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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Anno 1920
Eingestellt am 09. 03. 2006 00:11


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Meckie Pilar
AutorenanwÀrter
Registriert: Feb 2006

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Das SchokoladengeschÀft


Lucie reckte sich. Ein bisschen tat ihr jetzt der RĂŒcken weh. Aber das war nicht weiter schlimm. Hauptsache, es wĂŒrde alles gut. Er musste einfach auf ihren Brief reagieren!
Die Kundin war gegangen. Lucie hatte das melodische LĂ€uten der TĂŒrglocke noch im Ohr. Wie sie dieses GerĂ€usch liebte! Ihre freundliche Ladenglocke! Sie hatte lange gesucht, bis sie damals eine Glocke mit einem solchen Klang gefunden hatte. Alles hier war sorgsam ausgewĂ€hlt und zusammengestellt. Lucie warf einen zufriedenen Blick auf die gefĂŒllten Regale und Auslagetische. Sauber aufgereiht, nach Farben und GrĂ¶ĂŸen sortiert und appetitlich auf einander gestapelt tĂŒrmten sich mit Rosen bemalte Bonbonieren, Schokoladentafeln und bunte Konfektdosen. Schachteln mit TrĂŒffeln, große GlasbehĂ€lter mit Rumkugeln, feinen Pralinen und glitzernd verpackten Bonbons standen auf der matt glĂ€nzenden Holztheke. Die goldene Folie der Konfektschachteln, das glĂ€nzende rote Papier, die silbern ausgeschlagenen Regalnischen, all das leuchtete geheimnisvoll auf dem dunklen Mahagonieholz der Ladeneinrichtung. Wenn man von der Straße die zwei Stufen zu ihrem Laden hinaufstieg und durch die TĂŒr trat, glaubte man sich in die Wunderhöhle versetzt, in der Alibabas Schatz gehĂŒtet wurde. Und dazu roch es köstlich, aromatisch sĂŒĂŸ. Lucie sog den Duft ein, diesen Duft nach Schokoladenkeksen und Likör. Er erinnerte an gemĂŒtliche DĂ€mmerstunden bei Kakao und zartem GebĂ€ck 
 Sie roch diesen Duft noch immer gerne, obwohl sie nun schon seit fast vier Jahren im Laden stand und ihre erlesene Kundschaft bediente. Sie konnte sich eben selber nicht satt sehen und satt riechen an diesem prachtvollen Kunstwerk aus Schokolade und Pralinen.
„Wenn man meinen Laden betritt, dann soll einem das Wasser im Munde zusammenlaufen!“, hatte sie damals zu Heinrich gesagt. Das war damals, als sie zusammen das leere Ladenlokal besichtigten und ihre alten TrĂ€ume vom eigenen SchokoladengeschĂ€ft plötzlich und endlich in greifbare NĂ€he gerĂŒckt waren. Und Heinrich hatte sie hochgehoben und herumgewirbelt. Es war ihr GlĂŒckstag gewesen. Mit Heinrich zusammen wĂŒrde alles nur noch schöner werden.
Lucie musste lĂ€cheln. Ja, das Wasser sollte allen im Mund zusammenlaufen in ihrem Laden, das hatte sie sich gewĂŒnscht. Das war ihr auch wirklich gelungen. Wie oft wurde ihr von entzĂŒckten Kundinnen bestĂ€tigt, dass ihr Angebot einfach ausgezeichnet sei und sie ihr GeschĂ€ft vortrefflich und einladend gestaltet habe. Wer hĂ€tte das gedacht! Die kleine Lucie, die es als einzige von den Geschwistern fortgetrieben hatte aus Oberschlesien in die Großstadt, die kleine Lucie, die es gewagt hatte, dort ihr GlĂŒck herauszufordern – und das in diesen Zeiten so kurz nach dem Krieg! Und sie hatte es geschafft! Lucie schaute lĂ€chelnd ihre glitzernde Schokoladenhöhle an. Sie wĂŒrde auch das andere schaffen.
Plötzlich war es, als erwache sie. Wie lange hatte sie so dagestanden? Sie blickte irritiert auf die Ladenglocke, die ruhig und unbewegt ĂŒber der TĂŒr hing. MerkwĂŒrdig. Soviel Zeit hatte Lucie schon lange nicht mehr zum Nachdenken gehabt. Der Klang ihrer Glocke war vor Minuten verklungen und seit dem hatte kein Kunde den Laden betreten. Oft kam sie gar nicht dazu, ihren Kaffee im Hinterraum zu trinken.
„Eigentlich könnte ich es jetzt einmal tun, warum eigentlich nicht?“, dachte sie. Sie sollte sich freuen ĂŒber eine kleine Verschnaufpause. Sie könnte auch an dem JĂ€ckchen weiterstricken, das sie angefangen hatte. Man konnte schon sehen, wie es einmal werden wĂŒrde. Heinrich wĂŒrde sich sicher darĂŒber amĂŒsieren. Er hatte sie noch nie stricken sehen. Vielleicht sollte sie es ihm noch nicht zeigen?
Irgendwie fĂŒhlte sie sich mĂŒde heute Nachmittag. Und der Schokoladengeruch erschien ihr mit einem Mal etwas zu sĂŒĂŸ. Fast wurde ihr ĂŒbel davon.
Wieder blickte Lucie auf die unbewegte Glocke.
Heute Nachmittag war wirklich nicht viel los! Wenn sie es sich genau ĂŒberlegte, so war die Kundschaft in den letzten Wochen immer weniger geworden. Aber wer hatte in diesen schlechten Zeiten Geld fĂŒr Konfekt und Schokolade? Alles wurde stĂ€ndig teurer. Die Leute sagten, das sei die Inflation. Sie hatte alle HĂ€nde voll damit zu tun, stĂ€ndig die Preise neu auszuzeichnen. Das Geld verlor von Tag zu Tag an Wert. Und trotzdem gab es immer weniger Leute, die genug Geld hatten, sich bei ihr im Laden ihrem sĂŒĂŸen Laster hinzugeben. Lucie seufzte. Noch konnte sie von ihren EinkĂŒnften leben. Viel weniger aber durfte es nicht werden. Jetzt schon gar nicht!
Nun öffnete sich mit Schwung die LadentĂŒr und herein kam begleitet von heftigem GelĂ€ute der TĂŒrglocke Frau Brettschneider, eine ihrer treuesten Kundinnen. Sie verlangte eine große Pralinenschachtel fĂŒr den Geburtstag einer Cousine zweiten Grades mĂŒtterlicherseits und erzĂ€hlte Lucie wie immer die ganze dazu gehörende Familiengeschichte. Lucie hörte interessiert und höflich zu, so wie sie es immer tat. Zwischendurch bediente sie zwei andere Kundinnen. Einer Frau war das Wiener Mandelkonfekt zu teuer und sie kaufte deshalb lieber Rumkugeln. Jedes Mal, wenn die andere Kundin gegangen war, setzte Frau Brettschneider mit ihrer ErzĂ€hlung wieder neu ein. „Und wie geht es Ihnen, liebes FrĂ€ulein Pikowski?“ fragte sie Lucie schließlich mit ihrer gönnerhaften Stimme. Und ehe Lucie antworten konnte, fĂŒgte sie hinzu: „Ein bisschen blass sind Sie geworden. Sie werden doch wohl nicht krank sein? Was den jungen Dingern alles so passieren kann heut zu Tage“, flötete sie weiter. „Sie stehen ja auch den ganzen Tag am Ladentisch, vielleicht brauchen Sie mal etwas Bewegung und frische Luft?“
„Sie haben Recht, Frau Brettschneider“, beeilte Lucie sich zu antworten und versuchte ihr Erschrecken zu verbergen.
„Machen Sie doch am Wochenende einen Ausflug ins GrĂŒne mit Ihrem Verlobten“, schlug Frau Brettschneider munter fort und vergrub dabei die Pralinenschachtel in ihrer großen Tasche.
„Ja, das ist wirklich eine gute Idee!“, sagte Lucie mit erfrorenem LĂ€cheln. Wann um Himmels Willen wĂŒrde diese Frau endlich gehen? Frau Brettschneider lĂ€chelte zurĂŒck und drehte sich zur TĂŒr. Die TĂŒrglocke ertönte, aber sie blieb noch einmal stehen und wandte sich erneut Lucie zu: „Wie geht es ĂŒberhaupt dem Herrn Verlobten? Ich habe ihn schon so lange nicht bei Ihnen gesehen! Er hat sie um diese Zeit doch sonst immer abgeholt, hab ich nicht Recht?“
Lucie schnappte nach Luft, aber das sah Frau Brettschneider nicht mehr. Sie war auf die Straße getreten und bevor sie die TĂŒr hinter sich schloss rief sie noch in den Laden zurĂŒck: „Ach diese MĂ€nner, wann ist schon auf sie Verlass? GrĂŒĂŸen Sie ihn trotzdem von mir!“ Lucie hörte ihrer Stimme an, dass sie lachte.
Das Gebimmel der TĂŒrglocke beruhigte sich allmĂ€hlich und verstummte dann ganz. Sie hinterließ eine peinigende Stille.
Lucie starrte einige Zeit auf die Regale und die Auslegetische ohne etwas zu sehen. Dann richtete sie sich auf. Es war tatsÀchlich schon dÀmmrig geworden im Laden. Es wurde Zeit, dass sie die schwache Beleuchtung im Schaufenster anschaltete und Licht im Laden machte.
Auf die Uhr zu schauen wagte sie nicht. Die ganze Zeit hatte sie versucht, nicht daran zu denken. Aber jetzt ging es nicht mehr: Er war nicht gekommen. Er war wieder nicht gekommen! Sie hatte ihn so dringend gebeten, heute Abend herzukommen. Sie hatte ihm geschrieben, dass sie jetzt ĂŒberlegen mĂŒssten, wie es weitergehen solle. Sie mĂŒssten darĂŒber sprechen, hatte sie ihm gesagt, in Ruhe, ohne Druck. Aber sie hatte ihn beschworen, unbedingt heute zu kommen. Um halb sechs. Um die Zeit hatte er Feierabend und Zeit genug. Das wusste sie.
Und jetzt war es bestimmt schon sechs Uhr.
Und diese alte Ziege von Brettschneider wusste ja wieder mal verdammt gut Bescheid! Heinrich war seit Wochen nicht mehr aufgetaucht, genau seit dem Tag, an dem sie ihm gesagt hatte, was passiert war.
„Er wird an dem Schreck eben etwas kauen mĂŒssen. Er hat nie Kinder gewollt“, hatte Lucie sich gesagt und versucht, sich zu trösten. Viele MĂ€nner reagierten so. Aber Heinrich war nicht so einer. Der liebte sie. Sie wusste es ja.
Doch das war auch schon wieder vier Wochen her! Sie hatte ihm Zeit lassen wollen. Aber nun musste wirklich etwas passieren! Es konnte ja so nicht einfach weiter gehen. Das musste doch auch ihm klar sein!
Lucie war ins Hinterzimmer gegangen und vor den Spiegel getreten. Den hatte sie dort aufgehÀngt, um schnell einen Blick auf ihre Frisur werfen zu können, bevor sie zu den Kunden hinaustrat. Blass sah sie also aus? Sah man es ihr etwa schon an? Hatte sich ihr Gesicht verÀndert? So etwas gab es ja.
Lucie drehte sich zur Seite und betrachtete lange und nachdenklich ihren Bauch. Man konnte noch nichts erkennen. Aber sehr bald wĂŒrde man es deutlich sehen. Frau Brettschneider wĂŒrde die erste sein, die es bemerken wĂŒrde. Vielleicht wusste sie es ja auch schon. „Manche Frauen haben Röntgenaugen, wenn es darum geht, den Zustand ihrer Geschlechtsgenossinnen abzuschĂ€tzen“, dachte sie böse.
Und dann? Was wĂŒrde dann? Mit einem dicken Bauch könnte sie kaum hinter dem Ladentisch stehen. Selbst als verheiratete Frau wĂŒrde sie das nicht machen können. Die Kunden wĂŒrden ihr weglaufen. Sie mussten sich dringend etwas einfallen lassen.
Irgendein GerĂ€usch im Laden schreckte Lucie aus ihren Gedanken. Sie ging hinein um nach zu sehen. Die TĂŒrglocke hatte sich nicht gerĂŒhrt. Es war jetzt ziemlich dunkel hier, aber man sah noch gut genug. Es war niemand gekommen. Dennoch, sie hatte irgendein GerĂ€usch an der TĂŒr gehört.
Dann sah sie den Brief. Dort vor dem Eingang lag ein weiß schimmerndes Kuvert auf dem Fußboden. Es war offenbar unter der TĂŒr durchgeschoben worden. Sie zögerte, es auf zu heben. In ihrem Kopf schrillten Alarmglocken. Und noch ehe sie einen Gedanken hatte fassen können, war ihr schon klar, was das fĂŒr ein Brief sein wĂŒrde. Sie wusste es schon, bevor sie seine Schrift erkannt hatte.
Lucie machte immer noch kein Licht im Laden. Sie trat mit dem Brief ans Fenster und öffnete ihn mit langsamen Bewegungen. Dann holte sie das Schreiben heraus und starrte darauf ohne zu lesen. Eigentlich ging das jetzt ĂŒber ihre Kraft. Sie sah auf und ihr Blick schweifte mit Wehmut ĂŒber die gefĂŒllten Regale, den Ladentisch, ĂŒber die dunkle, glĂ€nzende Kasse mit der großen Messingglocke, auf die sie so stolz war. Es war wie ein Abschied.
Dann las sie doch:
„Es tut mir Leid, Lucie. Aber ich kann das nicht. Du weißt es ja. Vergiss mich lieber. Du hast den Laden. Es wird schon gehen.“
Als die Ladenglocke sie aus ihrer Erstarrung riss, dreht sie sich um. Sie war kreideweiß. Eine Frau war hereingekommen und verlangte eine Tafel zart bittere Schokolade. Als Lucie sich aufrichtete und in das Regal greifen wollte, spĂŒrte sie, wie sie fiel.
„Sie sollten mit Ihrem Verlobten am Wochenende ins GrĂŒne fahren“, hörte sie von weit her die Stimme von Frau Brettschneider. Dann war alles still.


__________________
der Ausbruch aus dem GefÀngnis dauert ein Leben lang ...B. Groult

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flammarion
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das

liest sich wie der anfang eines guten romans. also, ich wĂŒrde sehr gern weiterlesen.
lg
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Old Icke

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Meckie Pilar
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Registriert: Feb 2006

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Danke Old Ike, ist gar nicht geplant, wÀre aber eine gute Idee.
Das Kind, das sich da ansagt war meine Mutter. Insofern gibts viele Möglichkeiten...
Gruß
Meckie Pilar
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