Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92266
Momentan online:
89 Gäste und 2 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Annes Parkplatz
Eingestellt am 08. 12. 2002 20:08


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Leovinus
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2000

Werke: 25
Kommentare: 20
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Leovinus eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Annes Parkplatz

┬╗Papa, mein Buch!┬ź
Der schwergewichtige Martin ging zum Familien-Van zur├╝ck, der mitten auf der schmalen Stra├če stand, und gab seiner achtj├Ąhrigen Tochter ihren 1100-Seiten-W├Ąlzer. Dann ermahnte er sie noch einmal: ┬╗Also, pass sch├Ân auf, Anne, dass keiner den Parkplatz wegnimmt. Ich hole nur schnell Mama.┬ź
┬╗Papa!┬ź
Martin drehte sich ungeduldig um. ┬╗Was ist denn?┬ź
┬╗Krieg ich dann Band Neun?┬ź
┬╗Vielleicht.┬ź Martin konnte wirklich nicht verstehen, was seine achtj├Ąhrige Tochter schon an den ersten acht B├Ąnden so toll fand.
┬╗Bitte!┬ź verzog Anne den Mund.
┬╗Pass erst einmal hier auf. Dann reden wir dar├╝ber, okay?┬ź
Anne fand das zwar keinen fairen Deal, aber gemeinsam mit Mutter w├╝rde sie ihren Vater schon ├╝berzeugen k├Ânnen. Deshalb stimmte sie zu.
Martin stieg ins Auto und fuhr zum B├╝ro seiner Frau. In einer Viertelstunde w├╝rden beide wieder zur├╝ck sein. Sie h├Ątten einen der ├Ąu├čerst begehrten Parkpl├Ątze vorm Haus und k├Ânnten gem├╝tlich das Wochenende beginnen.
Anne r├╝ckte ihr wei├čes Kleid mit hellroten Rosen zurecht und setzte sich mitten in die Parkl├╝cke. Sie bl├Ątterte eben von Seite 691 auf Seite 692, als sich ein rotes Fahrzeug r├╝ckw├Ąrts in ihre Parkl├╝cke zu schieben versuchte. Auf der R├╝ckseite las Anne das Wort ┬╗Ambulance┬ź. Tats├Ąchlich schien es ein Krankenwagen zu sein, wenn auch ein ├Ąlteres Modell. Die Fahrerkabine war noch vom Patienten-Teil getrennt. Das rote Gesicht des etwa drei├čigj├Ąhrigen Holger schob sich aus dem Fenster.
┬╗Hallo, M├Ądchen. Kannst du bitte woanders spielen? Ich m├Âchte hier gern parken.┬ź
Das M├Ądchen schaute Holger erstaunt an. Wie kam dieser Mensch darauf, dass sie hier spielte? Dazu w├╝rde sie auf den Spielplatz im Park gehen, was sie allerdings h├Âchst selten tat. Viel lieber sa├č sie irgendwo und verschaffte sich Bildung. Bildung, das hatte sie neulich wieder im Fernsehen geh├Ârt, war der Baustein f├╝r eine erfolgreiche Karriere. Au├čerdem hatte sie von ihrem Vater einen klaren Auftrag erhalten.
┬╗Das ist unser Parkplatz. Den hat mein Papa reserviert.┬ź
Holger hatte keine Zeit f├╝r lange Diskussionen. In zehn Minuten war er in der Cocktailbar an der Ecke mit einer Frau verabredet, von der er bisher nicht viel mehr wusste, als dass sie eine ├Ąu├čerst erotische Telefonstimme besa├č, dass sie Kontaktanzeigen las und M├Ąnner mit au├čergew├Âhnlichen Autos mochte.
Holger, dem sonst nichts peinlicher war, als irgendwo aufzufallen, hatte eine tief sitzende Vorliebe f├╝r exotische Fahrzeuge. Wahrscheinlich hatte er dies von seiner Mutter geerbt, die eine stille Frau war und ihre Sch├╝chternheit mit schreiend bunten Kleidern wettzumachen versuchte. Holgers erster Wagen war eine aufgem├Âbelte Isetta mit Satellitensch├╝ssel auf dem Dach gewesen. Danach hatte er eine sechst├╝rige alte Limousine besessen, die sich jedoch in der Gro├čstadt als leider zu sperrig erwies. Schlie├člich hatte ihm ein Freund diesen original amerikanischen Krankenwagen verschafft, der wirklich nicht billig war. Holger galt zwar als sparsam, doch hatte er schon immer einen guten Riecher daf├╝r, wann sich eine gr├Â├čere Geldausgabe lohnte.
┬╗Soso, wo ist denn dein Papa?┬ź
┬╗Der holt Mama von der Arbeit ab. Wenn Sie gestatten, w├╝rde ich jetzt gern weiter lesen.┬ź Holger war perplex. Doch wozu hatte er im letzten Jahr einen Kommunikationskurs absolviert? Lektion Nummer Eins: Lerne die Interessen deines Gegen├╝ber kennen.
┬╗Was liest du denn da?┬ź
Anne schaute widerwillig auf. ┬╗Meyers Gro├čes Konversationslexikon, Band Acht.┬ź
┬╗Das ist aber ein dickes Buch. Verstehst du das denn schon?┬ź
┬╗Dazu ist es doch da, dass man es versteht! Ist alles drin erkl├Ąrt!┬ź
┬╗Das ist logisch┬ź, gab Holger zu.
┬╗Parken Sie doch dort vorn┬ź, riet ihm Anne. Tats├Ąchlich verlie├č in diesem Moment etwa hundert Meter entfernt ein ungew├Âhnlich blauer Mercedes den Stra├čenrand. Anne vertiefte sich wieder in ihr Buch. Holger man├Âvrierte den Krankenwagen heraus und fuhr los.
Ein gr├╝ner Trabant bog aus einer kleinen Seitenstra├če, kurvte geschickt in die soeben frei gewordene Parkl├╝cke und eine lederbekleidete Frau mit schwarzem lockigem Haar und Beinen, die viel zu lang f├╝r so ein kleines Auto waren, stieg aus. Was f├╝r eine Frau, dachte Holger. W├Ąre er nicht verabredet gewesen, h├Ątte er diese Sch├Ânheit vielleicht sogar angesprochen.
Er blickte auf die Uhr und fluchte. Warum hatte er sich von diesem Kind fortschicken lassen? ├ťberhaupt, eine Frechheit von den Eltern, ihre Tochter als Parkverbotsschild zu missbrauchen. Er beschloss, noch einmal eine Runde zu drehen. Hier musste doch ein Parkplatz zu finden sein.
Keine drei Minuten sp├Ąter stand der alte amerikanische Krankenwagen wieder neben Anne.
┬╗Sag mal, Kleine...┬ź, begann Holger.
┬╗Ich hei├če Anne. Anne Kleinschmidt. Aber Sie d├╝rfen auch Annette zu mir sagen. Das ist n├Ąmlich die franz├Âsische Form. Anne hei├čt ├╝brigens soviel wie ÔÇ║GnadeÔÇ╣┬ź
┬╗In Ordnung, Annette ... Anne ... also, machst du eigentlich immer, was dein Papa dir sagt?┬ź
Anne witterte eine Falle. Wenn sie jetzt ja sagte, st├╝nde sie als dummes unselbst├Ąndiges kleines M├Ądchen da. Sagte sie nein, m├╝sste sie das Feld r├Ąumen. Nicht, dass ihr das viel ausgemacht h├Ątte, sie konnte schlie├člich ├╝berall lesen. Aber Band Neun bek├Ąme sie nicht vor Weihnachten. Und ehe sie den letzten Teil, Nummer Zwanzig, h├Ątte, w├Ąre sie wahrscheinlich schon zw├Âlf.
┬╗Wie hei├čen Sie eigentlich?┬ź
Holger nannte seinen Namen.
Anne fragte: ┬╗Und was bedeutet das?┬ź
Er musste zugeben, das nicht zu wissen.
Aber Anne hatte sofort eine Idee: ┬╗Was f├╝r ein Gl├╝ck, dass ich hier den Band H bis I habe.┬ź Sie begann zu bl├Ąttern. ┬╗Holger - schwedischer Vorname, von ÔÇ║InselÔÇ╣ und ÔÇ║SpeerÔÇ╣.┬ź Anne sah ihn an. ┬╗Sie sind eine bewaffnete Insel.┬ź
Holger gefiel diese Vorstellung. Aber das half jetzt nicht weiter. Er hatte noch f├╝nf Minuten, sonst k├Ąme er unwiderruflich zu sp├Ąt zu seiner Verabredung.
┬╗Meinetwegen, Anne. Wenn dein Name ÔÇ║GnadeÔÇ╣ bedeutet, w├Ąrest du dann so gn├Ądig, mir diesen Parkplatz zu ├╝berlassen?┬ź
So einfach lie├č sich Anne nicht abspeisen. Sie antwortete schlicht: ┬╗Nicht f├╝r umsonst.┬ź
┬╗M├Âchtest Du ein Eis?┬ź
Dar├╝ber konnte Anne nur lachen. Ein Eis! Was w├Ąre das f├╝r ein kindischer Wunsch. Das h├Ątte sievon Papa f├╝r umsonst bekommen. So ein Parkplatz war teurer, das wusste sie. Au├čerdem sp├╝rte sie, dass dieser Mann dort in Zeitnot war. Alle paar Sekunden sah er auf die Uhr. Abgesehen davon bildete sein Fahrzeug ein kleines Verkehrshindernis, das die ├╝brigen Autos nur mit M├╝he umkurvten. Und Holger schien nicht der Typ zu sein, dem das nichts ausmachte. Der trieb den Preis h├Âher.
┬╗Einen Ball? Ich kann schnell dort r├╝ber gehen und dir einen kaufen, wie w├ĄrÔÇÖs?┬ź Holger zeigte auf den Spielzeugladen, der zwischen einer Buchhandlung und einer Apotheke auf der anderen Stra├čenseite stand.
Anne sch├╝ttelte nur den Kopf und vertiefte sich in ihr Buch. Inzwischen wusste sie genau, was der Parkplatz kosten w├╝rde.
Holger stieg aus und ging zu ihr. Er hockte sich vor sie hin und redete auf sie ein.
┬╗Pass mal auf, Anne. Ich brauche diesen Parkplatz. Denn ich will mich in wenigen Minuten vielleicht mit der Frau meines Lebens treffen. M├Âchtest du daran schuld sein, dass dies nicht geschieht?┬ź
Anne dachte nach. Parkplatz hin, Parkplatz her. Was hatte ihr Papa schon davon, wenn er das Auto hier hinstellen k├Ânnte. Das Wochenende war schlie├člich lang, da h├Ątte er genug Zeit, sich woanders eine Stelle zu suchen. Dieser Mann hier hatte einen echten Grund. Einen wahrhaft romantischen, wie es Anne erschien. Zwar war sie im Lexikon noch nicht bei ┬╗L┬ź wie ┬╗Liebe┬ź angelangt, doch so viel wusste sie immerhin: Wenn ein Mann vorhat, die Frau seines Lebens zu treffen, so darf man ihn nicht daran hindern.
Aus vielen Filmen wusste sie auch, dass M├Ąnner bei Frauen alles erreichen k├Ânnen, wenn sie sie zum Lachen bringen.
┬╗Erz├Ąhl mir einen Witz.┬ź
┬╗Einen Witz?┬ź
┬╗Ja, erz├Ąhl mir erst einen Witz. Dann sage ich dir, was ich f├╝r den Parkplatz haben will.┬ź
Schwierig. Holger kannte keine Witze. Schlie├člich dachte er daran, wie ihm sein Kumpel den Krankenwagen verkauft hatte. Der hatte erz├Ąhlt:
┬╗Kommt ein Mann mit einem Frosch auf dem Kopf zum Arzt. Fragt der Arzt: ÔÇ║Was fehlt Ihnen denn?ÔÇ╣ Antwortet der Frosch: ÔÇ║Sehen Sie nicht, was ich mir eingetreten habe?ÔÇ╣┬ź
Anne grinste schief. Aber toll fand sie den Witz nicht. Sie bekam Mitleid mit Holger.
Der fragte nun: ┬╗Na? Hab ich mir den Parkplatz verdient?┬ź
Oft genug hatte Anne im Fernsehen gesehen, dass wahre Liebe ihren Preis hatte. Darum antwortete sie: ┬╗Ich gebe dir den Parkplatz unter einer Bedingung.┬ź Sie zeigte auf die andere Stra├čenseite.
┬╗Spielzeug? In Ordnung. Was willst du?┬ź
Anne sch├╝ttelte den Kopf.
┬╗Kein Spielzeug? Was dann?┬ź
Anne zeigte weiter auf die andere Stra├čenseite. Holger kapierte.
Als Martin wenig sp├Ąter mit Annes Mutter auftauchte, musste er feststellen, dass die Parkl├╝cke, auf die seine Tochter achten sollte, von einem alten amerikanischen Krankenwagen besetzt war.
Auf dem Fu├čweg sa├č Anne und bl├Ątterte in ihrem Lexikon. Neben dem M├Ądchen lagen, einzeln in Folie verpackt, fein s├Ąuberlich aufgestapelt die B├Ąnde Neun bis Zwanzig von Meyers Gro├čem Konversationslexikon.
In der Cocktailbar an der Ecke plauderte Holger mit einer lederbekleideten schwarzlockigen Frau, die Beine hatte, viel zu lang f├╝r einen kleinen gr├╝nen Trabant. Als er davon erz├Ąhlte, eine bewaffnete Insel zu sein, musste sie das erste Mal fr├Âhlich lachen. Und das war nicht das letzte Mal.

----

F├╝r die Berliner Lupianer & alle Interessierten: Leovinus-Lesung am 14. Dezember, 21 Uhr, Florastra├če 16 in Pankow (Theater "Zimmer 16")
"Annes Parkplatz" erschien in Ausgabe No. 4 meines kostenlosen Literaturpapiers "Blaupause" , welches auf meiner Website
Hier klicken
abonniert werden kann.


Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


kaffeehausintellektuelle
Guest
Registriert: Not Yet

eine wunderbare geschichte.

zwei kleinigkeiten fallen mir so ganz schnell auf.

holger kapierte. warum bitte kapierte er so schnell? also ich w├╝rde l├Ąnger brauchen, um zu kapieren, auch wenn dort gegen├╝ber eine buchhandlung ist.

und dann w├╝rd ich einen absatz machen, an der stelle, wo der vater kommt. weil da ja ein bisschen zeit vergangen ist.

liebe gr├╝├če

die kaffeehausintellektuelle

Bearbeiten/Löschen    


Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Zefira eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Lieber Leovinus,

auch mir gef├Ąllt die Geschichte. Erinnert mich mit ihrem skurrilen Personal an Fanny Morweiser - eine meiner liebsten story-tellers!

Ein paar Kleinigkeiten, die mir aufgefallen sind:


>Martin ging zum Familien-Van zur├╝ck, der mitten auf der schmalen Stra├če stand, und gab seiner achtj├Ąhrigen Tochter ihren 1100-Seiten-W├Ąlzer<
...klingt f├╝r mich so, als s├Ą├če das Kind im Auto. Ich bin ziemlich gestolpert, als ich gleich darauf las, da├č er ins Auto steigt und wegf├Ąhrt.


>Anne r├╝ckte ihr wei├čes Kleid mit hellroten Rosen zurecht <
"Zurechtr├╝cken" finde ich merkw├╝rdig formuliert f├╝r ein Kleid. Vielleicht besser "sie zog zurecht"?

>Holger galt zwar als sparsam<
... das ist die Perspektive von Leuten, die Holger kennen, und an dieser Stelle (da Du sonst Holgers Perspektive einnimmst) ziemlich unmotiviert, warum nicht einfach "er war sparsam"?

Der Witz ist spitze. Daf├╝r h├Ątte ich dem Holger ein ganzes Parkhaus ├╝berlassen

Liebe Gr├╝├če,
Zefira

Bearbeiten/Löschen    


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
hm,

eine sehr sch├Âne, gut erz├Ąhlte geschichte. mir ging das maul sperrangelweit auf, als das m├Ądchen gleich die restlichen b├Ąnde bekam. ich hatte lediglich mit band 9 gerechnet. ist das nich n bi├čchen unversch├Ąmt von der kleinen?
ich glaube, der witz mit dem frosch bekommt nur beim ersten h├Âren lacher, aber egal, er reicht f├╝r die story.
ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!