pferd vor dem Haus zum Stehen und musterte irritiert das Geb├Ąude. Es brannte kein Licht, aber die Fensterl├Ąden waren nicht geschlossen. Mit einiger M├╝he gelang es ihm aber immerhin, das Schild zu entziffern, das ├╝ber dem Eingang im Wind schaukelte. "Wegesrast Nordwegklamm". Calyr lie├č sich fr├Âstelnd aus dem Sattel gleiten, band seinen Schimmel an einen Baumstamm und zog beinahe unbewu├čt sein Schwert aus der Sattelhalterung, den Blick fest auf die schemenhaft dunkle Silhouette der Wegesrast geheftet. Das blanke Metall der Waffe blitzte silbern auf, als ein weiterer Blitz die Nacht kurz erhellte. Bei dem tosenden Unwetter war es ├╝berfl├╝ssig sich anzuschleichen, also ging er direkt zu einem der Fenster auf der Stirnseite des Hauses und lugte vorsichtig ins Innere, aber er konnte durch die teuren Butzenscheiben nichts au├čer Dunkelheit erkennen. Daher schob er sich nun zur T├╝r und pr├╝fte den Riegel, aber sie war nicht verschlossen und ├Âffnete anstandslos mit einem leisen Knarzen nach innen.
Calyr trat ein und dr├╝ckte die T├╝r mit dem R├╝cken wieder ins Schloss. Einige Herzschl├Ąge lang geno├č er die Stille und Trockenheit, aber dann lehnte er sein Schwert an die Wand, griff in seinen Hosenbund und zog einen Lederbeutel hervor. Er ├Âffnete ihn mit vor K├Ąlte steifen Fingern und sogleich trat ein sanfter gr├╝ner Schimmer aus, der die niedrige Balkendecke in einen eitrigen Olivton tauchte. Er zog den Gegenstand heraus, der f├╝r das Leuchten verantwortlich war: ein Eulenauge. Eulenaugen waren kleine durchsichtige Kugeln aus einem besonderen Mineral, in das Magier vom Weg des Lichts Leuchtzauber zu legen bef├Ąhigt waren. Diese Leuchtkugeln konnte man dann zu Ringen, Talismanen oder - wie in Calyrs Fall - zu einem Amulett weiter verarbeiten. Nachdem er es sich um den Hals geh├Ąngt hatte, nahm er sein Schwert wieder in die Hand und sah sich in dem dunkelgr├╝nen Zwielicht um. Es gefiel ihm nicht, was er sah.
Die gesamte Einrichtung war zertr├╝mmert worden und lag ├╝ber den ganzen Dielenboden verstreut. Auch die Treppe, die in das Obergescho├č f├╝hrte, hatte gelitten. Das Gel├Ąnder fehlte ganz, und am oberen Ende, wo sie durch die Decke brach, klaffte ein riesiges Loch, als h├Ątte sich etwas hindurch gezw├Ąngt, das eigentlich nicht h├Ątte durch passen sollen. Das dunkle Gl├Ąnzen der Treppe lie├č darauf schlie├čen, da├č Wasser eindrang und das wiederum bedeutete, da├č vom Dach nicht sehr viel mehr ├╝brig war als von der Treppe. Aber was bei allen drei H├Âllen konnte eine derartige Verw├╝stung anrichten? Er sah sich genauer im Raum um, in der Hoffnung Anhaltspunkte f├╝r die Natur des Urhebers zu finden. Dann aber durchzuckte ein besonders glei├čender Blitz die Nacht und unterbrach seine Untersuchungen abrupt. Der Blitz lie├č die Fenster rundum erschrocken aufgl├╝hen und im selben Augenblick krachte der Donner mit einer solchen Wucht, da├č der Boden erzitterte wie unter dem Keulenhieb eines Riesen. Die pl├Âtzliche Helligkeit hatte die Fenster in Calyrs Augen gebrannt, die nun als violette Geisterbilder vor seinen Augen tanzten. Er stand wie gel├Ąhmt im Raum. Aber nicht weil er erschreckt worden war, sondern weil in dem Donner noch ein zweites Ger├Ąusch zu h├Âren gewesen war. So undeutlich zwar, dass es mehr gef├╝hlt als geh├Ârt werden konnte, aber zugleich so fremdartig, da├č es ihm einen Schauer den R├╝cken hinab rieseln lie├č.
Die Neugier trieb ihn langsam zur T├╝r, die er vorsichtig einen Spalt weit ├Âffnete. Die Gischt des gegen die Hauswand prasselnden Regens benetzte kalt und na├č sein Gesicht, so dass es ihm unm├Âglich war, in dem Unwetter irgend etwas zu erkennen. Daher ├Âffnete er die T├╝r ganz und schl├╝pfte hinaus, wo er dicht an die Wand gepre├čt den Vorplatz examinierte. Und er wurde f├╝ndig. An einer Stelle war der Boden aufgew├╝hlt und als er sich dort auf sein Schwert gest├╝tzt in die Hocke sinken lie├č, stellte er fest, dass die Pf├╝tzen in dem Bereich dampften. Er tauchte den behandschuhten Zeigefinger der freien linken Hand hinein und roch daran, um best├Ątigt zu bekommen, was er l├Ąngst schon wu├čte. Blut. Aber wessen Blut? Er sah sich alarmiert um, und als er den Blick entlang des n├Ąchst gelegenen Baumstammes nach oben wandern lie├č, erkannte er die Stelle wieder, an der er noch kurz zuvor sein Pferd angebunden hatte. Das Zaumzeug war sogar noch da; es baumelte im Wind, und der Regen wusch das ab, was von seinem Reittier noch daran haftete.
Calyr sammelte sich und versuchte sich zu konzentrieren. Er brauchte jetzt einen klaren Kopf, wenn er heil aus dieser gef├Ąhrlichen Situation wieder heraus kommen wollte, das wu├čte er. Er murmelte eine kleine Beschw├Ârungsformel, die er sich von einem Bannmagier hatte beibringen lassen. Sie bewirkte zwar keine echte Magie, aber sie half ihm, seine Gedanken auf einen Punkt zu lenken, der nadelspitz war. Er hockte noch immer unver├Ąndert auf dem Boden. Beil├Ąufig nahm er wahr, wie die K├Ąlte aus seinen Knochen wich, der Wind verschwand und der Regen der Bedeutungslosigkeit anheim fiel. Es war, als w├╝rden alle Umwelteinfl├╝sse sanft hinter einem schwarzen Seidenvorhang verschwinden. Auch die Ger├Ąusche nahmen rasch ab, bis auf eines. Es war ein leises schleppendes Pumpen. Und er f├╝hlte noch mehr. Er sp├╝rte eine lauernde Pr├Ąsenz, die nach ihm gierte. Calyr gelang es sogar, die Quelle zu lokalisieren. Die ganze Beschw├Ârung hatte bis jetzt lediglich zehn Herzschl├Ąge angedauert und Calyr erhob sich langsam mit noch immer geschlossenen Augen drehte er sich ruhig um, hob den Kopf und schlug die Augen mit einem entschlossenen Ruck auf.
Und da hockte der Drache auf dem l├Ądierten Dachstuhl und ├Ąugte mit citringelben Augen direkt zu ihm herab. Calyr sah, wie das Untier mit seinen Klauen beil├Ąufig Schindeln vom Dach l├Âste, die dann ger├Ąuschlos und langsamer als erwartet nach unten fielen. Es sa├č dort oben in feierlicher Ruhe und die Art und Weise, wie der Drache den Kopf auf seinem muskul├Âsen Schlangenhals wiegte, vermittelte eine majest├Ątisch t├Âdliche Intelligenz, die man in dem vom Trieb gepr├Ągten Blick von gew├Âhnlichen Raubtieren vermi├čte. Die Zeit schien wie in Honig getaucht zu sein. Aber in diesem Augenblick ri├č Calyrs Beschw├Ârung ab und die Witterungseinfl├╝sse brachen gnadenlos ├╝ber ihm zusammen. Es war wieder kalt, na├č und das tobende Unwetter zerrte an seinen klatschnassen Kleidern. Er zitterte vor K├Ąlte und Schock, und er mu├čte wie gel├Ąhmt mit ansehen, wie sich der Drache mit zwei drei kr├Ąftigen Fl├╝gelschl├Ągen in die Luft hob, sich wieder sinken lie├č und ├╝ber das Holzschindeldach zu ihm herab schlitterte. Das Holz krachte und das Geb├Ąlk ├Ąchzte unter dem Tonnengewicht des Untiers.
Im aller letzten Augenblick gewann Calyr einen Teil seiner Kontrolle zur├╝ck und warf sich kopf├╝ber in einen nahe gelegenen Busch. Die Fl├╝gelspitze des Drachen peitschte ├╝ber ihn hinweg, lie├č ├äste und Bl├Ątter auf ihn nieder regnen. Doch mit einem Male wurde Calyrs Magen leicht, und er flog in ein bodenloses Loch. Einen Herzschlag lang nur, dann trieb ihm ein brutaler Schlag im R├╝cken die Luft aus den Lungen, aber bevor er wu├čte wie ihm geschah, flogen Erde, Steine und ├äste vor seinen Augen vorbei, bis ein heftiger Schlag gegen seine linke Schulter die Welt um ihn herum in Drehung versetzte. Er sah, wie ihm die sch├Ąumende Gischt des Flusses entgegen sprang, dann folgte ein letzter trockener Aufprall, der das Geschehen zum Stillstand brachte.
Calyr lag auf dem R├╝cken und schaute nach oben in die wogenden Wipfel der Nadelb├Ąume. Er drehte den Kopf und versuchte zu erkennen, wie weit er den bewaldeten Steilhang hinabgest├╝rzt war, an dessen Kante man die Wegesrast errichtet hatte, aber sein Eulenauge leuchtete zu schwach. Dann mischte sich ein neues Ger├Ąusch in das tobende Unwetter. Er konnte deutlich h├Âren, wie sich der Drache durch das Baumlabyrinth auf ihn zu bewegte. Die Steine l├Âsten sich unter dem Gewicht der Kreatur und rollten taumelnd auf Calyr zu. Erst im letzten Augenblick konnte er die Geschosse in der Dunkelheit ausmachen, und einer der Steinbrocken verfehlte seinen Kopf zu knapp f├╝r seinen Geschmack. Jetzt konnte er zwischen den Baumst├Ąmmen bereits die in schwefelgelbem Ha├č lodernden Augen des Drachens sehen, die sich in ruckartigen Zickzack-Bahnen unaufhaltsam auf ihn zu bewegten. Calyr wollte sich aufrappeln, aber sein ganzer K├Ârper war taub. Um seine linke Schulter machte er sich besonders viele Sorgen, denn mit jedem Herzschlag pulsierte der dumpfe Schmerz heftiger und sein linker Arm war nicht belastbar. Dennoch gelang es Calyr, sich auf die Knie zu rollen und unter Zuhilfenahme eines morschen Baumstammes aufzustehen. Er humpelte so schnell es ihm m├Âglich war, entlang der Stromschnellen, das felsige Flu├čbett hinunter. Sein Eulenaugenamulett leuchtete ihm nur schwach den Weg. Aber nicht nur ihm! Calyr keuchte bei der Erkenntnis. Er packte das Amulett mit der rechten Hand und ri├č es sich mit einem kr├Ąftigen Ruck vom Hals, dann holte er weit aus und warf das teure Schmuckst├╝ck so weit er konnte schr├Ąg nach hinten ├╝ber den Flu├č. Er sah, dass es am anderen Ufer gegen eine Felsplatte prallte und dann in einem Farnbusch verschwand. Kurz konnte man die Farne als schwarze Schatten vor dem ged├Ąmpften Licht des Eulenauges sehen, dann st├╝rzte sich der Drache auf halb ausgebreiteten Schwingen plump in den Busch. Er hatte sich wohl am unteren Ende des Hangs abgesto├čen. Erde und Steine flogen auf und prasselten im L├Ąrm der tobenden Naturgewalten unh├Ârbar ins Wasser. Der Drache fauchte, zischte und scharrte w├╝tend, als er hinter die T├Ąuschung gekommen war. Calyr strauchelte und fiel vorn├╝ber hin, aber zu seiner Erleichterung stellte er fest, dass er ├╝ber einen quer liegenden Baum gestolpert war, hinter dem er Schutz suchen konnte. Und so kauerte er sich so weit unter den Baum wie es ging. Dann versuchte er, sich so leise wie m├Âglich zu verhalten.
W├Ąhrend er in dem Matsch lag, rief er sich alles in die Erinnerung zur├╝ck, was er bis dato ├╝ber Drachen geh├Ârt hatte. Es war nicht sehr viel. Er wu├čte, es gab zwei gro├če Drachenarten, die allesamt weit jenseits der Grenzmark Handrell im Lande Farlowee lebten. Nur sehr wenige hatten Drachen mit eigenen Augen gesehen und die wenigsten waren nach der Begegnung noch in der Lage gewesen, der Menschheit davon zu berichten. Die Schwarzdrachen hatten einen kurzen kr├Ąftigen Hals und kleine Stummelbeine, womit sie sich eher wie riesige Eidechsen bewegen konnten. Sie hatten gr├╝ne Augen und galten als eher passiv. Die andere Art hingegen pa├čte sehr viel besser auf das Exemplar, welches Calyr da vor sich hatte. Diese als Rotdrache bezeichnete Spezies war gr├Â├čer, angriffslustiger und hatte leuchtende gelbe Augen, die den Gelehrten zufolge von dem inneren Feuer herr├╝hrten, das in den Untieren loderte. Rotdrachen waren zudem bekannt daf├╝r, dass sie im n├Ąheren Umkreis ihres Horstes Jagd auf alles machten, das sich bewegte. Die Beute schafften sie dann in ihren Bau, wo sie sich gerne einen reichhaltigen Vorrat anlegten. Sie pflegten das zu tun bis entweder die H├Âhle voll oder das Jagdgebiet leer war.
Calyr war sich sicher, dass der Drache noch ein Jungtier war, da die Herberge ein guter Gr├Â├čena├čstab war. Nat├╝rlich mu├čte er davon ausgehen, dass Berichte ├╝ber die wahre Gr├Â├če von Drachen stets ├╝bertrieben sein konnten, aber die These eines Jungdrachens machte Sinn. Es konnte sich durchaus um einen Tier handeln, das ├╝ber das Felsenmeer hinweg seinen Weg ins Land Annem gefunden hatte, um dort sein erstes eigenes Revier abzustecken. Der Siebenwaldgrat bot sich wegen seiner schroffen Felsen hervorragend an, da man von ├Ąhnlichen Landschaftsformen im von Menschen unbewohnten Heimatgebiet der Drachen berichtete. Was die Anwesenheit eines Drachen f├╝r Wirtschaft und Handel in der Region Siebenwald bedeutete, versuchte sich Calyr erst gar nicht auszumalen.
War es still? Calyr st├╝tzte sich vorsichtig auf seinen rechten Ellbogen und lugte vorsichtig ├╝ber den Baumstamm hinweg. Der Regen hatte fast v├Âllig aufgeh├Ârt und auch der Wind hatte an Heftigkeit verloren. Graues Licht sickerte durch die nassen Nadelh├Âlzer. Vermutlich ri├č die Wolkendecke sogar auf, um fahles Mondlicht zur Erde durch zu lassen. Kein Drache war in Sicht. Jedenfalls nicht, wenn man nach etwas rotem suchte, denn tr├╝gerischer Weise waren Nachts alle Katzen grau und das traf in gleichem Ma├če auch auf Drachen zu. Und so mu├čte Calyr mit wachsender Panik zusehen, wie der Drache zun├Ąchst dicht am Flu├č gekauert war, kurz den Kopf in die Luft angehoben hatte um zu schn├╝ffeln und jetzt direkt in Calyrs Richtung sah. Die Kreatur richtete sich blitzschnell auf und lief direkt auf den vor Schreck starren Calyr zu indem er haupts├Ąchlich auf den Hinterbeinen lief und die etwas k├╝rzeren Vorderbeine dazu verwendete, tief h├Ąngende ├äste aus dem Weg zu streifen; die Fl├╝gel waren im Wald nutzlos und fest an den Leib gelegt. Ob es ein Vorteil war, dass sich der Drache auf der anderen Flu├čseite befand, konnte Calyr noch nicht einsch├Ątzen. Er sah den Hang hinauf: zu steil! Der Drache hatte Calyr fast erreicht, aber es war mehr als deutlich, dass er den Flu├č nicht ├╝berqueren konnte. Eine Kreatur dieser Gr├Â├če brauchte viel Platz, um sich aus eigener Kraft in die Luft erheben zu k├Ânnen und davon gab es hier an der tiefsten Stelle des Tales den G├Âttern sei Dank viel zu wenig.
Dann blies der Drache. Calyr duckte sich reflexartig hinter den Baumstamm w├Ąhrend die Luft ├╝ber ihm kochend brodelte. Aschebrocken rieselten herab nachdem sich die Hitze so schnell verfl├╝chtigt hatte, wie sie gekommen war. Calyr, der sich langsam hinter seinem Schutzwall erhob, lugte ├╝ber den Flu├č, wo der Drache am Ufer auf und ab lief wie eine Raubkatze in den K├Ąfigen der fahrenden Schausteller. Man konnte deutlich sp├╝ren, wie sehr sich der Drache ├Ąrgerte, nicht den Flu├č ├╝berqueren zu k├Ânnen. Das Untier sah zu Calyr her├╝ber, auch, w├Ąhrend er seine Richtung in die entgegengesetzte Richtung ├Ąnderte und dabei mit dem Schwanz entweder unbewu├čt oder zornig B├╝sche entwurzelte. Dann aber drehte sich sein Kopf langsam flu├čabw├Ąrts und Calyr folgte dem Blick. Wachsendes Entsetzen mischte sich in seinen Blick und nur zu deutlich bemerkte er, wie sich in seinem Augenwinkel der Drache in Bewegung setzte und unter brechenden ├ästen auf genau die Stelle zulief, die sie beide im schwachen Mondlicht erblickt hatten. Gut drei├čig Schritt entfernt lagen Findlinge kreuz und quer im sch├Ąumend dahinrauschenden Flu├č. Die Wassermassen brachen sich an den im Wasser liegenden Felsen und bildeten eine Gischt, aber angesichts seiner zu erwartenden Beute w├╝rde das den Drachen nicht davon abhalten, den feuchten Nebel zu durchqueren.
Calyr rappelte seine tauben Glieder auf und humpelte unbeholfen den Weg wieder zur├╝ck, den er bisher genommen hatte. Kaum hatte er zehn Schritt zur├╝ckgelegt, h├Ârte er den Drachen hinter sich. Wie lange w├╝rde es dauern, bis er wieder in der Lage war Feuer zu speien? Er wu├čte es nicht, rannte weiter. Zweige gruben sich in sein Gesicht, zogen lange Schnitte in Wangen und Stirn. Auch das dornige Gestr├╝pp, das oberhalb seiner kurzen Reitstiefel durch die Hosen kratzte interessierte niemanden. Er torkelte weiter, bis sich vor ihm pl├Âtzlich das Tal weitete und eine breite Uferb├Âschung freigab, die sich in rasch ansteigendem Winkel einen kaum Bewaldeten Hang hinauf zog und auf der anderen Seite von einer Flu├čschleife eingerahmt wurde. Auf Calyr wirkte der im D├Ąmmerlicht daliegende Ort wie eine L├Âwenarena, in der er die Rolle des Opfers zu ├╝bernehmen hatte. Als k├Ânnte das Unwesen seine Gedanken lesen br├╝llte der Drache hinter ihm zornig auf, den neuen Feuersto├č bereits f├╝r sein Ziel aufsparend, auf die passende Gelegenheit hinfiebernd.
Noch gab er sich dem Untier nicht geschlagen und so lief Calyr weiter in Erwartung eines Wunders. Der Drache hatte nun auch die Lichtung erreicht und warf sich gegen den letzten d├╝nnen Baum, der ihm im Weg war, als wollte er dem holzigen Gestr├╝pp klar machen, dass sich nichts und niemand einem Wesen seiner Art in den Weg stellen konnte. Eine flache Steinscholle brachte Calyr zu Fall und wenn er in seinem Nahkampftraining nicht gelernt h├Ątte, sich reflexartig ├╝ber die Schulter abzurollen, h├Ątte er mit Bestimmtheit die Besinnung verloren. So aber landete er lediglich unsanft auf dem Bauch und erwartete ausgelaugt sein Schicksal. Ein Lichtblitz brach ├╝ber ihn herein, aber die H├Âllenglut blieb aus. War es nicht sogar k├╝hler geworden? Vorsichtig hob er den Kopf und schaute ├╝ber die vor Schmerz pochende Schulter nach hinten, wo der Drache beinahe benommen verharrte. Sein rechtes Vorderbein war etwas verdreht abgespreizt und schien steif zu sein. Dann blies der Drache ein zweites Mal, aber obwohl nur gut zehn Schritt zwischen Drache und Calyr lagen, fegte der brachiale Feuersto├č hoch ├╝ber ihn hinweg. Der Drache waberte in der Glut seiner eigenen Hitze auf, dann blickte Calyr wieder nach vorne, wo der Feuersto├č eine breite Schneise in Brand gesetzt hatte. Sogar die Steine schienen kurz Feuer gefangen zu haben, aber es war nur eine T├Ąuschung. Aber was war das? Als die Flammen rasch erloschen gaben sie den Blick auf eine zweite Kreatur frei. Sie mochte nicht viel gr├Â├čer als Calyr selbst sein, hatte die Proportionen eines Drachen, wirkte aber zerbrechlich wie Glas. Und sie blitzte im Mondlicht silbern auf. Noch w├Ąhrend Calyr von dieser Erscheinung gebannt dalag, breitete der silberne Drache in gelassener Langsamkeit ein Paar Schwingen aus, die sich sichelf├Ârmig ├╝ber seinen Kopf spannten bis sie sich oben beinahe ber├╝hrten. Am Kopf der Kreatur stellten sich zwei f├Ącherf├Ârmige Ohrensegel auf und ihre pupillenlosen Augen begannen in aquamarinfarbenem Licht zu leuchten.
Calyr lag da, war fasziniert und sah, wie wei├če Lichtfunken entstanden und eine Art Gl├╝hw├╝rmchen-Wolke um den Silberdrachen entstehen lie├čen. Diese stoben auseinander und breiteten sich zu einem Sternenhimmel aus, der die ganze Lichtung ausf├╝llte. Die Helligkeit dieser magischen Lichtpunkte ├Ąnderte sich rasant und unrhythmisch, das reinste Blitzgewitter. Calyr kam sich vor wie im Zentrum eines Gewittersturmes ohne Donner und Wind. Er sah noch, wie sich der silberne Drache in die Luft erhob und auf ihn zu flog, aber dann mu├čte Calyr den Kopf senken und die Augen mit den H├Ąnden sch├╝tzen, um nicht geblendet zu werden. Fauchen und unmenschliches Gebr├╝ll erhob sich hinter Calyr. Es war laut genug, den tobenden Flu├č mit Leichtigkeit zu ├╝bert├Ânen. Wellen aus hei├čer und kalter Luft wogten in wechselnden Sch├╝ben ├╝ber den am Boden liegenden herein, Steine prasselten ab und an auf ihn hinab, dann ein lautes Grunzen, das in einem wie ein Seufzer klingenden R├Âcheln erstarb. Irgend etwas zischte noch, dann war es still. Calyr erhob sich und sah zum Rotdrachen. Er lag leblos auf der Seite, daneben hockte der um ein Vielfaches kleinere Silberdrache und leckte seine Tatzen wie ein junges K├Ątzchen. Nun aber sah die Kreatur in Calyrs Richtung. Irgend ein ihm bislang verborgen gebliebener Sinn sagte ihm, dass von diesem Wesen keine Gefahr ausging und humpelte ihm sogar entgegen. Drei Schritt vor dem Silberdrachen blieb er stehen und besah sich dieses bislang unbekannte Wesen. Der Drache tat es ihm gleich. Die Augen der Kreatur leuchteten kurz wieder heller auf, die Ohrsegel zuckten leicht und eine angenehme K├╝hle durchstr├Âmte Calyr. Sie vermittelte ihm eine innere Harmonie, eine feierliche Anmut, die vom Drachen ausging. Der Drache bildete einen Fokus, ├Ąhnlich der Beschw├Ârung, die Calyr kurz zuvor eingesetzt hatte, und in der geb├╝ndelten Ruhe konnte er ein Wort f├╝hlen. Es war erquickend wie ein Gebirgsquell im Fr├╝hling, so klar und rein wie die k├╝hle Frische nach einem Sommerschauer und so unergr├╝ndlich tief wie die Nacht eines sternklaren Himmels. Dieses Wort war "FlinChee". Dann kehrte er in die f├╝hlbare Welt zur├╝ck und nach einem Augenblinzeln erschien ihm der Drache wie das Nachbild eines wundersamen Traumes. Es dauerte noch zwei drei Lidschl├Ąge bis ihm klar wurde, dass der Drache tats├Ąchlich nur noch Bild seiner Gedanken war. Er war verschwunden.
Calyr stand allein neben dem toten Rotdrachen, griff in seinen Stiefelschaft und fand dort seinen Dolch, den er dort immer trug. Dann trat an den massigen Kopf des Drachens und brach das begehrte daumenlange Nasenhorn von dessen Schnauzenspitze. Er kannte nur drei Menschen, die diesen Tapferkeitsbeweis trugen und nie hatte er an die Echtheit dieser Drachent├Âtertroph├Ąe geglaubt, aber nun geh├Ârte er auch zu diesen wenigen Helden, die eine Drachenbegegnung ├╝berlebt hatten. Er drehte das Horn zwischen den Fingern. Mit diesem Beweisst├╝ck am Schwertgriff w├╝rde er Hochachtung und Bewunderung erlangen. Respekt und Ansehen w├╝rden ihm Tore ├Âffnen, die f├╝r andere auf immer verschlossen blieben, doch dann brach dieses Gef├╝hl so schnell wie es gekommen war. Er wu├čte, dieses Horn geb├╝hrte ihm nicht. Hatte er den Drachen wirklich erjagt? Er besah sich das Horn von allen Seiten mit wachsendem Unbill. Nein. Er war weggelaufen wie ein kleines Kind, hatte sich versteckt und angestellt wie ein ├Ąngstlicher Welpe. Der Silberdrache hatte das Werk vollbracht, nicht er. W├Ąhrend Calyr vor Angst zitternd auf dem Boden gekauert war, hatte der Silberdrache die Bestie niedergestreckt. Calyr wu├čte, wenn er diese Troph├Ąe nicht mit sich nehmen w├╝rde, niemand w├╝rde seiner Geschichte Glauben schenken. Man w├╝rde ihn als Angeber, Spinner, ja vielleicht gar als L├╝gner beschimpfen und zum Gesp├Âtt machen. Aber sein Entschlu├č stand fest. Er ballte die Faust um das Horn und warf es in hohem Bogen in den Flu├č. "F├╝r dich, FlinChee, es geb├╝hrt dir! nur dir allein!" In dem Augenblick, als die Kostbarkeit in den strudelnden Sog der Wassermassen eingetaucht war, legte sich eine schneidende K├Ąlte um seinen Nacken. Er griff sich an den Hals und erf├╝hlte eine Kette, die er langsam umfa├čte, ├╝ber den Kopf streifte und betrachtete. Das Schmuckst├╝ck war ein Amulett und schien aus Eis gefertigt zu sein, das jedoch nicht schmolz, wohl aber dessen Temperatur aufwies. An der durchsichtigen Gliederkette hing ein taubeneigro├čer Kristalltropfen aus demselben Material, und als er hinein blickte erkannte er darin die markanten Zinnen der unweit gelegenen Handelsstadt Kalhem. Er wu├čte nun, was zu tun war.


Ende des ersten Teils
(September 2003)







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putorius

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