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Leselupe.de > Kurzprosa
Anschlag
Eingestellt am 07. 04. 2008 23:12


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Fabien Philip Meunier
Festzeitungsschreiber
Registriert: Dec 2006

Werke: 13
Kommentare: 31
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Alle Möglichkeiten existierten zeitgleich. Ich hĂ€tte nach rechts laufen können, in die schmale Gasse, wo drei Frauen vor einem Schaufenster standen und in unmaskierter Panik kreischten, dessen berstendes Glas ihr Geschrei aber eine unendliche Sekunde lang ĂŒbertönte. Ich hĂ€tte mich genauso gut nach links durchschlagen können, durch die Menge hindurcharbeiten, mit FĂ€usten und Ellenbogen die Ahnungslosen verdrĂ€ngend, zurĂŒcklassend, irgendwohin. Wie ein Stein, ein Ă€ußerst schwerer, kalter Stein, der in einen trĂŒben TĂŒmpel geworfen Wellen im Dunkeln auslöst, so breitete sich das Ereignis am Rande des Platzes aus. Niemals im Leben hĂ€tte ich so viel geglaubt.
Die Bank, die in der NĂ€he vor einer Fassade aus dem achtzehnten Jahrhundert stand, kannte ich. Dort hatte ich wĂ€hrend der Sommermonate mit meinem Vater oft gesessen. Ein eigenes Taschengeld kannte ich noch nicht, so lange lag es schon zurĂŒck. Deshalb hat er mir an den Wochenenden das Eis gekauft, das mir am liebsten war. Es war eine Sorte Schokolade gewesen, die ich nie wieder gefunden hatte und die so schmeckte, wie die zwei Laternen in der NĂ€he und das vergoldete Dach des Eckhauses und das LĂ€cheln meines Vaters, wenn er mir unsichtbare und unerklĂ€rliche Spuren von Eis in meinem Gesicht entdeckte. Diese Bank wurde nun immer wieder verdeckt von Menschen, die vorbei rannten, die etwas schrieen, die in verschiedene Richtungen zeigten und andere Menschen, die ihnen offenbar viel bedeuteten, mit sich zogen und dadurch selbst langsamer wurden, den Ankommenden alles schmerzlich entgegen rufend. Die Bank wurde zum viel zu langsam abgespielten Film; ein Bild folgte fremd und abgetrennt dem nĂ€chsten und irgendwie bewegte man sich kaum.
Bis zu diesem Tage waren eindeutige Endpunkte unlogisch gewesen, widersinnig. Ich konnte mich nicht erinnern, etwas beendet zu haben in dem Sinne, es nie wieder zu tun. Ich konnte mich nicht erinnern, in etwas beendet worden zu sein. Vielleicht war das auch gar keine Option. Aber was will man von einem jungen Menschen erwarten? So wusste ich zumindest, auch wenn ich womöglich noch nicht merkte, dass ich es wusste, dass ich nicht mehr jung war, auf einen Schuss hin. Vor meinen Augen wurde das Pflaster verschwommen und grĂŒnlich und einen Moment lang zu einer Wiese in Wales, die zum Steigenlassen von Drachen ganz besonders geeignet war. Rote und braune und gelbe BĂ€ume in der Umgebung hatten uns dabei zugesehen und auch wenn er immer schneller im Laufen war als ich, konnte ich gewiss sein, dass er fĂŒr mich stehen bleiben wĂŒrde, wenn ich wirklich nicht mehr konnte oder auch nur ĂŒberzeugend genug so tat. Ich hĂ€tte diesen Ort gerne wieder besucht und obwohl wir nur einmal dort gewesen waren und obwohl die Kamera die zweite HĂ€lfte der Reise ĂŒber versagt hatte, war bei mir noch alles so wie es gewesen ist.
Ich wunderte mich nicht mehr ĂŒber die fernen und teilweise reich verzierten Giebel. Ich kannte sie. Ich hatte alles gekannt und geglaubt zu wissen. Ich war armselig. Was einmal mein Vater gewesen war, lag nicht weit entfernt vor meinen FĂŒĂŸen, eine Masse, die auf den Mittelpunkt der Erde blickte. Der bewegte Punkt in dieser Welt, der „Mein Vater“ hieß und den ich ĂŒber alles liebte, war erstarrt. Ich hĂ€tte ihn nicht heben können. Ein Schmetterling, der seinen Kokon verlassen hatte, eine Haut, die ich nie vergessen könnte, deren Umriss aber schwinden wĂŒrde, wie die Sandburgen, die wir in Italien gebaut hatten und die unter den Gezeiten immer weicher geworden sind. In diesen Tiefen grub ich vergeblich nach SĂ€tzen, wie: „Wenn ich gehen muss, sollst du leben.“ Die AbsurditĂ€t brannte hinter der Stirn. Was hatte sich vor diesen Augen abgespielt, wenn sie mich liebevoll, strafend oder manchmal fragend angesehen haben? Nie könnte ich dieses Mosaik mehr alleine vervollstĂ€ndigen, eine Hand konnte nie genĂŒgen, die zweite Stimme zu spielen. Vielleicht hĂ€tte ich etwas weitertragen sollen, einen Namen vielleicht oder was man sich wie in ungeschriebenen Briefen vorstellte. Mir wurde klar, dass dies Gedanken an eine Zukunft waren, die ich nicht hatte. Ich, der nicht zurĂŒck konnte, wurde vor das ewige RĂ€tsel gestellt und löste es, indem ich es ungelöst ließ, denn dieses RĂ€tsel offenbarte mir, dass ich kein Kind von der Art der Pfeile war, sondern der Anker. Als wĂ€re Gott mir in den Mund gelegt.
Meine Liebe blieb verschwiegen und wurde so unteilbare Wahrheit. Als ich in den Pistolenlauf blickte, stand das fest. Wenn jemand von einem Licht erzĂ€hlt oder berichtet, Stimmen gehört zu haben, hat er zwar gelogen, weiß aber, welche Saite einen Menschen zum Klingen bringt. Ich dagegen war eins mit meiner Aussicht auf die RĂŒckkehr in die Wirklichkeit. Morgen hatte seine Form fĂŒr mich verloren. Alle Möglichkeiten existierten zeitgleich. Ich aber hatte mich schon entschieden.

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