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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ansichten eines Gipfelstürmers
Eingestellt am 01. 08. 2001 23:03


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visco
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Ansichten eines Gipfelstürmers


      Bäuchlings auf dem Bett liegend und den Kopf über einen Hochglanzprospekt gestützt baumelte sie wie ein kleines Mädchen mit den Beinen. Die Bilder der schneebedeckten Alpen und malerischen Landschaften der Schweiz faszinierten und lösten zugleich bisweilen schlummernde Erinnerungen aus. Zum Beispiel an Lausanne. Dort gab es eine für europäische Verhältnisse vergleichsweise respektable Kunstsammlung, und besonders im Sommer, wenn dort fast täglich kostenlose Festivals stattfanden, erstrahlte die Stadt in einem unwiderstehlichen Glanz. Als Kantonshauptstadt und Sitz des höchsten Gerichtshofs der Schweiz, dem sogenannten Bundesgericht, war Lausanne sicherlich auch eine gewisse politische Rolle nicht abzusprechen. Die Stammhäuser vieler multinationaler Organisationen und Unternehmen leiteten zudem von dort aus die Geschicke ihrer Niederlassungen in der ganzen Welt.
      Und nicht zu vergessen Locarno, der verträumt anmutende Ort an den nördlichen Ausläufern des Lago Maggiores. Schon ein flüchtiger Blick auf die in gelungenen Aufnahmen eingefangene Schönheit genügte, und prickelnd verführerische, wenngleich verbotene und vor langer Zeit eingekerkerte Erinnerungen begannen lautstark an den Stäben ihres Verlieses zu rütteln, schlüpften dann doch hindurch und stürmten an den nur einen Moment lang unaufmerksamen Wachen vorbei und hinaus ins Freie. Lebendig gewordene Abbildungen traumhafter Aussichten über die fast subtropische Flora mit Feigenbäumen und Dattelpalmen, Bougainvilleas, Rhododendrons und Aloepflanzen, die das Ufer des malerischen Sees säumten, bemächtigten sie ihrer und durchströmten ihren unwillkürlich von einer Gänsehaut überzogenen Körper.

      Mit inzwischen geschlossenen Augen drehte sie sich auf den Rücken, um sich dem Zauber der wachgerufenen Bilder und Eindrücke nun vollends hinzugeben. Ursprünglich wollten sie nur ein paar Tage in Locarno geblieben sein und nach St. Moritz weiterreisen, dem bekannt mondänen Urlaubsort mit einer Vielfalt an Sportmöglichkeiten, einigen wirklich ausgezeichneten Restaurants und allem, was zwei lebenshungrige Millionenerbinnen von einem abwechslungsreichen Aufenthalt gehobener Klasse erwarteten. Doch jener verheißungsvoll glühende Blick, in dessen Zentrum zwei kastanienbraune Augen funkelten und jene Aussicht von ihrem kleinen Balkon, die niemals wieder so romantisch wirken konnte wie am Morgen danach, hatte in beiden das Verlangen nach Zeitlosigkeit, dem anhaltenden Auskosten eines vergänglichen Moments aufsteigen lassen.
      Im Gegensatz zu Lucie neigte sie weitaus weniger zu spontanen Entschlüssen, aber für einige Zeit ließ sie sich mitreißen von dem Schwarm lustig tanzender Fliegen in ihrem Bauch und der kindlichen Ausgelassenheit, mit der Lucie sie zu einem hemmungslosen Ausleben ihrer gemeinsamen Neigung ermutigte. Die über Jahre konsequent gezähmte Leidenschaft war erneut entfacht, doch mit dem Regen setzte auch die Ernüchterung ein, die alle Hoffnungen auf einen vollzogenen Wandel wegspülte, als die Besonnere von beiden zum wiederholten Male und mit ebenso gefühlsroher Entschlossenheit die Verselbständigung der entlaufenden Geister vereitelte.
      Wie schon in der Vergangenheit weihte sie Lucie lediglich in die bereits gefällte Entscheidung ein, nicht aber in dessen Begründung. Die Schranken, in welche sie sich damit insbesondere selber wies, sollten für alle Zeit Bestand haben, und ihre abschreckende Wirkung unterband nachhaltig jeden weiteren Versuch, den vorübergehend ungesicherten Grenzübergang in jedwede Richtung zu passieren.
      Aber sie bereute nichts, weder das zeitweilig aufgeflammte Begehren nach Lucies Nähe und dem unbedenklichen Austausch gleichgeschlechtlicher Zärtlichkeiten, zu dem sie sich hatte hinreißen lassen, noch dessen eiserne Zügelung, mit der sie Lucies Gefühle tiefer verletzt hatte als je zuvor. Die Verfolgung höherer Ziele ließ keine dauerhafte Beziehung zu, zumindest keine, in der Vertrauen und Offenheit eine wesentliche Rolle spielten.

      Das spätere Verhältnis zu Mitchell erwies sich als weniger anstrengend und hatte dennoch seinen ganz eigenen, besonderen Reiz. Es erforderte ein geringeres Maß an Selbstdisziplin, wenn sie seine angebotenen Aufmerksamkeiten zurückwies. Ihr Bedarf an Zärtlichkeit wurde dank seiner Nachgiebigkeit jeweils nur in dem Umfang gedeckt, den sie bestimmte. Gleichzeitig genoß sie das Gefühl der Geborgenheit, das er ihr mit beinahe väterlicher Fürsorge und trotz aller Zurückhaltung vermittelte, mit der sie sich der bloßen Befriedigung männlicher Gelüste entzog.
      Sie war jederzeit Herr der Lage, und Mitchell schien das zu akzeptieren. Er forderte nichts, das sie nicht zu geben bereit war, und er ging nie weiter als sie es erlaubte. Die Gefahr für eine Notwendigkeit riguroser Entscheidungen bestand bei ihm nicht. Vielleicht war es nicht zuletzt diese Sicherheit, die sie aus bislang unzugänglichen Kraftreserven schöpfen ließ, wenn ihre Entschlossenheit durch ungeahnt wuchtige Rückschläge erschüttert wurde, oder der ihren Zielen trotzende, kontinuierlich zermürbende Widerstand ihre Zuversicht zu brechen drohte.
      Der Weg zum Gipfel entpuppte sich als Gratwanderung, die nur mit einem ausgeprägten Gleichgewichtssinn zu bewältigen war, ein Balanceakt, der geradewegs zwischen der süßen Versuchung einer vorzeitigen Hingabe an unterdrückte Triebe und den erwartet widrigen Umständen eines beschwerlichen Aufstiegs hindurchführte. Der eingeschlagene Weg bot keinen Raum zum Manövrieren. Der kleinste Fehltritt würde unweigerlich das Scheitern des gesamten Vorhabens bedeuten, und das hätte sie sich niemals verzeihen können, denn wiederholen ließ sich der Versuch nicht.

      Diese Gewißheit entsprang einer bitteren Erfahrung. Den ihr am Sterbebett abverlangten Schwur zu leisten war ihr ebenso leicht gefallen wie ihn zu brechen, aber die dabei empfundene Erlösung war nur eine vorübergehende Täuschung gewesen.
      Wut stieg plötzlich in ihr auf, unbändige, entfesselnde Wut. In gewisser Hinsicht war sie zur Zeit nicht besser als er, dessen unerträglich schwitziger Atem sie noch immer verfolgte. Dabei war alles nur seine Schuld! Ihm alleine war es zuzuschreiben, daß es so gekommen war!
      Arme, unschuldige Lucie! Wohlbehütete, maßlos verwöhnte einzige Tochter eines grausamen Tyrannen, dessen verletzter Stolz als vorgeschobene Rechtfertigung für das Unverzeihliche diente und damit einen Teufelskreis eröffnete, aus dem es kein Entrinnen gab. Ihr Schicksal war in diesem Augenblick bereits besiegelt.
      Unwissende Lucie! Zu lange war sie von der Unmenschlichkeit, seiner mit Bösartigkeit durchsetzten Gleichgültigkeit verschont geblieben, mit welcher der Gehörnte das Ebenbild der Untreue bedachte. Viel zu lange hatte sie die sadistisch planende Ausbeutung und seine unbarmherzige Rücksichtslosigkeit ignoriert, um auch nur erahnen zu können, welch dunkle Triebe davon hervorgerufen zu schauderhaften Taten befähigten.
      Ihr stockte der Atem. Es war nötig, daß sie sich von Zeit zu Zeit daran erinnerte, so schmerzhaft es auch sein mochte. Es beflügelte ihren Ehrgeiz und stärkte ihre Willenskraft, die seither immer wieder neuen Prüfungen unterzogen worden war.
      Selbstzweifel oder gar Schuldgefühle hatte sie deswegen nicht. Sie wußte, daß beide es nicht besser verdient hatten. Die an ihnen verübte Vergeltung war daher gerecht und erforderte lediglich die nötige Kaltblütigkeit.
      Daran mangelte es ihr ebenso wenig wie an der Geduld, mit der sie den richtigen Moment abpaßte oder der Ausdauer, mit der sie ihre Pläne in die Tat umsetzte. Sie hatte sich des Jochs entledigt, ohne verräterische Spuren zu hinterlassen und darüberhinaus die erlesenen Früchte geerntet, die ein selbstherrlicher Narr ausschließlich seinem leiblichen Nachwuchs zugedacht hatte. Die ihm angedeihte Sonderbehandlung hatte ihn jedoch zu kraftlos werden lassen, um das geänderte Testament noch notariell beglaubigen zu lassen. Dank der eingetretenen und nicht nachweisbaren Beschleunigung seiner verzehrenden Krankheit, die ihn dadurch nur allzu gnädig dahinraffte, statt ihn die aufweichenden Stadien des Dahinvegitierens erleben zu lassen, war ihr vornehmliches Ziel damit bereits in der Stunde seines Todes erreicht.
      Naive, überheblich gutgläubige Lucie! Sie hätte wissen müssen, daß es keine Paradiese mehr gibt, keinen Ort, der ausreichend Schutz geboten hätte und keine Hoffnug, die leichter zu verlieren ist als die eigene. Ihr bemitleidenswertes Sträuben gegen die unvermeidbare Vollstreckung der gerechten Strafe war schnell vergessen, und beinahe hätte sie keinen weiteren Gedanken mehr daran verschwendet. Es war ein Geschenk des Himmels, das sie unmöglich ausschlagen konnte, eine nicht wiederkehrende Gelegenheit zur unumstößlichen Etablierung des Geschaffenen. Diese Chance mußte sie einfach ergreifen.
      Das Unwiderstehliche lag in der Plausibilität, mit der das Verlangen der Öffentlichkeit nach einer Aufklärung befriedigt werden und dessen zu erwartende Akzeptanz ihr die verdiente Erlösung bringen würde. Das Misterium um das Verschwinden der geliebten Schwester würde niemals wieder Gegenstand etwaiger Untersuchungen sein.

      Und ihr Plan war aufgegangen, zumindest bisher. Der höchste aller Gipfel erhob sich bereits vor ihren Augen majestätisch in naher Entfernung empor und versprach eine grandiose Aussicht über die bezwungenen Schluchten und Täler. Nur noch wenige Schritte trennten sie von der erfolgreichen Besteigung eines alles überragenden Massivs, für die außer einem Durchhaltevermögen nunmehr keine Ausrüstung erforderlich schien.
      Eine satanische Schadenfreude durchzuckte ihren Körper wie ein heller Funken und ließ ihre wieder geöffneten Augen aufleuchten. Die Vorstellung, daß die radikal ausgelebte Vergnügungssucht ausgerechnet in der Verkörperung dessen ein jähes Ende gefunden hatte, das der egoistischen Schwester selber so großes Vergnügen bereitet hatte, war Ironie und Genugtuung zugleich. Es mußte die Hölle für sie sein, als willenloses Objekt zur Befriedigung sadistisch perverser Gelüste zu dienen, die endlos peinigenden Qualen der Erniedrigung zu ertragen und an der unbarmherzig durchgesetzten Forderung nach bedingungslosem Gehorsam schließlich zu zerbrechen.
      Das animalisch primitive Dasein der dressierten Geschöpfe, die paarweise wie Ponys vor eine Art Rikscha gespannt wurden, um zum Amusement zahlungskräftiger Zuschauer an skurrilen Rennen teilzunehmen und auch ansonsten wie Tiere gehalten wurden, währte für die ehemalige Pferdenärrin nun schon vier Jahre. Es war nicht anzunehmen, daß von dem ursprünglichen Charakter noch allzu viel übrig war. Ein weiterer Besuch des außergewöhnlichen Gestüts mit anliegender Rennbahn wäre sicherlich ebenso interessant wie aufschlußreich, aber sie würde sich noch etwas in Geduld üben.
      Andererseits konnte sie es kaum erwarten, erneut in das Gesicht der nun auf den Namen Tosca hörenden Leibeigenen zu blicken, die für 20 Tausend Dollar in fremdes Eigentum übergegangen war. Sicher würde sie um Gnade winseln und ihr alles versprechen – natürlich vorausgesetzt, daß sie überhaupt noch sprechen konnte. Entgegen der Gepflogenheiten vergleichbarer Einrichtungen, in denen überwiegend junge Frauen für einen bestimmten Anwendungszweck abgerichtet wurden, hielt die für Toscas Umerziehung verantwortliche strikt an der einmal vorgenommenen Einteilung fest.
      Der übliche Tagesablauf der dort gehaltenen Ponys bestand aus bis zu acht Stunden Konditions- und Lauftraining, zwei leichten Mahlzeiten, einer Stunde Körperpflege und dem trostlosen Ausharren in einer Art Pferdebox ohne jegliche Form der Unterhaltung oder Konversation. Die einer solchen Ausbildung unterzogenen Ponys gehörten zu den erfolgreichsten überhaupt. Ihren Eignern winkte ein Vermögen, sei es durch Siegprämien, immens hohe Wetterlöse oder den Verkauf an gleichgesinnte Liebhaber ausgefallener Einnahmequellen.
      Was Tosca anbelangte, so hatte sie sich das Vorkaufsrecht gesichert, welches allerdings Ende des Jahres auslief. Spätestens bis dahin sollten alle Weichen gestellt sein, damit eine in jeder Hinsicht Fügsamere ihren Erbteil an sie abtrat, bevor ihr wieder ein Leben zuteil werden würde, das ihr von Geburts wegen zustand.

      Es war ein gutes Gefühl, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Dennoch würde sie kein Risiko eingehen. Obschon sie ihren Teil dazu beitragen würde, den beiderseits gewünschten Zustand herbeizuführen, mußte zunächst die Zurückzuerwerbende die entscheidende Überzeugungsleistung erbringen, daß sie Gewährung einer zweiten Chance überhaupt verdiente. Sie würde den endgültigen Beweis liefern müssen, der auch den allergeringsten Zweifel ausräumte und damit den Gipfel eines mühsam erklommenen Gebirges markierte.
      Zufrieden schlug sie den Prospekt wieder zu. Schon bald würden alle ihre Träume in Erfüllung gehen. Locarno mußte eben noch ein bißchen warten.


__________________
Ich hatte eine Lösung gefunden, nur passte sie nicht zum Problem.

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ElsaLaska
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hallo visco, wie gestern im chat

besprochen, habe ich mir gipfelstürmer durchgelesen.
ich war das erstemal im chat und hab mich , glaub ich, ein wenig blöd angestellt, bist du öfter drin?

der anfang hat mir sehr gut gefallen, schön... da freut sich also eine junge frau auf einen urlaub in der italienischen schweiz. kann man nachempfinden...
dann habe ich allerdings den faden verloren....
es geht um zwei frauen, die leibliche tochter eines millionärs (der gehörnte? häh? von wem betrogen?) und die erzählerin, die sich an diese tochter (lucie) rangemacht hat, um an die millionen zu kommen.
jetzt hab ichs nicht mehr geblickt: es existiert noch eine schwester von lucie, die die erzählerin ausgebootet hat?
die wurde in ein internat abgeschoben??? dieser vergleich mit den ponys hat mich dann total irritiert...

ich habs einfach nicht kapiert, visco. tut mir leid.
erklärs mir und wir gehens gemeinsam nochmal durch, o.k?

liebe grüsse
elsa

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visco
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Hallo elsa!

ich fand´s toll, dich im chat anzutreffen. Der neue chat scheint sich langsam aber sicher durchzusetzen ;-) Deiner Befürchtung aber muß ich widersprechen. Du hast dich keineswegs blöd angestellt.
Super lieb finde ich, daß du dich meines Textes erbarmen willst. Ich glaube, die andereren Aufrufer haben (wie du ja auch) nach dem Anfang ein "Häh?" ausgestoßen, um dann allerdings sofort das rettende "x" des Anzeigefensters aufzusuchen. Wirklich schade, daß mich bisher keiner (oder auch keine) wissen lassen wollte, ob sie es für zu schwere Kost halten, oder ob es auch nach näherem Hinsehen einfach unverständlich bleibt.

Zum Text:
du schreibst...

quote:
es geht um zwei frauen, die leibliche tochter eines millionärs (der gehörnte? häh? von wem betrogen?) und die erzählerin, die sich an diese tochter (lucie) rangemacht hat, um an die millionen zu kommen.
Die Gipfelstürmerin (GS) und Lucie sind Schwestern. Zumindest haben sie die gleiche Mutter. GS weist markante äußerliche Merkmale auf, die auf den Liebhaber der Ehefrau des Vaters schließen lassen (vgl. Boris/Besenkammer). Deshalb ist Lucie die einzige leibliche Tochter.

GS hatte alles andere als eine behütete Kindheit. Ihr Vater (nicht der leibliche) hat sie wie ein Stück Dreck behandelt ("eines grausamen Tyrannen"), mißhandelt ("Unmenschlichkeit", "Bösartigkeit") und mißbraucht ("schwitziger Atem", "sadistisch planende Ausbeutung", "unbarmherzige Rücksichtslosigkeit"). Dies hat großen Einfluß auf ihre Einstellung gegenüber Männern, denen sie sich nicht hingeben kann/will ("sich der bloßen Befriedigung männlicher Gelüste entzog").

Lucie blieb von den Grausamkeiten des Vaters verschont. Nachdem sie aber davon wußte und es ignorierte, begann GS sie zu hassen. Für GS war Lucie zum Mittäter geworden. Also bezieht sie Lucie auch in ihre Rache mit ein.

Sie tötet den Vater, unter dem sie überwiegend körperlich gelitten hatte ("Sie hatte sich des Jochs entledigt"). Lucie aber hatte sie seelisch verletzt. Dafür soll sie "bezahlen": zum einen mit ihrem Erbteil, und zum anderen soll sie die Leiden von GS nachempfinden.

du schreibst...
quote:
es existiert noch eine schwester von lucie, die die erzählerin ausgebootet hat?
die wurde in ein internat abgeschoben??? dieser vergleich mit den ponys hat mich dann total irritiert...
GS hat Lucie "verkauft". Danach war sie natürlich wie vom Erdboden verschluckt. Das Verschwinden der Tochter eines Millionärs wird von der Öffentlichkeit registriert (Presse).
Leider steht die Ponyfarm nicht für ein Internat. Entsprechende Einrichtungen gibt es wirklich(!) - unfaßbar aber wahr. "Tosca" ist Lucies Name als Pony.

Nach ca. 4 Jahren glaubt GS, daß Lucie ihre Lektion erhalten habe. GS will auch nicht so lange warten, bis man irgendwann ihre vermißte Schwester endlich für tot erklärt. Außerdem stellt es eine zusätzliche Demütigung dar, wenn Lucie ihren Erbteil an sie abtreten muß.



Im chat hast du erwähnt, daß ich immer so wahnsinnig viel Stoff in meine Geschichten ´reinpacke. Ich muß zugegeben, diese Geschichte kommt aus der Presse. Ich habe es bis auf das komprimiert, was ich für das absolute Minimum halte.
Kommst du nach meinen Erläuterungen besser damit klar? Ist es für dich nachvollziehbar?

roberpropp (den ich sehr schätze) hat ´mal gesagt, ich solle den Leser nicht unterschätzen und im Text nicht immer so viel erklären, auf was man auch von alleine kommen könne. Ich schätze, ich brauche diesbezüglich etwas Hilfe, um das richtige Maß finden zu können.

Aber jetzt bist du erst ´mal wieder ´dran.
Ebenfalls würde ich mich natürlich auch über andere Stimmen freuen. Ich würde hier keine Texte einstellen, wenn ich der Überzeugung wäre, ich käme ohne Hilfe aus.


Einen lieben Rundumgruß an die LL-Gemeinde,
und einen ganz besonders lieben Gruß an dich, liebe Elsa.
      Viktoria

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ElsaLaska
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liebe visco,

erstmal danke, dass du meine befürchtungen bezgl. des chats ausgeräumt hast. ich finde ihn insgesamt bequem zu bedienen und eigentlich recht einfach (wenn man nicht grad zum ersten mal drin is...da ists halt noch ungewohnt) werde jetzt öfter mal reinschauen...

jetzt ists mir klarer geworden. weisst du, deine plots sind eigentlich total interessant, ich verstehe sie nur oft nicht und bin mal so unverschämt, dir die schuld dran zu geben

zum anfang hatte ich ja schon was gesagt. er gefällt mir nach wie vor sehr gut.

der titel missfällt mir allerdings. ich hatte da ein paar philosphische betrachtungen erwartet, nicht den inneren monolog einer intriganten göre

Zitat:
Doch jener verheißungsvoll glühende Blick, in dessen Zentrum zwei kastanienbraune Augen funkelten und jene Aussicht von ihrem kleinen Balkon, die niemals wieder so romantisch wirken konnte wie am Morgen danach, hatte in beiden das Verlangen nach Zeitlosigkeit, dem anhaltenden Auskosten eines vergänglichen Moments aufsteigen lassen.

das verstehe ich immer noch nicht. es ist also der moment, in dem beide ihre lesbische beziehung aufnehmen. wenn du aber schreibst: jener verheissungsvoll glühende Blick, in dessen zentrum zwei kastanienbraune Augen funkelten (auslassungen....) hatte in beiden das Verlangen .... aufsteigen lassen.

wenn du den satz mal mit den auslassungen liest, ihn also auf seine kernaussage reduzierst, merkst du, dass es sich so anhört, als hätte eine DRITTE PERSON , und zwar eine mit kastanienbraunen augen die beiden erst dazu animiert. wer hat denn jetzt nun kastanienbraune augen? und bitteschön, der ausblick aus dem balkon hat in diesem satz nichts zu suchen, denn er findet erst DANACH statt, NACHDEM das verlangen aufgestiegen ist.

siehst du, und so geht es mir die ganze zeit

ich mache gerne weiter, allerdings in häppchen, weil der text etwas länger ist.
vielleicht mag ein anderer auch noch was dazu sagen, und ich warte auch deine antwort ab, ob du mein problem mit diesem satz nachvollziehen kannst. es ist nämlich ein bisschen symptomatisch für das problem, das ich allgemein mit texten von dir habe.

liebe grüsse
elsa

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visco
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Liebe Elsa,

ich freue mich schon auf unser nächstes Treffen im chat (habe auch schon hoffnungsfroh ein Rotweinglas bereitgestellt, falls du einen deiner vielgerühmt edlen Tropfen mitbringst;-)

Es i s t meine Schuld, wenn dir der Plot verschlossen bleibt. Das nehme ich schon auf mich.

Bevor wir zu der von dir angesprochenen Textstelle kommen...:
eine tatsächliche Liebesbeziehung zwischen den beiden Schwestern gibt es nicht, nur mehrere "Ausrutscher".
Lucie ist verwöhnt, vergnügungssüchtig, egoistisch, impulsiv-spontan und damit das genaue Gegenteil von GS. Durch die leidigen Erfahrungen ist deren Verhältnis zu Männern gestört, aber auch ihre Suche nach Zuneigung und Zärtlichkeit bei Lucie befriedigt nicht ihre Bedürfnisse. GS lehnt ihre "Neigung", für die sie dem Vater die Schuld gibt, als falsch ab ("verbotene und [..] eingekerkerte Erinnerungen", "konsequent gezämte Leidenschaft", "die Schranken, in welche sie sich [..] selber wies").
In Locarno aber läßt sie sich erneut darauf ein, wenn auch nur vorübergehend ("Wie schon in der Vergangenheit ..."). Diesmal aber zum letzten Mal ("für alle Zeit bestand haben", "unterband nachhaltig jeden weiteren Versuch", "Das spätere Verhältnis zu Mitchell").

Locarno sollte nur eine Zwischenstation sein. Der Vater war inzwischen tot ("zwei lebenshungrige Millionenerbinnen"). Die von GS ungewollte Hingabe an das "zeitweilig aufgeflammte Begehren nach Lucies Nähe und dem unbedenklichen Austausch gleichgeschlechtlicher Zärtlichkeiten" hat für Lucie fatale Folgen. GS bereut es zwar nicht, aber sie sieht es als Schwäche an, die sie nicht akzeptieren will ("ungeahnt wuchtige Rückschläge", "ihren Zielen trotzende, kontinuierlich zermürmende Widerstand"). Dies führt zu ihrem Entschluß, den bislang unterdrückten, dunklen Trieben freien Lauf zu lassen und sich nun doch ebenfalls an Lucie zu rächen.

Zur Textstelle:

quote:
Doch jener verheißungsvoll glühende Blick, in dessen Zentrum zwei kastanienbraune Augen funkelten und jene Aussicht von ihrem kleinen Balkon, die niemals wieder so romantisch wirken konnte wie am Morgen danach, hatte in beiden das Verlangen nach Zeitlosigkeit, dem anhaltenden Auskosten eines vergänglichen Moments aufsteigen lassen.
Ich habe das "und" markiert, da "jene Aussicht" ebenso viel Gewicht hat wie "jener verheißungsvoll glühende Blick".
Durch Lucies verheißungsvollen Blick läßt "sie sich (für einige Zeit) mitreißen von [..] der kindlichen Ausgelassenheit", die GS nie besessen hat. Lucie hatte das Verlangen nach "dem anhaltenden Auskosten eines vergänglichen Moments" schon vorher (vergnügungssüchtig). Nun erliegt auch GS der Verheißung, darum die Formulierung "in beiden".
Die "Aussicht" ist ein entscheidender Punkt. Immerhin "hatte" diese nur "am Morgen danach" das bewußte Verlangen aufsteigen lassen. Sie konnte "niemals wieder so romantisch wirken". Die Zukunfts-Aussicht ist eher düster, denn sie können natürlich die Zeit nicht wirklich anhalten ("mit dem Regen setzte auch die Ernüchterung ein"), und GS wird sich nun darüber im Klaren, was sie tun muß, um die ersehnte Erlösung zu empfinden (auch wenn sie später zu der Einsicht gelangt, daß sie dabei einer vorübergehenden Täuschung erlegen war).

Deine Vermutung bzgl. einer dritten Person kann ich leider nicht ganz nachvollziehen. Da sich GS an einen Blick erinnert, und nur von "zwei [..] Millionenerbinnen" die Rede ist, die in Locarno Halt machen, können die kastanienbraunen Augen nur zu Lucie gehören.


Noch etwas zum Titel, der dir leider mißfällt. GS betrachtet einen Prospekt mit Bildern von "schneebedeckten Alpen". Sie verfolgt "höhere Ziele" und betitelt ihr Vorhaben als "Gratwanderung" auf dem "Weg zum Gipfel". Auch kommen Begriffe wie "Massiv" oder "Gebirge" vor. Zwischen Prospekt betrachten und wieder zuschlagen werden doch ihre (wenn auch äußerst zweifelhaften) Ansichten offengelegt. Welchen Titel hieltest du für zutreffender?


Ich wäre schlicht begeistert, wenn du dich - wie erwähnt - noch etwas weiter mit dem Text beschäftigen möchtest. Vielleicht könntest du mir ein paar Ratschläge geben, wo ich was wie anders schreiben müßte, daß keine nachgereichten Erläuterungen mehr nötig wären.


Freue mich auf eine Antwort
und sende liebe Grüße
      Viktoria

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ElsaLaska
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liebe visco,

wie wärs, wenn du anstatt eines glases das gute tröpfchen mitbrächtest und ich die gläser halte?
oder hab ich keine belohnung verdient ?

also : nochmal zum umstrittenen satz:

ich lasse wieder aus, nehme nur den kern des satzes:

...jener...blick... hatte...in... beiden das Verlangen nach Zeitlosigkeit aufsteigen lassen...

So. das geht meines erachtens einfach nicht. lucie schaut sich ja nicht selbst in die augen! ersetze das "beide" durch "ihr". gs wird angetörnt durch lucies blick, nicht aber lucie selbst! das ist einfach nicht logisch....

ansonsten, zum balkon -problem, kann ich nur dringend raten, den satz aufzulösen. er passt einfach von der logik so nicht zusammen.

Der kleinste Fehltritt würde unweigerlich das Scheitern des gesamten Vorhabens bedeuten, und das hätte sie sich niemals verzeihen können, denn wiederholen ließ sich der Versuch nicht.

hier muss dem gefühl nach: ... denn wiederholen LIESSE sich der Versuch nicht.
stehen. übrigens ist es nicht das bild des bergsteigers, dass du malst, das mich enttäuscht. das bild ist doch ganz gelungen. es ist nur so: sie ist einfach keine gipfelstürmerin in dem sinne, wie ich das auffasse. ein gipfelstürmer erledigt alles mit schwung und leichtigkeit, das steckt einfach schon im wort "stürmer" mit drin. sie aber hat ab einem gewissen zeitpunkt keine wahl, muss tasten, vorsichtig prüfen, ob sie noch halt hat.
ja, gratwanderung trifft es da schon eher. ich hielte das für einen besseren titel...

so, kleines päuschen, und mal schauen, was du mir so zu trinken mitbringst
grüsse
elsa

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