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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Annika
Eingestellt am 13. 12. 2003 10:04


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Buffy
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Aug 2003

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Annika
© 2003 by KW <Buffy>

Er schloss die Wohnungstür ab, verharrte regungslos, sein Blick starr auf die Tür und mit klarer Stimme hörte ich meinen Mann sagen: „Ich kehre nicht zurück“. Ich stand neben ihm. Die Gewissheit in seiner Stimme ließ mich erschaudern. In diesem Augenblick hätte ich alles gegeben, um diese Reise nicht anzutreten.

Ich heiße Annika und bin Mitte 20
Wurde geboren, verraten, verkauft und weggeworfen!
Obwohl ich noch jung an Lebensjahren bin, habe ich die Gedanken, den Lebensstil, die Sprache und Garderobe einer siebzigjährigen Frau angenommen.
Ohne zu denken, habe ich mich voll und ganz meinem Mann unterworfen. Er wird siebzig. Er hat sein Leben gelebt, geliebt und genoss es, aus dem Becher des Überflusses zu trinken.

Ich heiße Annika und bin Mitte 20
Ich kann nicht genießen. Mein jetziges Erleben ist ein schillerndes, aufregendes, ruheloses Neuland. Die vielen Eindrücke erschlagen mich. Anfangs habe ich noch versucht, alles aufzusaugen, wie ein Schwamm, doch die Last des Neuen ist zu schwer. Ich kann nichts festhalten. Es fließt nicht durch mich hindurch, es fließt an mir vorbei.
Ich weiß, es ist nicht mein Leben. Ich schaue nur zu. Im Wahn gefangen, zu glauben, es ist mein Leben.
Ich habe 40 Jahre übersprungen. Lebe jetzt sein Leben. Vom Frühjahr meines Lebens direkt in den Herbst. Möglich, dass ich auch schon den Herbst übersprungen habe. Befinde ich mich bereits am Winteranfang. Ohne Reifeprozess. Einer Apfelblüte gleich, die als Apfel herunterfällt. Vielleicht bin ich auch schon in den Winteranfang gesprungen und stehe bereits als blattloser Apfelbaum in einer weißen, frostigen Winterlandschaft. Friere ich deshalb? Lebe ich überhaupt? Habe ich eigentlich je gelebt? Der Pulsschlag des Lebens, die Lebendigkeit erreicht mich nicht.
Nicht nur meine Gedanken sind die einer Siebzigjährigen. Mein Körper ist es auch.
Ich spüre das Alter, es macht mir Angst.

Ich heiße Annika und bin Mitte 20
Wer kann schon von sich sagen, dass ich einen Mann habe, der das Ebenbild von Maurice Chevalier ist. Noch dazu ein Kavalier der alten Schule. Vom Scheitel bis zur Sohle. Auf dem Parkett der High Society ebenso zu Hause, wie in den Bauwagen der Arbeiter. Ein Selfmade Mann mit Charme und Lebensart.
Seit drei Jahren ist er mein Mann.
Doch ich empfinde mich nicht als seine Frau. Woher auch, weiß ich doch nicht, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Diese Zeit, der Rest des Frühlings, wo ich es hätte lernen können, habe ich nicht erlebt. Was bedeutet der Frühling? Was ist ein Sommer?
Ich soll keine Fragen stellen, also werde ich es auch nicht tun. Gestern nicht und heute auch nicht. Wer sollte mir meine Fragen beantworten.
Kann mein Mann sich noch an seinen Frühling, Sommer oder Herbst erinnern?
Erinnert er sich überhaupt noch an etwas. Ich kann ihn nicht mehr fragen.
Mein Mann, der jetzt in der Universitätsklinik im Koma liegt, nur 30 Kilometer entfernt von mir. Der nicht mehr leben will, weil die Parkinsonsche Krankheit bei ihm bereits das Endstadium erreicht hat. Habe ich noch Sehnsüchte? Wünsche? Pläne? Ziele? Wenn ich welche hätte, wäre ich undankbar.
Vom Kohlenkasten ins Himmelbett! Vom Bettelknaben zum Prinzen!
Ein modernes Märchen. Reicher Mann heiratet armes Mädchen.
Es ist mehr als gut für mich gesorgt. Ich habe alles. Über meine Zukunft brauche ich mir keine Sorgen zu machen.

Ich heiße Annika und bin Mitte 20
Vor mir auf dem Tisch steht ein Glas Rotwein. Ich sitze in einem kleinen Hotelzimmer.
Im Fernsehen sehe ich mir eine Aufzeichnung der Götterdämmerung an. Wagner! Bayreuth! Luftlinie nur 120 Kilometer von hier. Zu den Festspielen sind wir nicht mehr gekommen.
Für diese Aufzeichnung habe ich mir heute ein langes weißes Spitzennachthemd gekauft. Ich habe gebadet, mich sorgfältig geschminkt und meine dunklen Haare zu einer Abendfrisur aufgesteckt. Danach habe ich alle Tabletten, die ich finden konnte genommen und sie in den Rotwein getan. Ganz ruhig sehe und höre ich der Götterdämmerung zu. Genieße die Musik und trinke meinen Rotwein.
Ich bereue nichts. Habe das Leben nicht erlebt. Was sollte ich vermissen.

Ich heiße Annika und bin Mitte 20
Ich habe keine Angst vor dem Tod. Mein Erwachen wird als blühender Apfelbaum auf einer Sommerwiese sein, unter mir weiße Margariten.
Den Tod fürchte ich nicht, nur das Leben.











__________________
Bin nie falsche Wege gegangenDie Umwege haben mich geprägtc.by KW

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ELF OF THE DARKNESS
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Dec 2003

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Hallo Buffy,

deine Geschichte ist wunderschön geschrieben, gefällt mir unheimlich. Fast wie betäubt und voller Spannung verschlang ich jedes Wort.
Für mich, gehört dieser Beitrag zu den besten.

L.G.
Cheraldine
__________________
Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter dich.

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Buffy
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Aug 2003

Werke: 52
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Hi Elk of...

Danke für dein Feedback.
Es freut mich, dass dir diese kleine Geschichte gefällt.
Herzlichst Buffy
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